Experimental-Musik

Reingehört (414) – Aaron Martin & Machinefabriek

Aaron Martin & Machinefabriek – Seeker (2017, Dronarivm)

Der spanische Choreograph Iván Pérez hat 2012 beim niederländischen Soundtüftler Rutger Zuydervelt aka Machinefabriek angefragt, ob er zusammen mit dem US-amerikanischen Komponisten/Cellisten Aaron Martin die Musik zu seinem Tanz „Hide And Seek“ komponieren möchte, nicht ahnend, dass die Musiker bereits 2007 für die EP „Cello Drowning“ kooperierten, und so war es den beiden Klangartisten ein Leichtes, dem Begehr Folge zu leisten.
Auf der 2017 für die Tonträger-Veröffentlichung fertiggestellten Arbeit „Seeker“ nähern sich die beiden Künstler naturgemäß von unterschiedlichen Warten dem Gemeinschaftsprojekt an, der klassisch geschulte Aaron Martin entwirft gewichtige, profunde Arbeiten an Cello, Harfe und anderweitigem Instrumentarium in stilistischem Einklang zwischen Neu-Klassik, Minimal Music und meditativem Ambient, Nebel-verhangene, melancholische, sehr getragene und mitunter schwermütige Instrumental-Epen, die Rutger Zuydervel mit abstrakten, verzerrten, wenn nicht latent verstörenden, so doch irritierenden Electronica-Drones und digitalem Sampling aus seiner Machinefabriek Spannungs-befeuernd anreichert – ein Verweben von organischen und Technik-gestützten Interpretationsansätzen aus dem weiten Feld der experimentellen Musik, feinst aufeinander abgestimmt und zu einem durchgängig stringenten Konglomerat verwoben. Entstanden im wechselseitigen transatlantischen Austausch zwischen Rotterdam/Old Europe und Topeka/Kansas, die Kommunikationsmöglichkeiten der modernen Welt machen’s möglich.
„Seeker“ ist Mitte Dezember 2017 beim Moskauer Neoklassik- und Ambient-Label Dronarivm erschienen.
(**** ½ – *****)

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Reingehört (413): Wing Vilma

Wing Vilma – Safe By Night (2018, Young Heavy Souls)

Da prangt unter anderem die Kategorisierung „Jazz“ drauf, hat aber erfreulicher Weise mit Nerven-zerrüttendem Endlos-Gewichse und unsäglichem, ins Nirvana führendem Zu-Tode-Improvisieren überhaupt keinen Verwandten, rührt vermutlich eher daher, dass die feine wie unkonventionelle Melodik des Albums neben der grundlegend freigeistigen Präsentation anderweitig stilistisch vom Label nicht eingewertet werden konnte, die der Jungspund Miles Coleman aus Grand Rapids/Michigan über sein spannendes Rhythmik-Gelichter legt.
Gerade mal 19 Jahresringe hat der US-Amerikaner vorzuweisen, und doch bewegt er sich im weiten Feld der experimentellen Musik bereits wie ein von jahrzehntelangen Erfahrungen Gegerbter, unzähligen Ideen eine Form gebend wie mit technischen Fertigkeiten beschlagen, forschend und tüftelnd und mit „Safe by Night“ ein Ergebnis vorweisend, dass sich sehen beziehungsweise vielmehr exzellent hören lässt.
Das Grundgerüst zimmert Coleman mit perkussivem Fluss aus üppigem Trance, Dubstep und gedehnten Downtempo-Beats, die er mit dezenter Ambient-Electronica, Samplings aus Feld-Aufnahmen, eingeflochtener Vibraphon-Rhythmik und euphorischen Wohlklang-Sounds via Synthie-Georgel anreichert. Formt sich trotz diverser digitaler Grundelemente zu einem organisch gewachsenen Gebinde, das Assoziationen an die vielfältigen akustischen Ausdrucksformen der Regenwald-Fauna weckt, arrangiert zu einem faszinierenden, vielstimmigen Konzert.
„Safe By Night“ erscheint am 2. Februar beim in Detroit/Michigan beheimateten Electronica-Label Young Heavy Souls.
(**** ½ – *****)

Eine Kerze für Christian Burchard

„Embryo – real Krautrock based in Germany, connected worldwide.“
(John Peel)

„Embryo’s Reise“ geht weiter, für Christian Burchard leider seit gestern in anderen Sphären, der Bandgründer und Multiinstrumentalist der legendären, weltweit vernetzten Kraut-/Jazzrock-/Worldbeat-Institution Embryo ist am Mittwoch im Alter von 71 Jahren zu seinem letzten Trip aufgebrochen.
Burchard gründete die Münchner Fusion-Band im Jahr 1969, seitdem haben Embryo zahlreiche Tonträger veröffentlicht, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Jazz-Pianisten Mal Waldron, der Krautrock-Combo Amon Düül II, dem libanesischen Oud-Meister Rabih Abou-Khalil oder der experimentellen New Yorker No-Neck Blues Band.
Viele Embryo-Aufnahmen entstanden auf ausgedehnten Reisen etwa nach Indien oder in Nordafrika in Sessions mit ortsansässigen Musikern.
Christian Burchard arbeitete mit zahlreichen bekannten Münchner Musikern zusammen wie Titus Waldenfels, Ulrich Bassenge, dem Embryo-Mitbegründer Lothar Meid oder dem zwischenzeitlich in der bayerischen Landeshauptstadt ansässigen späteren Franz-Ferdinand-Gitarristen Nick McCarthy und engagierte unzählige internationale und örtliche Gastmusiker und Bands aus dem weiten Feld der experimentellen Musik für gemeinsame Konzerte, mit dem US-Jazz-Saxophonisten Charlie Mariano, der grandiosen Brooklyn-Psychedelic-Combo Rhyton oder der Münchner Express Brass Band seien hier nur einige wenige exemplarisch genannt.
Das Münchner Trikont-Label hat 2010 mit „Embryo 40“ eine umfangreiche Werkschau der einflussreichen Formation veröffentlicht, die seit dem Schlaganfall von Christian Burchard im Sommer 2016 von seiner Tochter Marja geleitet wird.