Ezra Simons

Raut-Oak Fest 2019 @ Riegsee, 2019-06-28

„Wenn einem soviel Gutes wird beschert, ist das einen Asbach Uralt wert“ hieß es in längst vergangenen Zeiten in der TV-Werbung zur Anpreisung eines Weinbrand-Gesöffs, dabei wäre es aufgrund der subtropischen Temperaturen ein nahezu tödlicher Fehler gewesen, die dreitägigen Raut-Oak-Festspiele über Gebühr mit Hochprozentigem zu feiern: Organisator Christian Steidl wie seine Helfer und die Besucher-Schar des lange herbeigesehnten, seit Wochen ausverkauften Festivals am Riegsee bei Murnau durften sich nach etlichen verregneten und von Hagelstürmen schwer geprüften Veranstaltungen in den Vorjahren über exzellentes Hochsommer-Wetter freuen – optimale Bedingungen für die handverlesene Open-Air-Präsentation einer imposanten Auswahl an internationalen Top-Acts aus dem weiten Feld des Raw Underground Blues, Heavy Trash, Psychedelic-Rock, Garagen-Punk und artverwandter Spielarten am vergangenen Wochenende vor herrlicher Berg-Kulisse im oberbayerischen Alpenvorland.
Die Reisestrapazen zur zeitgleich stattfindenden Europa-Ausgabe des Muddy Roots Festivals im fernen belgischen Oostkamp konnte man sich auch heuer getrost sparen, das wesentlich stringenter, konzeptionell stimmiger und schlicht besser besetzte Line-Up zum Thema fand sich zum wiederholten Male vor heimischer Haustür im Blauen Land. Am Hügel auf der grünen Wiese unter der Eiche in Sichtnähe zu Herzogstand, Heimgarten und Zugspitze dürften nach den drei Tagen konzertanter Intensiv-Bedienung keine Wünsche mehr offen geblieben sein.

Bereits in die Vollen ging es mit dem ersten Auftritt, den flotten Reigen eröffneten am Freitag Nachmittag The Yawpers aus Denver/Colorado mit einem schmissigen Set, der das Festival-Publikum sofort auf den Raut-Oak-Modus einstellte und die grobe Marschrichtung für die kommenden drei Konzert-Tage vorgab. Beherzter, angerauter Rock ’n‘ Roll der alten Schule, beseelte, grobe Blues-Heuler, Reminiszenzen an den alternativen Country-Rock wie den tiefen Herzschmerz des Sixties-Deep-Soul, angelegentlich mit einem funky Unterton präsentiert, damit konnte die Band nicht fehlgehen zum sofortigen Hochfahren des Stimmungspegels beim bereits anwesenden ROF-Volk. Wo das Trio auf ihren Tonträgern wie dem jüngst bei Blooodshot Records veröffentlichten Werk „Human Question“ instrumental weitaus differenzierter unterwegs ist, damit die ein oder andere Kante ihrer geerdeten Americana-Interpretationen abschleift und von den gröbsten Splittern und Widerhaken befreit, reduziert die Band ihren Live-Sound mittels zweier Gitarren und einem Drum-Set auf die wesentlichen Elemente im rohen, unbehandelten Anschlag und konterkariert damit ihre seltsam intellektuell verbrämten Texte mit thematischen Exkursionen zu „German Realpolitik“ und Sigmund Freud.
Frontmann Nate Cook brillierte in seinen Rollen zwischen manischem Blues-Preacher und Liebeslieder-singendem Herz-Schmerz-Crooner, und spätestens daran war festzumachen, dass The Yawpers als erste Band und damit Anheizer bei noch geringem Besuch des Freiluft-Auditoriums eigentlich fast verschenkt waren, aber irgendwer muss die Nummer anstoßen, und für die Band wartete bereits the open road zwecks weiterer anstehender Gigs ihrer Europa-Tour in den kommenden Tagen. Ein Festival-Kick-off, wie er nicht schöner erhofft werden kann.

Das Raut-Oak-Fest ist mittlerweile bekannt dafür, dass es nicht alljährlich komplett die Besetzungsliste der auftretenden Musikanten durchwechselt, und so standen mit Christian Berghoff und Sebastian Haas vom saarländischen Duo Pretty Ligthning zwei alte Bekannte auf der Bühne, die bereits im Vorjahr das Freitags-Programm vor dem großen, stundenlangen Hagel-Sturm eröffneten. Die hypnotischen Beschwörungen der beiden Psychedelic-Experten vermochten im aktuellen ROF-Reigen – anders als vor zwölf Monden – den Wettergott und seine bösen Unwetter-Geister vom Austragungsort fernzuhalten, das Pantheon wie das Volk auf der Wiese lauschte entrückt der massiv einwirkenden, Hall-verwehten und durch den Verzerrer gejagten Gitarren-Psychedelia, dem Trance-artigen Desert-Drone-Flow und dem stoisch vorwärts drängenden Monoton-Drive der Drums, die atmosphärisch auch weitaus stimmiger zu verwirrenden Halluzinationen und gespenstischen Trugbildern in schweißtreibender, flirrender Prärie-Hitze als zu einem durchnässten Festival-Gelände passten. In andere Sphären einladender Sound-Trip, irgendwo zwischen den scharfen Klingen riesiger Wüsten-Kakteen und dem ausgedehnten Orbit im Outer Space schwebend.

The Dee Vees aus Manchester sind kurzfristig für ihre unpässlichen britischen Landsmänner von Demob Happy eingesprungen, was immer die ursprünglich angedachte Kapelle an Live-Entertainment aufzubieten hätte, es müsste ein gewichtiges Pfund sein, um mit dem Auftritt des Ersatz-Quartetts mitzuhalten. Opulenter Trash-Rock’n’Roll und finsterer Blues-Punk, wie ihn die Hörerschaft der Birthday Party, der Cramps und der Blues Explosion von Jon Spencer seit jeher zu schätzen wissen – laut scheppernd, roh und morbide, der wahre Stoff aus der dreckigen Blues-Punk-Garage als Soundtrack für den B-Horror-Streifen mit dem mordenden Psychopathen und das illusionslose Versumpfen am angeranzten Tresen der verschütteten Schnäpse und zahllos weggerauchten Kippen. Vorgetragen von einer vehement abrockenden Combo mit manischem, schwer zum Extrovertierten und damit zur großen Unterhaltungskunst neigenden Frontmann. Man kann es auch einfacher auf den Punkt bringen: dem Mann ging die eigene Reputation und die Contenance am Allerwertesten vorbei, er hat einfach die Sau raus gelassen und damit ein erstes, dickes Ausrufezeichen an Festival-Highlight in die Landschaft gestellt. Gitarrist/Sänger David Brennan aka DB sollte am folgenden Samstag in Sachen Bühnenpräsenz mit seiner anderen Combo namens Bones Shake – kaum vorstellbar, aber tatsächlich so geschehen – dahingehend noch eine gehörige Ladung drauflegen, dazu später mehr.

Den Heavy-Stoner-Blues von 20 Watt Tombstone gab’s bereits tags zuvor im trauten Heim von Mark Icedigger in den Suburbs von Rosenheim zum mentalen Einschwingen in die Raut-Oak-Welt, mit einem indisponierten, maulfaulen und hinsichtlich Zugaben-Block höchst unwilligen Gitarristen Tom Jordan, vom zahlreich erschienenen Publikum durchaus missbilligend zur Kenntnis genommen. 55 Minuten für einen gut bezahlten Haus-Gig inklusive exzellenter Verpflegung und Herberge für die Musiker waren schlicht und einfach zu wenig. Umso erstaunlicher, wie die Band und speziell der schwergewichtige Frontmann bei entsprechend größerer Zuhörerschaft und großartig abgemischtem Equipment zum lauteren Lärmen kaum 24 Stunden später aufblühte und zu Hochform auflief, im beseelten Spielwitz wie in der angeregten Kommunikation mit dem versammelten Auditorium vor der Bühne. Die große bayerische Volksschauspielerin Ida Schumacher drängt sich da förmlich auf mit einem Zitat, in schöner Analogie zu den Münchner Markt-Preisen für Eier und der Lege-Bereitschaft der liefernden Hühner im Winter in den fünfziger Jahren: „Mit 21 Pfennig, da ist es ihnen zu kalt, und mit 26, da leint ihnen der Hintern wieder auf“.
Den Klassiker „Killing Floor“ aus der Feder des großen Chester Burnett, jeweils eine Fremd-Komposition von Kyuss und den mit der Band befreundeten Left Lane Cruiser, der massige Rest der eigene Heavy Shit from Grunge to Blues and back out of Wasau/Wisconsin, laut und mit Rasiermesser-scharfen Slide-Riffs der Hörerschaft vehement um die Ohren geblasen – bis auf das exzessive, enervierende Handy-Gefilme des Tour-Managers auf der Bühne für sich besehen keine größeren Beanstandungen zum Raut-Oak-Gig des Rauschebart-Duos, im Kontext der aufeinander folgenden oberbayerischen Gigs von allen Besucher_Innen beider Veranstaltungen indes gebührend kritisch gewürdigt und eingeordnet.

Alte Bekannte in der Raut-Oak-Historie auch mit Freight Train Rabbit Killer am Abend zu bester Konzert-Stunde und etwas entspannteren Außentemperaturen, was der rituellen Tanzwut und den beschwörenden Gesten der verkleideten Hasen-Fans vor der Bühne nur förderlich war. Kris „Freight Train“ Bruders und Mark „Rabbit Killer“ Smeltzer aus Kansas City ignorierten wie im Vorjahr an selber Stelle das Vermummungsverbot und zelebrierten ihren Burka-Blues mit hart angeschlagenen Stahl-Saiten im Flusse stoischer Monotonie. Der Schamane vom Hügel und sein Outlaw-Kompagnon prangerten als verstaubte und abgehalfterte Reiter der drohenden Apokalypse und Rufer in der unwirtlichen Wüste die menschlichen Verfehlungen und seelischen Abgründe an: Southern Gothic im Roh/Ur-Zustand, Doom Blues im sinister dräuenden Trance-Flow, „Pictures From Life’s Other Side“, wie unser liebster Möbelpacker Johnny Dowd unheilvoll anmerken würde. Religiös verbrämte, ewige aktuelle Blues-Gospel, Moritaten vom Totschlag, von der Rache und vom Suff, dazu ergreifende Beschwörungen des Satans, der heimkommen soll ins Königreich der Engel, um diesem irdischen Elend endlich ein Ende zu bereiten.
Bei Bands vom Kaliber der Freight Train Rabbit Killer darf sich Veranstalter Christian Steidl mit dem Engagement wie ein notorisch in unendlicher Repetitiv-Schleife gegriffener Blues-Riff gerne und oft wiederholen, die „Band that will play the party after the world ends“ hat auch dieses Mal die Feierlichkeiten trotz schwerem und morbidem Inhalts-Stoff geschmissen, bevor aller Tage Abend war und das letzte Stoßgebet gefleht…

Den Hauptact des Freitag-Abend mit 70 Minuten „Destruction & Melody“-Vollbedienung plus zugestandener Zugaben in Abweichung vom Plan lieferten die beiden Ladies vom kanadischen Power-Duo The Pack A. D. aus Vancouver, auch sie keine Unbekannten am Riegsee für altgediente Festival-Gänger. Becky Black und Maya Miller eilt im Falle sich einstellender Spiel-Laune und entsprechender Motivation der Ruf einer exzellenten Live-Band voraus, und dem wurden die beiden jungen Musikerinnen zu fortgeschrittener Stunde bei ihrem jüngsten Gastspiel im Alpen-Vorland auch umfänglich gerecht. Der satt abgemischte Sound tat das Seine zum vehementen Gig, zu dem die Band neben einer Auswahl vom aktuellsten Album „Dollhouse“ auch aus dem reichhaltigen Fundus älterer Aufnahmen schöpfte. One of „Canada’s must-see bands“ untermauerte eindrücklich, dass Indie im Jahr 2019 noch uneingeschränkt Spaß machen kann. Sängerin/Gitarristin Becky Black legte die ganze emotionale Bandbreite ihrer fordernden wie schmeichelnden Sirenen-Gesänge in das von Trommlerin May Miller stramm wie humorig begleitete Gewerk aus polterndem Garagen-Blues, direkt zupackendem Punk-Trash, verspielten Psychedelic-Einwürfen und großen Ramones-Pop. Exzellentes Entertainment aus krachigem Lärm und melodischen Harmonien kann so einfach wie effektiv sein und sich damit völlig unkompliziert zu einem herausragenden Konzert auswachsen. Der guten Stimmung bei Band wie Publikum tat selbst die Nummer mit dem Strohhut keinen Abbruch: wäre man nicht der völligen Verblödung anheim gefallen, hätte man bereits beim ersten Versuch zur Kenntnis nehmen können, dass Gitarristin Becky keinen gesteigerten Wert auf das Tragen dieser Läusefalle hatte, aber Penetranz ist ein ausgeprägter und weithin verbreiteter Charakterzug so mancher Idioten, und bei einem ausverkauften, mit wesentlich mehr Zuschauer-Zulauf als in der Vergangenheit bedachten Festival kann es wohl zwangsläufig nicht ausbleiben, dass sich ein paar Deppen auf dem Gelände und speziell vor der Bühne tummeln. Anyway, großer Auftritt von The Pack A. D. – und damit eine hoch gelegte Messlatte für den finalen Gig des Abends.

Den ersten, rundum gelungenen Festival-Tag des ROF 2019 beschloss das neuseeländische Duo Earth Tongue. Sängerin/Gitarristin Gussie Larkin ist mit diesem Nebenprojekt wie mit ihrer Stammformation Mermaidens in jüngster Vergangenheit auf Initiative von KiwiMusic-Veranstalter Christian Strätz, den Machern des Maj Musical Monday und nicht zuletzt KAP37-Organisator Christian Solleder zu diversen Gelegenheiten im Münchner Konzert-Betrieb in Erscheinung getreten, was unter anderem zur prompten, für das gängige Linup untypischen Verpflichtung von Earth Tongue zum diesjährigen Raut Oak führte. Gussie Larkin und Trommler Ezra Simons schwangen sich mit dem Material des wenige Tage zuvor erschienenen, brandaktuellen Tonträgers „Floating Being“ kurz nach Mitternacht in neopsychedelische Indie-Space-Höhen auf, in unvermittelten Tempi-Wechseln, mit progressiver Wucht und im weiteren Verlauf mit einer aufgrund der verhaltenen wie verspielten Eröffnung von vielen nicht erwarteten, schweren Doom- und Stoner-Härte, die Gitarristin Larkin mit brachialen, vibrierenden Metal-Riffs auskleidete und vom jugendlichen Drummer Simons als vollmundigen Black/Sludge-Brüller auf die Spitze getrieben wurde.
Earth Tongue bereicherten das Festival nicht unwesentlich mit ihrer dröhnenden, stilistisch breit aufgestellten Spielart des Indie/Trance/Progressive-Crossover, mit einem Genre-übergreifenden Ausbruch, der durch leiernde Klage-Gesänge, brachiale Attacken wie Melodien-verliebtes Driften im Hypnose-Flow eine eigene Note im Blues- und Trash-dominierten Raw Underground Setup des weltbesten aller Open Air Festivals setzte.

ROF 2019 / Day 2 – coming soon…

Earth Tongue + Ippio Payo @ KAP37, München, 2018-10-04

Auftakt nach der Sommerpause zur musikalischen Herbstsaison im KAP37 mit einer Premiere des Münchner KiwiMusic-Veranstalters Christian Strätz, der erstmals zusammen mit den SchaufensterKonzert-Organisatoren Angelique Viehl und Christian Solleder ein sehens- und hörenswertes München-/Neuseeland-Doppelpack in den Räumlichkeiten der Nachbarschaftshilfe Westermühlbach an den Start brachte.

Den ersten Teil des Konzertabends bespielte der hochgeschätzte, in zahlreichen Münchner Formationen wie The Grexits, Zwinkelman oder Majmoon maßgeblich involvierte Musiker und rührige Maj-Musical-Monday-Organisator Josip Pavlov mit seinem Postrock-Solo-Outfit Ippio Payo, an dieser Stelle wahrlich kein Unbekannter, da bereits des Öfteren verdientermaßen gebührend gewürdigt. Erst vor knapp einem Monat beim „Ois Giasing!“-Stadtteil-Fest zugange und genossen, hat Pavlov seinen One-Man-Gitarren-Postrock in der Zwischenzeit weiter erkennbar mutieren und neue Ideen in das instrumentale Gewerk vom Debütalbum „All Depends On Nature“ wie in neueren Kompositionen einfließen lassen, im Geiste einer permanenten Weiterentwicklung des ureigenen experimentellen Ansatzes driftete das Ippio-Payo-Klangbild am Donnerstagabend in einen gesangsfreien Post-Progressive-/New-Wave-Rock, der mittlerweile auf dem hohen Level der besten King-Crimson-/Robert-Fripp-Arbeiten der frühen Achtziger angelangt ist. Wo der englische Experimental-Rock-Großmeister seit jeher seine Stamm-Combo, versierte Musiker-Kollegen oder das mehrköpfige Gitarristen-Orchester seiner League Of Crafty Guitarists bei der Einspielung der komplexen Kompositionen in Anspruch nahm, gestaltet Josip Pavlov im Do-It-Yourself-Ansatz seine hypnotischen Klangskulpturen alleine aus einer Hand, mit live eingespielten Rhythmus-Gitarren-Loops, übereinander gelegten Klang-Schichten zwischen Ambient-Drones und repetitiven Riffs, begleitenden Melodie-Bögen und experimentellen, schroffen und dissonanten Saiten-Übungen. Sich dem Bann des Trance-haften Gitarren-Flows zu entziehen, war einmal mehr ein so gut wie unmögliches Unterfangen, im Zusammenwirken mit der Klang-erweiternden Behandlung des Gitarren-Pedalboards und gesampelten Sound-Trips, dem erstmals so erlebten Integrieren eines Daumenklaviers und Takt-gebenden Feedback-Erzeugen via Verstärker-Kabel zauberte Ippio Payo nahezu rauschhafte Glückszustände in den Saal, fernab des Gottlob bald überstandenen Oktoberfest-Ausnahmezustands in dieser Stadt, und bei Bedarf sogar völlig Alkohol-frei.
Ein profilierter Ausnahme-Musiker wie Josip Pavlov ist mit diesen ausgewiesenen Fertigkeiten, diesem Talent und Ideen-Reichtum für ein halbstündiges Vorprogramm fast schon verschenkt, nicht wenige im Saal hätten sich zu der Gelegenheit sicher noch gerne länger im steten wie gleichsam stets hochspannenden Post-/Progressive-Rock-Fluss des Münchner Klangforschers verloren.
Die nächste Gelegenheit zu ähnlichen konzertanten Erbauungen steht bereits ins Haus: Ippio Payo tritt am 20. Oktober zusammen mit dem Licht-/Video-Künstler Gene Aichner aka Genelabo im Rahmen des Taxi Salons auf, gemeinsam werden Pavlov und Aichner ihr exzellentes audio-visuelles Projekt NAQ/Nobody Answers Questions aufführen. Import/Export, München, Schwere Reiter Straße 2, Einlass 18.00 Uhr.

Im zweiten Teil des Abends bespielte das junge neuseeländische Indie-Duo Earth Tongue mit einem kurzen und intensiven Auftritt den bis dato wohl lautesten Gig der mittlerweile mehrjährigen KAP37-Konzerthistorie. Gitarristin/Sängerin Gussie Larkin und Drummer/Sänger Ezra Simons gingen vom Start weg unvermittelt in die Vollen, nahmen in den knapp bemessenen 45 Minuten keine Gefangenen und ließen mit dröhnenden Gitarren und wuchtigem Getrommel keinen Zweifel an der eigenen Rock-musikalischen Prägung. Wo sich in den Studio-Aufnahmen der Band aus Wellington nicht zu knapp stilbildende Elemente aus Space-Rock und kosmischem Trance finden, durfte die psychedelische Komponente in der konzertanten Präsentation der beiden allenfalls die zweite Geige spielen, unüberhörbar war die eingehende Auseinandersetzung der blonden Gitarristin mit vermutlich jedem einzelnen dröhenden Gitarren-Riff, das Tony Iommi in seinem halben Jahrhundert auf dem Buckel als Black-Sabbath-Leader jemals durch die Lautsprecher wuchtete – der Tonkunst des Duo würde man mit diesem vehementen Doom-Metal-Ansatz indes nicht vollumfänglich gerecht werden, würde man es als pures Epigonentum abstempeln. Die Band verstand es einnehmend, den Urmeter des Heavy Metal mit geerdeter Stoner-Rock-Härte, sporadisch gezündeten Progressive- und Acid-Rock-Nebelkerzen, den erratischen, kehligen Brüll- und Groll-Attacken von Trommler Simons als Reminiszenz an den Death Metal und Gussie Larkins Sirenen-Gesang zu verweben, einer latent leiernden, verhallten und leicht entrückten Sangeskunst, die dann letztendlich doch über der Soundwand schwebend die Sixties-Psychedelic zum Blühen brachte.
Zur eigenen Kontemplation und Pausen-gewährenden Erholung der Gehörgänge des Publikums schalteten Earth Tongue dann und wann in einen melodischeren Indie- und Grunger-Modus, zu dieser Genre-übergreifenden, flächendeckenden Beschallung war durchaus Staunen angebracht über den dichten und voluminösen Sound, den die beiden jungen Underground-Künstler von Down Under mit ihren gerade mal zwei Instrumenten in den kleinen, feinen KAP-Saal zauberten. Mehr als gelungener Einstand des Duos bei ihrem allerersten München-Gig, zu dem sich Gitarristin Gussie Larkin zur Krönung des Abends obendrein mit Geburtstags-Glückwünschen zum Wiegenfest vom Publikum besingen lassen durfte.
Bedauerlich, dass nach einer dreiviertel Stunde inklusive einer einzigen Zugabe bereits der Feierabend von Earth Tongue im KAP37 eingeläutet wurde, das Repertoire der jungen Formation gab nicht mehr Stoff her für weitere Bedröhnung, die der Hörerschaft gewiss kein Knurren des Missfallens entlockt hätte. So bleibt die freudige Erwartung auf den ersten Longplayer der Band mit geplanter Veröffentlichung Anfang des kommenden Jahres und die Hoffnung auf eine Wiederkehr von Larkin & Simons ins Isardorf zur Live-Promotion des Tonträgers.
Da hat er alles andere als gekleckert, der Christian Strätz, mit dem ersten Streich seiner konzertanten New-Zealand-Oktober-Veranstaltungen, die am 18. Oktober im Münchner Zwischennutzungs-Projekt Köşk fortgesetzt werden, mit Auftritten des Duos Astro Children und der One-Woman-Soloperformance von Millie Lovelock aka Repulsive Woman aus Auckland. Schrenkstraße 8, Einlass 19.00 Uhr, Beginn 20.30 Uhr. Be there!

Earth Tongue sind im Oktober im Rahmen ihrer Europatournee noch zu folgenden Gelegenheiten in unseren Breitengraden zu sehen:

13.10.Kiel – Alte Mu
17.10.Dortmund – Rekorder

Das nächste SchaufensterKonzert im KAP37 steigt am 15. November, kein Geringerer als the beloved, unparalleled and enlightened Wanderprediger und One-Man-Band-Kellergospler Dirk Otten aka The Dad Horse Experience wird sich die Ehre geben, den Gott-gefälligen Pfad beschreiten und Absolution erteilen. München, Kapuzinerstraße 37, 20.00 Uhr.

Konzert-Vormerker: Earth Tongue + Ippio Payo / Astro Children + Repulsive Woman

Neue Musik from Down Under in München, dank KiwiMusic-Konzertveranstalter Christian Strätz, Christian Solleder vom beloved KAP37 und dem ebenfalls sehr geschätzten Zwischennutzungsprojekt Köşk bietet sich im Oktober gleich zweimal die Gelegenheit im Isar-Dorf, in die Nachwuchs-Szene des New-Zealand-Underground reinzuschnuppern.

Earth Tongue sind ein junges Indie-Duo aus Wellington, Gitarristin/Sängerin Gussie Larkin und Drummer Ezra Simons zelebrieren psychedelischen Fuzz- und Space-Rock in einem Wechselbad zwischen heftigen Gitarrenriffs, wuchtiger Stoner-Härte und kosmischen Drop-Out-Trance-Ergüssen, mit dieser Spielart des SciFi-/LoFi-Acid-Rock hat sich das Paar in der neuseeländischen Heimat in den letzten Jahren einen Ruf als exzellente Live-Band erspielt und ist bereits mit Größen des Genres wie Wolfmother oder Ufomammut aufgetreten. 2016 ist ihre Debüt-EP „Portable Shrine“ erschienen, der erste Volle-Länge-Tonträger ist für Anfang des kommenden Jahres geplant.
Das Münchner Konzert des aufstrebenden jungen NZ-Duos Anfang Oktober im KAP-Schaufenster-Saal wird vom ortsansässigen, vielbeschäftigten Multiinstrumentalisten und Maj-Musical-Monday-Veranstalter Josip Pavlov und seinem Ein-Mann-Instrumental-Postrock-Outfit Ippio Payo eröffnet, alleine dieser Gig ist schon Grund genug, die Veranstaltung zum Pflichttermin zu deklarieren.

KiwiMusic und SchaufensterKonzert KAP37 präsentieren: Earth Tongue + Ippio Payo, KAP37, Kapuzinerstraße 37, München, 4. Oktober 2018. 20.00 Uhr.

Die neuseeländischen Combos auf Flying Nun Records und speziell der Dunedin-Sound waren in den Achtzigern dank gebührendem Bepreisen in Fach-Postillen wie Spex und natürlich nicht zuletzt durch fleißiges Touren der Bands auch in unseren Breitengraden bei KennerInnen des gepflegten Indie-Gitarren-Pop schwer angesagt, in dieser Tradition wandelt auch das gemischte Doppel Astro Children aus – es war zu ahnen – Dunedin, dem zweiten Streich der im Oktober in München von KiwiMusic präsentierten NZ-Perlen.
Sängerin Millie Lovelock mit betörendem Gesang und Gitarre und Drummer Isaac Hickey spielen eine einnehmende Mixtur aus Ohren-schmeichelndem Indie-Pop, geheimnisvoller Shoegazer-Entrücktheit und psychedelischen Velvet-Underground-Reminiszenzen, eine Spielart des undergroundigen Musizierens, zu der den Bands aus Neuseeland seit jeher kaum das Wasser gereicht werden konnte.
Die beiden Astro Children kennen sich seit frühesten Schultagen, veröffentlichten seit 2012 mehrere Tonträger in diversen Formaten und planen für Ende diesen Jahres das Release des Longplayers „Turnpike“, aus dem bereits vorab die Single „Beneath The Visible Surface“ zum Antesten der Spaceship-Pop-Herrlichkeit des Duos veröffentlicht wurde.
Das Vorprogramm des Abends gestaltet Millie Lovelock mit ihrem eigenen Solo-LoFi-Pop-Projekt Repulsive Woman. Ob sie zu der Gelegenheit dann auch leicht bekleidet ihre subtile Lolita-Erotik – wie auf Promo-Fotos gezeigt – einsetzt, wird sich zeigen…

KiwiMusic präsentiert: Astro Children + Repulsive Woman, Köşk, Schrenkstraße 8, München, 18. Oktober 2018. 19.00 Uhr.