Folk

Soundtrack des Tages (192): The Low Anthem

The Low Anthem mit „Apothecary Love“ vom „Smart Flesh“-Album aus dem Jahr 2011, live in der herrlichen Halle der New Yorker Grand Central Station aufgenommen, aus einer Zeit, in der die Formation aus Providence/Rhode Island noch weitestgehend die reine Indie-Folk-Lehre pflegte.
2016 entfernte sich die Band um Ben Knox Miller mit „Eyeland“ weitestgehend von ihren Wurzeln und veröffentlichte ihr bis dato experimentellstes Album, die Promo-Tour zum Release musste notgedrungen nach nur vier Konzerten wegen eines schweren Verkehrsunfalls und folgenden Klinik-Aufenthalten der Musiker abgebrochen werden.
The Low Anthem melden sich nach Rekonvaleszenz mit einer neuen Arbeit zurück, am 23. Februar erscheint „The Salt Doll Went To Measure The Depth Of The Sea“ beim Label Joyfull Noise, ein Werk, auf dem die Band ihre folkloristischen Songwriter-Grundmuster um gesampelte Loops und dezentes digitales Taktgeben ergänzt. Das einschmeichelnde Melodien-Geflecht umschwirrt eine Ambient-artige Leichtigkeit, ätherischer Indie-Trance und luftiger, gespenstisch-hypnotischer Psychedelic-Pop, ob es auf Gegenliebe bei den altgedienten Fans trifft, wird sich finden, immerhin bleibt festzustellen, dass heftigere Zumutungen für den puristischen Folkie wie auf dem Vorgängerwerk gehört ausbleiben. Seit einigen Tagen ist „The Salt Doll Went To Measure The Depth Of The Sea“ vorab bei NPR Music als Stream zu hören – form your own opinion.

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Charlie Parr @ Vintage Pub, München, 2018-02-12

Der großartige Charlie Parr stand in der Planungsphase vor einigen Monaten auf der Wunschliste der angedachten Musikanten von Impresario Christian Steidl für das kommende Raut Oak Fest im Juni am schönen Riegsee, die Nummer hat sich dann leider wegen überschneidenden Terminen in den heimatlichen Staaten des begnadeten Country-Blues-Gitarristen schnell zerschlagen, dieser Tage dann die zuerst freudige und sogleich schwerst verwirrende Nachricht, dass Charlie Parr im Rahmen der aktuell laufenden Europa-Tournee seine München-Premiere in einer ominösen Lokalität namens Vintage Pub spielen würde, welche das geneigte Konzertgänger-Volk partout nicht zu verorten wusste.
Da selbst in einer in letzter Zeit kaum für positive Schlagzeilen sorgenden Stadt wie dem Isar-Millionendorf ab und an noch Zeichen und Wunder geschehen, die fraglichen Booker kontaktiert wurden, Steidl & Icedigger ein paar Hebel in Bewegung setzten und Käsealm-Betreiber, Autor und DJ Christian Ertl bereits des Öfteren Erhellendes zum Thema andeutete, sind am Ende doch noch alle Interessierten auf der Gästeliste und am Montag-Abend dann am geheimen Ort des Geschehens gelandet, somewhere in Munich, in einem ehemaligen Ladenlokal, dass mit viel Liebe zum Detail und entsprechender Sammlerleidenschaft von Privat-Veranstalter M. zum stilechten, mit diversesten Raritäten aus der Insel-Gastronomie gespickten Irish Pub ausgestaltet wurde, und um das Glück vollumfänglich zu machen, waren ausgewählte Bier-Spezialitäten und das Nippen an der Whiskey-Hausmarke auch noch im zu entrichtenden Obolus enthalten.
Der perfekte Rahmen für einen wunderbaren Abend mit Charlie Parr, der solistisch in drei ausgedehnten Sets in insgesamt gut 2 Stunden die Bandbreite seiner schwerst beeindruckenden, aus der Zeit gefallenen wie zeitlosen Kunst des Bluegrass, des Country Folk, des Akustik-Blues und der ergreifenden Balladen-Tondichtungen präsentierte, eigenkomponierte Song-Perlen wie „HoBo“ oder das Titelstück „Dog“ seines letztjährigen Albums, „Rocky Racoon“ in einer auch für Beatles-Skeptiker verträglichen Version, Zitate, deren Quellen bis in die Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückdatieren zu den aufgezeichneten Feldforschungen von Alan Lomax, Verneigungen vor dem großen Huddie „Leadbelly“ Ledbetter und den Piedmont-Blues-Legenden Elizabeth Cotten und Mississippi John Hurt, nicht zu vergessen „Bob Dylan’s Blues“ vom – genau – 2016er-Literaturnobelpreisträger, die Verbindung zum alten Zimmerman-Nöler drängt sich förmlich auf, wenn man wie Parr aus Duluth/Minnesota stammt.
Die stimmige Songauswahl ist ein Teil der Medaille bei einem wie Charlie Parr, darüber hinaus und noch weitaus mehr beeindruckend ist die Perfektion, die der Musiker auf der 12-saitigen Akustik-Gitarre im Picking, im Bottleneck-Slide, im flinken Greifen und filigranen Anschlag demonstrierte, eine Perfektion, die bei so manchem Künstler zu steriler Akrobatik und Angeberei verkommt, bei dem stets latent kauzig und introvertiert wirkenden, bescheidenen wie hochsympathischen Parr in seiner beseelten Ausgestaltung indes nicht einmal den Anflug einer Andeutung in diese Richtung aufkommen lässt.
Man konnte die Uhr danach stellen: immer, wenn man dachte, das hat man so ähnlich schon mal irgendwo im Blues oder Folk gehört, war er da, der besondere Slide-Twang hintenraus, die besondere Finesse, das gewisse Extra, das dem Songmaterial den Edelschliff angedeihen ließ und den versierten und durch unzählige Live-Auftritte erprobten Musiker mit den lebenden Legenden der Slide-Gitarren-Kunst wie etwa Ry Cooder oder David Lindley auf eine Stufe stellt.
Allerspätestens beim Herz-anrührenden, Konzert-beschließenden, unbegleiteten Vokal-Vortrag des Gospel-Traditionals „Ain’t No Grave“ und dem folgenden, lang anhaltenden und dankbaren Applaus im vollbesetzten Geheim-Pub stand ohne Zweifel fest, dass Charlie Parr im Raut-Oak-Lineup 2018 schmerzlich vermisst werden wird – wird anderweitig trotzdem super, versprochen – und die Visionen vom Aufspringen auf fahrende Züge und das Sitzen am Lagerfeuer mit den Hobos, die Geschichten von der Great Depression und dem sich in der eigenen Existenz Verlieren, die Mörder-Balladen und das klagende Blues-Lamentieren woanders herkommen müssen.
Ein Konzertabend, der dank seiner denkwürdigen Americana-Intensität und dargebotenen musikalischen Brillanz noch lange in Erinnerung bleiben wird und der die Vorfreude auf hoffentlich noch viele ähnliche Abende im Hidden-Gig-Modus an geheimem Ort befeuerte.
Gibt so Tage, da bleibt einem einfach nur, der Schöpfung wie selbstredend dem Pfundskerl von einem Veranstalter und nicht zuletzt dem großartigen Musikanten zu danken, dass man dabei sein durfte. Right Time, Right Place, oder wie Martina Schwarzmann immer so schön sagt: Wer Glück hat, kommt…
(***** ½ – ******)

Weitere ausgewählte Konzert-Termine der Solo-Auftritte von Charlie Parr in unseren Breitengraden (Gesamter Tour-Plan: hier):

19.02.Zürich – El Lokal
20.02.Fürth – Kofferfabrik
21.02.Berlin – Betlehemskirche
22.02.Norderstedt – Music Star

Reingehört (419): Dine Doneff

„Rage, rage against the dying of the light.“
(Dylan Thomas)

Dine Doneff – Rousilvo (2018, neRED Music / ECM Records)

Stilistisch kaum eindeutig zu kategorisieren, umso ergreifender, erhebender und umfassender der Hörgenuss: Der unter dem Namen Kostas Theodorou geborene Multiinstrumentalist und Autodidakt Dine Doneff, der sich durch diverse Auftritte und Kollaborationen mit ortsansässigen Musikern unter anderem auch in der Münchner Szene einen Namen gemacht hat, gedenkt auf seinem kürzlich erschienenen Album „Rousilvo“ seiner mazedonischen Wurzeln. Aufgewachsen in der nordgriechischen Region Zentralmakedonien und damit unmittelbar aus eigener Erfahrung mit der beklemmenden Problematik vertraut, thematisiert Doneff auf dem Konzept-Werk das Verbot in der Region zu Zeiten seiner Kindheit, dass es der mazedonischen Minderheit von griechischer Regierungsseite untersagte, ihre Muttersprache zu pflegen, öffentlich zu sprechen oder sich in künstlerischer Form damit auszudrücken.
Dem Verschwinden dieser Kultur wirkt Doneff entgegen, indem er das Paradies seiner Kindheit in der Ortschaft Rousilvo – der slawische Name des griechischen Dorfes Xanthogeia – wiederauferstehen lässt, ein Paradies, dass beeinträchtigt wurde von den Restriktionen der Athener Regierung, in dem die mazedonischen Volkslieder in Vergessenheit gerieten, ein Ort, in dem die Frauen ihre im griechischen Bürgerkrieg gefallenen Männer und Söhne nicht angemessen betrauern konnten, weil sie ihre Gräber nicht kannten, und die Überlebenden an Gefängnis oder Exil verloren.
Melancholisch, getragen und im Grundton nachdenklich präsentieren sich die gewichtigen Tondichtungen auf „Rousilvo“, Dino Doneff und seine zahlreichen Mitmusiker_Innen verweben die alten Weisen der mazedonischen Folklore in stimmiger wie faszinierender Manier mit einem Jazz-Ansatz, der sich sporadisch im Neoklassik-Gewand zeigt, vor allem aber weit mehr Balkan-Blues sein will als losgelöstes Improvisieren, und mit Ausloten von atonalen (Un)möglichkeiten und selbstverliebtem Endlos-Gefrickel nichts am Hut hat, instrumentale Epen, die Anlehnungen durch das Oud- und Tablas-Spiel in orientalischen und nordafrikanischen Einflüssen finden, in denen die wunderschönen und klar strukturierten, hochmelodischen Piano-Balladen eines George Winston widerhallen und raumgreifende Bläsersätze erklingen, die sich zwischen verhaltener, dezent zur Schau getragener Lebensfreude und der schwermütigen Endgültigkeit von Beerdigungs-Marschmusik bewegen.
Dazwischen eingeflochten die Aufnahmen, die zweifellos die Essenz des Albums ausmachen: Sieben Frauenstimmen zwischen Alt und Sopran, im Chor oder solistisch, erweitert um Erzählungen aus Field Recordings, bringen in beschwörender Klage und sensibler Eindringlichkeit, zuweilen mit emotionaler Wucht vom Verschwinden bedrohte Volksweisen und Geschichten in mazedonischer Sprache zu Gehör, polyphon und in erkennbarer Verwandtschaft zu den Chören, wie sie auf den „Le Mystère des Voix Bulgares“-Aufnahmen aus den Achtzigern oder in den kürzlich hier vorgestellten Saze-Gesängen aus dem südlichen Albanien zu hören sind.
„Rousilvo“ wurde von Dine Doneff als Volksoper konzipiert, eine höchst gelungene und beeindruckende Arbeit, der es gelingt, eine Jahrhunderte alte Volksmusik-Tradition in moderne Klangsprache einzubetten und diese trotz diverser heterogener Stilmittel zu einem harmonischen, sorgfältigen und stimmigen Arrangement zu formen.
Das Album ist in Kooperation mit neRED Music beim renommierten Münchner ECM-Label erschienen.
(*****)

Dine Doneff begleitet am 8. März das Duo Canto Dei Sass‘ von Davide Casali Eschmann und Mathis Mayr bei der Aufführung von „Canti tra amore e rivolta“, einem Zyklus von Liedern zwischen Liebe und Aufstand, im Rahmen der Ausstellungseröffnung der beiden Künstler_Innen Annegret Hoch und Siegfried Kreitner, im Münchner Köşk, Schrenkstraße 8, 21.00 Uhr.

Weitere Konzerttermine von Dine Doneff:

14.02.Traunstein – Tropical
12.05.Heiligenkreuz im Lafnitztal/Österreich – Schnittpunkte Festival
06.07.Rudolstadt – TFF