Frederick Forsyth

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„Ach was. Mir scheint, das ist eine Entscheidung von 15 Minuten, und die ersten 14 davon sind zum Kaffeetrinken. Für mich ist das keine komplizierte Antwort.“
(Donald Rumsfeld auf die Frage, ob Barack Obama mit seiner Entscheidung für den Kommandoeinsatz in Pakistan, bei dem Osama bin Laden getötet wurde, mutig gehandelt hat.)

„Ich hasse und verachte sie. Denn sie nehmen das Angesicht meines geliebten Islam und präsentieren es der Welt von Wut und Hass verzerrt. Aber der Kommunismus ist tot, der Westen schwach und mit sich selbst beschäftigt und von Vergnügen und Habgier getrieben. Es wird viele geben, die auf die neue Botschaft hören werden.“
(Frederick Forsyth, Die Todesliste, Auftrag)

Frederick Forsyth – Die Todesliste (2013, btb-Verlag)

Frederick Forsyth, der englische Großmeister der politischen Crime Fiction, entwirft in seinem bis dato letzten Roman einen realistischen Thriller zu den Themen Islamistischer Terror und verdeckte Aktionen der westlichen Geheimdienste.
Ein radikaler muslimischer Fanatiker, der sich „Prediger“ nennt, stachelt seine Anhänger per Video-Botschaft im Internet zum Mord an Repräsentanten der westlichen Welt in den USA und Großbritannien auf, nach einer Reihe von tödlichen Anschlägen landet sein Name auf einer in obersten Washingtoner Regierungskreisen gepflegten, geheimen Todesliste von ohne Gerichtsverfahren zu exekutierenden Terroristen.
Dienste wie die CIA und die Kommandoeinheit zur Terrorismusbekämpfung der US-Streitkräfte JSOC (United States Joint Special Operations Command) koordinieren, planen und führen diese Aktionen, in der Realität finden sich in jüngster Vergangenheit Beispiele wie die Operation „Neptune’s Spear“ im Mai 2011 zur Exekution Osama Bin Ladens in Pakistan und der gezielte Dronen-Einsatz zur Tötung des islamischen Extremisten Anwar al-Awlaki am 30. September 2011 im Nordjemen.
Im Roman wird der Special-Agent, Ex-Marine und Islam-Experte Kit Carson, der „Spürhund“, mit der Suche nach dem Prediger und seiner Exekution beauftragt, dabei erhält er neben der Hilfe durch befreundete Dienste wie den britischen  Organisationen und dem israelischen Mossad auch unkonventionelle Unterstützung durch einen jugendlichen Hacker, der bei der Suche nach dem Terroristen im Netz und seiner letztendlichen Enttarnung wertvolle Dienste leistet.
Die Recherchen führen den Spürhund nach London, Pakistan und in den Jemen, nachdem bei einem erneuten Terroranschlag der Zufall schicksalhaft und grausam zuschlägt, mutiert die verdeckte Aktion für Carson zum persönlichen Rache-Feldzug.

„Nine/Eleven hatte eine grundlegende Veränderung in der Haltung des amerikanischen Militärs und der Regierung gegenüber allem bewirkt, was auch nur im Entferntesten als vorstellbare Bedrohung der USA gesehen werden konnte. Die nationale Alarmbereitschaft näherte sich Schritt für Schritt der Paranoia, und die Folge war eine explosive Expansion der Welt der ‚Nachrichtendienste‘. Aus den ursprünglich sechzehn Informationen sammelnden Diensten der USA wurden mehr als tausend.“
(Frederick Forsyth, Die Todesliste, Auftrag)

In dem spannenden Roman weiß Altmeister Forsyth kenntnisreich zu differenzieren zwischen der Religion des Islam und der pervertierten, vom Fanatismus getriebenen Interpretation des Koran, er spart im Hinblick auf die Entwicklungen nach 9/11 nicht mit Kritik an der westlichen Informationspolitik im Allgemeinen und der Außenpolitik im Nahen Osten im Speziellen und zeichnet ein fundiertes Bild der Kräfteverhältnisse in der Region, der unterschiedlichen radikal-islamischen Strömungen und Gruppierungen, der Positionierung der Geheimdienste, der Gepflogenheiten bei Geiselnahme-Aktionen somalischer Hochsee-Piraten und der Abläufe von Einsatz-Operationen bei unbemannten Drohnen-Angriffen, durch seine jahrzehntelange Tätigkeit als Agent des britischen Geheimdienstes MI6 verfügt der Autor offensichtlich nach wie vor über die notwendigen Kontakte und Quellen zur inhaltlich-fachlich korrekten Unterfütterung seiner Romane, die Danksagungen am Ende des Romans deuten dies an.
Folgt man den täglichen Nachrichten und Hintergründen zu den Konflikten in den Regionen zwischen dem Horn von Afrika und dem Hindukusch, wäre man kaum weiter verwundert, wenn sich die verdeckten Aktionen zur Eliminierung terroristischer Fanatiker exakt so zutragen würden, wie Frederick Forsyth diese in dem lesenswerten Thriller schildert – Abstriche muss die geneigte Leserschaft allenfalls bei der unverhohlenen Bewunderung des Autors für alles Militärische machen.

„Wie wird es enden? Es endet. Das ist es.“
(Donald Rumsfeld)

Frederick Forsyth wurde 1938 in der englischen Grafschaft Kent geboren. Von 1968 bis 1988 war er als Agent des MI6 als Agent in Nigeria und der DDR tätig. Neben seinem Landsmann John le Carré gilt er als Meister des britischen Spionage- und Polit-Thrillers. Bereits seine ersten beiden Romane ‚Der Schakal‘ (1972) und ‚Die Akte Odessa‘ (1973) waren internationale Erfolge, die in späteren Jahren prominent besetzt verfilmt wurden.
Meist nimmt der Autor in seinen fiktiven Handlungssträngen Bezug auf tatsächliche politische Entwicklungen und historische Fakten.
Als bisher letztes Werk ist 2015 seine Autobiografie unter dem Titel ‚The Outsider: My Life in Intrigue‘ veröffentlicht worden.

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„Das war jedoch nicht das Schlimmste; innerhalb von sieben Jahren nach seiner Ankunft hatte er seine letzten politischen Illusionen verloren. Alles war Lüge, und er war klug genug gewesen, dahinterzukommen. Er hatte seine Jugend und sein Mannesalter damit verbracht, einer Lüge zu dienen, für eine Lüge zu lügen, für eine Lüge zu verraten, er hatte dieses „grüne und angenehme Land“ verlassen, alles für eine Lüge.“
(Frederick Forsyth, Das vierte Protokoll, Erster Teil, 1. Kapitel)

Frederick Forsyth – Das vierte Protokoll (2013, Piper Verlag, deutsche Erstausgabe 1984)

Polit-kriminalistisches Old-School-Entertainment vom englischen Agententhriller-Schwergewicht Frederick Forsyth, der vor allem dank seiner beiden herausragenden Frühwerke „Der Schakal“ über ein geplantes De-Gaulle-Attentat und „Die Akte Odessa“ über die NS-Vergangenheits-Aufarbeitung und Nazi-Seilschaften in der deutschen Nachkriegs-Wirtschaft  zu verdientem Weltruhm gelangte.
Forsyth, der nach eigenen Angaben selbst über gut 20 Jahre als Agent für den britischen Geheimdienst MI6 tätig war, unter anderem in der DDR und der damaligen nigerianischen Bürgerkriegs-Region Biafra, ist als Autor wie kaum ein anderer prädestiniert für einen Roman wie „Das vierte Protokoll“, dessen Titel auf vier fiktiven Zusatzprotokollen zum 1968 von der Sowjetunion, den USA und Großbritannien unterzeichneten Atomwaffensperrvertrag basiert, der das Verbot der Verbreitung und die Verpflichtung zur Abrüstung von Kernwaffen sowie das Recht auf die „friedliche Nutzung“ der Kernenergie beinhaltet.

„Die Straßen waren um diese Tageszeit und bei dem heftigen Schneetreiben von dahinkriechenden Autos verstopft, aber der Tschaika mit dem MOC-Nummernschild war auf der Innenspur dahingerast, der für die Wlasti reserviert war, die Elite, die Stützen jener Gesellschaft, die Marx sich als klassenlos erträumt hatte: einer starr strukturierten Gesellschaft, in Schichten und Kasten eingeteilt, wie es nur eine riesige durch und durch bürokratische Hierarchie sein kann.“
(Frederick Forsyth, Das vierte Protokoll, Erster Teil, 5. Kapitel)

Die lesenswerte Story beginnt mit einem Juwelenraub in einer Londoner Nobelwohnung, in diesem Zusammenhang fallen dem Dieb unverhofft politisch brisante Geheimdokumente in die Hände, die er anonym an den britischen Inlandsgeheimdienst MI5 weiterleitet und damit eine Chronologie an politischen Skandalen, Agenten-Enttarnungen und ein Ringen um Macht und Führungsposten im Shakespeare’schen Sinne auslöst. Im weiteren Verlauf entspinnt sich eine komplexe Handlung um politische Intrigen auch im Verhältnis der Geheimdienste untereinander, Unterwanderung des Vereinigten Königreichs durch sowjetische Spionage und den Versuch der Russen, die anstehenden Parlamentswahlen mittels Sabotage zugunsten der oppositionellen Labour-Party unter Neil Kinnock zu manipulieren, die Partei stand im Übrigen Mitte der achtziger Jahre auch in der Realität sehr weit links, im Roman sollte sie von Moskau-treuen Marxisten übernommen werden, welche im Falle eines Wahlsiegs die einseitige Abrüstung und die Kündigung der Partnerschaft mit der NATO und den Vereinigten Staaten in die Wege leiten sollten.
Die Fäden werden von einem fiktiven russischen KPdSU-Parteichef gezogen, der in der Nachfolge Konstantin Tschernenkos im Buch namenlos bleibt, beraten wird er vom real existierenden britischen Doppelagenten Kim Philby, auf den auch John le Carré wiederholt in seinen komplexen Spionage-Romanen referenziert, Philby zeichnet im sowjetischen Exil das Bild einer instabilen britischen Demokratie und animiert somit den Staats- und Parteichef zum Handeln. Intrigante politische Ränkespiele bleiben auch im Sowjet-Reich nicht aus, nachdem General Karpow, seines Zeichens Chef der Abteilung für illegale Operationen des KGB, erfährt, dass seine Abteilung bei den Plänen zur Unterwanderung der britischen Linken völlig außen vor bleibt.

„Doch im Laufe der Zeit war Karpow aufgestiegen, während Philby abgefallen war. Er hatte beobachtet, wie aus dem englischen Renegaten ein versoffenes Wrack wurde. Seit 1951 war Philby nicht mehr an englische Geheimdokumente herangekommen, abgesehen von denen, die der KGB ihm zustellte. Er hatte Großbritannien 1955 verlassen, um nach Beirut zu gehen, und war seit seinem endgültigen Absprung 1963 nie wieder im Westen gewesen. Vierundzwanzig Jahre. Karpow schätze, dass er jetzt der bessere Englandkenner war.“
(Frederick Forsyth, Das vierte Protokoll, Zweiter Teil, 5. Kapitel)

Wie so oft bei Forsyth sind bestimmte Abläufe im Handlungsstrang früher oder später absehbar, der Leser ist aber nie gefeit vor überraschenden Wendungen, und so entwirrt sich das komplizierte Geflecht um Agenten und verdeckte Aktionen buchstäblich erst auf der letzten Seite, mehr soll hierzu zwecks Erhalt der Spannung selbstredend nicht verraten sein.

Frederick Forsyth besticht einmal mehr in diesem inzwischen über dreißig Jahre alten Roman mit detailliertem Fachwissen, grundsolider historischer, geographischer und (geo-)politischer Recherche, dem gründlichen Ausleuchten der Handlungsalternativen, Befindlichkeiten und Gefühlswelten seiner Protagonisten und einem gleichzeitig spannungsgeladenen und nüchternen Erzähl-Stil, der Geschichten – auch in den Seitensträngen – zur finalen Auflösung bringt, Gedanken zu Ende denkt und somit im Gegensatz zu vielen neueren Autoren eine narrative Sorgfalt und ein umfassendes thematisches Bearbeiten an den Tag legt, das wie bei so vielen seiner anderen hervorragenden Romane Respekt verlangt.
Blog-Kollege Gerhard Mersmann hat in seiner kürzlich veröffentlichten, lesenswerten Besprechung des Romans „The Son“ von Philipp Meyer folgenden schönen Satz geschrieben, ich zitiere: „Philipp Meyer ist mit diesem Roman etwas gelungen, das kaum noch gelingen mag in einer Zeit, in der die kurze Zeichnung das zu sein scheint, was das Gros der Leserschaft noch bereit ist zu akzeptieren und in der die schreibende Zunft den Atem verloren hat, die großen Geschichten bis zu Ende zu erzählen.“
Dieses Statement hinsichtlich Zu-Ende-Erzählen der großen Geschichten kann man uneingeschränkt als Lob für „Das vierte Protokoll“ von Frederick Forsyth übernehmen.

„Brian Harcourt-Smith war das Produkt einer sehr unbedeutenden Privatschule und litt unter einer beträchtlichen und völlig unnötigen Verbitterung. Hinter der glatten Fassade steckte ein gewaltiges Haßpotential. Von Jugend an haßte er die scheinbare Mühelosigkeit, mit der die Männer um ihn herum mit dem Leben fertig wurden. Er haßte ihr unübersehbares dichtgeflochtenes Netz von Beziehungen und Freundschaften, das oft schon in der Schulzeit, an der Universität oder beim Militär geknüpft worden war und auf das sie jederzeit zurückgreifen konnten. Man nannte es das „Netz der alten Knaben“ oder auch den „magischen Zirkel“, und am meisten haßte er, dass er nicht dazugehörte.“
(Frederick Forsyth, Das vierte Protokoll, Erster Teil, 5. Kapitel)