Experimental-Blues

Reingehört (339): Bill Orcutt

Bill Orcutt – Bill Orcutt (2017, Palilalia Records)

Faszinierender Mann aus der weiten Welt der experimentellen Improvisation mit sehr starkem Stoff: Bill Orcutt hat in den Siebzigern Blues-Legende Muddy Waters im „Last Waltz“-Film von Scorsese gesehen und daraus die Inspiration zum Erlernen des Gitarrenspiels mitgenommen, in den frühen Neunzigern gründete er in Florida zusammen mit seiner Frau Adris Hoyos die Noiserock-Combo Harry Pussy, mit atonalem Seitenanschlag und Themen über Sex und Gewalt spielte die Band eine Hand voll Alben im Spannungsfeld von No Wave, ruppigem Hardcore-Punk und jazzigen Atonal-Zumutungen ein und tourte mit Bands wie Sonic Youth und Sebadoh durch die Staaten. 1997 trennte sich Band und Ehepaar, Orcutt siedelte von der Ost- an die Westküste gen Kalifornien und nahm eine lange Auszeit von der Musik. 2009 kehrte er solistisch mit dem hochspannenden wie extrem Aufmerksamkeit fordernden Instrumental-Akustikgitarren-Werk „A New Way To Pay Old Debts“ zurück, das seinen Ruf als exzellenten Klang-Improvisateur begründete. Neben seinen Solo-Arbeiten und Konzerten hat Orcutt in den vergangenen Jahren mit Größen der experimentellen Musik wie Peter Brötzmann und Sir Richard Bishop zusammengearbeitet.
Mit dem aktuellen, selbstbetitelten 2017er-Album wechselt Bill Orcutt erstmals zur elektrischen Gitarre und wendet sich dem Blues zu, einer roh entworfenen Instrumental-Spielart zwischen erkennbaren Strukturen und Drone-artiger Abstraktion, ein Paradoxon von gleichzeitiger Tonalität und atonalem Ausbruch bedienend. Die fingerfertig vorgetragenen zehn Titel stimulieren im unbehandelten Zustand die atmosphärische Gefangennahme durch Hall und dezenten Feedback-Einsatz, eine geradezu in Space-Sphären erhebende Klangreise zwischen latent meditativer Ambient-Kontemplation und heftigen Gitarren-Riff-Ausbrüchen, die Bilder von kargen amerikanischen Wüsten und Valleys gleichsam heraufbeschwören wie das nahende, finstere Donner-Grollen eines sich in Bälde entladenden Sommergewitters in Luftfeuchtigkeit-durchtränkter Witterung. Hinter jeder Sturm-geprüften Scheune lauert die nächste Überraschung, ob es immer eine Stimmungs-aufhellende ist, ist alles andere als sicher, eine extrem fesselnde wird es in jedem Fall sein. Desert-Blues mit unvorhersehbaren Widerhaken in improvisatorischer Perfektion, zwischen strahlender Schönheit und düsterer Nachtmahr.
(***** – ***** ½)

Bill Orcutt ⇒ Live-Mitschnitte @ nyctaper.com + archive.org.

Raut-Oak Fest 2017 @ Riegsee, 2017-07-22

Leidlich ausgeschlafen aus dem Zelt gekrochen, irgendwie den Kreislauf in Schwung gebracht, im Gasthof Westner in Riegsee anständigst zu Mittag bekocht worden, und schon ging es am vergangenen Samstag in die nächste Runde in Sachen Raw Underground Musical Festival auf der Bühne unter der Eiche am Ortsrand, den zweiten Tag des Raut-Oak Fest 2017 eröffneten die drei Griechen von Screaming Dead Balloons mit tonnenschwerem Psychedelic-Garagenrock, der Noise-Kraut-Flow in seiner zeitlos-substanziellen Spielart dürfte beim ein oder anderen Festivalbesucher die Wirkungen der nachts zuvor konsumierten Substanzen in der nachmittäglichen Hitze reaktiviert haben hinsichtlich Abdriften in abgehobene Space-Out-Regionen, alle anderen genossen auch ohne stimulierendem Input einen hinsichtlich Handwerk und Songwriting beherzt präsentierten Einstieg in das Tagesprogramm.

Der Raut-Oak-Auftritt von Lonesome Shack ging als Solo-Auftritt von Band-Songwriter Ben Todd über die Bühne, was auf Tonträgern der Combo aus Seattle mit hohem Trash- und Garagen-Faktor, gelegentlich geradezu tanzbar aus den Lautsprechern kommt, gestaltete sich im reduzierten Vortrag ohne die angestammten Bandmitglieder als Verneigung vor den großen Ahnherren des Country- und Delta-Blues, eine feine Reminiszenz an die Wurzeln des Genres, rau, getragen und entspannt im Saitenanschlag, klagend und nachdenklich Geschichten-erzählend in der Sangeskunst, hätte in der Form auch vor gut hundert Jahren in einer Scheune oder auf dem Feld im Mississippi Delta stattfinden können (allerdings von keinem Weißbrot präsentiert), und wird vermutlich auch in hundert Jahren noch seine Daseinsberechtigung haben, an gewichtigen Themen für den Blues wird es auch fürderhin nicht mangeln.

Solistisch ging es weiter im Programm, mit Brother Grimm stand ein bekannter Name auf der Besetzungsliste des Festivals. Erst jüngst im Januar bespielte der Berliner ein Fish’n’Blues-Special in der Münchner Glockenbachwerkstatt mit seinen tonalen und mitunter auch sehr atonalen „Albträumen in Fuck-Moll“, beim Raut-Oak gab Dennis Grimm erneut eine Demonstration seiner Desert-Blues-Tonkunst, die die dunklen Seiten der Seele in gespenstischem Klang-Hall auslotet, vor intensiv-abstrakten Birthday-Party-Dissonanzen nicht Halt macht und auch ansonsten kein Experiment scheut. Loops, Drones, Feedbacks und beklemmende Ansagen mittels Megaphon, alles taugliche Mittel zur Dämonenaustreibung auf dem Weg zur Erlösung, Brother Grimm beherrscht wie nur wenige die Fortschreibung und Grenzüberschreitung des Blues mit zeitgemäßen Anleihen aus der avantgardistischen Tondichtung. Nicht nur in diesem Rahmen erneut eine bereichernde und Hörgewohnheiten erweiternde Erfahrung, zumal im gleißenden Sonnenlicht, wo diese Musik doch eigentlich nach Kaschemmen-artigen, dunklen Aufführungsorten und dünner Kerzenbeleuchtung verlangt.

„Garage Protopunk Blues from fucking cold Siberia“ – damit wäre zum Auftritt des russischen Trios The Jack Wood grundlegend alles gesagt, wäre da nicht diese elfenartige Sirene Sasha als Frontfrau, die als geborene Bühnenperformerin am frühen Abend in extrovertierter Manier das Publikum innerhalb kürzester Zeit in den Bann zog. Der schneidende, rohe Mix der Band aus Trash-Blues und No-Wave-Elementen in Referenz an die New Yorker Endsiebziger diente als Soundtrack für die energetischen Verrenkungen und Schrei-Attacken der jungen Frau, die sich augenscheinlich zu jeder Sekunde ihrer Wirkung auf die Konzertbesucher bewusst war. Das exaltierte Bühnengebaren und der exzeptionelle Gesangsstil brachte der Sängerin bereits Vergleiche mit großen Indie-Damen wie P.J. Harvey oder Diamanda Galas ein, The Jack Wood spielten unter anderem beim Glastonbury Festival und arbeiteten mit Punk-Legenden wie Richard Hell, Lenny Kaye und Thurston Moore zusammen.

Mit The Picturebooks aus Gütersloh stand eine klassische Duo-Besetzung auf den Brettern der kleinen Bühne, Fynn Claus Grabke an Gesang und Gitarre und Philipp Mirtschink an den Trommeln entwickelten eine unglaubliche Wucht mit ihrem Heavy-Rock-Blues, die Band bringt alles mit, um auch optisch die Vehemenz ihres trashigen Biker-Sounds zu unterstreichen, eine überbordende, wilde Bühnenaufführung, in der der rohe Gitarrenanschlag und das Grollen des Sängers von einem Berserker an den Beckentrommeln hinsichtlich entfesseltem Ausbruch noch getoppt werden – warum der eindrückliche Ansatz von der Band selbst immer wieder durch überdrehtes Anmoderieren im Bierzelt-Stil unterwandert wird, ist wohl dem Umstand geschuldet, das die dort in Ostwestfalen gerne mal so sind, immer eine Spur zuviel Gepose, immer gerne eine Spur zuviel verbale Umarmung, dabei hätte die Musik die Nummer überhaupt nicht nötig, spricht ja alles für sich im ruppig-intensiven Klangbild der Bilderbücher…

Für ein dickes Ausrufezeichen sorgten Low-Gitarrist/Sänger Alan Sparhawk und sein Blues-Projekt Black-Eyed Snakes aus Duluth/Minnesota, wo Low hinsichtlich Songmaterial gerne mal qualitativ zwischen ergreifendem Indie-Slowcore und gähnender Langeweile schwanken, spielt sich bei den Snakes die gefangen nehmende Eindringlichkeit permanent am oberen Level ab. Dem Umstand geschuldet, dass das britische Psychedelic-Blues-Duo The Approved erneut die Raut-Oak-Teilnahme kurz vor knapp absagte, durften sich die Black-Eyed Snakes in einem eineinhalbstündigen „Full Set“-Konzert entfalten, sehr zur Freude der Zuhörerschaft, mit zwei Gitarren und zwei Drum-Sets zelebrierte die Band ihre Verneigung vor jedweder Spielart des ungebändigten Blues-Rock, von John Lee Hooker bis zu den Cramps schwang einiges mit an Gruß an die Altvorderen, und doch präsentierte sich der druckvolle Riff-/Percussion-Ritt modern gewandet mit raffinierter unterschwelliger Trash-Würze in einer Aufführung, die auf das Eindrücklichste unterstrich, dass diese Musikgattung auch heutzutage noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt ist. Mindblowing 1 am Tag 2.

Fredrick „Joe“ Evans IV und Pete Dio von Left Lane Cruiser enterten zu vorgerückter Stunde zum Finale des 2. Tages die Bühne, mit dem Material des neuen Longplayers „Claw Machine Wizard“ im Gepäck fackelte das Duo nicht lange und zog das Tempo ihres Trailerpark-Trash-Blues sofort in den oberen Bereich, die messerscharfe Slide-Gitarre und der hart nach vorne treibende Beat waren wie erwartet der roh gezimmerte Rahmen für die Ausbrüche, Beschwörungen und Verwünschungen, die Wut und Verzweiflung der Verlorenen aus der amerikanischen Unterschicht, denen Joe Evans mit unvermittelter Härte, Wut und Witz seine einschneidende Stimme gibt. Das Duo erfuhr zwischenzeitlich Zuwachs durch die wunderbare Sarah Kirkpatrick von catl., die für ein paar Nummern enthusiastisch das Tambourin mitschwang, bald darauf wurden die Herrschaften der örtlichen Polizei vorstellig und brachen das Konzert wegen Lärmbelästigung ab, Joe Evans bemerkte nach dem Konzert sarkastisch, vermutlich hätten die Kühe am nächsten Morgen sonst schwarze Milch gegeben. Schade, auch Left Lane Cruiser wären an dem Abend geplant über die volle Distanz gegangen, über nicht zu Änderndes lohnt indes kein Jammern, der Blick richtet sich nach vorne, zum 27. Oktober, dann wird das Duo in der Münchner Garage Deluxe auftreten, Vorfreude pur. Trotz abruptem Ende: Mindblowing 2 am Tag 2.

Nicht nur der zweite Festival-Tag kam zum plötzlichen Stillstand, nach Mitternacht hat das Wetter Ernst gemacht, ein Orkan-artiger Sturm die Zeltbehausung geflutet und uns vor der Zeit vom Festival ins heimische München zurückgespült. Bühne und weitere Teile des Festival-Geländes wurden in Mitleidenschaft gezogen und schwer verwüstet, die Show ging am dritten Tag trotz widrigster Umstände dank vieler helfender Hände wie geplant weiter, gerne hätte man noch dem Auftritt der 4Shades um Clubzwei-Veranstalter Ivica Vukelic, Echokammer-Labelchef Albert Pöschl und Schlagzeuger Martin Rühle beigewohnt, bei den Bands Dirty Deep, Colour Haze, Mount Hush und P.O.P.E. wäre sicher auch noch das ein oder andere Hörenswerte zu entdecken gewesen.
So bleibt vor allem eins – Danke zu sagen: für zwei tolle Festivaltage, an alle Freunde, Begleiter und ein paar neue Bekannte für Spaß, anregende Konversation, the legendary Tiki-Bar und Ersatz für vergessene Schlafsäcke, für feste und flüssige Verpflegung beim Festival-Catering, danke an die freiwilligen Helfer, die großartigen MusikerInnen und Bands, Jay Linhardt from Warrensburg/Missouri für den grandiosen Soundmix, an die Redneck Connecktion für allzeit stimmiges DJing vor, zwischen und nach den Konzerten – und selbstredend last but not least ein großes – wie Fredrick „Joe“ Evans IV rauskrächzen würde – „DONKESHEIJN“ an the one and only Christian Steidl, der als Veranstalter und Organisator mit Sachverstand, Herzblut und offenem Ohr dieses wunderbare, familiäre Festival mit einem in diesem Jahr nicht mehr zu toppenden Line-Up auf die Beine stellte – ein Festival, bei dem Veranstalter, Musiker, Helfer und Gäste alle gleichermaßen für eine Sache brennen, und das in der Form hoffentlich noch lange eine jährliche Neuauflage erfährt.

Raut-Oak Fest 2017 @ Riegsee, 2017-07-21

Das ein oder andere konnte, anderes musste man sich sparen zwecks Rundum-glücklich-Paket in Sachen Live-Musik-Konsum am vergangenen Freitag: Die Präsenz im altehrwürdigen Städtischen Stadion an der Grünwalder Straße in München im Rahmen der Rückkehr des Fußballs nach 12-jähriger Abstinenz etwa, gerne hätte man die Tore gegen Burghausen und die sensationelle Stimmung beim Löwen-Heimsieg im ausverkauften Haus genossen, aber wenn Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen, kann eben auch nur Ostern oder Weihnachten gefeiert werden, den aufziehenden Regen und die Blitze in nächster Umgebung zum Festival-Start im schönen Alpenvorland hätte man sich indes getrost sparen können, die Fahrt zum Muddy Roots Europe nach Belgien vor ein paar Wochen konnte man sich in diesem Jahr auch ohne schlechtes Gewissen stecken, denn etliche herausragende Hochkaräter der Szene hat Veranstalter Christian Steidl in der 2017er-Auflage zum jährlichen Raut-Oak Fest an den Riegsee in der Nähe von Murnau zur dreitägigen Open-Air-Beschallung vor atemberaubender Bergkulisse geladen, dahingehend tat die weite Fahrt ins ferne Westflandern heuer weiß Gott nicht Not.

Den Reigen am Freitagnachmittag eröffnete kein Geringer als the beloved Reverend Deadeye aus Denver/Colorado, allein die Tatsache, dass ein Musiker dieses Kalibers als Opener auftrat, zeugte von der herausragenden Qualität des diesjährigen Festival-Line-Ups. Vom Vorband-Status ist der Wanderprediger und – gerüchteweise – ehemalige Snakehandler weit entfernt, das hat er bereits hinlänglich etliche Male eindrucksvoll unter Beweis gestellt, und so hat The Good Reverend sich nicht lange mit seinen intensiven Uptempo-Nummern aufgehalten, um den Anheizer für die kommenden Artisten zu geben. Mit Resonator-Gitarre und verzerrten Sangeseinlagen ließ er den Konzertmarathon-Kick-Off gemächlich, für seine Verhältnisse geradezu entspannt angehen und widmete sich zuforderst den getrageneren Titeln seines Repertoires, Desert-Blues-Balladen wie „Annalee“, „Coldest Heart“ oder das immer wieder herzerweichend schöne, schwerste Ergriffenheit garantierende „Her Heart Belongs To The Wind“ entfalteten auch am hellichten Tag fernab der Clubs und Whiskey Barns ihre erhabene Kraft und stimmten würdevoll ein auf viele weitere konzertante Highlights, die da in den nächsten Stunden und Tagen noch folgen sollten.

The Shady Greys aus Amsterdam gaben in Duo-Besetzung beherzten Garagen-Trash-Blues zum Besten, wer beim Auftritt die Augen schloss, hatte hinsichtlich der verblüffenden stimmlichen Verwandtschaft Neo-Bluesrock-Ikone Jack White vor dem inneren Auge als heiligen Geist flimmern, für weitere derartige Vergleiche hatte die musikalische Handschrift der jungen Niederländer aber dann doch genügend eigenen Charakter, um sich kaum groß bei derlei Referenzen aufhalten zu müssen – nicht zuletzt wegen der außergewöhnlichen Rhythmusarbeit der jungen Perkussionistin Catherine Coutoux, die im flotten Anschlag mit einem Cajón und etwas Fußstampfen leistet, wofür andere ein ganzes Schlagzeug benötigen. In der Bandbio findet sich der Hinweis auf den Lo-Fi-Approach der Band, der Sound der Band mag zwar schmutzig und roh im Blues-Gewand klingen, aber dafür ist Gitarrist Marcus Hayes bereits eine Spur zu weit befähigt auf den sechs Saiten, als dass mit diesem Understatement kokettiert werden müsste. Feine Aufführung für Freunde der krachigen Stromgitarre.

Ab dem frühen Abend bis in die fortgeschrittenen Stunden gehörte die Bühne den Raut-Oak-Dauergästen, diesen Reigen eröffneten Sarah Kirkpatrick und Jamie Fleming vom Duo catl. aus Toronto, das auch im richtigen Leben eingespielte Paar rockte die Wiese wie erwartet mit trashigem Uptemo-Rock’n’Roll, quasi in einem Heimspiel vor guten Freunden wurden aus der halbakustischen Gretsch die Blues-verwandten, schmutzigen Uptempo-Riffs herausgejault und die Standtrommel mit stoischen Beats bearbeitet, die zu der Zeit bereits zahlreich anwesende Besucher-Schar dankte die mitreißende Bühnenpräsenz und den intensivst-enthusiastischen Vortrag mit gefälligem Mitwippen am einen und ausgelassenem Tanzbein-Schwingen am anderen Emotionsskala-Ende. An der Stelle sei auch ausdrücklich die Empfehlung für die exzellente catl.-Scheibe „This Shakin‘ House“ ausgesprochen, neben den anderen auch sehr gelungenen Tonträgern der Band zuforderst derjenige, der zur Vor- und Nachbereitung eines Konzerts des Duos der ideale ist, live kommt der Stoff, kaum überraschend, noch einen Zacken schärfer, roher, im Tempo angezogen.

Alte Bekannte im Folgenden auch mit den Vagoos aus Rosenheim, die Mixtur der Oberbayern aus Punk, Garagen-Trash, Wüsten-Blues und – zunehmend vermehrt – einem gehörigen Schuss nostalgischer Sixties-Psychedelic hat sich im letzten Jahr in eine grundsolide, extrem hörenswerte Richtung weiterentwickelt, vor der internationalen Musikerzunft muss sich das Quartett in der Form wahrlich nicht verstecken, den guten Eindruck, den die Band bereits beim Raut-Oak-Warmup im Frühjahr in der Münchner Garage Deluxe hinterließ, konnte sie am Freitag unter freiem Himmel voll untermauern. Immer wieder gern genommen und schwerst vermutlich auch beim nächstjährigen Raut Oak mit von der Partie, der Trip von Rosenheim an den Riegsee ist ja keine Weltreise…

Für den Höhepunkt des ersten Festival-Tages sorgte, wie sollte es anderes sein, der mit nichts und niemandem zu vergleichende James Leg, dem Tasten-Gott des Uptempo-Punk-Trash-Blues gelang auf der handgemachten Raut-Oak-Stage wie erwartet und hier bereits mehrfach bezeugt in Rekordzeit die Metamorphose vom freundlichen, umgänglichen, ausgesucht höflichen Mr. John Wesley Myers aus Tennessee in das von Sekunde eins an ungestüme Bühnen-Tier, angetrieben von Drummer Mathieu Gazeau brachte Leg die Fender-Rhodes-Tasten zum Glühen, für die Zuhörer war einmal mehr nicht auszumachen, ob die pure, rohe Energie der Songs oder das Bühnengebaren des Meisters hinsichtlich nicht mehr zu steigernder Intensität die Nase leicht vorne hatte. Das Werk aus Legs eigener Feder beeindruckt sowieso schwerst, die Verneigung vor dem großen Link Wray mittels „Fire And Brimstone“ ließ nicht nur die alten Indianer vor Verzückung mit der Zunge schnalzen, und bei der genialen, vor Vehemenz geradezu berstenden Interpretation der Cure-Nummer „A Forest“ waren sie wiederholte Male greifbar, diese magischen Momente bei Konzerten des Orgel-Blues-Berserkers, in denen zu der Gelegenheit niemanden verwundert gewesen wäre, wenn der Platz schwebend in Richtung Outer Space abgehoben hätte.
Ian Fraser Kilmister meets Tom Waits meets Johann Sebastian Bach, und damit hat man nicht mal annähernd Genie und Wahnsinn des begnadeten Herrn Myers erfasst. Alleine für diesen Auftritt war die Reise an den Riegsee eine mit nichts aufzuwiegende Erfahrung, alleine schon dafür tausend Dank an Raut-Oak-Mastermind Christian Steidl.

Drummer Mathieu Gazeau konnte nach seiner James-Leg-Begleitung unmittelbar auf der Bühne bleiben und im Nachgang zum Sound-Orkan den konzertanten Tagesausklang mit seiner Stammformation Mars Red Sky bespielen, das Trio aus Bordeaux tauchte ein in die schwergewichtige Welt des psychedelischen Stoner-Rock, selbst für gestandene Kraut- und Postrocker und Freunde des Doom-Metal offenbarten sich immer wieder Momente des Erkennens, nach dem erschütternden und alle Sinne fordernden Leg-Auftritt die ideale Beschallung zum Runterkommen am Lagerfeuer. Die Band selbst nennt ihre Einflüsse in einem weiten Feld von Robert Wyatt – hier vor allem der hohe, Falsett-artige Gesang – über Nick Drake bis hin zu Black Sabbath, eine spannende, betörende Mixtur, die der Formation Auftritte bei namhaften Festivals wie Tourneen mit Größen wie Dinosaur Jr oder Killing Joke einbrachte und sicher ein konzentrierteres Hinhören wert gewesen wäre, aber wenn einen der Leg plättet, dann macht er das gründlich…

(Fortsetzung folgt)