Experimental

Godspeed You! Black Emperor @ Batschkapp, Frankfurt/Main, 2018-04-24

Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg pilgern, in diesem Sinne. Kanadas Postrock-Giganten Godspeed You! Black Emperor haben München auf der jüngsten Europa-Tournee wie bereits bei einigen Reisen in jüngster Vergangenheit großräumig umschifft, und so blieb am vergangenen Dienstag für die konzertante Erbauung nichts weiter als Karre starten und ins nächstgelegene Dorf des Geschehens pesen, die Finanzmetropole am Main war weiß Gott nicht der schlechteste Austragungsort für die Multimedia-Statements gegen Kapitalismus, Post-Kolonialismus, ökologische Zerstörung und Polizeistaat im inhaltlichen Kontext der Arbeiten des Instrumental-Kollektivs aus Montreal.
Bevor GY!BE ihre „Luciferian Towers“ virtuell ein paar Kilometer von den wolkenkratzenden Türmen der Hochfinanz entfernt im Frankfurt Batschkapp errichten konnten, durfte ein unangekündigter Sound-Künstler, der auch im weiteren Verlauf des Abends nicht namentlich vorstellig wurde, das Programm eröffnen, seine Anonymität war zu verwinden, die durch den Synthie gejagten und durch entsprechendes Einstellungen-Justieren vor sich hin lärmenden, abstrakten Trance-Space-Drones fanden letztendlich nie den Ausweg aus der Monotonie, das halbstündige Experimentieren am elektronischen Gerät hat man in der Form oft und vor allem weitaus inspirierter und Facetten-reicher gehört.

Godspeed You! Black Emperor holten nach Abbau der verkabelten Maschinen des Vorprogramm-Artisten im Folgenden wie erwartet zum tonalen Großwurf aus, in zwei Stunden untermauerten die Kanadier mit drei Gitarren, zwei Bässen, zwei Drum-Kits und einer Violine einmal mehr ihren unangefochtenen Status an der Weltspitze des Postrock, der bei dieser Band um so Vieles mehr ist als Gitarrenwände und das minutenlange Mäandern im Trance-artigen Flow, GY!BE sind die Symphoniker und das großartig-herausragende Orchester des Genres schlechthin, die den euphorisierenden Progressive- und Indie-Rock in ihren ellenlangen Intensiv-Tondichtungen genau so ausleben und integrieren wie lautmalerische Drones, Feedbacks, Samples und die Heftigkeit des Noise-Rock, dunkle Ambient-Mystik und eine fein austarierte, organische, eine hypnotische Kraft entfaltende Neoklassik- und Minimal-Music-Ästhetik, die unvermindert von großen avantgardistischen Klang-Visionen zeugt. Eine Differenzierung nach U- und E-Musik-Elementen macht bei GY!BE ohnehin seit jeher keinen Sinn, der kompositorische Ansatz und das inhaltliche Konzept der Band dienten noch nie dem vordergründigen Entertainment, der kolossale Sound ist Klang gewordene Hinterfragung und kritische Anprangerung der sogenannten westlichen Werte, der Politik und der militärisch/wirtschaftlichen Machenschaften, wo ein Frank Zappa sich mit Statements wie „Government is the Entertainment division of the military-industrial complex“ noch schwarzhumorig einen abfeixte und musikalisch entsprechend umsetzte, kennen GY!BE keinen Spaß in ihren tonalen/atonalen und visuellen Ansagen, die oft düsteren, dunkel funkelnden, nur partiell in hellere Gemütslagen driftenden, überwältigenden Kompositionen werden bei den Konzerten entsprechend mit großflächiger Video-Installation inhaltlich untermauert, wer mit der abstrakten Instrumental-Kunst des Kollektivs Interpretationsschwierigkeiten hat, findet die Intention und Aussage der Werke in eindeutigerer Form unterstrichen durch bewegte, in der Ästhetik an Amateur-Aufnahmen angelehnte, oft verfremdete Experimental-Bilder von verschneiten, kalten Wohn-Ghettos, weitläufigen Friedhöfen, gewaltsamen Demonstrationen und riesigen Abraum-Müllhalden. Dabei lässt die Band die Hoffnung durchaus nicht sterben, wie zur Intensivierung der helleren Klangfarben flackert sporadisch das riesig hingepinselte Wort „Hope“ im gleichnamigen Drone über die Großbildleinwand, neben Tier-, Natur- und Landschafts-Aufnahmen die Konzert-Besucher in der Konfrontation mit den finsteren Aussichten und schwergewichtigen Themen nicht allein lassend.
Für die Nummern „Fam/Famine“ und „Undoing A Luciferian Towers“ vom aktuellen Album wurden Godspeed an dem Abend von der dänischen, im norwegischen Trondheim ansässigen Jazz-/Improvisations-Saxophonistin Mette Rasmussen unterstürzt, ein ohnehin voluminöser Klangkörper erfuhr durch das Gebläse der jungen Frau weitere Ausdehnung, Fläche, Aspekt, und in dem Fall eine diffus orientalische Note, die von der Band bis dato so nicht durchexperimentiert wurde.
125 Minuten, acht Instrumental-Epen in der ganzen GY!BE-Pracht, quer durch die Bandhistorie, nach finalem Feedback-Drone keine Zugaben, keine Wünsche und Fragen mehr offen, Publikums-fordernd, -bedienend, -erschöpfend und die beiwohnenden Zeugen mit der Gewissheit eines erlebten, großartigen Gesamtkunst-Genusses zurück- und in den Abend ent-lassend. Konzert des Jahres, wahrscheins, Stand heute.
Dass die Umwelt-Bilanz dieses Auswärts-Spiels eine verheerende ist, liegt auf der Hand, und über den Schlafentzug muss sowieso kein weiteres Wort verloren werden, insofern selbstredend eine an sich schon Kritik-würdige Aktion, aber dann müssen sich die Damen und Herren Trudeau, Menuck, Pezzente, Moya, Amar, Bryant und Konsorten halt mal wieder ins schöne München bequemen, hilft alles nix…

Advertisements

Reingehört (451): Inwolves

„Under The Radar is a track dedicated to all the refugees in the world. And the hope that more of those in need get the opportunity to build a new future in safety and dignity.“
(Karen Willems)

Inwolves – Color In The Zoo (2018, 9000 Records / Consouling Sounds)

Wie im öden Mainstream gibt es auch im experimentellen Musizieren durchaus Kandidaten, die, haben sie erst mal ihren Sound gefunden, die Welle bis zum allerletzten Abflauen reiten, ohne neue Erkenntnisse zu gewinnen und ohne zu trachten, in ungebändigter Neugier weitere unbekannte Ufer anzusteuern, die belgische Klangforscherin Karen Willems aus Maldegem/Ostflandern fällt ganz gewiss nicht in diese fragwürdige Kategorie, allein ihre zahlreichen Tonträger-Kollaborationen und Auftritte mit Musikern wie Aidan Baker, Dirk Serries, Stijn Dickel, Jean D.L. oder Bart Desmet und seiner grandiosen Postrock-Formation Barst unterstreichen das beeindruckend und hinlänglich.
Mit der demnächst zur Veröffentlichung anstehenden neuen Arbeit ihres eigenen Projekts Inwolves lässt sich die rührige Perkussionistin einmal mehr nicht nur schwer, sondern gar nicht in Schubladen pressen, wo der Auftritt beim dunk!Festival vor zwei Jahren noch annähernd und grob charakterisiert im irgendwie erkennbar klassischen Postpunk verhaftet war, ohne bereits auch dort das stilistisch-freie Ausdehnen zu kurz kommen zu lassen, fiel das erste Studiowerk bereits um einiges komplexer, dunkler, noch weitaus mutiger experimentierend aus, diesen Ansatz baut die Ausnahme-Musikerin mit Hilfe von unter anderem Nils Gröndahl und seinen geloopten Violinen-Drones und dem türkischen Experimental-Musiker Barkin Engin auf dem Zweitwerk „Color In The Zoo“ weiter aus hinsichtlich so noch nicht gehörter Sound-Kollagen und schwergewichtiger, doch angenehm (vor allem ins Ohr) fließenden Ambient- und Trance-Drones, die nebst dunkler Postpunk-Neo-Psychedelic, nah- und fernöstlicher Melodik, schönen Vokal-Samples, Field Recordings (wohl tatsächlich aus dem Zoo) wie von der leidenschaftlichen Perkussion-Pionierin nicht anderes erwartet von unkonventionellem wie die Spannung im oberen Level haltenden Beats dominiert werden, einem organischen Trommeln, Pochen, Schaben, Kratzen und Klopfen, das von einem wachen und vor allem offenen Geist zeugt, Karen Willems lässt die vertrauten Rhythmen aus der westlich geprägten Musik auf orientalische, asiatische und afrikanische Taktgebung und kunstvolle, atmosphärische Soundlandschaften treffen – was durchaus einem Risiko-behafteten Wagnis gleicht und in angestrengter Bemühtheit um Vielfalt münden kann, gelingt hier spielend, extrem gut hörbar und zeugt von großer experimenteller Kraft und Tiefgang.
Mehr Mut und der daraus resultierende grandiose tonale Wurf war lange nicht, spontan mag einem das erste This-Heat-Album in den Sinn kommen, sicher keine zu hohe Messlatte, wenn auch Hayward und Co. seinerzeit naheliegend im Kern noch mehr auf den Postpunk fixiert waren und einem eigensinnigen Freigeist wie Karen Willems gut vierzig Jahre später dieses Genre als Definition und Ausdrucksform ein viel zu eng gesteckter Rahmen ist.
„Color In The Zoo“ erscheint am 4. Mai als CD über 9000 Records beim belgischen Postrock/Ambient/Experimental-Label Consouling Sounds. Die LP-Version gibt es bei Vynilla Vinyl, wie Consouling Sounds in Gent ansässig.
(***** – ***** ½)

Soundtrack des Tages (201): Godspeed You! Black Emperor

Godspeed You! Black Emperor Live @ We Have Signal. Aus aktuellem Anlass. GY!BE sind derzeit auf Europa-Tournee unterwegs. Bei dieser grandiosen Band gilt einmal mehr das Martina-Schwarzmann-Wort: Wer Glück hat, kommt.
We Have Signal ist eine exzellente, Emmy-prämierte Serie von Konzert-Aufzeichnungen des Senders APT/Alabama Public Television, die Auftritte werden exklusiv im BottleTree Cafe in Birmingham/Alabama gefilmt, alle dokumentierten Konzerte finden sich in voller Länge auf der Homepage der Sendung, reinlunzen lohnt extremst, es finden sich großartige Auftritte von Giganten wie eben Godspeed You! Black Emperor nebst Konzerten von Bill Frisell, Mono, Maserati, Tortoise, The Wedding Present und vielen weiteren Perlen auf der Seite.