G.Rag und die Landlergschwister

G.Rag und die Landlergschwister @ Braunauer Eisenbahnbrücke, München, 2019-07-15

„Down By The River“ hat der alte Neil Young einst seine Liebste erschossen, wie er das mal vor Unzeiten in eben jenem Song beichtete, am Montag beim Auftritt von Chefdirigent G.Rag und seinen Landlergschwistern am Ufer der Isar an der Braunauer Eisenbahnbrücke hingegen null Stress, kein zwischenmenschlicher und auch kein anderer, alles Friede, Freude und – falls im Picknickkorb eingepackt – vielleicht sogar der ein oder andere Eierkuchen. Dabei hätte die Freiluftveranstaltung aus dem Hause Gutfeeling im schlimmsten Fall selbst den ein oder anderen Mord verkraftet, Kapellmeister Staebler und seine Musikanten wären neben vielen anderen Inkarnationen auch als Funeral Band für „a scheene Leich“ sofort parat gestanden, See-Bestattung am nahen Gewässer inklusive. Die am lauschigen Sommerabend personell von Mathias Götz und Micha Acher (Hochzeitskapelle, Notwist, unzählige andere Formationen) ergänzte und instrumental bereicherte Zusammenkunft kann sowas spontan aus der Hüfte geschossen liefern, und noch so vieles mehr: Das Verbraten des Honkytonk eines Hank Williams mit der Volksmusik des „Kraudn Sepp“ Josef Bauer, die Transformation von Landler, Polka und Cajun in zeitlosen Bavarian No Wave – wo bei anderen Combos gecoverte Elektro- und Punk-Hits als Rumpel-Swing und windschief scheppernde Bajuwaren-Volksmusik peinlich berührtes Befremden auslösen würden, klingt das bei den Landlergschwistern so, als wären diese Nummern genau für dieses Format komponiert worden. Der Spirit der Songs will eben erkannt und angemessen interpretiert werden, deppertes und stumpfes Nachspielen ist woanders.
Die Welt ist ein Dorf, München sowieso, und damit darf es niemanden verwundern, wenn der schräge Big-Band-Sound aus New Orleans und der schrammelnde Country aus Texas nach oberbayerischer Dorffest-Anarchie im Geiste von Achternbusch, Graf und Polt klingen und die Isar ihr uraltes Lied dazu singt. G.Rag und die Seinen sind aus gutem Grund die Band, die dem alljährlichen, weltberühmten Massen-Besäufnis auf der Münchner Theresienwiese mit ihrem wunderbaren, seltsamen und verhauten Volksmusik-Kosmos im Herzkasperl-Zelt noch irgendeine Art von Sinn stiften. Zum Oktoberfest dann noch weitaus hitziger, Tanzwut befeuernder und bierselig aufgeladener, am Montagabend hingegen tiefenentspannt, mit improvisiertem Groove und Flow an den Muddy Banks of the River, ohne stilistische Berührungsängste und vor allem mit viel Spielfreude der zahlreich erschienenen Gefolgschaft den lauen Sommerabend orchestriert. Unkompliziert, spontan und beschwingt im Grünen wie immer, und musikalisch einnehmend wie eh und je. Und damit fängt die Woch‘ schon gut an, wie ein anderer bayerischer Volksheld vor über hundert Jahren kurz vor seiner Hinrichtung verlauten ließ…

Und weil’s so schön war und die sommerlichen Auftritte aus der Gutfeeling-Welt im Freiraum der Isar-Auen mittlerweile sowieso schon gute Tradition haben wie das Stimm-verzerrende Megaphon zum polternden Sound, gibt es am 6. September an gleicher Stelle ab 18.00 Uhr eine weitere Runde G.Rag-Herrlichkeiten, dann im reduzierten Format als „NoWave Sundown Show“ mit der Zelig Implosion Deluxxe. Nach den großen Ferien, vor dem kollektiven Münchner Volksrausch.

Aus gegebenem Anlass…

… solltest Du es als dirndlgewandeter oder lederbehoster Tourist, der in diesen Tagen mit seiner Ausstaffierung frech suggerieren möchte, sie oder er wäre wir, trotzdem versuchen, etwas richtig zu machen im alljährlichen Münchner Faschingswahnsinn-Overkill, dann versuch es wenigstens mit Niveau, das geht tatsächlich auch, und zwar auf der Traditions-Wiesn, vor und im in Reminiszenz an den großen Jörg Hube benannten Herzkasperl-Festzelt, da spielt morgen Titus Waldenfels sowie G.Rag und die Landlergschwister, die auch von 1. bis 4. Oktober täglich am Start sein werden, am 25. September tritt das bayerisch-japanische Ukulelen-Duo Coconami auf, im Anschluss werden wie auch in den Jahren zuvor die oberösterreichischen Hardcorevolksmusikspeedgroovepunkakkordeonhendrix-Giganten von Attwenger das Zelt zum Kochen bringen und am Sonntag, dem 27. September, begeistern vor und im Zelt die Gerner Zipfeklatscher und die Hochzeitskapelle in bewährter Manier, über letztere schrieb der Eike vom Klienicum-Blog vor kurzem folgende schöne Zeilen, die ich Euch unmöglich vorenthalten kann: „das zusammenspiel dieser ausnahmemusiker zu hören, die variabilität ihres spiels, das punktgenaue aufeinander eingestimmtsein, wahnsinn! die verquickung von tradition und moderne fand sich selten gelungener, als würde man eine bajuwarische suppenschüssel, schön in weiß-blau, hernehmen, aus der heraus das manderl direkt in die große, weite welt blickt. das können die bayern, jawoll.“
Neben G.Rag werden am 3. Oktober Williams Wetsox mit Bayernblues aufwarten und die Zwirbeldirn Geigengroove und Dreigesang zum Besten geben und wenn das keine Alternative zum Massen-Exen, Bedienungen-Betatschen und Bavariahügel-Vollreihern ist, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Prost!

G.Rag und die Landlergschwister @ Braunauer Brücke, München, 2015-06-09

Unser Münchner Lokal-Matador G.Rag und seine Landlergschwister gaben am vergangenen Dienstag an der Isar bei ’sommerlichen‘ zehn Grad Celsius ein mehr oder weniger spontan anberaumtes Open-Air-Konzert, direktemang neben der Braunauer Eisenbahnbrücke.
Unnützes Wissen am Rande für die Hobby-Historiker: Die Brücke – 1871 in Betrieb genommen – war ursprünglich Teil der ersten Bahnverbindung von München nach Österreich und ist nach dem österreichischen Grenzort Braunau am Inn benannt, deren berühmtest-berüchtigter Sohn lange Jahre in München, der „Stadt der Bewegung“, sein Unwesen trieb, bevor er die halbe Welt in seinem radikal-fanatischen, rassistischen Wahn in Schutt und Asche legte.
Zurück zur Musik: was soll ich sagen, es war, wie immer, die genial-schräge Polka-Country-Cajun-Crossover-Mixtur, die erneut ihren Höhepunkt in der fantastischen Interpretation des DAF-Klassikers „Der Räuber und der Prinz“ fand. Der herrliche, völlig unkonventionelle Big-Band-Sound der Gschwister und ein leckeres Helles aus der Giesinger Brauerei sorgten bei den herbstlichen Außen-Temperaturen dann doch noch für wohlige innere Wärme…;-)
Schade, dass das Wetter nicht mitspielte, bei sommerlicher Witterung wären bestimmt mehr Isar-Nackerte, Ausdauerläufer und notorische Strand-Griller beim Polka-Rave hängen geblieben.

Frühere im Kulturforum dokumentierte Glanztaten aller möglichen G.Rag-Inkarnationen: guckst Du hier, hier, hier und hier.