Free Jazz

Reingehört (507): Udo Schindler & Georges-Emmanuel Schneider

„Musically, the blackbird is the most developed bird of Middle Europe. It is a more talented composer even than the nightingale.“
(Heinz Tiessen)

Udo Schindler & Georges-Emmanuel Schneider – Kontergesang (2018, Creative Sources)

Der renommierte Münchner Architekt und Klangforscher Udo Schindler zusammen mit dem Schweizer Violinisten und Experimental-Electronica-Tüftler Georges-Emmanuel Schneider in einem Livemitschnitt vom März 2018 aus dem „Salon für Klang + Kunst“ in Krailling bei München: „Kontergesang“ setzt sich als konzeptionelles Werk in freier Improvisation mit den kommunikativen wie musikalisch hoch entwickelten Ausdrucksformen der Schwarzdrossel auseinander. Elf von jeglichen kompositorischen Formen losgelöste Instrumental-Entwürfe, deren einzelne Titel nach den diversen Vogelsang-Charakteristika der auch als Amseln bekannten Sperlingsvögel wie „pfeifen“, „zetern“, „flöten“ oder mit weniger vertrauten Verben zur Beschreibung des tierischen Ausdrucks wie „schirken“ oder „tixen“ benamt sind.
Udo Schindler mit seiner Jahrzehnte-langen Erfahrung aus den Spielarten des Avantgarde-Jazz und der Ad-hoc-Klangperformance an Bass-Klarinette, Sopran-Saxophon und Euphonium, und der akademisch ausgebildete Solo-, Orchester- und Ensemble-Musiker Georges-Emmanuel Schneider als sein Duett-Partner an Geige und elektronischen Gerätschaften erzeugen Klänge fernab harmonischer Strukturen, in atonalen Sequenzen und spontanen, vermeintlich zusammenhanglosen Klang-Verwerfungen, mit einer Vielfalt an unmittelbar umgesetzten Ideen vom beklemmenden Schaben mit dem Geigenbogen bis hin zu verstörenden, minutenlang ausufernden, dissonanten Lärm-Ausbrüchen und radikalem Ausloten der Möglichkeiten an unkonventionellen Tönen. Kakofonisches Gebläse, Nerven-antestendes Saiten-Malträtieren und ein filigranes Abklingen des Gewerks im anderen Extrem gehen einher mit dem Spiel mit den Auslassungen, den Geräusch-freien Lücken, letztendlich der Dominanz der Stille zwischen dem freien, zu Teilen radikalen Austarieren der tonalen Möglichkeiten – ein interaktiver Dialog der beiden Musiker, der den Gesang der Vögel in der freien Natur in Wahrnehmung und Weiterentwicklung der jeweiligen Motive zu imitieren sucht.
Musik, die sich permanent und damit erfolgreich der Genre-typischen Kategorisierung widersetzt und althergebrachte Hörgewohnheiten in Frage stellt: Gewiss eine herausfordernde, bei entsprechender Aufnahmebereitschaft mittels offener Ohren und Konzentration in jedem Fall bereichernde Erfahrung.
„Kontergesang“ ist im November 2018 beim portugiesischen Jazz- und Experimental-Label Creative Sources in Lissabon erschienen.
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Nekropolis + Karaba @ Import/Export, München, 2018-10-18

„Söder will in den Weltroum, wir kümmern uns um die Kronkenschwöstern“ ließ Opfesoft-für-olle-Oiwonger bei einer Pressekonferenz seiner Freien Wähler zu den Sternenfahrer-Plänen von Astronauten-Söder und seinem Projekt „Bavaria One“ verlauten, ein sinnigeres wie naheliegenderes Thema für die Koalitionsverhandlungen mit den Blendraketen-Zündlern der CeeeSu, zumal die Erforschung der Sternen-Galaxien in München längst in weitaus kompetenteren Händen liegt, zuforderst bei den Veranstaltern des sporadisch anberaumten Spaceshizzle, zu dessen aktuellster Ausgabe am vergangenen Donnerstagabend die beiden Krautrock-Formationen Nekropolis und Karaba luden, Cape Canaveral zum Abflug in die endlosen Weiten der freien Space-Improvisation war zu der Gelegenheit das Zwischennutzungs-Projekt der Import/Export-Kantine, wie stets in dem Rahmen buntfarbig illuminiert von der Kreuzer Lichtmaschine.

Den ersten Ausflug ins All wagten die Musiker von Karaba mit neuem, bis dahin nicht live gespieltem Material, die Münchner Formation under the influence der Ethno-Jazzkrauter Embryo und diverser anderen Ingredienzen war an diesem Abend zum Trio geschrumpft, was dem komplexen Sound hinsichtlich Kompaktheit und direktem Zugreifen auf die Hirnwindungen der Hörerschaft keinesfalls schadete, ohne Stamm-Basser Maasl Maier improvisierten Louis Bankvas an der E-Gitarre, Jakob Thun am Schlagzeug und Andreas Kainz an den Fender Rhodes Keyboards für gut fünfundvierzig Minuten im ausgedehnten Flow im schweren Canterbury-Scene-Prog-Rock, im psychedelischen Space-Gelichter und vor allem in ihrer ureigenen Spielart des instrumentalen Jazzrock. Die satten, frei fließenden, in ferne Galaxien vorstoßenden Orgel-Töne verdichteten sich zu einem weitläufigen Klangteppich, zu denen Trommler Thun variantenreich und straigt im Anschlag die rhythmischen Finessen lieferte und den Rahmen absteckte, in dem sich Gitarrist Bankvas zwischen stilistischen Fixsternen wie McLaughlin, Fripp, Zappa und angejazztem Band-Of-Gypsys-Hendrix mit beschwingt funky, filigranem wie mitunter hart zupackendem Anschlag seiner sechs Saiten auf den Klang-forschenden Trip begeben durfte. Wo bei Karaba zu früheren Apollo-Missionen ab und an zuviel an Keyboard-Dominanz auf die Zuhörerschaft einwirkte, mit Kurs auf ein schier unerschöpfliches Nirvana zudriftete und zu Gelegenheiten dahingehend auch ausfranste, präsentierte sich das Trio am Donnerstag als demokratisch agierende Einheit aus einem Guss, sozusagen ohne Worte mit einer Stimme sprechend, dem Klangbild hat’s nur gut getan und den Raumflug nach etlichen Erdumrundungen wieder im sicheren Hafen ohne Komplikationen landen lassen. Die Band hat im Übrigen seit September mit „Schwester Mondreal“ ein neues Album über youtube am Start, reinhören und gepflegtes abspacen lohnt, auch für Jazzrock-Fremdler, klickst Du hier.
Karaba sind demnächst im Rahmen des Krauthammer IV wieder live zu sehen und zu hören, zusammen mit der französischen Krautrock-Band Abschaum aus Lyon, am 29. November im Glockenbachviertel-Club Milla.

Die zweite Sternenfahrt des Abends übernahm kein Geringerer als Münchens Krautrock-Urgestein Peter Frohmader mit seinem Mutterschiff Nekropolis. Der renommierte Experimental-Musiker, Kunstmaler und Spezi von Größen wie Damo Suzuki und HR Giger wurde an diesem Abend einmal mehr seinem Ruf als Urvater des Gothic-Krautrock gerecht und gab die Flugroute vor in Sachen ausgedehnter Psychedelic, harter Progressive- und Post-Rock, irrlichternde Noise-Drones und dunkel schimmernde Elemente aus der Ursuppe des Dark Wave und Postpunk. Frohmader als versiertem Taktgeber am Rickenbacker-Bass würde längst der Titel „Thunderfingers“ zustehen, wäre der nicht seinerzeit an den Who-Kollegen Entwistle vergeben worden, wie der legendäre Musiker des britischen Kult-Quartetts spielt auch Frohmader auf seinen vier Seiten weit mehr Soli als Rhythmen und schwört so in völlig freier Improvisation die Band-Begleiter mit seinem harten Anschlag und seinen dröhnenden Tunes auf die ausgedehnten Klangreisen ein, die in urtypischer und unnachahmlicher Nekropolis-Manier zwischen herrlicher Progressive-Melodik, mitunter gar erhabener Hymnik, zwingender, Black-Sabbathianischer Härte und düsteren Abstrakt-Space-Milchstraßen mäandern. Peter Frohmader als zentraler Dreh- und Angelpunkt, Soundwelten-Erschaffer und dekonstruierender Zerstörer, musikalischer Brahma und atonaler Shiva in Personalunion, begleitet an dem Abend von Keyboarder Udo Gerhards, der mit seinem Tastenspiel das bei weitem elementarste Kraut-Element in das komplexe Improvisations-Geflecht einbrachte, kongenial wie Gerhard „Machtkrampf“ Lallinger als musikalischer Antipode – der Musiker, Texter und Kopf der Münchner Punklegende Rauschangriff bringt durch seine spontan eingestreuten Antworten mit messerscharfen Riffs und jahrzehntelang geschultem Verständnis für die Möglichkeiten der jaulenden, krachenden und schneidenden Saiten der Rockgitarre die entsprechende Dringlichkeit und zusätzliche Vehemenz in die heterogenen, spannungsgeladenen, jederzeit tragenden Soundwände ein.
Die derzeitige Nekropolis-Stammformation Frohmader, Lallinger und Gerhards wurde an diesem Abend von Drummer Tom Henzen begleitet, der sich nahtlos und formvollendet ins freie Improvisieren einbringende Virtuose ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt in der hiesigen wie überregionalen Musik-Szene, Kooperationen und Studio-Arbeiten mit dem Bayerischen Staatsorchester, im Rahmen internationaler Produktionen mit Diana Ross, Gianna Nannini und diversen Hardrock-Acts zeugen von einer nicht alltäglichen Vita und entsprechendem Talent.
Nach einstündiger Hypnose mittels ausgedehnter Klang-Expeditionen durch eine Handvoll improvisierter, zu dieser Gelegenheit spontan entstandener Nummern war dem Quartett der hochverdiente, frenetische Applaus der Nekropolis-Gefolgschaft gewiss, angetan von der euphorischen Reaktion ließen sich Frohmader und Co zu einer weiteren Jam-Session überreden, die von eingangs swingender Leichtfüßigkeit in das stürmische Fahrwasser dramatischer Progressive-Epen mündete, ein würdiger Abschluss eines intensiven Ausflugs in die kaum ausgeleuchteten und erforschten Kraut-, Prog- und Drone-Galaxien.
Das „Bavaria One“-Projekt von diesem unsäglichen Frankenbeitl Söder kann sich daneben nur als verheerender Rohrkrepierer ausnehmen, insofern darf man dem Oiwonger gutes Gelingen beim Ausbremsen der freistaatlichen Raumforschungs-Pläne im Rahmen der laufenden Koalitionsverhandlungen zur Bildung der nächsten bayerischen Landesregierung wünschen – der Münchner Orbit ist unter dem Motto „Space Is The Place“ bereits prominent bevölkert mit grandios funkenden Satelliten wie eben Nekropolis und Karaba oder weiteren leuchtenden Himmelskörpern wie Ippio Payo, One Trip Pony, Bosch, Verstärker, to name a view…

Eugene Chadbourne & Steven De Bruyn @ Furtner, Freising, 2018-09-28

The great Eugene Chadbourne revisited, bereits zwei Wochen nach seinem grandiosen Auftritt mit Lokalmatador Titus Waldenfels und Drummer Schroeder in der angestammten Realwirtschaft Stragula im Münchner Westend noch einmal in oberbayerischen Gefilden, der Moosburger Jazzclub Hirsch machte es möglich und lud The Good Doctor Chad zusammen mit dem belgischen Bluesharp-Virtuosen und Rhythm-Junks-Musiker Steven De Bruyn aka Stevo Harpo in ihrer gemeinsamen Inkarnation als „Sonny And Brownie From Mars“ in die historischen Gemäuer des Furtnerbräu, zentralst in der altehrwürdigen Domstadt Freising gelegen, von München aus dreißig Kilometer den River Isar hinauf.
Kurz vor seiner Heimreise nach ausgedehnter Europa-Tour zurück in die Staaten – „My Wife couldn’t hardly remember my face…“ – hochwillkommen erneut die Gelegenheit, den großen Indie-Avantgardisten, Musikkritiker und Buch-Autor einmal mehr und zu dem Anlass in anderer als gewohnter Begleitung zu genießen, im gut gefüllten, Holz-vertäfelten Nebensaal des über fünfhundert Jahre alten ehemaligen Brauereigebäudes gestaltete Doc Chad zusammen mit dem Mundharmonika-Spieler aus dem schönen Gent den Abend deutlich experimenteller als seinen vor Kurzem bespielten Stragula-Gig, der für seine Verhältnisse jüngst geradezu konventionell als Folkrock- und Alternative-Country-Exkursion ausfiel. Der erste Teil des Konzerts am Freitagabend widmete sich einer ausgedehnten Würdigung US-amerikanischer Old Time Music, die Titel wie bei Chadbourne üblich aus einer umfangreichen Stoffsammlung spontan ausgewählt und dem Mitmusiker als improvisatorische Herausforderung und Aufgabe unvermittelt zum adäquaten Begleiten gestellt: Auch wenn Steven De Bruyn das ein oder andere Mal etwas zweifelnd und mit fragenden Blicken dem Meister nicht mehr folgen mochte und keinen Einstieg in das gemeinsame Musizieren fand, weil jener sich auf seinem Banjo in unvergleichlicher Chadbourne-Manier mit einzelnen, erratischen Saiten-Anschlägen und dissonantem Picking an der Auflösung jeglicher gängigen Song-Struktur abarbeitete, so entfalteten sich die allermeisten Nummern doch im Duo-Vortrag in einem Spannungsfeld aus angeschrägtem Freak-Out-Country-Blues, uraltem Outsider-Folk und zeitlosem Appalachen-Bluegrass, begleitet vom freien, beseelten und differenzierten Spiel auf der Bluesharp, das den Nummern trotz experimenteller Saiten-Frickelei, freigeistigen Folk-Drones und unkonventioneller Free-Jazz-Kakophonie den geerdeten Südstaaten-Touch der uralten Baumwollpflücker-Musik angedeihen ließ.
Neben einer Auswahl an Werken wie „Pastures Of Plenty“ aus der Feder von Woody Guthrie, die sich in der experimentellen Inspiration Chadbournes zu einem Ambient-artigen Desert Folk Free Flow ausdehnten, übernahm De Bruyn für eine Handvoll Eigenkompositionen das Ruder, bei einer flämisch besungenen Nummer wie bei einer modernen Blues-Adaption inklusive Loops und atmosphärischen Samples zog der sympathische Belgier alle Register seiner Kunst und zeigte eindrucksvoll, was auch beim Mundharmonika-Spiel mit entsprechendem Pedal-Einsatz alles an klanglichen Effekten möglich ist. „Another Kind Of Blues“, um den alten Charlie Harper von den UK Subs mit einem Album-Titel zu zitieren, auch wenn sich das Punk-Urgestein in dieser anderen Art des Blues mit seinen Vorstellungen wohl kaum wiedergefunden hätte.
Nach der Pause griff sich Chadbourne seine umgebaute, elektrisch verstärkte Resonator-Gitarre und schmetterte, grollte und parodierte sich durch eine Auswahl möglicher und unmöglicher Interpretationen aus dem weiten Feld der Pop- und Rockmusik, zu denen auch in dem Teil Steven De Bruyn mit seinem inspirierten Harmonika-Gebläse den Boden-Anker ins Fundament der Songs senkte. Den Petula-Clark-Hit „Downtown“ persiflierte The Good Doctor mit seiner unnachahmlichen Grimassen-Schneiderei, bevor der Sixties-Schlager zur reinen Mitsing-Nummer verkam, erinnerte er sich an seine eigenen Pedal-Fertigkeiten und jagte das gute Mainstream-Stück mit verzerrtem Hardrock-Trash durch den Killdozer-Fleischwolf. Die Interpretation von „Lucifer Sam“ entbehrte auch in der Chadbourne/De-Bruyn-Version nicht einer gewissen Psychedelic, wenn auch im Vergleich zum Pink-Floyd-Original in weitaus ferneren, windschieferen Outsider-Galaxien, in die sich dann tatsächlich nur noch ausgewiesen unerschrockene Soundtüftler wie der Doc zu entsprechenden Forschungszwecken vorwagen. Beim anrührenden Anstimmen des Nick-Drake-Klassikers „Time Has Told Me“ ließ Chadbourne hingegen den gebührenden Ernst walten und präsentierte den Song würdig als wunderschöne Ballade, als Absacker des Abends gegen Ende des Konzerts.
„There Is Nothing Like A Grateful Dead Concert“ ließen Garcia und Co oder irgend ein findiger Sprücheklopfer bei Warner Brothers damals zum Begleittext auf das Cover der „Europe 72“-Live-Scheibe der kalifornischen Jam-Institution pinseln, in Sachen Unvergleichbarkeit kann auch Eugene Chadbourne seit Jahrzehnten einen Riesen-Zylinder in den Ring schmeißen, und es klingt auch keines seiner Konzerte wie das andere, das demonstrierte er vor zwei Wochen in München, er hat es am vergangenen Freitag im uralten Freisinger Brauerei-Gebäude im Verbund mit dem flämischen Bluesharp-Meister Steven De Bruyn einmal mehr eindrucksvoll unterstrichen. Next Time wieder Stragula, I presume. Guten Heimflug, Doc, und eine sichere Wiederkehr im nächsten Jahr. Die Welt braucht so einiges an Erbauung in diesen Tagen, zwingend von Zeit zu Zeit ein Konzert von Eugene Chadbourne und seinen kongenialen Begleitern, so oft wie nur irgend möglich…