Garage Rock

MC50 + Taskete! @ Backstage Halle, München, 2018-11-23

„Fred Smith und ich gründeten kurz darauf eine super Gruppe, die wir mit den besten Musikern aus unseren beiden Bands besetzten. Später kam noch Rob Tyner dazu, ein Beatniktyp. Von ihm stammt auch der Name MC5. Rob fand, das würde sich anhören wie eine Seriennummer – es passte also hervorragend zum Leben zwischen Autofabriken. Immerhin kamen wir aus Detroit, und die MC5 hörten sich an, als wären sie auf dem Fließband entstanden.“
(Wayne Kramer in: Legs McNeil, Gillian McCain, Please Kill Me: The Uncensored Oral History Of Punk)

„Kick Out The Jams, Motherfuckers!“, von den Motor City Five vor einem halben Jahrhundert im radikal links-revolutionären Geist dem amerikanischen Hippie-Volk im Grande Ballroom zu Detroit um die Ohren geblasen, kurz darauf bei Elektra als heute noch ohne Abstriche gültiger Meilenstein der Rockmusik für die Nachwelt auf Vinyl gepresst, zu der Gelegenheit dem benachbarten Iggy und seinen Stooges zum Plattenvertrag bei der selben Firma verholfen, und damit der Musik-konsumierenden Welt erstmalig eine ungefähre Ahnung gegeben, was da ein paar Jahre später unter dem Label „Punk“ an roher Energie auf sie einwirken sollte.
50 Jahre MC5 und die Veröffentlichung ihres Protopunk-Debüt-Jahrhundertwerks, Grund genug, für Gitarrist Wayne Kramer mit einer handverlesenen Schar an Indie-/Alternative-Größen unter dem hochgezählten Band-Namen MC50 zum würdigen Zelebrieren des Jubiläums auf große Konzertreise zu gehen, vergangenen Freitag machte der US-amerikanische All-Star-Tross auch im Münchner Backstage Halt.
Im Vorfeld gehegte Zweifel hinsichtlich lauer Darbietungen aufgewärmter, abgestandener Rock-Dinosaurier-Kost zwecks Aufbesserung der Musikanten-Rentenkasse zerstreuten sich umgehend mit Konzert-Start, die Band legte furios los mit dem ersten Teil der Setlist, die alle acht Stücke des Debüts in leicht veränderter Reihenfolge präsentierte, herausragend dabei neben solider bis mitreißender Aufführung von „Ramblin Rose“ über den allseits bekannten Titeltrack „Kick Out The Jams“ und aller weiteren Heavy-Perlen vor allem das Platten-beschließende „Starship“ als großartige, ausgedehnte Space-Rock-Jam zwischen experimentellem Free Jazz, Cosmic American Music und lichternder Acid Psychedelic in Anlehnung an „Dark Star“-Exerzitien der Vorzeige-Hippies von Grateful Dead.
Die Band ließ zu keiner Sekunde Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihrer Unternehmung aufkommen, Mastermind Wayne Kramer selbst als einzig verbleibendes Gründungsmitglied der MC5 offenbarte geradezu lichterlohes Brennen für sein Werk und eine fulminante Bühnenpräsenz, wohlgemerkt für einen mittlerweile Siebzigjährigen. Der Ausnahmegitarrist hat sich offensichtlich von persönlichen Rückschlägen wie seiner früheren Drogensucht, einem Gefängnisaufenthalt, durchwachsenen Solo-Erfolgen und Jobs als Handwerker zur Finanzierung des Lebensunterhalts nicht unterkriegen lassen, Kramer gibt trotz lichter werdendem Haupthaar im fortgeschrittenen Rentneralter den bestens aufgelegten, Energie-geladenen Springteufel, hinsichtlich Fingerfertigkeiten an den Saiten seiner elektrischen Gitarre ist der Mann ohnehin über jede Zweifel erhaben, wie sein begleitendes, prominentes Tour-Personal nicht minder.
Soundgarden-Gitarrist Kim Thayil glänzte als spielfreudiger, versierter Ersatzmann für den 1994 dahingeschiedenen Fred „Sonic“ Smith, die gleichsam nicht mehr unter den Lebenden weilenden MC5-Musiker Rob Tyner und Michael Davis wurden imposant von Zen-Guerilla-Sänger Marcus Durant und dem Faith-No-More-Bassisten Billy Gould vertreten, erster nebst der Optik durch explodierendes Afro-Haar vor allem auch wegen seinem voluminösen Sanges-Organ für den Job mehr als prädestiniert, zweiter mit unermüdlichem Druck ein herausragender Rhythmusgeber an den wummernden Bass-Saiten, im kongenialen Verbund mit ex-Fugazi-Drummer Brendan Canty, den man mit seinem virtuosen Getrommel nach mehreren vergangenen Dekaden endlich wieder einmal in München begrüßen durfte.
Das Quartett beeindruckte mit einer beseelten Mixtur aus technisch brillantem Prä-Grunge, unsentimentaler Punk-Härte und schneidigem Garagen-Rock, in selten so differenziert gehörtem, glasklaren Sound, ohne den Schmutz der alten Rock-Hauer vermissen zu lassen, neben dem kompletten Material des 1969er-Debüt-Albums mit einer Auswahl an Songs aus den beiden Folge-Werken „Back In The USA“ und „High Time“, Sänger Durant gab nebst grundsolider Performance vor allem in der zu einem hart rockenden Blues-Bastard anschwellenden Ray-Charles-Nummer „I Believe To My Soul“ als einziger Cover-Version des Abends und im schwergewichtigen Bluesrock von „Let Me Try“ im Zugabenblock den extrovertierten, mächtig beeindruckenden Soul-Shouter, ganz Frontmann der alten Schule.
Da hat eine Zusammenkunft aus alten Haudegen dem Nachwuchs eine mustergültige Lehrstunde an handfestem, enthusiastischem, substanziellem Rock-Entertainment im historischen Kontext ohne Verfallsdatum verpasst, wem das am vergangenen Freitag keinen Respekt abnötigte, der- oder demjenigen war dann hinsichtlich Geschmacksverirrung oder Taubheit wohl kaum mehr zu helfen…

„Die MC5 waren die Typen, die die Bäume gefällt haben, um die Feldwege anzulegen, damit die Straßen gepflastert werden konnten, um die Highways zu bauen, damit der Rest von uns im Cadillac spazierenfahren konnte.“
(Cub Koda)

MC50 live in unseren Landen noch zu folgenden Gelegenheiten, highly recommended:

27.11.Köln – Luxor
28.11.Berlin – Columbiahalle
29.11.Hamburg – Fabrik

Die zwei jungen Mannen aus dem Vorprogramm können sich zweifellos noch einiges abschauen von den alten Hasen, da heißt es Augen und Ohren auf zur Gelegenheit der gemeinsamen Tour. Drummer Flo Weber von den Sportfreunden Stiller hat die Komfort-Zone des deutschsprachigem Mainstream-Indie-Pop seiner Stammcombo verlassen und sich mit Aren Emirze, dem ehemalige Frontmann der hessischen Noise-Rock-Kapelle Harmful im Sommer zum gemeinsamen Duo-/Seiten-Projekt Taskete! formiert. Druckvolles, entfesseltes Getrommel und lärmende Stromgitarre sorgten für leidlich gefällige Unterhaltung zwischen Garage und Grunge, die dem lautmalenden, oft zu Gehör getragenen  Alternative-Rock-Gedröhne vergangener Dekaden im Wesentlichen nicht allzu viel Neues hinzuzufügen hatte und fürderhin ein gerüttelt Maß an breitgefächertem, ergänzendem Ideen-Input zur durchaus brauchbaren Basis benötigt, um den Weg aus Einheitsbrei und dreißig-minütigem Vorprogramm-Beschallen zu finden.

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Reingehört (485): Statues

Statues – Adult Lobotomy (2018, Crazysane Records)

Was man halt so treibt, wenn man das schwedische Mittsommer-Idyll aus der heilen Lindgren-Welt, das stinkende Gammelfisch-Gericht Surströmming und die alljährliche Mückenplage über hat: Verziehen in den Übungsraum und in zwei Tagen ein dickes Post-Punkrock-Brett gebohrt, was schon mal beste Haltungsnoten hinsichtlich Spontanität und effektives Werkeln in der Garage bringt – „Adult Lobotomy“, das in wenigen Sessions entstandene Debütalbum des Trios Statues aus dem nordschwedischen Umeå, demnächst auf die Welt losgelassen zur Erbauung der feinschmeckenden, Rockmusik-konsumierenden Hörerschaft in nah und fern.
Johan Sellman, Calle Svedjehed und Magnus Örberg haben das Handwerk in der Vergangenheit bei Combos wie Starmarket, KVLR und The Vultures gelernt und waren offensichtlich vor allem in ihrer musikalischen Sozialisation beileibe nicht den schlechtesten Einflüssen ausgesetzt.
Bass, Gitarre, Schlagzeug, die heilige Dreifaltigkeit des Rock’n’Roll im Spirit der Urzeiten des Postpunk und der ungebändigten, ungefilterten Do-It-Yourself-Mentalität der Ami-Bands aus der Achtziger-Dekade, über die der renommierte US-Musik-Journalist Michael Azzerad mit „Our Band Could Be Your Life“ ein ganzes Buch herausgehauen hat, großartiges Zeug von Mission Of Burma über Hüsker Dü bis Dinosaur Jr, you name it, Statues sind da ohne Zweifel durch die gute Schule des Alternative Rock gegangen und verstehen es meisterhaft, den krachenden Indie-Noise, ihr Gespür für berauschende, energetische, herzhaft zugreifende Melodik und resolute, mitunter hymnische Punk-Gesänge zu einem brodelnden Gebräu mit scharfen, schneidenden Gitarren, stoischen, nach vorne treibenden Beats und einer darin mitschwingenden Ahnung von Großstadt-Romantik, dramatischen Momenten und gezügelter, kontrollierter Aggression einzukochen.
Statues lassen mit „Adult Lobotomy“ mindestens das Herz all jener höher schlagen und überdimensional weit werden, die Grunge bereits vor dem Grunge-Hype zu schätzen wussten und wegbereitenden Bands wie den Wipers, Dead Moon oder den Screming Trees noch weit vor aberntenden Abgreifern der Pionier-Arbeit wie Nirvana oder den notorisch überschätzten Pearl Jam ein Denkmal setzen oder mit ihnen die Hall of Fame bevölkern würden. Und alle Nachgeborenen, denen der Sinn nach unverbrauchtem Indie-Rock und Postpunk steht, sollten selbstverständlich auch ihren Schädel in den Sturm und ihre Lauscher hineinhängen in die acht kurzen, druckvoll auf den Punkt gespielten Debüt-Kracher der Skandinavier.
„Adult Lobotomy“ erscheint am 23. November beim Berliner Indie-Label Crazysane Records. The Pre-Order-Bazar is open, neben der CD-Ausgabe gibt es eine streng limitierte, Hand-nummerierte LP-Auflage in wahlweise schwarzem oder transparentem Vinyl – greife beherzt zu, alter Schwede (junge Schwedinnen selbstverständlich auch).
(*****)

Konzert-Vormerker: The Brian Jonestown Massacre

Seit über einem Vierteljahrhundert unterwegs im Dienste des experimentellen wie gleichsam hochmelodischen und psychedelischen Indie-Rock: The Brian Jonestown Massacre, kalifornisches Kollektiv um Frontmann und Songwriter Anton Newcombe, der mittlerweile im bundesrepublikanischen Berlin angelandet ist und mit seiner Combo in den nächsten Wochen für drei weitere Konzerte nach einigen Gigs im August in deutschen Landen unterwegs sein wird, unter anderem mit dem aktuellen, jüngst erschienenen Album „Something Else“ im Reisegepäck.
Wer beim Auftritt der Institution aus San Francisco vor zwei Jahren im Münchner Strom zugegen war, dürfte sich noch mit einem seeligen Grinsen im Gesicht an ein zweieinhalb-stündiges Rundum-Glücklich-Paket der konzertanten Vollbedienung zwischen hymnischem Folk-Rock, lauten Psychedelic-Gitarren und entrückter Shoegazer-Schönheit erinnern. Im Geiste dieses Arbeits-Ethos dann gerne wieder ab Ende September, einzelne Termine mit Start im schönen München guckst Du bitte hier:

The Brian Jonestown Massacre Live 2018

30.09.München – Technikum
01.10.Dresden – Beatpol
08.10.Hannover – MusikZentrum