Garagen-Rock

Reingehört (446): The Bonnevilles

The Bonnevilles – Dirty Photographs (2018, Alive Naturalsound)

Wüsste man’s nicht besser, man würde die Heimstatt der Herren Andrew McGibbon Jr und Chris McMullan irgendwo in den Swamplands Louisianas oder in der Nähe eines angeranzten Blues-Clubs in Chicago verorten, die grünen Auen der nordirischen Provinz Ulster wären’s wohl auch nach dem dritten Raten nicht, zu sehr ist das Musizieren des Power-Duos The Bonnevilles im amerikanischen Blues-Rock verwurzelt, den es auf dem jüngst erschienenen Longplayer „Dirty Photographs“ einmal mehr mit Herzblut und dem angerauten Charme des Garagen-Punk durch die Lautsprecher wuchtet.
Machen sie seit mittlerweile gut zehn Jahren, und auf der aktuellen Veröffentlichung machen es die beiden, die ihre Formation nach einem 1958 entwickelten Motorrad-Modell der britischen Firma Triumph benannten, wieder richtig gut, der Trash aus der Öl-verschmierten und vom Zigaretten- und Bier-Dunst geschwängerten Garage ist opulent und sauber produziert, ohne ihm die Zähne zu ziehen oder das Wilde auszutreiben und vor allem ohne auch nur im entferntesten Sinne glatt und beliebig zu tönen, ab und an wird die Messe mit einer Orgel und damit einer gehörigen Portion Soul gelesen und das süffig-üppige Gitarren-Lärmen, die messerscharfen Riffs und der schmissige Rock and Roll dezent dann und wann um Funk-Elemente und Sixties-Psychedelic-Spielereien an den Effektgeräten angereichert. Überhaupt die Bezugnahme auf jahrzehntealtes Material: das Album klingt, als hätten sich McGibbon und McCullen vor fünfzig Jahren mit der Jimi Hendrix Experience in den Londoner Olympic Studios die Klinke in die Hand gegeben, die Sound-Einstellungen an den Aufnahmegeräten zum Debüt der Kultcombo des Gitarren-Gotts aus Seattle eins zu eins übernommen und damit eine Arbeit abgeliefert, die wie der Meilenstein-Monolith der Experience zeitlos in ihrer ganzen tonalen Pracht wirkt.
Das Duo platziert mit seinem Garagen-Blues Wirkungstreffer am laufenden Band im Uptempo-Drive wie mit zurückgenommenem Tempo in den Balladen für den letzten Drink in der mitternächtlichen Kaschemme, im Live-Vortrag vermag es die Combo, den Druck auf den Kessel mit dem dampfenden Gebräu nochmals zu erhöhen, und dahingehend darf man hinsichtlich konzertanter Erbauung durch die nordirische Band bereits in Vorfreude schwelgen: Die Bonnevilles werden am 9. Juni die Bühne des wunderbaren Raut-Oak-Festes am schönen Riegsee vor herrlichem Alpen-Panorama rocken, zusammen mit vielen weiteren handverlesen exzellenten Entertainern an diesem langen, prall gefüllten Raw-Underground-Wochenende. Weitere Tournee-Termine der Bonnevilles: here we go.
Die im Albumtitel erwähnten schmutzigen Fotografien gab es im Übrigen bereits auf dem Cover des 2008er-Albums „Good Suits and Fightin‘ Boots“ zu begutachten, das nur als Hinweis am Rande für die Softporno-Spanner… ;-))
(*****)

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Reingehört (435): Table Scraps

„If you don’t know Table Scraps, you’re a fucking idiot!“
(Joe Talbot/Idles)

Table Scraps – Autonomy (2018, Zen Ten)

Knappe halbe Stunde Vollbedienung in Sachen Trash-und Surf-Punk, Garagen-Gepolter, Fuzz-Gitarre, finsterer 60er-Psychobilly. Table Scraps aus Birmingham UK. Gemischtes Trio, seit 2014 auf Sendung.
Zehn knappe Hauer, im verwaschenen Sound billig aufgenommene, auf den Punkt gerockte Sixties-Trash-Psychedelia – eine scheppernd-stoische Rhythmusabteilung, das latent Affektierte im Rock’n’Roller-Gesang und ein verzerrter, roher, den Äther zerschneidender Gitarren-Anschlag, mehr braucht es nicht für den vehementen, unverstellten Hau-Drauf-Spass aus dem Übungskeller, irgendwo in den englischen West Midlands gelegen, die Zufuhr der Pausen-Drinks dort schwer vermutlich mit dem Abspielen alter Cramps-Scheiben veredelt.
Reicht hinsichtlich charmant angestaubter Atmosphäre an die grandiosen, in Mono eingespielten Alben der All-Time-Favorites von Dead Moon ran, hier wie dort nicht nur im gespenstisch-verhallten Sound eine ausgeprägte Affinität zum Themen-Komplex des Horror-Genres offenbarend, Titel wie „Frankenstein“ auf dem neuen Album der Table Scraps weisen die Richtung. Der Soundtrack für den ausgelassenen Geisterstunden-Tanz der Vampire über den Gräbern der Untoten, die Beschallung für den Roadmovie der Teenage Werewolves und aller möglichen anderen Wiedergänger, inklusive Boxenstopp zum Ölwechsel inklusive einer Büchse Bier in der angeranzten Desert-Inn-Garage am Rande des nächtlichen Highways.
Drummerin/Sängerin Poppy Twist war vor einigen Jahren bei der englischen Pop-Combo Poppy & The Jezebels zugange, mit einem Plattenvertrag bei Mute Records ausgestattet – und irgendwann mit den falschen Versprechungen der Platten-Industrie durch, seitdem ist die junge Dame im DIY-Indie-Lager wieder glücklich und ganz bei sich, so soll es sein.
Hinsichtlich gemeinsamer Konzert-Reisen stehen im Fahrtenbuch des Trios nicht die schlechtesten Referenzen, Table Scraps waren bereits mit Bands wie den Gories, den Black Lips und den legendären Alt-Punks von den Buzzcocks auf Tour, ab 19. April bespielen sie auch das europäische Festland, für Minga ist leider kein Zwischenstopp geplant, das dem Alten Südfriedhof und Münchner Indie-Clubs nächstgelegene Konzert findet am 18. Mai im Nürnberger Hirsch statt, weitere Gigs guckst Du hier.
(**** ½ – *****)

Reingehört (401): Bed Wettin‘ Bad Boys

Bed Wettin‘ Bad Boys – Rot (2017, Agitated Records)

Die Presse hat sich schon das Maul zerrissen über den Namen der Combo, den Zeilenschindern zufolge einer der Allerhässlichsten überhaupt, da mögen die Geschmäcker weit auseinander gehen, schlimmer als grausig-geschmacklose Fehlgriffe bei der Band-Benamsung wie Elvis Hitler oder Cultivated Bimbo mag er gewiss nicht sein, und Käfer oder rollende Steine waren seinerzeit zwar unverfänglich, aber alles andere als ein Ausbund an Originalität, sei’s drum, letztendlich alles Schall und Rauch, don’t judge a Musikkapelle by its Plattenhülle, was zählt, ist, was durch die Lautsprecher schallt, und das ist im Fall der vier bettnässenden schlimmen Finger von Down Under durchwegs mit Genuss Anhörbares.
Der zweite Volle-Länge-Tonträger der Band aus Sydney nach dem 2013er-Debüt „Ready For Boredom“ strotzt vital in einer Gemengelage aus erkennbaren Vorlagen vom Power-Punk-Pop der Buzzcocks über das LoFi-Indie-Geschrammel der Television Personalities bis hin zum immer-frischen Dunedin-Sound der neuseeländischen 80er-Jahre-Flying-Nun-Bands und den Punk-Rock-Ergüssen der eigenen Landsleute von den Saints und Radio Birdman, beherztes Gitarren-Scheppern und -Jaulen, ein untrügliches Gespür für Melodien und große Pop-Momente und nicht zuletzt ein rotziger Gesang im großkotzigen „Was kostet die Welt?“-Geiste garantieren eine halbe Stunde unbeschwerte Rock’n’Roll-Energie, roh und unverbraucht live eingespielt und im Nachgang im Studio in Form gebraucht. „You can’t beat 2 Guitars, Bass, Drum“ gab Lou Reed im Begleittext zu seinem 1989er-Meilenstein-Album „New York“ zum Besten, hat er recht mit der Binsenweisheit, im Fall der neuen BWBB-Scheibe „Rot“ allemal. Erfindet das Rad nicht neu, zitiert die Altvorderen aber formvollendet und mit eigenen Fußnoten versehen.
(**** ½ – *****)