Ghent

Reingehört (459): Gura

Gura – Caligura (2018, Consouling Sounds)

„Make A Jazz Noise Here“, um als Zitaten-Onkel mal wieder den guten alten Frank Vincent Zappa aus dem Hut zu zaubern: Höchst individueller Sludge-Doom/Hardcore als freie Experimental-Improvisationskunst, vom belgischen Trio Gura aus dem schönen Gent. Schweres Metal-Drone-Schwelen/Zusammenbrauen/Dräuen, finster mäandernde, sporadisch ins Atonale kippende Bass/Drum-Frontal-Attacken vom Rhythmus-Duo Leentje & David, die seit 2015 vom offenbar von schwerer Seelen-Pein, zusetzenden Dämonen oder anderweitigem Unbehagen geplagten „Sänger“ und Saxophonisten Ludo erratisch schreiend, mit vermeintlich unzusammenhängend ausgestoßenem Geplärr wie extremst Cool-/Free-jazzend auf dem Holzblasinstrument kunstvoll in Szene gesetzt werden. Black Flag trifft Gone trifft The Flying Luttenbachers trifft Sumac trifft Blurt trifft Albert Ayler (oder John Zorn oder Peter Brötzmann oder…), oder so ähnlich, oder vielleicht auch ganz anders. Diese Musik hat nichts Einschmeichelndes noch auf den ersten Eindruck Erbauliches, und selten Momente, die ohne Anstrengung, Konzentration und in den extremsten Ausprägungen gar ohne Schmerzen gehört werden können. Im Zweifel führt dieses Musizieren nichts Gutes im Schilde, im günstigsten Fall ist es der in Töne gegossene Ausdruck des täglichen Irrsinns des Erden-Daseins. Zum Allermindesten wird dieser Sound Hörgewohnheiten, Toleranz und Kunst-Empfinden erschüttern, und im Worst Case die Hirnwindungen weiter verknoten, da sich die (a)tonalen Strukturen kaum zur Gänze befriedigend zerlegen und entschlüsseln lassen, quasi eine aus den Lautsprechern lärmende, nicht zu lösende Denksportaufgabe im steten Fluss – eine klangliche Grenzerfahrung ohne Anfang und Ende, zu der die sechs zum Teil sehr langen Stücke zu einem einzigen, zusammengehörigen, komplexen Gewerk gebündelt werden und nur als solches ihre ganze Pracht entfalten.
Der Gulag für alle Mainstreamer, Melodien-Fanatiker und Indie-Pop-Verseuchten, und damit letztendlich doch eine ureigene, leuchtende Schönheit im Zentrum des in die Tiefe ziehenden Höllenschlunds offenbarend wie gehobenen Experimental-Ansprüchen genügend.
Die Jazz-Platte für den Sludge-Metal-Schwerenöter, das Heavy-Bollwerk für den wahren Jazz-Freidenker, Doom-It-Yourself-Underground, avantgardistisches „Freak Out!“-Abspacen, „Absolutely Free“, um im zappaesken Schlagwörter-Gebrauch zu bleiben.
(**** ½ – *****)

Toundra + Maudlin @ DOK, Gent, Belgien, 2018-05-09

Den diesjährigen Kulturforums-Betriebsausflug zum belgischen dunk!Festival weitaus entspannter als in den vergangenen Jahren angegangen und zur Entschleunigung bereits am Vortag angereist, stand der Aufenthalt vor dem dreitägigen Spektakel in der nahe gelegenen, altehrwürdigen und geschichtsträchtigen Stadt Gent bereits schwerpunktmäßig im Zeichen des Postrock, nebst der sich selbstredend anbietenden Besichtigung imposanter Bauwerke der ostflandrischen Provinz-Hauptstadt wie dem Schloss von Gerhard dem Teufel, der beeindruckenden St.-Bavo-Kathedrale als Hort des weltberühmten Genter Altars von Jan van Eyck, dem Belfried, der architektonisch imposanten Stadthalle und einem Stolpern über das alljährliche Street-Food-Festival, ging es am späten Nachmittag zur Privataudienz bei Consouling Sounds, der gute Mike Keirsbilck hatte die Pforten seines schönen Ladens und Label-Büros in der Baudelostraat am Mittwoch-Ruhetag extra für uns geöffnet und nebst einem netten Plausch ein Paket Promo-Material parat gehalten, die exzellenten, aktuellen Arbeiten von Barst und Inwolves sind hier bereits vor Kurzem zur Sprache und ausdrücklichen Belobigung gekommen, weitere demnächst anstehende Veröffentlichungen des kleinen, feinen Genter PR/PM/Experimental-Labels sollen beizeiten gewürdigt werden.
Und weil für die kommenden drei Tage nicht schon hinreichend genug tonale Beschallung an intensivem Gitarren-Rock mit und ohne Gesang angezeigt war, stand für das Abendprogramm ein Konzertbesuch zur Einstimmung auf die Festivitäten an, drängten sich doch hierfür die Madrilenen von Toundra im Rahmen des Gent-Zwischenstopps ihrer aktuell laufenden Tour zur Bewerbung des brandaktuellen „Vortex“-Tonträgers förmlich auf.

Austragungsort war das in Fußweg-Nähe zum Stadtzentrum gelegene DOK-Gelände, ein ehemaliges, alternativ genutztes Hafenareal am Achterdok-Kanal, dessen zentrale, überdachte, Außenwand-freie Lagerhalle Platz für mehrere hundert Besucher bietet, die fehlenden Wände wurden durch eine schwarze Abhängung ersetzt, was der Lokalität in ihrer zwitterhaften Aufmachung aus Open-Air-Gelände und Konzert-Club einen sehr speziellen, eigenen Charakter verleiht. In strengen Wintermonaten schwer vorstellbar eine heimelige Angelegenheit und dann wohl auch kaum genutzt, bot der alternativ-autonome DIY-Kunst-Freiraum an diesem lauen Frühsommer-Abend den idealen und überaus relaxten Rahmen für die Veranstaltung des ortsansässigen Muziekclub Democrazy, der zum Auftakt der konzertanten Beschallung die belgische Band Maudlin aus dem Seebad Oostende lud, das junge Quintett präsentierte in einem überaus gefälligen Warm-Up-Gig über gut 40 Minuten vorwiegend Material ihres Anfang März bei Consouling Sounds erschienenen Konzeptalbums „Sassuma Arnaa“ über die Tiefen des Ozeans, einer nicht zuletzt auch live gekonnt vorgetragenen Mixtur aus flirrender Psychedelic-Verschleierung und Desert-Rock-Mystik, beherztem Indie-/Alternative-Zupacken und schwerer Stoner-Wucht, die in ihren kompromisslosesten Ausprägungen gerne und wiederholt in metallene Prog- und Doom-Wucht abdriftete, es sich in bleierner wie komplexer Heavy-Gewichtigkeit wohl sein ließ und in den dunkelsten Momenten einen apokalyptisch beklemmenden Abgesang anstimmte, ein illusionsloses Lamentieren an einem Ort, der in seiner Funktion als Binnenhafen wohl schon bessere Zeiten gesehen hat und von dem der in der Nachbarschaft schwerst vor sich hin fluchende Schrottplatz-Betreiber vermutlich in naher Zukunft durch die Genter Gentrifizierungs-Maßnahmen vertrieben wird. Die Musikanten von Maudlin waren am Mittwoch mit ihrer Kunst in jedem Fall gut unterwegs wie einnehmend im Vortrag, in der Form darf man auf weitere Ausführungen gespannt sein und der Band die Daumen drücken, dass es sich dereinst ausgeht, mit einem höheren Bekanntheitsgrad über die Grenzen Flanderns hinaus.

Die vier Matadore von Toundra sind hinsichtlich Popularität über die iberischen Landesgrenzen hinaus bereits gut unterwegs, die Spanier haben schon vor zwei Jahren ihre Visitenkarte in heimischen Gefilden mit einem exzellenten Auftritt in der Münchner Kranhalle abgegeben, dementsprechend war die Vorfreude über die Gelegenheit zum Konzertbesuch fern der Heimat selbstredend groß, zumal die Band mit ihrer laufenden Tour einen großen Bogen um die bayerischen Gehöfte, Auen und Täler macht. Esteban Girón und Co sollten die Erwartungen dann auch nicht enttäuschen mit ihrem gut einstündigen, inoffiziellen dunk!-Einstimmen und ein Energie-geladenes, von schweren Gitarren, erhebenden Melodiebögen und vehementem Vorantreiben der instrumentalen Soundwellen dominiertes Set auf die Bühne der unkonventionellen Konzerthalle stellen, das sich in der Stücke-Auswahl neben einer Handvoll älterer Nummern naheliegend im Schwerpunkt den Werken vom jüngsten Album „Vortex“ widmete, überzeugende und ausladende Straight-Forward-Versionen von „Cobra“, „Touareg“, „Mojave“ und „Kingston Falls“, mit denen das Quartett aus Madrid einmal mehr unterstrich, womit es sich vor allem konzertant fundamental von artverwandten Instrumental-Bands unterscheidet: Wo sich die Brüder und Schwestern im Geiste gerne und oft introvertiert vor sich hinsinnierend der elegischen, ausladenden Schönheit des Musik-Genres widmen, geben die vier Mannen von Toundra die Rock’n’Roller des Postrock, eine keine Gefangenen nehmende, munter drauflos werkelnde Truppe mit dem Fokus auf das Wesentliche, auf Spaß am eigenen Schaffen und maximalstes Publikums-Entertainment, mit dem entsprechend energetischen, das Borstenvieh befreiendem Bühnengebaren. Der Auftritt wäre auch eine nicht zu knapp bemessene Bereicherung des 2018er-dunk!Fests gewesen, soviel darf an der Stelle bereits verraten werden, Tags zuvor in Gent ist er ohne Zweifel mit begrenzter Spieldauer viel zu kurz ausgefallen, das dankbare Publikum hungerte völlig zurecht nach weiteren Zugaben, die leider nur noch spärlich von der Band gewährt wurden, auch am Hafengelände wohnt wohl Nachbarschaft, die hinsichtlich Nachtruhe nach Halbelf keinen Spaß versteht, kennt man ja aus dem heimatlichen Isar-Dorf zur Genüge. Kann auch sein, dass der übellaunige Schrottplatz-Mensch keinen Postrock mag und mit Gabelstapler-Attacke drohte, wer weiß…
Gent war so oder so in jedem Fall einen Abstecher wert, Kultur-historisch, konzertant und nicht zuletzt zur Beziehungspflege zum Consouling-Label, wie auch das Abend-beschließende Schlendern über die illuminierte Belfortstraat und den Emile-Braun-Plein, wo das Genter Party-Volk in Massen unterstrich, dass der/die Belgier/in nicht nur den Postrock goutieren, Scooter-Hyper-Hyper und weitere Scheiß-Musik Hilfsausdrücke, wie Haas zu sagen pflegt, muss man nicht weiter erörtern… Nächste Ausfahrt E40/17 Wetteren → Zottegem.