Faust

Reingehört (312): Faust, Slowdive

Faust – Fresh Air (2017, Bureau B)

Space is the place: Die deutsche Krautrock-Legende Faust war im vergangenen Jahr in den Staaten auf Konzertreise zugange, die verbleibenden Urväter Zappi Diermaier und Jean-Hervé Péron gaben sich die Ehre mit diversen Gastmusikern, die beiden ausgedehnten Arbeiten des Albums, der 17-minütige Titeltrack und „Fish“ wurden live in Jersey beim WFMU-Sender eingespielt, die weiteren Teile entstanden während diverser Studio-Aufenthalte in Kalifornien und Texas. Faust dehnen auf „Fresh Air“ die Grenzen der experimentellen Rock-Musik und der freien Improvisation in Richtung drängende Free-Jazz-Flows, neoklassizistische Streicher-Drones im gälischen Folk-Kontext und Spoken-Word-Rezitationen in einer Bandbreite von Vokal-Dadaismus bis hin zu oberbayerischen Sprach-Samples eines Milchbauern, der ein Bier und einen Schnaps zwitschert und urplötzlich die Kuh doppelt sieht, Psychedelic kann so einfach sein, bei uns in Bayern allemal… Der eigenen Kraut-Vergangenheit zollt die Formation mit brummenden Synthies, scharf-schneidenden Gitarren-Deformationen und stoischer, treibender Rhythmus-Motorik Tribut, wie sie der kürzlich verstorbene Can-Trommler Jaki Liebezeit zur Formvollendung brachte. Die Gesangseinlagen teilen sich Jean-Hervé Péron in seinem euphorischen Französisch-Vortrag und die kalifornische LoFi-Indie-Folkerin Barbara Manning im englischen Gegenpart. Fünfzig gelungene, höchst anregende Minuten in Sachen Experimental-musikalischer Grenzerfahrung. Der Faust-Kult ist nach wie vor ein gerechtfertigter.
(**** ½ – *****)

Slowdive – Slowdive (2017, Dead Oceans)

Gelungene Wiederkehr der englischen Shoegazer-Institution Slowdive, alles in allem. Eine Neuauflage der verhuschten, über dem Boden schwebenden Dreampop-Entrücktheit macht auch weitaus mehr Sinn als irgendwelche unausgegorenen Indie-Folk-Scheiben von Herrn Halstead oder das belanglose Rumgespastel von Frau Goswell bei diesem unseeligen Minor-Victories-Allstar-Gedöns (bevor wer motzt: Mojave 3 waren zwischendrin schon ok, irgendwie).
Die Eröffnungsnummer „Slomo“ klemmt zwar trotz des tollen Titels noch etwas hinsichtlich ätherischer Saumseeligkeit, nach den knapp sieben Minuten hat man die Wiedergeburts-Schmerzen dann auch schon hinter sich und findet sich im betörenden Flow der schmerzhaft schönen Indie-Pop-Perlen gefangen, wie sie die Band auch nach Jahrzehnten der Abstinenz sofort wieder präsent in ihrer luftig-melancholischen Manier aus dem Ärmel schüttelt. Neben dem Brian Jonestown Massacre haben diese Nummer aus bezwingender Melodik, frei fließenden Moll-Gitarren und verhallter, vernebelter Sixties-Psychedelic in der Qualität heutzutage nicht mehr allzu viele Combos drauf, bei Slowdive brummt das nach wie vor – oder viel mehr: wieder – sehr geschmeidig. Was treiben eigentlich die Damen und Herren von Galaxie 500 dieser Tage?
(**** ½)

Gut & Irmler, Driftmachine, Thomas Köner @ Frameworks Festival, Einstein Kultur, München, 2015-03-12

Das Münchner Frameworks Festival findet jährlich seit 2011 statt und bietet ein Forum für experimentelle Musiker aus den Bereichen Avantgarde, Trance, Ambient, Elektronik und abstrakter Komposition. Im Begleitfolder für die heurige Veranstaltungsreihe ist folgendes zum Anspruch des Festivals zu lesen: „Es möchte Künstlerinnen und Künstlern aus unterschiedlichen europäischen Subkulturen Raum bieten, unkonventionelle und innovative Wege unabhängiger Musik zu verfolgen.“
Dank finanzieller Unterstützung durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München war auch in diesem Jahr der Eintritt für die Besucher frei.
Für die Kurzentschlossenen: Heute Abend treten noch die Künstler Mo Kolours, Lambert und Raz Ohara auf. Einlass 19.00 Uhr, Showtime 20.00 Uhr, Einstein Kultur, Einsteinstraße 42, München.

Nachdem ich in den letzten Jahren unter anderem den Experimental- und Elektronik-Pionier Hans-Joachim Roedelius (Cluster) wegen anderweitiger Verpflichtungen versäumt habe (was mich heute noch wurmt), ist es sich dieses Jahr endlich zeitlich ausgegangen und ich konnte mir den Eröffnungsabend zusammen mit meinem Experimental-Buddy Anton in ganzer Pracht zu Gemüte führen.

Den musikalisch hochspannenden Abend eröffneten die Herren Florian Zimmer und Andreas Gerth – letzterer könnte Elektro- und Dub-Interessierten durch sein Mitwirken beim Tied & Tickled Trio aus dem Notwist-Umfeld bekannt sein – die mit ihrem neuen Projekt Driftmachine mittels modularer Synthesizer und selbstgebauten Apparaten das geneigte Publikum mit ihren verhallten Beats, wummernden Bässen und verzerrten Industrial-/Störgeräusch-Versatzstücken in Verzückung versetzten. Elektrotrance-Musik mit Suchtfaktor und Pop-Appeal, gleichermaßen den Bewegungsdrang und das Hirn anregend, für mich das Highlight des Abends, was aufgrund des euphorischen Beklatschens der Darbietung auch noch einige weitere Besucher der Veranstaltung so gesehen haben dürften…
(**** ½ – *****)

Driftmachine / Facebook

Im Mittelteil der illustren Veranstaltung traten mit Gudrun Gut und Hans Joachim Irmler zwei Legenden der deutschen Avantgarde- und Experimental-Musik auf, Gudrun Gut ist seit Jahrzehnten bekannt in der Szene durch ihr Mitwirken bei den Bands DIN A Testbild, Mania D und Malaria, zudem war sie zusammen mit Blixa Bargeld, N U Unruh und Beate Bartel Gründungsmitglied der Einstürzenden Neubauten. Hans Joachim Irmler ist ein Urgestein des Krautrock, 1971 war er Mitbegründer der einschlägig bekannten Band Faust. Der Krautrock-Einfluss war auch an diesem Abend nicht zu überhören, die beiden Alt-Avantgardisten zauberten an selbstgebauten Tasteninstrumenten und Labtop Klanggebilde auf den verwaschenen Teppich der deutschen Ursuppe aus den 70er Jahren, gewürzt mit Ambient- und Industrial-Beimischungen und optisch aufgepeppt durch eine Amateurvideo-Installation. Um nicht zu sehr im Retro-Sound der Anfangssiebziger zu verhaften, wurde die Darbietung eindrucksvoll durch hörenswerte, tranceartige Elektrobeat-Nummern und Techno-Samplings ergänzt. Um es mit Gudrun Gut zu sagen: „Sonnenbrille auf, wir gehen zu den Sternen, Sonnenbrille ab, wir tauchen tief hinein!“
(****)

Gut & Irmler / Homepage

Den anregenden Abend beschloss der aus Bochum stammende Klang- und Videokünstler Thomas Köner, er sich in den neunziger Jahren einen Namen im Bereich des Minimal Techno machte. Am Donnerstag präsentierte er eine Videoinstallation, die vor allem Bildzitate aus dem expressionistischen Stummfilm-Klassiker „Metropolis“ von Fritz Lang aus dem Jahr 1927 verwendete und unterlegte die surrealen Bilder mit kontemplativem, ins düstere abdriftenden Ambient- und Drone-Sound, der partiell an die Industrial-Meditationen der britischen Noise-Pioniere Throbbing Gristle erinnerte und der im stillen Kämmerlein schwer konsumierbar wäre, in der optisch-konzertanten Präsentation jedoch eine unglaubliche, faszinierende Sog-Wirkung entwickelte. Ein würdiger Abschluss eines rundum gelungenen ersten Festival-Tags.
(****)

Thomas Köner / Homepage

Frameworks Festival / Homepage