Experimental-Jazz

Reingehört (468): Pardans

Pardans – Spit And Image (2018, Tambourhinoceros)

„Jazz isn’t dead, it just smells funny“ wird der gute alte Zappa Frank zu Gelegenheiten gern mal zitiert, im Fall der dänischen Combo Pardans riecht das Getröte besonders lustig und hat darüber hinaus tatsächlich noch Aromen aus der Freak-Out-Küche vom amerikanischen Rock-Enfant-Terrible und seiner Mothers anhaften. Das Gebräu aus No Wave, Post- und Jazz-Punk der fünf jungen Männer aus Kopenhagen hat nichts mit handelsüblichem, endlos vor sich hin improvisierendem Sax- und Trompeten-Gedudel am Hut, die zackig auf den Punkt gespielten Bläsersätze im Verbund mit einer gut geölten und frontal nach vorne gehenden Progressive/Punk/Noise-Maschine sind weit mehr in Nähe von Ted Milton und dem intensiven Schwadronieren mit seinem Trio Blurt, dem zupackenden Jazzcore des kanadischen Punk-Trios NoMeansNo oder eben den erratischen, rasant Tempi-wechselnden, von vielen guten bis grandiosen Ideen gleichzeitig durchwehten Zappa-Kompositionen angesiedelt. Das lärmende Saxophon begleitet abgehackte Gitarrenriffs, druckvolles Rhythmus-Gelichter, polternde Basslinien und den Stakkato-Gesang von Frontmann Gustav Berntsen, der sich mit seinem Dänen-Akzent erst gar nicht den Anschein eines English Native Speakers geben will und in Passagen an altvordere Lautsprecher aus der amerikanischen Hardcore-Punk-Ära der Siebziger/Achtziger erinnert.
Dass die fünf Freigeister der Pardans nicht nur nervöses Mid- bis Uptempo-Irrlichtern können, unterstreichen sie mit der filigranen, schönen Progressive-Ballade „Love Run Loose“, darüber hinaus bietet der anstehende Tonträger eine prall gefüllte Wundertüte an unkonventionellen und experimentellen Sounds, verhackstückt und zusammengeleimt nach Konstruktionsplänen der Endsiebziger No-Wave-Avantgarde. Ein weit aus dem Einheitsbrei und Mainstream-Gefällig- und Beliebig-Gesumpfe herausragendes, kaum in seiner Gesamtheit zu fassendes Gemenge aus weirdem wie höchst anregendem Crossover zwischen anarchistischer Kakophonie und geordneter Struktur.
Die beiden – neben der erwähnten Ballade – etwas eingängigeren Nummern „(Hookers With) Hidden Depths“ und „When Come The Rats“ sind als Singles bereits veröffentlicht, der gesamte Longplayer „Spit And Image“ erscheint am 5. Oktober beim Kopenhagener Indie-Label Tambourhinoceros und kann bereits jetzt über Bandcamp vorbestellt werden. Get yourself connected.
(*****)

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Reingehört (374): Schnellertollermeier

Schnellertollermeier – Rights (2017, Cuneiform Records)

Aus dem niederbayerisch-oberpfälzischen Grenzland kommt ein Volksmusik-/Kabarett-Trio, das sich nicht unlustig „Da Huawa, da Meier und I“ nennt, auf die musikalischen wie humoristischen Qualitäten der Lederhosen-Kameraden soll hier nicht weiter eingegangen werden, ein ähnlicher Schalk im Nacken saß offensichtlich vor gut zehn Jahren auch den drei jungen Schweizern Andi Schnellmann, Manuel Troller und David Meier bei der Namensgebung ihres Instrumental-Trios Schnellertollermeier, das soll’s dann aber auch schon gewesen sein mit den vermeintlichen Gemeinsamkeiten, musikalisch liegen da mehrere Galaxien zwischen den beiden Combos.
Schnellertollermeier versehen ihre Klangkunst mit Labels wie „Brutal Jazz“ und „Metal Jazz“, das ist im Fall des neuen, mittlerweile vierten Albums „Rights“ weitestgehend irreführend, die Verbindung zum Jazz lässt sich ausschließlich über den Ansatz des partiell Improvisatorischen, das Auflösen und Neu-Zusammensetzen von Strukturen und den freien Flow definieren, zum negativ besetzten Attribut „brutal“ darf einem beim Genuss des aktuellen Tonträgers vor allem ein euphorisiertes „brutal gut gemacht!“ entfahren, und die Referenz zum Metal mag von der Anlehnung an das Laute, Wuchtige, Brachiale kommen, vom Noise-Rock und intelligenten Hardcore, in den sich die vier ausgedehnten Kompositionen über den Umweg diffuser Math-Rock- und abstrakter Space-/Progressive-Ergüsse, über dekonstruierten Improvisations-Ambient und druckvollen Minimal-Postrock hineinsteigern und auflösen, losgetreten und auf die Reise geschickt von eingangs monotoner, organischer wie analoger Trance-Rhythmik, erzeugt im Wesentlichen durch nahezu meditatives Akkorde-Wiederholen und gedehnt-langsames Entfalten und Ausdehnen der heiligen Rockmusik-Dreifaltigkeit Gitarre/Bass/Schlagwerk, eingangs beschränkt auf das Ausformulieren weniger Ideen und klarer Strukturen, im weiteren Verlauf förmlich in bunte Klangfarben explodierend. Selbst im minutenlangen Repetitiven kommt keine Sekunde Gedanke an Mittelmaß oder gar Langeweile auf, zu druckvoll, energetisch und beseelt wird der instrumentale Organismus zum Vortrag gebracht.
Isolierte tonale wie atonale Bezugspunkte zu experimentellen Könnern von den japanischen Analog-/Minimal-Techno-Experten goat(JP) bis hin zu unkonventionellen Freiform-Gitarristen wie Gary Lucas, Fred Frith oder Eugene Chadbourne zucken wie kurze Schlaglichter durch das vergleichende Wiedererkennen und liefern doch nur ein völlig unzureichendes Gesamtbild des musikalischen Kosmos von Schnellertollermeier, zu eigenständig und kompromisslos ist die Kunst der drei Schweizer.
Crossover ohne Crossover, Metal ohne Metal, Jazz ohne Jazz – einige, wenige Bands erschaffen ihre ureigene musikalische Sprache, ihre eigene Nische und ihr eigenes Genre, Schnellertollermeier scheinen eine solche Formation zu sein.
„Rights“ ist Anfang Oktober beim Experimental-Indie-Label Cuneiform Records in Washington D.C. erschienen.
(***** ½)

Reingehört (311): Cakewalk, Pontiak

Cakewalk – Ishihara (2017, Hubro)

Das norwegische Label Hubro wurde hier erst vor kurzem für die Veröffentlichung der neuen Scheibe von Geir Sundstøl über den Schellenkönig gelobt, heute dann gleich wieder. Und mit was? Mit Recht. Das Trio Cakewalk aus Bergen mit Stephan Meidell an Synthesizern, Bass und Gitarren, Øystein Skar an den Tasten und Reglern und Ivar Loe Bjørnstad am Schlagzeug liefert auf seinem dritten Hubro-Release eine berauschende Mixtur aus experimenteller Electronica, zupackendem Postrock-Drive und ureigenen Spielarten von Free Jazz und Jazz-Rock, die als solche im herkömmlichen Sinne kaum mehr erkennbar sind und selbst dem Jazz-Verächter in der Form keine Schmerzen bereiten dürften, ein Ambient-artiges Experimentieren, das auch Trance-, Industrial-, Dub- und Trip-Hop-Elemente in den Klangteppich einwebt, im schweren Bass-Trommeln und Saitenanschlag selbst dem Postpunk die Ehre gibt und sich vor allem ausgiebigst im hypnotischen Flow des Space- und Krautrock delektiert. Ein sofort gefangen nehmendes Akustik-Konglomerat, in dem der King-Crimson-Prog genauso fließt wie das Industrial-Donnern grollt und der Synthie in schwerer Electronica-Vehemenz zum Hineinversenken einlädt.
Die Bandmitglieder sind in diversen renommierten norwegischen Formationen im Experimental- und Prog-Jazz-Bereich zugange – Stephan Meidell veröffentlicht im Übrigen mit „Metrics“ dieser Tage bei Hubro eine Experimental-Solo-Arbeit, die dann auch noch eingehender Würdigung bedarf – die Musiker bringen in schwer beeindruckender Fertigkeit ihre individuelle Könnerschaft ein und garantieren so in sechs gedehnten Werken einen fulminanten Instrumental-Flow.
Der norwegische Staatsfonds ist bei weitem nicht die einzige grundsolide Institution und verlässliche Größe, die sie da oben im hohen Norden eingerichtet haben, das Label mit der Eule kann dahingehend locker mithalten.
(*****)

Pontiak – Dialectic Of Ignorance (2017, Thrill Jockey)

Schwergewichtiges Psychedelic-Brett der Gebrüder Carney aus den Blue Ridge Mountains, das Familien-Trio versinkt knietief in zäher, nebelverhangener Entrücktheit, die der Hörerschaft trotz schwermütig-melancholischem Abdriften in den Sphären-Raum mit wuchtiger Vehemenz durch massive Stoner-, Prog-Metal- und Acid-Rock-Beschallung angedient wird.
Ob beim Komponieren und Einspielen dieser tonalen Outer-Space-Trips das eigen-gebraute Craft-Beer aus der im Nebenerwerb betriebenen Pen Druid Brewery die ausschließliche Bewusstseins-erweiternde Substanz zur kreativen Stimulanz der Musikanten war, erschließt sich aus dem Beipackzettel nicht, darf aber wohl getrost in Zweifel gezogen werden.
Die quasi-meditative Vollbedienungs-Dröhnung für all jene, denen im Pink-Floyd-Frühwerk zuwenig Black Sabbath steckt und denen in den Flaming-Lips-Spinnereien die Beton-schwere Erdung des Grunge und Heavy Rock fehlt.
(**** ½ – *****)