Fußball

Die virtuelle Reste-Schublade (3)

Stay at home, read a book – Daumen-eher-hoch-als-runter-Literatur …und ein beherztes „Reclaim The Game!“ hinterher:

Alex Raack – Alles aus Liebe. Eine Reise ins Herz des Fußballs (2018, Tropen)

Der 1983 in Celle geborene freie Autor Alex Raack war bis 2016 Redakteur beim nach wie vor schwer tauglichen Fußballmagazin 11FREUNDE, ist Verfasser einer Biografie über den für Werder Bremen und die Gladbacher Borussen kickenden und zwischenzeitlich schwer dem Alkohol zugetanen Eisenfuß Uli Borowka, daneben war Raack vor einigen Jahren Mitbegründer der ersten Schiedsrichter-Supporter-Ultras „Brigade Hartmut Strampe“ („You’ll never judge alone!“).
In seinem jüngst erschienenen 170-Seiten-Schmöker „Alles aus Liebe“ widmet er sich in 14 Kapiteln/Geschichten all jenen (inklusive seiner selbst), die zusehends mehr angeödet sind von alljährlich wiederkehrender, Gähn-Attacken-fördernder Meisterschalen-Vergabe an den Großkotzverein vom Steuerhinterzieher und seinen jubelpersernden FCB-Nachläufern, Champagner-schlürfenden Event-VIPs, astronomischen Ablösesummen für weltentrückte, durchtätowierte Kicker-Diven, dubiosen Investoren und der permanent fortschreitenden Entfremdung der Club-Oberen von der Fan-Basis und dem damit einhergehenden Verlust der „street credibility“ des Fußball-Sports und der Anhänger-Kultur – Raack begibt sich auf die Spurensuche nach Fans, die sich trotzdem ihre Liebe zum Fußball erhalten oder mühevoll zurückerobert haben, sei es durch die Segnungen des sportlichen Abstiegs mit damit verbundener Rückkehr in die Heimat des angestammten Stadtviertels, Rückbesinnung auf die eigene Identität und Wiederbelebung der Liebe zwischen Mannschaft, Trainer und Fans wie im Fall der Münchner Löwen im Jahr 2017, sei es durch absurd-groteske wie extrem humorige Aktionen wie dem eingangs erwähnten aktiven Schiedsrichter-Support, der gemeinsamen Auswärtsfahrt zum Groundhopping in die zweite tschechische Liga, der aktiven Teilhabe an der David-gegen-Goliath-Nummer beim DFB-Pokal-Match in der Einkommens-schwachen norddeutschen Provinz oder beim Besuch der Jubiläumsveranstaltung der Stadien-Postkarten-Sammler in einer Berliner Fan-Kneipe – Autor Alex Raack hält etliche lesenswerte Anekdoten parat zum Postulat „Liebe kennt keine Liga“ und den ewig währenden Freundschaften, die nur beim Fußball geschlossen werden, ab und an auch ein paar weniger passende Stories wie die Nummer über den Pseudo-Porno-Dreh im Bochumer Swinger-Club, deren einziger Bezug zum Thema die Beteiligung einer Handvoll durchgeknallter VfL-Fans ist, aber das sind lässliche Sünden in einem Buch, in dem uns Originale vorgestellt werden wie das Essener Urgestein Sandy und seine immerwährende und leidgeprüfte Liebe zum ehemaligen Deutschen Meister und mittlerweile langjährigen Viertligisten RWE, ein West-Vereine verehrender, zu DDR-Zeiten aufgewachsener Dresdner, unser verehrter Wahl-Münchner und KSC-Supporter Holger Britzius in seiner Funktion als Betreiber der weltbesten Fußball-Wohnzimmer-Kult-Kneipe „Stadion an der Schleißheimer Straße“ und – Achtung, festhalten! – ein Bayern-Fan (in dem Fall ohne Anführungszeichen!), der keinen Bock mehr hat auf die ewige, Konkurrenz-lose Gewinnerei seines Geld-Vereins – sowas soll’s auch geben, es besteht noch Hoffnung für die Menschheit…
Literarisch ist „Alles aus Liebe“ nicht die ganz große Weltmeisterschaft, aber mit solchen Arbeiten will man auch keine Nobelpreise oder die Champions League gewinnen, und Fußball ist schließlich „ein einfacher und massentauglicher Sport, der sich hervorragend dafür eignet, in großen Gruppen Emotionen auszuleben“, wie der „ProFans“-Sprecher Sig Zelt in einem Interview im Buch ganz richtig anmerkt, und in diesem Geiste taugen auch die allermeisten Kurzgeschichten des Buches zur locker-vergnüglichen Lektüre zwischen dem Heim-Kick gegen die Sportfreunde Lotte und der nächsten Zitterpartie in Osnabrück. Football is coming home. Mit dieser Stoffsammlung von Alex Raack allemal…

„Ich hoffe, dass sich im Fußball bald etwas ändert. Dass wir nicht noch viele weitere Jahre ertragen müssen, dass der Fußball so zynisch und versaut geworden ist. Dass er sich so sehr von seinen Idealen entfernt hat.“
(Alex Raack, Alles aus Liebe, Vorwort)

Reingehört – Short Cuts:

Gargle – Wading In Shallow Waters (2018, Fluttery Records)

Instrumental-Duo aus Tokyo mit neun filigranen Arbeiten zwischen cineastischer Neoklassik und Balladen-haftem Postrock. Gitarre und Akkordeon, zwischen melancholischer Ambient-Entschleunigung und einer sporadischen orchestralen Opulenz, die bei Bedarf mittels Piano und Electronica-Effekten fabriziert wird. Der Opener „Morphine“ ist vom Rezitieren eines Gedichts aus Feder des befreundeten Musikers Sean Fujimoto begleitet und notiert Dostojewskijs Novelle „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ als Inspirationsquelle, allein der Bezug lässt den entsprechenden Tiefgang in der Nummer mitschwingen. Japanischer Präzisions-Wohlklang, dem ein paar scharfe Kanten an der ein oder anderen Stelle und ein paar vehemente Postrock-Eruptionen zur Spannungs-Befeuerung nicht geschadet hätten, ansonsten aber sehr geschmeidig kammermusikalisch und ohne größere Beanstandungen ins Ohr geht.
„Wading In Shallow Waters“ ist Anfang August beim kalifornischen Indie-Label Fluttery Records erschienen.
(**** – **** ½)

Summer Effect – Reverie (2018, Fluttery Records)

Der Summer Effect hierzulande zeigte sich in den vergangenen Wochen in kollabierenden/dehydrierten Menschen, brennenden Wäldern und Dürre-bedingten Missernten, auf der indonesischen Insel Java dagegen als wunderbarer state-of-the-art-Postrock auf dem vierten Album „Reverie“ des Duos Aroel und Ibo aus der Großstadt Bekasi City, mit allen beglückenden Inhaltsstoffen des Gesangs-freien Genres von innehaltender, kontemplativer Sound-Meditation bis hin zu pompöser Streicher-Untermalung und euphorisierender Gitarren-Heftigkeit inklusive mustergültiger Crescendi und vehementer Bausteine-Aufschichtung zur Errichtung der in dem Zusammenhang immer wieder gern ins Feld geführten Klangwand-Metapher. Atmosphärisch, praktisch, gut. Auch auf Fluttery Records, seit Ende Juli.
(**** ½ – *****)

Der King ist vor 41 Jahren gegangen, aber er ist nach wie vor nicht forgotten. Remember the great Elvis Aaron Presley. The King will walk on Tupelo!

Zurück zur Werbung – und zum Fußball:

Das Spiel gedreht: Der in München ansässige Grafiker Hias Schaschko hat bei Trikont schöne CDs herausgegeben und für das gepriesene Indie-Label schöne Platten-Cover gestaltet, als Entwerfer schöner Postkarten kennt und schätzt man ihn gleichwohl in der Stadt wie darüber hinaus, und in der Funktion beglückt er seit Kurzem alle Münchner Löwenfans mit einer Papp-Version der legendären Anzeigentafel aus dem Grünwalder Stadion, inklusive weiß-blauer Kordel zum An-die-Wand-hängen und verstellbarer Ergebnis-Drehscheibe, selbstredend nur für die Heim-Mannschaft, denn der Gegner muss torlos bleiben: Damit kann man dann an Spieltagen das jeweilige Wunsch-Ergebnis einstellen, das herrliche Teil vielleicht sogar für Voodoo-Zwecke einsetzen und damit dazu beitragen, dass beim Klassenerhalt in Liga 3 nix anbrennt.
Ist für fünf Öre über die Homepage www.schaschko.de zu haben und geht in ausgewählten Super Stores wie dem feinen Mono-Plattenladen von Günter Seewald oder dem Giesinger Lieblingswohnzimmer Café Schau Ma Moi über den Tresen.
Für die anderen gibt’s dann demnächst das Handbuch „Schmieren, Schmuggeln, Steuern – Die Experten-Tipps“ vom Ghostwriter-Trio Uli, Franz & Kalle, oder wahlweise das Merkblatt „Wie organisiere ich eine stimmungsvolle Meisterfeier?“

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Reingelesen (76): Dietrich Schulze-Marmeling – Celtic

„‚Hibs‘-Sekretär John McFadden macht seinen Glasgower Gastgebern den Vorschlag, dem Edinburgher Beispiel zu folgen und auch in ihrer Stadt einen „irisch-katholischen“ Klub zu gründen. Der Vorschlag wird zum größten Eigentor der schottischen Fußball-Geschichte.“
(Dietrich Schulze-Marmeling, Celtic, Kapitel 2, Der Club der Einwanderer)

Dietrich Schulze-Marmeling – Celtic. Ein „irischer“ Klub in Glasgow
(2018, Verlag Die Werkstatt)

Fußball-Schauen konnte in den vergangenen Wochen dank der laut FIFA-Boss Infantino „besten Weltmeisterschaft aller Zeiten“ inklusive des in deutschen Landen auftretenden Nachbebens aufgrund unterirdischer Turnierleistung „der Unseren“ (aka „Die Mannschaft“), unsäglichem Funktionärs-Nachtreten und unfassbaren Steuerhinterzieher-Auswürfen in der Causa Özil mitunter von hohem Unterhaltungs- und Erkenntnis-Wert sein, die Lektüre zu ausgewählten Themen aus der weiten Welt des runden Leders erfüllt diesen Zweck ab und an nicht weniger, wie der renommierte Fachbuch-Autor Dietrich Schulze-Marmeling mit seinem jüngst erschienenen Werk über The Celtic Football Club eindrucksvoll unterstreicht. Und politisch wie sozial-historisch spannender sind die 288 Seiten zwischen den Buchdeckeln von „Celtic. Ein ‚irischer‘ Verein in Glasgow“ allemal mehr als die kürzlich über die Bühne gegangene Putin-WM – das ist nahe liegend bei einem katholischen, weit über die schottischen Landesgrenzen hinaus verehrten wie gleichsam verhassten Verein im protestantisch geprägten Kaledonien, wie auch bei einem Autor, der in seiner beschriebenen Celtic-Historie neben der chronologischen Abhandlung der sportlichen und Vereins-politischen Entwicklung seit Club-Gründung durch den irisch-stämmigen Ordensbruder Andrew Kerins/Brother Walfried im Jahr 1887, der Dokumentation der nationalen und internationalen Erfolge und der Würdigung einzelner, verdienter Spieler-Ikonen vom „Lord Of The Wing“ Jimmy Johnstone bis zum schwedischen Top-Stürmer Henrik Larsson ausführlich den komplexen inner-irischen Konflikt behandelt, der über die grüne Insel hinaus seit Dekaden das Handeln der mehrheitlich von katholisch-irischen Auswanderern abstammenden Vereinsführung wie die anti-royalistischen/anti-unionistischen Schlachtgesänge und Fan-Aktionen der Celtic-FC-Anhängerschaft durchdringt und vor allem immer wiederkehrend im „Old Firm“ seine ganze politische, religiöse und soziale Brisanz in der schottischen Liga, in der Medien-Landschaft und letztendlich der gesamten Zivil-Gesellschaft entfaltet, jenem legendären, vor 130 Jahren erstmals ausgetragenen Lokalderby zwischen Celtic und dem protestantisch-sektiererischen Stadtrivalen Rangers.

„Die Mauer zwischen dem Shankill- und dem Falls-Gebiet ist so hoch, dass diese Leute niemals Menschen in Celtic-Trikots gesehen hatten. Obwohl nur zwei Meilen entfernt, wussten sie nichts von einer Welt wie Ardoyne, wo die irische Trikolore weht und Kinder mit Hurling-Schlägern und in GAA-Trikots herumlaufen. Auf der Shankill Road hätten sie jeden, der ihnen in einem Celtic-Trikot begegnet wäre, ermordet.“
(Peter Shirlow, University of Ulster)

„You can shove your Royal wedding up your arse!“ schmetterten die Celtic-Fans im vergangenen Mai zum Boulevard-Presse- und Mainstream-Medien-gehypten, royalen Markle/Windsor-Vermählungs-Event beim selben Tags stattfindenden schottischen Pokalfinale, der Schmäh-Gesang bringt die Haltung der irisch-katholisch verwurzelten Anhängerschaft zu den Repräsentanten des längst verblassten britischen Empires und zum Establishment des United Kingdom treffend auf den Punkt. Schulze-Marmeling holt weit aus in seinem Buch und dokumentiert sorgfältig wie differenziert die Wurzeln, historischen Stränge und Gründe der exponierten Outsider-Stellung des Clubs in der britischen Gesellschaft wie das politisch-soziale Fundament seiner Verehrung durch die katholische Fan-Basis aus der nordirischen Konflikt-Region und der irischen Republik, ausgehend von den zur Massen-Migration zwingenden Hungersnöten im Irland des 19. Jahrhunderts, der Club-Gründung als ursprünglich karitative Wohlfahrtsorganisation zur finanziellen Unterstützung der katholischen Unterschicht und Arbeiterklasse Glasgows, dem Dubliner Osteraufstand und dem irischen Unabhängigkeitskrieg, sozialrevolutionären Ideen innerhalb der Vereinsführung wie die mitunter nicht abschließend geklärte Haltung zur IRA und ihrer terroristischen Aktionen gegen die britischen Institutionen. Gerade zu diesen Themen regt die Lektüre zu weiteren, ausführlicheren Studien an, vor allem auch durch den zweiten Teil des Buches, „Celtic, Irland und die ‚Troubles'“, in dem der Autor profund aufzeigt, dass eine rein aus sportlicher Sicht erzählte Celtic-Vereinsgeschichte kaum Sinn macht, da sie sich in den seltensten Fällen von der sozio-politischen Komponente des Themen-Komplexes trennen lässt. Bereits in der Fußball-Historie durch die sich zwingend aufdrängende Auseinandersetzung mit der unionistischen, sektiererischen Vereinspolitik des Lokalrivalen Rangers und den zahlreichen Querverbindungen der protestantischen Anhängerschaft zu loyalistischen Vereinigungen wie dem Oranier-Orden und zu den paramilitärischen Terror-Organisationen Ulster Defence Association und Ulster Volunteer Force untermauert Schulze-Marmeling diesen Ansatz eindrücklich, im speziell der irischen Komponente der Thematik gewidmeten zweiten Teil ist die Bedeutung des Clubs und seines protestantischen Stadtrivalen zu Zeiten der nordirischen „Troubles“ als Projektionsfläche separatistischer/unionistischer Standpunkte zentraler Dreh- und Angel-Punkt, ob in der Geschichte des 1949 aufgelösten Vereins-Pendants Belfast Celtic FC, in Reflexionen zur nordirischen Fußball-Verbands-Politik, Berichten über No-Go-Areas in der durch Mauern geteilten Hauptstadt Belfast, über persönliche Verbindungen von kickenden Rangers-Stars zu paramilitärischen, protestantisch-unionistischen Serien-Killern oder den Geschichten über die Morde an jugendlichen Celtic-Fans, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, Geschichten über kranke Parallel-Welten und fanatischen Irrsinn, die den Sport zur schaurigen Nebensache und zum Aufhänger für massive politische und soziale Verwerfungen degradieren.

„Die Italiener sahen aus wie Filmstars – und wir sparten für die dritten Zähne.“
(Bill McNeill, Celtic-Kapitän der „Lisbon Lions“)

Ein zentraler Abschnitt jeder Vereins-Chronik des Celtic FC – so hier nicht anders – gehört der ausführlichen Würdigung der „Lisbon Lions“, jener hinsichtlich Kult-Status in der internationalen Welt des Vereinsfußballs den „Busby Babes“ von Manchester United, der Mannschaft von Nottingham Forest unter Brian Clough in den Endsiebzigern oder den 78er-Double-Gewinnern des 1. FC Köln vergleichbaren Celtic-Jahrhundert-Elf um Wunderstürmer Jimmy Johnstone und ihren Trainer Jock Stein, einem heute über die Vereinsgrenzen hinaus legendären, über 13 Jahre die sportlichen Geschicke der „Bhoys“ lenkenden ehemaligen Celtic-Spieler, Sozialisten und – paradoxerweise – Protestanten, der mit religiösem Sektierertum nichts am Hut hatte, der den Menschen vor Nationalität und Glauben stellte, mit seiner offensiven Fußball-Philosophie die Kunst des holländischen Totaalvoetbal vorwegnahm und damit den Celtic FC bis dato zu seinen größten Erfolgen führte. Der Triumph der ersten britischen und nordeuropäischen Mannschaft überhaupt in einem Europapokal-Finale im Landesmeister-Wettbewerb 1967 in Lissabon gegen den berüchtigten Catenaccio-Riegel von Favorit Inter Mailand war seinerzeit ein nicht erwarteter Sieg gegen südländische Defensiv-Künste wie Krönung einer ganzen Reihe von nationalen Meisterschafts- und Pokal-Titeln unter der Ägide des Ausnahme-Trainers, der von Fußball-Historikern in einer Reihe mit schottischen Koryphäen wie Matt Busby, Bill Shankly und Alex Ferguson genannt wird, der bis heute der letzte der Jahrzehnte-lang engagierten Celtic-Trainer bleibt – neben dem ersten Coach Willie Maley (43 Jahre) und Jimmy McGrory (20 Jahre von 1945 bis 1965) – und der – tragisch wie stilsicher als Vollblut-Coach – im September 1985 als schottischer Nationaltrainer während eines WM-Qualifikationsspiels gegen Wales im Stadion in Cardiff einem Herzinfarkt erlag.

Dass die seit 1890 ausgespielte Scottish League Championship für Außenstehende und keinem der beiden Glasgow-Clubs Zugewandten bis zur Rangers-Insolvenz im Jahr 2012 kaum Spannendes zu bieten hatte, belegt der Blick in die Statistik, von den bis dahin ausgespielten 116 Titeln gingen 43 an Celtic und 54 an den (Noch-)Rekordmeister Rangers, der FC Aberdeen war 1985 der letzte schottische Meister außerhalb „The Old Firm“, seit dem zwischenzeitlichen Zwangsabstieg des Lokalrivalen in die vierte Liga als Folge der Vereins-Pleite der Rangers kann die alljährliche Dauer-Meisterschaft der Grün-Weißen hinsichtlich Langeweile mittlerweile mit dem Bundesliga-Monopol des Münchner Steuerhinterzieher-Vereins konkurrieren. Das Verblassen des Celtic-Sterns trotz nationaler Dominanz auf internationaler Bühne vor allem mangels konkurrenzfähiger finanzieller Mittel und die Folgen für den Verein dokumentiert Schulze-Marmeling ausführlich wie die bisher gescheiterten Bemühungen einer Anbindung an die englische Premier League.

Der mehrseitige „Einwurf“ – eines von mehreren ergänzenden, eigenen Kapiteln zu expliziten Themen – über die Fan-Freundschaft zwischen Celtic- und Hamburger St.-Pauli-Supportern dürfte unter den deutschen Lesern über die Anhängerschaft des norddeutschen Kiez-Clubs hinaus kaum auf gesteigertes Interesse stoßen, die unterm Strich sehr oberflächlich umrissenen Reise-Eindrücke des ehemaligen Pauli-Fanbeauftragten Sven Brux aus der geteilten Stadt Belfast zu Zeiten des Nordirland-Konflikts vor dem Karfreitags-Abkommen dann wahrscheinlich im Zweifel nur noch bei einer Handvoll politischer Wichtigtuer unter den Totenkopf-Shirt-Trägern, und den komplett abgedruckten, an Banalität kaum mehr zu unterbietenden Songtext von „The Celtic and St. Pauli Song“ hätte man sich getrost komplett sparen können, wegen der zwölf Seiten der ansonsten sehr lesenswerten Vereinshistorie muss man selbstredend nicht päpstlicher als der Papst sofort die gelbe Karte zücken, aber ohne eine kurze Ermahnung geht es an der Stelle dann auch nicht ab.

Mit vernachlässigbaren Abstrichen ist das Buch somit eine äußerst lohnende Lektüre für Freunde des internationalen Fußballs und seiner in den vergangenen Jahren zusehends aus dem Fokus geratenen schottischen Spielart, die einst in mittlerweile längst vergangenen Zeiten mit zur Weltspitze zählte, die Doku ist guter Lesestoff und idealer Einstieg für Interessierte an irischer, schottischer und britischer Geschichte, Kultur und Politik, und natürlich nicht zuletzt für die auch hierzulande zahlreichen Freunde und Sympathisanten des faszinierenden grün-weißen Kult-Vereins aus Glasgow – fundiert, flüssig lesbar und der komplexen Thematik gerecht werdend beschrieben von einem ausgewiesenen Kenner der Szene. Darüber hinaus dürfte die im Mai beim Verlag Die Werkstatt erschienene Vereins-Doku derzeit die einzige verfügbare deutsche Publikation zum Thema sein.

Autor Dietrich Schulze-Marmeling wurde 1956 in der nordrhein-westfälischen Hansestadt Kamen geboren, im Göttinger Verlag Die Werkstatt sind zahlreiche weitere seiner Publikationen über die Entwicklung des Profi-Fußballs, über Vereins-Historien von Borussia Dortmund, Preußen Münster, Manchester United, die FCBs aus Barcelona und München und einzelne Biografien herausragender Spieler-Persönlichkeiten wie Lew Jaschin, George Best oder Johan Cruyff veröffentlicht worden. 2011 erschien von ihm die von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur als „Fußballbuch des Jahres“ ausgezeichnete Dokumentation „Der FC Bayern und seine Juden“, die Thesen des Buches, die den Club als rühmliche Ausnahme hinsichtlich antisemitischer NS-Vereinspolitik stilisieren, werden mittlerweile aufgrund neuerer Forschungsergebnisse mindestens angezweifelt, wenn nicht widerlegt.
Neben zahlreichen Büchern zum Thema Fußball hat Dietrich Schulze-Marmeling eine Reihe von Sachbüchern über die Geschichte, Kultur und Landschaft Nordirlands veröffentlicht, über politische Theorien und Praxis im nordirischen Konflikt und die britische Politik in der Region in den Siebziger und Achtziger Jahren. Sein immenses und fundiertes Wissen zum Thema fließt nahe liegend in die aktuelle Dokumentation über Celtic Glasgow und die gesellschaftliche, politische und kulturell-soziale Relevanz des Vereins ein. Ende der Achtziger lebte der Autor selbst für ein Jahr in Nordirland.

Der Blog-Platzwart bedankt sich herzlich beim Verlag für das Rezensionsexemplar.

Das Double

„Dat is dat Allerschönste, wenn se sehr schön spielen!“

Frank Steffan – Das Double – 1977/78: Die Dokumentation einer außergewöhnlichen Epoche (2017, Edition Steffan)

Was heutzutage durch die Dominanz des von Vorbestraften geführten Münchner Mia-san-Mia-Syndikats zur tödlich langweilenden Routine im nationalen Liga-Betrieb geworden ist, hatte bis Anfang der 2000er absoluten Seltenheitswert im deutschen Fußball: Der Gewinn von Bundesliga-Meisterschaft und DFB-Pokal innerhalb einer Spielzeit durch den selben Klub, das sogenannte Double. Bis zur Jahrtausendwende ist das seit 1937 – die Schalker waren seinerzeit die ersten – ganze vier Mal gelungen, seitdem ödet der Rekordmeister aus dem Süden mit nahezu unschöner Regelmäßigkeit durch Einfahren beider Titel die Sport-interessierte Republik an.
Für den 1. FC Köln war es 1978 soweit: Als gerade mal dritter Double-Gewinner schrieb das Team aus der Domstadt am Rhein Fußball-Geschichte.
Hennes Weisweiler, Trainer-Unikat und Meistermacher der Gladbacher „Fohlen“ in den frühen Siebzigern, kehrte nach einem kurzen, unerfreulichen Gastspiel beim FC Barcelona, das vor allem durch sein von Beginn an zerrüttetes Verhältnis mit dem holländischen Superstar Johan Cruyff geprägt war, 1976 als Trainer zu den „Geißböcken“ zurück, in der Spielzeit vor dem Double gelang Weisweiler 1977 bereits ein Titelgewinn mit den Kölnern im DFB-Pokalfinale. Für die folgende Spielzeit ging der knorrige Trainer mit der bei Fans und Funktionären nicht unumstrittenen Demontage von Club-Legende, Führungsspieler und Weltmeister Wolfgang Overath ein hohes Risiko, die Fäden im Spiel des FC sollte zukünftig der Weltklasse-Techniker Heinz Flohe mit Hilfe von Herbert Neumann und Bernd Cullmann im Mittelfeld ziehen, im Sturm war man seinerzeit mit dem deutschen Nationalstürmer Dieter Müller und seinem belgischen Kollegen Roger Van Gool exzellent aufgestellt, Müller sollte in der Double-Saison mit 24 Liga-Treffern die Torschützenkönig-Auszeichnung einfahren.

Der Kölner Regisseur Frank Steffan hat über die Ausnahme-Saison der „Geißböcke“ einen sehenswerten Dokumentar-Film gedreht. Wie bereits bei seinem exzellenten Spieler-Portrait über Heinz Flohe „Der mit dem Ball tanzte“ aus dem Jahr 2015 hält sich Informatives und Unterhaltsames gekonnt die Waage in der chronologischen Erzählung dieser turbulenten „Effzeh“-Saison 77/78, in der sich ein Deutscher Meister auch ab und an eine krachende Niederlage leisten konnte, wie auch der Ausgang in Sachen erster Platz bis zuletzt offen war, die im Film fein inszenierte Dramatik des Fernduells Köln/Gladbach inklusive der unerklärlichen Torflut der „Fohlen“ gegen den BVB am letzten Saison-Spieltag spricht dahingehend Bände. Insofern ist die Doku nicht zuletzt für Fußball-Nostalgiker eine lohnende Angelegenheit, jeder, der Jahr für Jahr etliche Wochen vor Saisonende vom uneinholbaren Punktestand und damit der vorzeitigen Meisterschaft der rot-weißen Münchner Arroganz-Truppe angenervt ist, kann sich nach jenen vergangenen Zeiten nur sehnen, als der Champion erst am letzten Spieltag Samstags gegen 17.15 Uhr dann langsam feststand…
Der Film zeigt einen Tor-Reigen zum Zungen-Schnalzen in historischem Film-Material, dokumentiert das frühe wie desaströse Aus der Kölner Ausnahme-Mannschaft gegen den FC Porto im Pokalsieger-Europacup wie auch die Geschichte vom ersten japanischen Profi in der Bundesliga und lässt vor allem Zeitzeugen zu Wort kommen, beinharte FC-Fans wie Kult-Trainer Peter Neururer, den Kölner Künstler Anton Fuchs oder Hardcore-Supporter Jacki Nimmesgern und damals aktive Spieler wie den späteren National-Keeper Harald „Toni“ Schumacher, den Sympathie-Träger Dieter Müller, FC-Manager Karl-Heinz Thielen, Kölner Originale wie den damaligen Mannschaftsarzt Dr. Alfons Bonnekoh und den dänischen Entertainer Preben Elkjær Larsen, der in jener Zeit vor allem das Kölner Nachtleben genoss und seine großen Fußballer-Momente erst nach seiner kurzen Zeit am Rhein haben sollte.
Relativ kurz kommt der einhergehende Pokalsieg der Kölner zur Sprache, das mag an mangelndem Filmmaterial liegen, wohl aber auch am Losglück, der FC traf erst ab dem Halbfinale mit Werder Bremen und dann im Endspiel mit den rivalisierenden Nachbarn von der Düsseldorfer Fortuna auf ebenbürtige Gegner.

Steffan dokumentiert die Erfolgsgeschichte des FC im Kontext des damaligen Zeitgeschehens, Rock’n’Roll-King Elvis Presley stirbt 1977, das Beben des Punkrock ist vor allem durch die Krawall-Aktionen der Sex Pistols auf der britischen Insel zu vernehmen und wird später auch in der rheinischen Republik seine Spuren hinterlassen, Köln im Speziellen ist nicht nur wegen dem Fußball-Gekicke im Fokus, darüber hinaus ist die Stadt auch zentraler Schauplatz im „Deutschen Herbst“ mit der gewaltsamen Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer durch das „Kommando Siegfried Hausner“ der linksextremen RAF wie auch Epizentrum der deutschen Kunstszene in jenen Jahren, ein zeitweiliger Aufenthalt von Pop-Art-Ikone Andy Warhol in der Domstadt war diesem Ruf gewiss nicht abträglich. Der Chef der legendären New Yorker Factory outete sich als wahrer Fußball-Experte, für den stürmenden FC-Außenverteidiger Harald Konopka, der im Übrigen in seiner Funktion als rheinische Frohnatur, ehemaliger Spieler und befragter Zeitzeuge keinen geringen Anteil am Unterhaltungswert des Films hat, signierte Warhol einen Druck mit der Widmung „To the best soccer player in the world“„Who the fuck is Cruyff?“ mag sich da so mancher im Kölner Umkreis gefragt haben…

„Das Double“ wird wie bereits der Flohe-Film vom ex-Schroeder-Roadshow-Sänger Gerd Köster kommentiert, der ehemalige Musiker und Hörbuch-Sprecher bringt die Nummer unaufgeregt wie grundsolide und mit eigener Note zum Vortrag. Der angepunkte, perfekt zur damaligen Zeit passende Soundtrack stammt von der Früh-Achtziger New-Wave-Combo mit dem sinnigen Namen „The Cöln“ um den Gitarristen Dirk Schlömer, der später auch bei der Deutschrock-Legende Ton Steine Scherben zugange war.

Beim momentanen Tabellenstand kann man in Köln von diesen glorreichen Zeiten nur träumen, zur seelischen Erbauung und moralischen Stütze sollte die Doku in jedem Fall für alle Fans und Sympathisanten des „Effzeh“ in Reminiszenz an bessere Tage taugen, für alle anderen Fußball-Interessierten ist es immer noch ein herausragendes, informatives Stück Zeitgeschichte aus einer Ära, in der die Welt in Sachen Bundesliga-Fußball weitestgehend in Ordnung war – Platz zwölf, ein negatives Tor-Verhältnis, 13 Saison-Niederlagen, zwischenzeitliche Abstiegs-Gefahr sowie eine Derby-Klatsche inklusive Platzverweis für den späteren Luxusuhren-Schmuggler in der Saison-Endabrechnung 1977/78 des rot-weißen Großkotz-Vereins aus München sind dahingehend ein untrügliches Indiz, da muss man die tolle Saison der rot-weißen, hochsympathischen Jahrhundert-Mannschaft des 1. FC Köln jener Jahre noch gar nicht in die Waagschale schmeißen…

Die DVD „Das Double“ ist bei Edition Steffan erschienen, wie auch das bereits im November 2016 publizierte, um viele historische Foto-Aufnahmen bereicherte Buch mit gleichem Titel.

Herzlichen Dank an Frank Steffan.