Folk-Rock

Lera Lynn @ Unter Deck, München, 2018-12-06

In der zweiten Staffel der amerikanischen Krimi-Serie „True Detective“ tritt Lera Lynn sporadisch in ihrer Nebenrolle als einsame, melancholische Folk-Croonerin im Hintergrund einer Kaschemme vor quasi leerem Saal auf, einzige Zeugen ihrer Sangeskunst sind die im Gesicht entstellte Kellnerin und die beiden Hauptprotagonisten Colin Farrell und Vince Vaughn, und die interessieren sich im Film seltsamerweise tatsächlich nicht die Bohne für die traurigen Darbietungen der schönen Musikerin, ganz anders verhielt es sich mit dem Publikums-Zuspruch zu ihrem ersten München-Gig am vergangenen Donnerstagabend im Innenstadt-Club Unter Deck. Lange Schlangen bereits vor dem Einlass, hat man so selten bis nie erlebt bei Veranstaltungen in der heimeligen Souterrain-Kneipe mit dem kleinen Konzert-Auditorium. „Sold Out“ verkündeten bereits Tage zuvor die Konzertveranstalter von Still Or Sparkling? um den rührigen Promoter Jörg Dahl – da haben die ortsansässigen Organisatoren einmal mehr ganze Arbeit geleistet zu der Gelegenheit.
Mit zweiter, elektrischer Gitarre und dezenten Harmony Vocals von ihrem Duett-Partner Todd Lombardo begleitet, gab die junge texanische Songwriterin Lera Lynn in ihrer München-Premiere alles andere als die ultracoole Unnahbare und suchte während ihres Gigs die Konversation mit den Konzert-Gästen, fand so umgehend den Draht zum vollbesetzten Saal und verstärkte damit nochmals gesteigert die Sog-artige Wirkung ihrer exzellenten Indie-Americana- und Neo-Folk-Songs, die sich vor allem im spartanischen, karg instrumentierten, erhabenen Balladen-Format als große Kunst ausnahmen, zu der die begnadete Sängerin alle Stärken ihrer charakteristischen Stimme zur Geltung bringen konnte, die sie mit ihrer Gebirgsbach-klaren Reinheit weit aus der Riege der Kolleginnen herausragen lässt. Eine Stimme, die es selbst im A-Capella-Ansatz vermag, große Dramen, ergreifende Sinnlichkeit und nachdenklichen Tiefgang, mitunter bedrückenden Schwermut zu transportieren. Mit derartigen Sanges-Qualitäten gesegnet, glänzte die junge Musikerin nebst optischer Reize mit einer Bandbreite von entrücktem Sinnieren bis hin zu verzweifelten Ausbrüchen, die schwerst beeindruckend das emotionale Spektrum ihres empathischen Vortrags zu demonstrieren wusste.
Daneben wagte sich das Duett angelegentlich in experimentellere Gefilde, lärmende Folk-Psychedelic-Gitarren vom versierten Mitmusiker Lombardo wie gesampelte Electronica-Rhythmik wussten tonale Dimension und Spannung der intimen Club-Show anregend zu steigern.
Der Song „My Least Favorite Life“ aus dem „True Detective“-Soundtrack war quasi Pflichtprogramm, ihre mit T Bone Burnett und Rosanne Cash geschriebene Solo-Glanznummer entfaltete auch im Duo-Vortrag ihre unterkühlte, gespenstische Erotik im Verbund mit dieser tieftraurigen Desert-Blues-Melancholie, die in der Fernsehserie die Bilder zur tiefschwarzen Geschichte nachdrücklich untermalt.
Auf die Coverversion des lahmen Heulers „Fire“ aus der Feder vom Stadien-Boss Bruce wäre indes gut zu verzichten gewesen, immerhin gelang es Lera Lynn mit ihrem betörenden Sangesorgan, der urfaden Nummer der Thematik entsprechend etwas mehr Sex-Appeal einzuhauchen, gleichwohl reichte auch das nicht aus, den Springsteen-Schleicher komplett vom Morast des Mainstream-Sumpfs zu befreien.
Lera Lynn ist mittlerweile in Nashville/Tennessee beheimatet, Welthauptstadt des Chart-tauglichen Country- und Western-Swings, das hörte man bedauerlicherweise auch dem ein oder anderen dargebotenen Song aus ihrem jüngsten Album „Plays Well With Others“ an, einer Duett-Arbeit mit diversen Größen des Genres wie Rodney Crowell, Shovels & Rope, JD McPherson und Dylan LeBlanc, Country-Gassenhauer, denen eine gewisse Austauschbarkeit hinsichtlich gängiger Cowboymusik-Phrasierungen leider nicht abzusprechen war. Bei einer Ausnahmesängerin wie der feschen Lera ist das gleichwohl Jammern auf hohem Niveau, lässliche Sünden letztendlich im Rahmen einer gelungenen, ersten tonalen Visitenkarten-Abgabe im Millionendorf an der Isar, mit der die hochtalentierte Musikerin unterstrich, dass im weiten Feld des amerikanischen Indie-Folk und Alternative Country neben nahezu unerträglich manierierten Vokal-Zumutungen – siehe etwa das derzeit allseits gepriesene, schwer verdauliche Laura-Gibson-Geheul – auch noch die reine, unverstellte Lehre ihren Platz findet, allein schon dafür herzlichen Dank an alle Beteiligten.

Philip Bradatsch @ Tollwood, München, 2018-11-28

Wohlig-wärmender Americana-Sound für Herz und Gemüt bei frostigen Außentemperaturen, von Trikont Recording Artist Philip Bradatsch und seiner Band beim Winter-Tollwood präsentiert, am vergangenen Mittwoch-Spätnachmittag. Die alternative Weihnachtsmarkt-Zeltstadt an der Münchner Theresienwiese war in vergangenen Zeiten nicht unbedingt der place to be, wenn’s um anregendes konzertantes Entertainment ging, dahingehend hat sich auch in der 2018er-Ausgabe nicht allzu viel geändert, umso schöner, dass mit Bradatsch – und der Donkeyhonk Company am 17. Dezember – zwei sehens- und hörenswerte Ausnahme-Acts auf dem heurigen Programm-Zettel des „Hexenkessel“-Zelts zu finden sind, wenn auch die Anstoß-Zeit mit 16.30 Uhr eine gewöhnungsbedürftige bleibt und vermutlich den ein oder anderen Interessenten vom Besuch zwecks anderweitiger Verpflichtungen abhält.
Den Musikern war’s offensichtlich einerlei, das Quartett war vom Start weg bereits zur Nachmittags-Matinee auf Betriebstemperatur beim gelungenen Opener mit dem finster dräuenden Desert-Rocker „Shadowland“, mit dem sich vorneweg andeutete, dass Philip Bradatsch zu der Gelegenheit bestens aufgelegt war hinsichtlich Fingerfertigkeit am Griffbrett seines Instruments und damit eine verbindliche Dringlichkeit in seiner Interpretation von süffigen, satten Southern-Rock-Ergüssen und den ausladenden, schwerst beseelten und inspirierten Gitarren-Soli im klassischen Folk-Rock-Geist an den Tag legte. Eingebettet in das begleitende Sound-Gerüst seiner grundsolide arbeitenden Band widmete sich der vielbeschäftigte Roots-Musiker aus dem Allgäu vor allem dem Material seiner jüngst beim Münchner Trikont-Label erschienenen Song-Sammlung „Ghost On A String“, in gedehnten, opulenten Versionen, die den exzellenten Studio-Einspielungen im Live-Vortrag noch ein gehöriges Maß an Intensität hinzuzufügen wussten. Wo der Tonträger bereits in feinster Americana-Songwriter-Kunst ohne Abstriche zu überzeugen weiß, ist die konzertante Umsetzung der Werke schlichtweg grandios, die Band nutzte am Mittwoch-Nachmittag das komfortable Zeitfenster zur gründlichen wie massiv abrockenden Ausformulierung ihrer aktuellen Nummern.
Im kurzen Intermezzo erinnerte sich Bradatsch solistisch seiner Bluegrass-/Country-Folk-Wurzeln und begleitete sich an der Wandergitarre zu seelenvollen Balladen in der Titelnummer seines Debüt-Albums „When I’m Cruel“ und dem dort enthaltenen Paradestück „This Time Around“, trotz reduzierter Instrumentierung gelingt es dem Musiker völlig unangestrengt, die Songs dank seiner ausgewiesenen Fähigkeiten als Gitarren-Virtuose vollmundig und fern jeglichen herkömmlichen folkloristischen Lagerfeuer-Geschrammels zum Vortrag zu bringen.
Die flockige, wunderbar leichtfüßig dahingleitende Folk-Psychedelic in „Supernova“ konnte das Konzert-Publikum nicht verstören, wie es Bradatsch in einer seiner lakonischen Song-Ankündigungen als Absicht formulierte, eine schwer für sich einnehmende Free-Flow-Nummer, die zu gefallen wusste, wie auch einmal mehr seine deutsche Bearbeitung des Dylan-Frühwerks „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, hier ist Philip Bradatsch ganz Protestsänger im ureigenen Sinn, „Der einsame Tod des Ben Ahmad“ ist aufgrund der herrschenden Abschiebe-Praktiken von Asyl-Suchenden, die ein schändlicherweise immer noch in seinem Amt sitzender, untragbarer Bundesinnenminister zu verantworten hat, von einer aktuellen Brisanz, die der Songwriter in seiner Eindringlichkeit ungefiltert zu vermitteln weiß. Song des Jahres, keine Frage, und das mit einer Nummer, die bis dato noch nicht offiziell auf Tonträger erschienen ist.
Um irgendwelche Vergleiche mit Dylan, Old Neil Young oder anderen Granden des US-amerikanischen Folk- und Country-Rock muss sich Bradatsch nicht mehr kümmern, die hat er alle unüberhörbar irgendwann im Laufe des dahinschwindenden Jahres irgendwo auf einem imaginären Highway mit zügiger Überholung links liegen gelassen, und der bessere Sänger war er im Zweifel sowieso schon immer.
Sollte sich mal zufällig die Gelegenheit ergeben, kann man sich ja wie einst Steve Earle auf den Kaffeetisch vom Literaturnobelpreis-Bob stellen und der Welt verkünden, dass man da einen weitaus talentierteren Songwriter als den alten Nöler aus Duluth/Minnesota kennt.

Reingehört (498): Philip Bradatsch

„Trying to make these words fit for the song“
(Philip Bradatsch, Down Down Down)

Philip Bradatsch – Ghost On A String (2018, Trikont)

Der Mann ist in Sachen Live-Präsenz breit aufgestellt, ob beim international besetzten Muddy Roots Europe im fernen Belgien oder beim lokalen Münchner Stadtteil-Fest im schönen Giesing, ob als Frontmann der Allgäuer Indie-Folk-Kapelle The Dinosaur Truckers, als Picker des Bluegrass-Quintetts Munich String Band, als musikalischer Begleiter literarischer Lesungen oder solistisch auf eigene Rechnung, und auch auf seinem aktuellen Longplayer „Ghost On A String“ dehnt der Wahl-Münchner Philip Bradatsch stilistisch den Spagat, ohne im Entferntesten beliebig oder austauschbar zu erscheinen. Beim Solo-Erstwurf „When I’m Cruel“ aus dem Jahr 2015 steckten virtuoser Banjo-Bluegrass und seelenvolle Alternative-Country-Balladen einen stringenten Rahmen ab für die sensibel gepflegte Americana des begnadeten bayerischen Gitarristen, auf dem Folgewerk darf es dann auch zuweilen die Reminiszenz an die Pop-musikalischen Sechziger, eine Prise gewichtiger Heartland-Rock und die Anlehnung an die große amerikanische Songwriter-Tradition sein, fernab der Appalachen, der Lagerfeuer an staubigen Landstraßen und des Bierdunsts der rustikalen Fernfahrer-Kneipen.
Das über sechsminütige Titelstück liefert im Jahr des Herrn 2018 vermutlich mit die dramaturgisch spannendste und musikalisch ergreifendste Mutation vom akustischen Desert-/Alternative-Country hin zu elektrischem Southern-/Folk-Rock inklusive wunderschön singender Gitarren, in einem gleichsam völlig aus der Zeit gefallenen, zeitlosen wie dieser Tage seltenen Gewand, und damit in der aufgezeigten Inbrunst wertvoll wie kaum sonst was in unserer schnelllebigen Ära, inklusive Platten-beschließendem, kurzem Reprise als Crazy-Horse-Verneigung mittels jaulender, entfesselter Strom-Saiten. Wegen solchen Ausnahme-Nummern hat man sich früher die Alben ins Regal gestellt, selbst wenn der Rest der Platte qualitativ weit abfiel – was hier nicht der Fall ist. Schwergewichtige Fuzz-Gitarren hallen und lichtern auch im düsteren Downtempo-„Shadowland“ durch die Klanglandschaft und machen das Archaische, Finstere, unterschwellig drängend Bedrohliche in dieser Schattenwelt nahezu greifbar. Schade, dass David Lynch bis dato kein Faible für fundierte Folkrock-Psychedelic erkennen ließ, hier wäre die entsprechende Beschallung für seine diffus verstörenden, cineastischen Geistertänze zu haben.
„You’re Gonna Be OK“ ist trotz vordergründig ruhigem Fluss nicht zuletzt durch die orchestral wirkende, in Schichten aufgetragene Gitarren- und Orgel-Melodik und das beschwingte Klavierspiel von erstaunlichem Tiefgang und offenbart sich so völlig unaufdringlich, dafür umso nachhaltiger als großer Song.
Daneben legt Bradatsch auf dem Album Songwriter-Qualitäten auf dem Level von Größen wie Tom Waits oder Randy Newman an den Tag, am augenscheinlichsten bereits im Opener mit der nachdenklichen Piano-Ballade „Down Down Down“, mit dem feinen, zweifellos Güte-steigernden Unterschied, dass der Songwriter aus dem Allgäu anders als die berühmten US-Kollegen im Vortrag nicht mit ruinierter Krächz-Stimme den Bar-Blues krakeelt oder sprechsingend pseudo-intellektuell vor sich hin nuschelt zu seinem Klavierspiel, weit mehr der empathischen, beseelten und wohlklingenden Sangeskunst huldigt, so wie in allen anderen Songperlen des Tonträgers eben auch.
Gab mal eine Zeit, da hat ein fragwürdiger Literaturnobelpreisträger großartige Folkrock-Platten abgeliefert – mit „John Wesley Harding“ mindestens eine – und eine berühmte Combo aus Liverpool neben ihrem zu Teilen völlig überschätzten Material auf einem weißen Album, einem stinklangweiligen Konzept-Werk über einen Pfeffer-Sergeant und diversen anderen Belanglosigkeiten aus dem Mainstream-Kanon des schlechten Geschmacks auch eine Handvoll gepflegte Sixties-Psychedelic-Perlen und höchst selten sogar großes Pop-Songwriting für die Ewigkeit produziert, diese Ansätze rettet Bradatsch nebst vielen eigenen Ideen und Anmerkungen in zeitloser Form in das Hier und Jetzt und drückt ihnen gekonnt und inspiriert in seinen Geschichten über abgehängte Outsider, wärmende Radiatoren, die Liebe und das Leben in einer hoffentlich besseren Zukunft seinen eigenen Stempel auf.
Diese alljährliche Kohle-aus-der-Tasche-zieh-Nummer zum Weihnachtsgeschäft aus dem Hause Beatles und Erben ist einmal mehr eine höchst überflüssige, anstelle der aktuell angeleierten White-Album-Restmüllverwertung reichen die circa eineinhalb Songs mit den Fab-Four-Reminiszenzen auf dem jüngsten Bradatsch-Tonträger völlig aus zum Schwelgen in den Sixties.
Bei weniger versierten Musikern und Songwritern kann diese Bezugnahme auf die Pop- und Folk-Historie durchaus schiefgehen, falsche Herkunft, falsche Dekade, dieses letztendlich sinnlose Authen­ti­zi­täts-Blabla, die ausgetretenen Pfade des Folk und Rock, man kennt diese Einwände und Vorbehalte zur Genüge, speziell hinsichtlich Nicht-Angloamerikanern. Ist aber nicht schiefgegangen, ganz im Gegenteil, Philip Bradatsch zelebriert seine musikalische Prägung und Weiterentwicklung auf „Ghost On A String“ mit seiner ureigenen Roots-Spielart großartig, auf einem der besten Songwriter-Rock-Alben des Jahres, und das bereits seit vergangenem Frühjahr, der Welt dargereicht über das geschätzte Münchner Indie-Label Trikont. Einziger Wermutstropfen: der jüngste Bradatsch-Wurf „Der einsame Tod des Ben Ahmad“, die exzellente, politisch hochaktuelle Interpretation der Dylan-Nummer „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, hat es leider nicht mehr auf das Album geschafft. Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend…
(***** – ***** ½)

Philip Bradatsch ist in den nächsten Wochen und Monaten zu folgenden Gelegenheiten live on stage:

16.11.München – Donisl
23.11.Regensburg – Buchhandlung Dombrowsky
28.11.München – Tollwood – 16.30 Uhr
23.12.Kaufbeuren – Roundhouse
26.12.Raalte – Taveerne Tivoli
28.12.Aachen – The Wild Rover Irish Pub
29.12.Aarschot – Winter Rumble
30.12.Meppel – Clouso
03.01.Herselt – Pallieter Cafe
04.01.Marburg – Q
05.01.Zürich – Gotthard Bar
12.01.Glonn – Schrottgalerie Glonn
24.01.München – Volkstheater
27.02.Schwabmünchen – Buchhandlung Schmid

Howie Reeve + 4Shades @ Café Schau Ma Moi, München, 2018-10-30

Gepflegtes Indie-Doppelpack am vergangenen Dienstag im Café Schau Ma Moi, dem Giesinger Wohnzimmer, Treff der alternativen „Löwen“-Fanszene und vermutlich kleinsten Münchner Konzertsaal im ehemaligen Bahnwärter-Häusl an der Tegernseer Landstraße: Den Auftakt des popmusikalischen Abends bespielten die Lokalmatadoren der 4Shades, die ihre Schatten dem eindeutigen Bandnamen zum Trotz auch zu dieser Veranstaltung – wie stets – zu dritt warfen, Clubzwei-Konzertveranstalter Ivi Vukelic an Gesang und halbakustischer Gitarre, Echokammer-Labelchef und Grexits/Weißes-Pferd-Musikant Albert Pöschl an den elektrischen sechs Saiten und Domhans-Drummer Martin Rühle schepperten, folk-rockten und schrammten sich in Trio-Besetzung durch ihren entspannten, unaufgeregten 45-Minuten-Set aus feinen, ansprechend melodischen Songwriter-/Indie-Pop-Perlen, flotten Surf-Rock-Instrumentals und die sporadischen Ausflüge in atmosphärische Desert-Gefilde, Alternative-Country-Reminiszenzen und ein inwendiges Grundverständnis für die beschwingte Psychedelic der Pop-historisch relevanten Spät-Sixties.
Die 4Shades sind stilistisch schwer zu greifen, kaum auf eine einzige Attraktion des alternativen Indie-Zirkus festzulegen, völlig anders als der nicht an die Wand zu nagelnde Joghurt dabei jedoch kaum beliebig und keineswegs austauschbar. Der Gesang vom hochgeschätzten Clubzwei-Organisator Ivi Vukelic wurde andernorts mit einer „sexy Ü40-Knabenstimme“ charakterisiert, vielleicht ist es auch nur die individuelle Interpretation von reduziertem, minimalistischem Soft Soul, wer mag das schon abschließend definieren?
Die 4Shades bewegen sich in einem weitläufigen Feld, innerhalb weit gesteckter Grenzen zwischen großen, ergreifenden Songwriter-Harmonien, grob die Ecke Go-Betweens/Robert Forster als Hausnummer, beseeltem Cosmic-American-Folkrock-Flow und verhallt scheppernder Pulp-Fiction-Beschallung a la Dick Dale, sie sind sowas wie die wandelnde, in Praxis umgesetzte Pop-Lexika-Theorie, und damit bei weitem mehr als die Summe der Erfahrungen, Fertigkeiten und kompositorischen Ideen ihrer einzelnen Protagonisten.
Geschmeidiges Alternative-Entertainment, notgedrungen auf engstem Raum ohne große Show-Elemente, dafür mit umso mehr musikalischer Substanz und Finesse, und zu der speziellen Gelegenheit der weitaus weniger sperrige Part des konzertanten Doppels.

Die zweite dreiviertel Stunde des Abends im Schau Ma Moi gehörte dem Schotten Howie Reeve, der Songwriter aus Glasgow, der in vergangenen Zeiten bereits mit seinem Folk-Landsmann Alasdair Roberts und dem ehemaligen Minutemen-/fIREHOSE-/Stooges-Basser Mike Watt zusammenarbeitete, ist ein fleißig durch Europa tourender Solist, der als DIY-Entertainer mit britischem Humor und unverstellten, konkreten Ansagen den direkten Draht zum Publikum sucht und die Hörerschaft weit aus der Komfort-Zone lockt, mit seinen eigenwilligen, hybriden, lustigen wie nachdenklichen Kleinoden in einem Crossover aus avantgardistischem Free-Folk und lärmendem Akustik-Postpunk.
Reeves Vokalvortrag ähnelt in seiner expressiven Art weit mehr dem Erzählen von kurzen Geschichten, Impressionen und Gedichte-Rezitationen im Rahmen eines spontanen Poetry Slam als konventionellem Liedersingen, der außergewöhnliche Barde wechselt erratisch Tempo und Lautmalerei seiner Sprechgesänge, dabei begleitet er sich selbst gleichsam unvermittelt in Extreme verfallend am Akustik-Bass mit filigranem Anschlag, schrammelnden Lagerfeuer-Akkorden, experimentellen Saiten-Übungen und brachialem, nachschwingendem Dröhnen der E-Saite. Zu diesem Spiel in losgelöster Form, als Ausloten der Möglichkeiten des Instruments, mit sprunghaften Tempi-Wechseln, zuweilen atonalen Exzessen und dem Bass-Anschlag fernab jeglicher Harmonie-Lehre mögen sich Assoziationen an Free Jazz, Canterbury-Progressive, American Primitive Guitar und an die Exerzitien verwandter Freigeister-Kollegen wie Eugene Chadbourne, Daniel Johnston oder Fred Frith durch die Gehörgänge und Hirnwindungen verirren, das dürfte für ausgewählte Momente seine Richtigkeit haben, und doch gelingt es Howie Reeve permanent, den britischen Akustik-Folk als Grundtenor ins Zentrum seines Schaffens zu stellen, freilich in einer reichlich weirden und angeschrägten LoFi-/Outsider-Ausgestaltung inklusive dissonantem Punk-Appeal.
Für eine kurze, deutsch besungene Dada-Nummer über Feuerwehr-Einsätze und die Liebe wechselte Howie Reeve ans Daumenklavier, eine launige Bereicherung des Solo-Programms, wie die spontanen Aktionen des lokalen Part-Time-Roadies Anton, der mit Handreichungen des Instrumentariums wie beim Trockenlegen der winzigen 3-Quadratmeter-Bühnen-Nische nach zwischenzeitlich auftretendem Wasserschaden glänzte und sich damit die verdienten Dankesworte und Song-Widmungen des schottischen Musikanten abholte, ein Leichtes für einen verkappten Profi wie den Anton, der im fernen Chicago bereits mit dem Bass des großen Willie Dixon hantierte… ;-)))
Die Songauswahl zu jedem Konzert legt Howie Reeve während des Gigs spontan fest, auch dahingehend großes One-Man-Improvisationstheater, damit bereitete es dem Schotten keine Probleme, zum Ende die ein oder andere zusätzliche, vom Auditorium gewünschte Experimental-Miniatur als Extra draufzupacken, trotz seiner sich zusehends verschlimmernden Erkältung in ungebremster Spiellaune und mit Lust am Feixen mit dem Publikum. Absolut unkonventioneller, grundsympathischer Typ, mit kleinem Equipment und einem Riesen-Koffer an überbordenden Ideen im Gepäck unterwegs, ein Unikat sondergleichen. Und im Verbund mit den Local Heroes von den 4Shades der Garant für ein ohne Abstriche einnehmendes Kontrastprogramm. Der Abend muss erst noch kommen, an dem man nach mittelprächtigem oder gar schlechtem Konzert-Entertainment aus dem Giesinger Wohnzimmer stolpert…

Die Tourplanung von Howie Reeve für die nächsten Tage und Wochen wird vom Musiker selbst wie folgt annonciert – vielleicht sollte der Anton aus seiner lokal begrenzten, sporadischen Tourbegleiter-Beschäftigung doch ins Vollzeit-Management wechseln zwecks konkreterer Kommunikation – jeweilige Veranstaltungsorte sind in dem Fall dann wohl der lokalen (Tages)presse zu entnehmen:

„Ok, here’s the next tour: Germany, Italy, Belgium, Holland. It would be so nice to fill those hmmmmms in…“

01.11.Berlin
02.11.hmmmmm…
03.11.Leipzig
04.11.Dresden
05.11.Travel…
06.11.Ferrara
07.11.Venice
08.11.Feltre
09.11.Porcen
10.11.Finale Emilia
11.11.Finale Emilia
12.11.Travel…
13.11.hmmmmm…
14.11.Hamburg
15.11.Kassel
16.11.Düsseldorf
17.11.Leiden
18.11.hmmmmm…
19.11.Brussels
20.11.Deux-AcrenSchau
21.11.Dordrecht
22.11.hmmmmm…
23.11.Rotterdam
24.11.Amsterdam