Funk

Soul Family Tree (11): Etta James, Muddy Waters, King Curtis, David Ruffin, Nina Simone, Aretha Franklin, Curtis Mayfield

Black Friday: In das wohlverdiente Wochenende gegroovt mit einem weiteren Gastbeitrag von Soulbrother Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog, here we go:

Heute gibt es eine Extra-Portion Blues und R&B mit Muddy Waters und Etta James, ein heißes Soul Stew mit King Curtis, Entschleunigendes von David Ruffin (ex- Leadsänger der Temptations) und den ersten Teil der angekündigten Hymnen der Bürgerrechtsbewegung von Nina SimoneAretha Franklin und Curtis Mayfield & The Impressions.

Blättert man in den Alben mit Blues-Musik, so liest man oft den Namen Willie Dixon. Neben Muddy Waters war er ein Gründer und großer Beeinflusser des Chicago Blues. Willie Dixon war eine Songfabrik. Er hat so viele und bleibende wie auch zeitlose Klassiker geschrieben. „I Just Want To Make Love To You“, aus der Feder von Dixon, wurde erstmals 1954 von Muddy Waters als „Just Make Love To Me“ aufgenommen. Später nahm Muddy Waters den Song mit der E-Gitarre und mehr Wums für sein 1968er-Album „Electric Mud“ auf.

Und weil es so viele gute Versionen von diesem Song gibt, hier die Zugabe. Die legendäre Etta James, die vielleicht beste R&B Sängerin überhaupt, mit ihrer Version. Aufgenommen Live in Montreux 1993.

Weiter geht es mit einem heißen Memphis Soul Stew von King Curtis und einem der besten Live-Alben aller Zeiten: „Live At The Filmore West“. Curtis Ousley (1934-1971), besser bekannt als King Curtis, war bekannt für seine virtuose Art, Rhythm und Blues, Rock ’n‘ Roll, Soul, Blues, Funk und Jazz zusammenzufügen zu einem eigenen Stil. Mit seiner Band Kingpins war er zudem die Backing Band von Aretha Franklin.

„Live At The Fillmore West“ ist ein Live-Album aus dem Jahre 1971. Zu hören ist ein Konzert von King Curtis zusammen mit den Kingpins, aufgenommen im März 1971, wo er zuvor Aretha Franklin als Begleitband unterstützte. Nur eine Woche nach der Veröffentlichung starb King Curtis. Das Album beginnt mit seiner eigenen Komposition „Memphis Soul Stew“. Der Rest vom Album sind Coverversionen bekannter Rock- und Soul-Aufnahmen. Es ist bis heute eines der besten Live-Alben aller Zeiten.

Etwas ruhiger wird es mit dem Sänger David Ruffin und der vielleicht besten Version vom bekannten Song „Rainy Night In Georgia“. Tony Joe White schrieb den Song in den 1960er Jahren und Brook Benton machte ihn kommerziell erfolgreich. David Ruffin gehörte zu den Sängern, die alles singen konnten. Er war einige Jahre der Leadsänger der Temptations. In den 1970er/1980er- Jahren nahm er zahlreiche Alben auf und hatte einige Hits. Mit nur 50 Jahren starb er bereits 1991.

Wie schon angekündigt, startet heute eine neue kleine Serie mit Liedern und Hymnen der Bürgerrechtsbewegung. Zum einen jähren sich in diesem Jahrzehnt viele Ereignisse zum 50. Mal und zum anderen, mit Blick auf das heutige Amerika, kommt einem vieles bekannt vor. Manche Probleme von damals sind heute noch aktuell.

„I wish I could say
All the things that I should say
Say ‚em loud say ‚em clear
For the whole round world to hear…“

Los geht es mit Nina Simone und ihrem Song „(I Wish I Knew How) It Would Feel to Be Free“ von ihrem Album „From Heart and Soul“ von 1972. Viele aus der damaligen Zeit beschrieben Nina als die Stimme der Civil Rights Movement. Während ihr Song „Mississippi Goddamn“ die Wut beschrieb, auch ihre eigene, so ist „(I Wish I Knew How) It Would Feel to Be Free“ der emotionale Höhepunkt aus dieser Zeit.

„Hey, Hey
We’re movin‘ on up (movin‘ on up)
Lawd have mercy
We’re movin‘ on up (movin‘ on up)…“

Mit klassischen Songs wie „People Get Ready“, „Amen“, „Keep on Pushin“ hatte Curtis Mayfield mit den Impressions bereits einige Mainstream-Hits. Viele waren deswegen vom Song „We Are The Winner“ irritiert. Manche Radiostationen weigerten sich, den Song zu spielen. Damit begann auch ein weiterer Karriereschritt von Curtis Mayfield.

„When you feelin‘ real low
Here’s a great truth you should remember and know
That you’re young, gifted, and black
You got your soul intact, oh, and that’s a fact…“

Die Stimme von Aretha Franklin wurde von der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren oft genutzt. Doch ihren politischsten Song veröffentlichte sie erst 1972. Das Stück „Young, gifted, And Black“ von Nina Simone wurde in ihrer Interpretation zu einer Hymne.

Beim nächsten Mal gibt es weitere Hymnen. Bis bald und Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum

Soul Family Tree (10): Stone Foundation, Gil Scott-Heron, Leon Ware, Clyde Stubblefield

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Kommt gut in das Wochenende mit Ausgabe 10 der Black-Music-Serie „Soul Family Tree“, heute wieder mit einem ausführlichen Beitrag von Soulbrother Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog, black friday, my dudes:

Willkommen zu einer neuen Ausgabe vom „Soul Family Tree“. Heute gibt es neue Musik von Stone Foundation, die sich als Verstärkung die große Bettye Lavette und Stax-Legende William Bell ins Studio holten. Gil Scott-Heron erinnert daran, dass die Revolution nicht sitzend vor dem Fernseher passiert. Und dazu kommen zwei weitere Kerzen. Eine für Leon Ware und die zweite für den „funkiest“ Schlagzeuger aller Zeiten, Clyde Stubblefield.
Let´s go.

Vorab ein Wort in eigener Sache. Im „Soul Family Tree“ soll es neben der Aktualität auch um Themenschwerpunkte gehen. Darum gibt es beim nächsten Mal den 1. Teil mit Liedern und Hymnen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Texte und Lieder, die auch heute noch aktuell sind. Dabei wird die Musik im Vordergrund stehen. Lasst Euch überraschen.

Los geht es mit der britischen Band Stone Foundation, die klassischen Soul spielen. Für ihr neues Album, das Ende März 2017 erscheinen wird, haben sie sich die Motown-Legende Lady Bettye Lavette ins Studio geholt. Produziert wurde das Album von keinem geringeren als Paul Weller. Herausgekommen ist richtig guter handgemachter Soul mit fetten Bläsern und Streichern. Aus einer ehemaligen Straßenkapelle ist im Laufe der Jahre eine richtig gute Soulband geworden. Und sie überzeugen zudem mit einem aktuellen Video. Wie singt Bettye Lavette treffend: „We Are Not Receiving Something To Believe In. It´s Time To Pull Together Stop Fighting One Another. It´s Time To Start A Season Of Change.“
Ladies and Gentleman, hier kommen Stone Foundation featuring Bettye Lavette mit „Season Of Change“:

Auf dem neuen Album der Stone Foundation soll man auch die Stimme von William Bell hören. Bekannt geworden auf dem Stax Plattenlabel, spielte er mit Rufus Thomas und vielen anderen Künstlern zusammen. Seit den frühen 1960er Jahren macht er Musik. Da passt es gut, dass er 2016 ein neues Album herausgebracht hatte. Hier kommt eine weitere Soul und R&B Legende mit dem Klassiker „Born Under Bad Sign“:

Die Kritik am amerikanischen Establishment gab es schon vor 50 Jahren. Heute und nicht nur darum ein Blick zurück auf die zwei Leben und Karrieren vom Musiker und Dichter Gilbert „Gil“ Scott-Heron (1949–2011). Denn er kritisierte stilsicher mit Sarkasmus, Humor und Ironie das Establishment bereits in den 1960er Jahren.
Scott-Heron wurde wegen seiner Texte gern der schwarze Bob Dylan genannt und galt zurecht als Vater und Idol für die später populär gewordenen Rap- und Hip Hop-Musik der kommenden Generationen. Schon kurz nach seinem literarischen Debüt 1970 nahm er sein erstes Studioalbum mit Rezitationen seiner Dichtungen in Conga-Begleitung auf. Bereits auf dem ersten Album findet sich sein vielleicht essentiellster Song mit „The Television Will Be Not Televised“, der sich in das kulturelle Gedächtnis mehrerer Generation fest einschrieb. Dieser Text hat von seiner Aktualität bis heute nichts verloren. Steht auf, schaltet den Fernseher aus und geht auf die Strasse. Die Revolution findet nicht sitzend vor dem Fernseher statt.

Er war ein Meister der Worte und fühlte sich ein Leben lang der Literatur mehr zugehörig als der Musik. Jemand, der tiefsinnig analysierte und Worte fand, wo andere nach Worten suchten. Seine teils gesprochenen oder gesungenen Worte waren zornig, wütend, anklagend und fordernd. Und selbst Jahrzehnte später hat diese Musik nichts an Kraft eingebüßt.
In Liedern wie „The Bottle“ sang er über die negativen Einflüsse von Drogen und wurde selbst von ihnen heruntergezogen. Sie beendeten sein erstes Leben, in dem er keinen Song mehr schrieb, seine Plattenverträge verlor und letztlich ins Gefängnis gehen musste. Die Erlebnisse verarbeitete er in seinem letzten Album. Ich hatte bereits über Gil Scott Heron einen eigenen Artikel geschrieben: hier weiterlesen…

Clyde Stubblefield (1943-2017) war der „funkiest“ und der am meisten gesampelte Schlagzeuger aller Zeiten. Questlove (The Roots) schrieb via Instagram.„Clyde Stubblefield thank you for everything you’ve taught me. The spirit of the greatest grace note left hand snare drummer will live on thru all of us“.
Er kreierte in den Jahren 1965 bis 1970 einen einzigartigen Schlagzeugstil als Drummer der Band von James Brown. Sein bekanntestes Stück war ein Drumsolo im Song „Funky Drummer“. Dieses Solo wurde bereits von diversen Künstlern in den 1980er Jahren gesampelt und beeinflusste die später aufkommende Hip-Hop-Bewegung sehr. Die Seite whosampled.com zeigt 1.368 Songs an, die dieses Solo nutzen. Man darf sogar so weit gehen zu behaupten, dass der Hip Hop, wie er heute klingt, ohne Clyde Stubblefield anders gewesen wäre. In seiner Zeit bei James Brown saß er auch am Schlagzeug für u.a. folgende Songs: „Cold Sweat“, „Ain’t It Funky Now“, „I Got the Feelin'“ und der Hymne „Sex Machine“.

Eigentlich wäre Stubblefield damit Millionär geworden. Doch unter dem Song stand lediglich der Name von James Brown. Außer seiner Gage als Studiomusiker bekam er nie einen Cent. Lediglich Melissa Etheridge bezahlte ihm etwas Geld. Andere Künstler wie Public Enenmy, Big Daddy Kane, Sinead O’Connor, N.W.A., Kool G. Rap, Coldcut, Beastie Boys, Prince und viele andere benutzten dieses Drum-Sample. Einzig Prince, der ebenfalls ein großer Fan von ihm war, bezahlte ca. 90.000 US-Dollar für seine Behandlungskosten, da er seit vielen Jahren an Niereninsuffizienz litt. Hier zu sehen mit einem Ausschnitt aus einer Dokumentation „Never Got Paid“, wo man Clyde Stubblefield auch in Persona sehen kann. Am 18. Februar starb Clyde Stubblefield als armer Mann. Selbst nach einer Neuregelung des Urheberrechts in den USA bekam er auch von den Erben James Browns kein Geld.

Mit Leon Ware (1940-2017) ist wieder einer der großen des klassischen Souls gestorben. Manche werden ihn vom Namen kaum kennen. Denn er hatte mehr Erfolg als Produzent und Komponist. Dennoch hat er besonders in den 1970/80er Jahren eine ganze Reihe von guten Alben und Songs veröffentlicht. Als erstes eines meiner Lieblingslieder. Leon Ware mit „Rockin You Eternally“:

Er komponierte zum Beispiel für Quincy Jones, Michael Jackson, Isley Brothers und viele andere. Und er komponierte u.a. für Marvin Gaye seinen Hit „I Want You“. Im neuen Jahrtausend nahm er seine alten Lieder im modernen Gewand neu auf. Hier zu sehen Live 2001 in Amsterdam, zusammen mit den Brand New Heavies und seinem Lied „I Want You“:

Bis zum nächsten Mal. Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum

Soul Family Tree (9): Big Chief, Wesley Willis, Urge Overkill

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Black Friday, my dudes, neunte Ausgabe, heute mal wieder ein eigener Beitrag mit einem Special zum Thema „Soul und Artverwandtes im Grunge und Alternative Rock“, mit drei Beispielen, wie sich Soul-, Gospel-, Funk- und Disco-Elemente in ausgewählten Krachmusikanten-Nummern der Neunziger eingeschlichen haben:

Den Auftakt macht die Sub-Pop-Band Big Chief aus Ann Arbor/Michigan, sie haben auf ihren wenigen Alben Anfang bis Mitte der Neunziger die Schwere des Motown-/Detroit-Grooves mit der Härte des Grunge in Einklang gebracht, Einflüsse waren bei Big Chief sowohl bei Funkadelic und Parliament als auch bei den Stooges oder MC5 auszumachen. Big Chief hatten von Beginn an Angebote von Major Labels, blieben aber ihrem Arbeiterklassen-Ethos treu, die Band um den Hardcore-Punk-Sänger Barry Henssler (ex-Necros) und Mike Danner, dem ehemaligen Drummer der Noise-Blues-Combo Laughing Hyenas, unterschrieb ihren ersten Platten-Deal beim Grunge-Heimatlabel Sub Pop in Seattle.
Nach Veröffentlichung ihrer Debüt-LP „Face“ im Jahr 1991 tourten sie ausgiebig mit den Beastie Boys in den Staaten, Nirvana schöpfte währenddessen im Grunge mit „Nevermind“ den großen Rahm ab.
Mit der Blaxploitation-Hommage „Mack Avenue Skullgame“ – einem Soundtrack-Album zu einem nicht existierenden Film – gelang ihnen in der Folge 1993 ihr bestes und gewagtestes Album, leider blieb dem musikalisch großen Wurf der kommerzielle Erfolg verwehrt, die Band erhoffte sich ähnliche Promotion, wie sie zuvor Sub Pop der Cobain-Kapelle zuteil werden ließ, als diese ausblieb, heuerte die enttäuschte Band bei Capitol Records an, lieferte mit „Platinum Jive“ ihr drittes und letztes Album ab, auch beim neuen Label fehlte der Verkaufs-Support, die Band löste sich 1996 frustriert auf und hinterließ der Nachwelt drei zumindest in Fan-Kreisen hochgeschätzte Alben.
Hier erklingt „One Born Every Minute (Doc’s Theme)“ aus dem Album „Mack Avenue Skullgame“ mit der Detroiter Soul-Lady Thornetta Davis als Gastsängerin:

„Rock over London, Rock on Chicago, the world is getting round“: Wesley Willis war ein wilder Hund, einer, ohne den die Geschichte der Independent-Musik um einiges langweiliger wäre. 1963 in Chicago geboren, im musikalischen Punk- und Outsider-Umfeld solo und mit seiner Band Wesley Willis Fiasco unterwegs, daneben Zeichner und Maler, befreundet mit Musikern von Ministry und Lard. 1989 wurde bei ihm Schizophrenie diagnostiziert. Auch hinsichtlich Arbeitsfleiß und Output ein absoluter Maniac, in manchen Jahren veröffentlichte Willis bis zu 12 Tapes und Alben im Eigenvertrieb. 1995 platzierte Dead-Kennedys-Vorturner und Willis-Fan Jello Biafra das Album „Greatest Hits“ beim hauseigenen Alternative-Tentacles-Label, seitdem genoss Willis Kult-Status in Underground-Kreisen. Im selben Jahr nahm ihn das von Rick Rubin gegründete American-Recordings-Label unter Vertrag, wo er zwei Alben produzierte.
In seinen oft sehr kurzen Stücken gelang ihm eine ureigene Mixtur aus Punk und Rap-artigem Gesang, sein Song „Jesus Is The Answer“ ist ein schönes Beispiel für seine ultraschräge Gospel-Kunst. 2003 ist Wesley Willis im Alter von 40 Jahren an den Folgen einer chronischen Leukämie gestorben, die wundersame Welt der Popmusik war um ein Original ärmer.

Und gleich nochmal Chicago: die dort ansässige Indie-Rock-Combo Urge Overkill ist einem weiteren Hörerkreis vor allem durch ihre Interpretation des Songs „Girl, You’ll Be A Woman Soon“ aus der Feder des New Yorker Schmalz-Barden Neil Diamond für den Soundtrack des Tarantino-Filmklassikers „Pulp Fiction“ bekannt geworden, bereits einige Jahre vorher haben sie beim Verarbeiten von Fremdmaterial eine glückliche Hand bewiesen, für ihr 1991er-Touch-And-Go-Album „The Supersonic Storybook“ haben sie sich bei der Hot-Chocolate-Soulnummer „Emmaline“ (aka „Emma“) aus der Feder von Errol Brown und Tony Wilson bedient, ein Song, der im Original 1974 in den Hitparaden des US-Billboard und in der Hot-Chocolate-Heimat UK für Furore sorgte.

Reingehört (266): Bitori

KULTURFORUM Portugal II www.gerhardemmerkunst.wordpress.com 7

Bitori – Legend Of Funaná / The Forbidden Music Of The Cape Verde Islands (2016, Analog Africa)

Das Akkordeon als Waffe im Kampf um Unabhängigkeit und nationale Identität, der treibende Beat gegen die europäischen Besatzer: Während der portugiesischen Kolonialherrschaft war der Vortrag der kapverdischen Volksmusik Funaná wegen ihrer System-kritischen Texte in der Öffentlichkeit der afrikanischen Atlantik-Inselgruppe verboten und wurde bei Zuwiderhandlung in den extremsten Fällen drakonisch mit Folterhaft bestraft.
Die schnelle, unkomplizierte Musik, die im Wesentlichen mit einer diatonischen Ziehharmonika und einem geschlagenen Eisenstab als Rhythmus-Geber gespielt wird, vereinigt Einflüsse aus der Musik Portugals mit dem treibenden Flow des afrikanischen Desert-Blues, der Bewegungsdrang wird durch einen urtypischen, Funk-artigen Latin-Groove befeuert, die Akkordeon-Melodik mag man in ähnlicher Form im Zydeco und in der Cajun-Musik der frankophonen Einwanderer im US-amerikanischen Südstaat Louisiana finden, die gerne so etikettierte „Weltmusik“ im besten Sinne eben.
1997 ist der damals 59-jährige Victor Tavares aka Bitori das erste Mal in einem Studio vorstellig geworden, um sein bis dato einziges Funaná-Album unter Mithilfe des Sängers Chando Graciosa, des Bassisten Danilo Tavares und des Schlagwerkers Grace Evora einzuspielen. Victor Tavares beschäftigte sich seit den fünfziger Jahren als Autodidakt mit dem Akkordeon und entwickelte daraus seine Interpretation dieser rohen, direkten Musik mit ihren simplen Melodien und zig-fach wiederholten Refrains über das harte Leben und die Nöte der kapverdischen Arbeiterschaft. Die Songs des vorliegenden Albums haben sich in den letzten zwanzig Jahren zu Klassikern des Genres im afrikanischen Insel-Staat entwickelt, zuforderst in den Tanzhallen der größeren Städte, außerhalb der Kapverden war das Material nicht zugänglich und kaum bekannt, ein Umstand, dem das Analog-Africa-Label mit dieser weltweiten Wiederveröffentlichung Abhilfe zu schaffen versucht.
(**** ½)