Florian Zimmer

Wang Wen 惘闻 + Saroos @ Import/Export, München, 2018-01-25

Der vergangene Donnerstag-Abend in der Münchner Import/Export-Kantine stand unter dem Motto „Post Rock trifft Alien Transistor“, die Veranstalter von Comecerts luden zum ost-westlichen Kulturaustausch in Sachen Instrumentale Rockmusik.
Wie bereits sporadisch in den vergangenen zwei Jahren schnürten die jungen Konzert-Organisatoren Adam Langer und Jonas Haesner ein stimmiges Doppelpack aus chinesischer und ortsansässiger Tonkunst.

Den Auftakt bespielte die Hamburg-Berlin-München-Connection Saroos, Florian Zimmer, Christoph Brandner und Max Punktezahl trieb das Energie-Level des Abends von Beginn an weit in den oberen Bereich, der Indie-Kraut/Postrock des Trios befeuerte vom Fleck weg den Bewegungsdrang des Publikums, die Musikanten, die ansonsten bei Bands und Projekten wie Driftmachine, Lali Puna, Console und The Notwist mitmischen, ergingen sich in einem treibenden Fluss in schweren Bass-Linien, feinen Keyboard-Pop-Melodien und einem aus dem Modular-Synthesizer entlockten Kosmos aus experimentellen Samples, Electronica-Gelichter und digital-artifiziellen Trance-Beats, die mächtig getrieben wurden vom wuchtig-stoischen Uptempo-Trommelanschlag von Christoph Brandner, der die Instrumental-Werke mit Maschinen-artiger Präzision zu einem hypnotischen Klangbild veredelte, dessen Sog sich im Saal kaum jemand entziehen konnte, wenn auch eine zuweilen sich einschleichende Monotonie in der steten Wiederholung der Rhythmik-/Melodik-/Drone-Intervalle nicht von der Hand zu weisen war.
(**** – **** ½)

Wang Wen 惘闻 zählen in ihrer chinesischen Heimat zu den bekanntesten Postrock- und Instrumental-Bands, was den großen, partiell auch aus anderen deutschen Städten angereisten Anteil der asiatischen Community am Donnerstag-Abend im Publikum erklären mochte. Das sechsköpfige Kollektiv formierte sich kurz vor der Jahrtausendwende in der Hafenstadt Dalian, auf der Halbinsel Liaodong am Gelben Meer und in Luftlinie circa mittig zwischen Peking und dem nordkoreanischen Pjöngjang gelegen. Die Band hat bis dato sieben Studio-Alben veröffentlicht, dazu ein Split-Album mit der schwedischen Ambient-/Postmetal-Band pg.lost und im Rahmen gemeinsamer Konzertreisen bereits die Bühne mit Größen des Genres wie Mogwai oder Mono geteilt.
Den ersten München-Auftritt der Formation machten die bereits eingangs erwähnten, rührigen Studenten Langer und Haesner mit Unterstützung des Konfuzius-Instituts möglich, Adam Langer pflegt seit seinem Schüleraustausch in Hangzhou, einem späteren Studienaufenthalt und diversen Reisen ein spezielles Verhältnis zum Reich der Mitte und dessen Musik-Szene.
Wang Wen 惘闻 boten in neunzig höchst kurzweiligen Minuten eine faszinierende und völlig gefangennehmende Demonstration ihrer Spielart des Postrock, die Band gewährte sich und dem Publikum die nötige Zeit zum Entfalten der tonalen Wucht ihrer ausgedehnten und komplexen Kompositionen. Einem Rinnsal gleich, dass sich minütlich immer weiter zu einem reißenden Fluss entwickelt, packten die Musiker Schicht um Schicht ihrer sich permanent in der Intensität steigernden Zutaten in ihren rein instrumentalen, nur einmal kurz von einer vehementen Brüll-Attacke durchbrochenen Vortrag, dabei mittels melancholischer Keyboard-Klangteppiche und wunderschön elegischer, getragener Tuba- und Trompeten-Einlagen unterstreichend, dass der Postrock nicht zwingend nur von gängigem Laut-Leise und überbordenden Gitarren-Wänden dominiert werden muss wie auch gelegentlich in Melodie-verliebten Jazzrock der angenehmeren Variante driften darf. Erfurcht gebietend war die disziplinierte Herangehensweise der Musiker, das tiefe Ruhen in der eigenen Kunst und ihre ausgeprägten handwerklichen Fertigkeiten, die die facettenreichen Monumental-Werke zu einem organischen, höchst gelungenen und harmonischen Gesamtbild formten.
Die „Hits“ von Wang Wen 惘闻 waren am freudig überraschten Jubilieren der chinesischen Verehrer der Band bei Intonation der jeweiligen Stücke zu erkennen, bei der ausgeprägten Kenntnis des Kanons der Landsmänner hatten sie gegenüber den Langnasen an dem Abend das Riechorgan eindeutig vorn.
Mit diesem rundweg grandiosen, die Völker-verbindende Kraft der Musik unterstreichenden Konzert dürfte mit etlichen Jahren Verspätung nun selbst in München die Erkenntnis gereift sein, das China neben der Geopolitik auch im Postrock als Weltmacht anerkannt werden muss.
Wie wichtig die Ausgestaltung dieser Kulturaustausch-Abende und der Wohlfühl-Faktor für die jungen Veranstalter ist, zeigte sich nicht zuletzt am kostenfreien Ausschank chinesischer, hochprozentiger Spirituosen und dem Bereitstellen von scharfen asiatischen Snacks nach Ende der musikalischen Aufführungen.
(***** – ***** ½)

Reingehört (163)

FRAMEWORKS FESTIVAL 2015 Driftmachine (2)

Driftmachine – Colliding Contours (2016, Umor Rex)
Alles andere als „Gaukelwerk“, wie ein Titel auf dem Album suggerieren möchte: Driftmachine, das Berliner Duo der Musiker/Synthie-Schrauber Andreas Gerth (Tied & Tickled Trio, Ted Milton, Loopspool) und Florian Zimmer, das bereits bei ihrer Live-Präsentation im Rahmen des Münchner Frameworks-Festivals im März vergangenen Jahres einen exzellenten Eindruck hinterließ, begeistert auch auf dem neuen Tonträger schwerst mit düster anmutenden Ambient-Drones und spannendem, dunklem Elektro-Trance-Flow. Einmal eingetaucht in den Klang-Kosmos der Soundtüftler, mag man gar nicht mehr auschecken, ist wie in der Kindheit im Freibad, erst wieder raus, wenn die Lippen blau gefroren waren.
Treibende, Bass-lastige Beats, ein Hauch von Dub, Feedback, Hall und eine – trotz aller abstrakten Düsternis – Ahnung von Elektro-Pop, selbst in den Passagen mit dieser Driftmachine-eigenen, gespenstischen Dark-Trance-/Industrial-Atmosphäre, sorgen für den Suchtfaktor, der nach Abhören der Scheibe sofort zur Return-Taste am Player zucken lässt.
(*****)

Antonymes – (For Now We See) Through A Glass Dimly (2016, Hidden Shoal)
Puren Wohlklang präsentiert Ian Hazeldine aus Hawarden/Nord-Wales auf seinem neuen Opus, ein von Klavier und Streichern dominierter Reigen aus getragenem, meditativem Ambient und zeitgenössischer Klassik und eine perfekt strukturierte Abfolge der einzelnen Stücke sorgen für ein erhebendes Hörerlebnis, punktuell eingearbeitete Bläser-Sequenzen aus dem konventionellen Jazz-Bereich und die Vokal-Parts der GesangskünstlerInnen Joanna Swan, Martine Bijn und Jan Van den Broeke verstärken die melancholische Grundstimmung und den Gesamteindruck der Tiefenentspanntheit. Der kammerorchestrale Charakter der Produktion dominiert weit mehr als die elektronischen Beigaben, letztere erklingen jedoch in keiner Sequenz überflüssig oder gar störend.
(**** ½)