Finnland

Cold Institution + Rue Morgue @ Stattpark OLGA, München, 2017-08-12

Der Stattpark OLGA, ein alternatives und selbstverwaltetes Münchner Wohn- und Kulturprojekt, ist nach Gründung in Giesing und Zwischenaufenthalt in der Nähe der Münchner Großmarkthalle mittlerweile auf einem freien Gelände in Obersendling an der Boschetsrieder Straße gelandet, dort wird die Wagenburg voraussichtlich 2018 einem Schulbau weichen und weiterziehen müssen. Zwischen den als Wohnungen, Arbeitsstätten und Kinderhort genutzten Bauwägen findet sich in einer Holzbude untergebracht ein selbstgezimmerter Indie-Club mit Bühne, Bar, Chill-Out-Zone und DJ-Pult, eine Art Miniatur-Ausgabe des Kafe Kult, vom selben charmanten Do-it-Yourself-Geist durchweht wie die Kulturstation im entlegenen Oberföhring – und am vergangenen Samstag mit ähnlich gutem Live-Programm auf der Tagesordnung aufwartend: Mit Cold Institution und Rue Morgue gaben sich zwei junge, aufstrebende Bands aus der Postpunk-Subkultur Helsinkis auf Spendenbasis ein lärmendes Stelldichein im Münchner Süden.

Die fiktive Pariser Rue Morgue geisterte bereits das ein oder andere Mal durch den Kulturbetrieb, 1841 in einer Kurzgeschichte von Horrorliteratur-Urvater Edgar Allan Poe, fast 150 Jahre später als Namensgeber für die Desert-/Indie-Blues-Sammlung auf dem Solo-Debüt des australischen Düster-Barden Hugo Race, jüngst 2015 nun haben sich vier finnische Jungspunde den französischen Straßen- als Bandnamen auserkoren. Mit einem zupackenden Vortrag eröffneten Rue Morgue den intensiven Reigen am Samstagabend, die aufgestaute Wut und Energie herausschreiend, von schneidenden Gitarren und hartem Rhythmus-Anschlag begleitet, mit genügend Rest-Melodik versehen, um sich gut ins Ohr zu fräsen, so gestalteten die Musiker aus Helsinki ihren kurzen wie beherzten Auftritt, der die dunkel funkelnde, ergreifende Faszination des Frühachtziger-Postpunk mit der rohen Frische der Rotzlöffel-Musik der späten Siebziger paarte und mit einem Schuss Gothic-Schwarzkittel-Atmosphäre garnierte, der geeignete Stoff, um alte Säcke mit einem seligen Lächeln auf den Lippen ihrer vergangenen Jugend gedenken zu lassen und gleichsam den nachgeborenen Jahrgängen zu demonstrieren, welch ungebändigte Kraft dem musikalischen Underground einst innewohnte.
(*****)

Den zweiten Teil des Abends in der lauschigen Bretterbude bestritten die Helsinki-Ortsnachbarn von Cold Institution, ein gemischtes Doppel mit ausgefallener Instrumentierung, die klassische Stromgitarre wurde beim finnischen Quartett durch einen zweiten Bass ersetzt, dementsprechend durchdringend gestaltete sich die harte Rhythmik im Klangbild der Band. Die vier Suomi-Punks machten wie die befreundete Vorgänger-Combo von Sekunde eins an keine Gefangenen mit der Bühnen-Präsentation ihres kompromisslosen Brachial-Gepolters, nur schade, dass der Pop-artige Mädels-Gesang der Frontfrau derart breiig abgemischt durch die Anlage tönte, die wohlklingenden Sirenen-Klänge markierten in Reminiszenz an die Postpunk-Götter von den Young Marble Giants oder den wunderschön besungenen Schepper-Indie-Perlen der Shop Assistants den spannenden Kontrapunkt zum hart angeschlagenen Spät-/Post-/No-Wave-Punk der erweiterten Rhythmus-Abteilung. Sehr gute Haltungsnoten auch für den Sonic-Youth-artigen Abgang in finaler Feedback-Übersteuerung, da mundete der Absacker in Form eines gepflegten Quartiermeister-Hellen begleitend zum noch jungen Abend gleich doppelt gut, die Bewohner des Stattpark OLGA gestalteten den Pogo-Rausch in Rücksichtnahme auf die anwohnende Nachbarschaft in sozial verträglichem Zeitrahmen. Feine Veranstaltung, alles in allem…
(**** ½ – *****)

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frameless12: Martin Messier, Lau Nau, Liam Young @ Einstein Kultur, München, 2017-05-05

Die Münchner frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter bot bei der Veranstaltung Nummer 12 am vergangenen Freitag im Gewölbe des Einstein Kultur ein kontrastreiches Programm.
Die Kuratoren Karin Zwack und Dr. Daniel Bürkner präsentierten zusammen mit dem fördernden Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem curt-Magazin den kanadischen Ars-Electronica-Preisträger Martin Messier, experimentellen Folk der Finnin Laura Naukkarinen und den kurzen Spielfilm „In The Robot Skies: A Drone Love Story“ des britischen Regisseurs Liam Young aus dem Jahr 2016.

Martin Messier aus Montreal eröffnete den Reigen mit einer faszinierenden Aufführung, in der er sich die Gesetze der Physik zur Erzeugung von schweren Elektro-Drone-Klängen zunutze machte. Seine gesampelten, abstrakten Ambient-Entwürfe und schweren Industrial-Beats bereicherte er im wahrsten Sinne des Wortes spannungsgeladen mit dem Erzeugen von Signalen aus elektromagnetischen Feldern. Messier verkabelte bei zwei korrespondierenden Schaltflächen die Ein- und Ausgänge und erzeugte damit zwischen den Polen dieser Hochspannungsanlage beeindruckende Blitzlicht-Effekte und explodierende Störgeräusche, optisch-akustische Entladungen und Ausbrüche, die in deren Hochzeit jeder Einstürzende-Neubauten-Performance zur Ehre gereicht hätten.
Gepaart mit dem Pochen aus fernen Throbbing-Gristle-Tagen, einem sicher nicht ungefährlichen Stromschlag, den der Künstler ungewollt im Rahmen seiner vitalen Aufführung abbekam, und dem finalen Bearbeiten der Strom-durchfluteten Drähte mit einem Geigenbogen zur Erzeugung schneidender Akustik-Attacken formte sich die Aufführung zu einer überwältigenden, kunstvoll-radikalen Gewitter-Entladung.
(*****)

Seelen- und Gehörgang-Massage zum Entspannen offerierte im zweiten Konzert des Abends als konträres Programm zum Magnetfeld-Spektakel die finnische Musikerin Laura Naukkarinen aka Lau Nau. Ihr kurzes Solo-Konzert eröffnete und beschloss die hochsympathische Frau aus Helsinki mit reduziert-minimalistischen Keyboard-Loops, Gesang-Samplings und engelsgleichem, faszinierendem Vokalvortrag. Zwischen den beiden Experimental-Pop-Perlen erging sich Lau Nau Gitarren-begleitet in entschleunigtem, melancholischen Psychedelic-Free-Folk und Slowcore-Songwriting, den Gleichklang der spartanischen Kleinode durchbrach sie sporadisch und dezent unter Verwendung von unkonventionellen Gerätschaften wie einer Mundharmonika und blinkendem Kleinkinder-Spielzeug zum Slide-Gitarrenspiel – ein kontemplativer Vortrag im Spannungsfeld zwischen finnischer Volksmusik, Experimental-Folk und luftigem, entrücktem Avantgarde-Elektronik-Pop im Geiste von Laurie Anderson und Julee Cruise.
(**** ½)

Mit dem 10-minütigen Kurzfilm „In The Robot Skies“ des britischen Regisseurs und Architekten Liam Young zeigten die frameless-Veranstalter im Nebenraum des Konzert-Gewölbes den ersten Spielfilm, der komplett mit automatisierten Drohnen gedreht wurde. Die Arbeit thematisiert eine Liebesgeschichte und setzt sich mit der Rolle der Drohne als Transport- und Überwachungsmittel und ihrer Einsatzmöglichkeit im subkulturellen Kontext und in der Hacker-Szene auseinander.

Bereits am kommenden Donnerstag, den 11. Mai, geht die frameless-Reihe mit hochkarätiger Besetzung in die nächste Runde, die Chicagoer Postrock-Legenden Sam Prekop (The Sea And Cake) und sein Bandkollege und Tortoise-Musiker John McEntire sowie der in diesem Rahmen wohlbekannte Stefan Schneider (ex-Kreidler, ex-To Rococo Rot) werden auftreten, Schneider spielte zuletzt im März 2016 zusammen mit Sven Kacirek im Rahmen des frameworks-Festivals im Einstein Kultur. Daneben wird eine experimentelle Filmarbeit der britisch-nigerianischen Künstlerin Karimah Ashadu gezeigt. frameless13: Einstein Kultur, Einsteinstraße 42, 20.00 Uhr, der Eintritt ist wie immer frei.