Gilles Peterson

Soul Family Tree (49): Don’t Believe The Hype

Nach längerer Pause heute wieder Black Friday mit einem Gastbeitrag von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog, here we go:

Der amerikanische Sänger Clarence Fountain, Mitbegründer des legendären Ensembles Five Blind Boys Of Alabama, ist vor einigen Wochen im Alter von 88 Jahren gestorben. Er war einer der Großen des Gospels. Bereits als Schüler schloss er sich Ende der 1930er Jahre mit Freunden zusammen und gründete eine Vokalgruppe namens Happy Land Jubilee Singers. Der erste große Hit folgte 1948 mit „I Can See Everybody´s Mother But Mine“. Später benannte sich die Formation in Five Blind Boys Of Alabama um. Statt wie andere Vokalgruppen auf den Soul- oder Blues-Zug zu springen, blieben sie dem Gospel ein musikalisches Leben lang treu.
Sie engagierten sich in den 1960er Jahren in der Bürgerrechtsbewegung, spielten auf Veranstaltungen für Martin Luther King und feierten mit dem Musical „The Gospel of Colonus“ wie auch mit ihren eigenen Alben Erfolge. In den 2000er Jahren folgten mehrere Grammy-Preise und schließlich 2009 der Preis für ihr Lebenswerk.
Neben eigenen Werken arbeiteten die Blind Boys mit anderen Künstlern wie Lou Reed, Tom Waits, Bonnie Raitt oder K.D. Lang zusammen. Clarence Fountain stand noch bis 2007 auf der Bühne und im vergangenen Jahr erschien sein letztes Album „Almost Home“.

Five Blind Boys Of Alabama with Lou Reed in der Letterman-Show → youtube-Link

Bonnie Raitt and Five Blind Boys Of Alabama – When The Spell is Broken → youtube-Link

Five Blind Boys Of Alabama – Wade In The Water  → youtube-Link  

Jalal Mansur Nuriddin von den Last Poets wurde vom amerikanischen Geheimdienst überwacht und von Public Enemy und anderen Rap-Stars bewundert. Er hat mit den Lost Poets Anfang der Siebziger das vermutlich erste Rap-Album aufgenommen. Vor einigen Wochen ist er im Alter von 73 Jahren gestorben.
Jalal Mansur Buriddim haute seine Texte unter dem Pseudonym Lightnin‘ Rod mit Schärfe heraus, in einer Form, die man zuvor so noch nicht gehört hatte. 1973 erschien das Album „Hustler’s Convention“. Die LP wurde ein Flop und gehört dennoch neben Marvin Gayes „Inner City Blues“ und Gil Scott-Herons „The Revolution Will Not Be Televised“ zu den wichtigsten Alben der 1970er Jahre, es definierte bereits den Gangsta-Rap, obwohl es diesen Namen für den Stil noch gar nicht gab. Die Lost Poets waren Vorreiter. Sie suchten keine Melodien mehr, sondern legten über harten Jazz-Funk Schusswaffengeräusche. Das Album wurde später einer der großen Einflüsse für den Hip-Hop. Grandmaster Flash spielte als DJ Tracks davon und Chuck D. von Public Emeny feierte das Album als immer gültige „Landkarte des Gettos“. Später sampelten die Beastie Boys, der Wu-Tang Clan und andere einzelne Passagen aus diesem Album.
Die Botschaft war klar: „The real hustlers were rippin‘ off billions / From the unsuspecting millions“. Die Verbrecher hängen nicht auf der Straße ab, sie sitzen in den Konzernen. Die Last Poets forderten schon Anfang der 1970er Jahre „Wake Up Niggers“. Der Erfolg blieb dennoch aus. Durch den Hip Hop in den 1980er Jahren erinnerten sich viele Künstler wieder an die Lost Poets.

The Last Poets – Hustler’s Convention (Album 1973) → youtube-Link

Am 28. Juni 1988 erschien das Album „It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back“ von Public Enemy. Es sollte das Hip-Hop-Album werden, das den Hip Hop auf ein neues Level brachte, unzählige andere Künstler inspirierte und damals der meistverkaufte Mega-Seller der Sparte war. 30 Jahre sind eine lange Zeit. Dennoch sind die Zeilen von Chuck D beispielsweise in „Don’t Believe The Hype“ ein zeitloses Dokument. Dieses Album war wie ein Erdbeben, ein ganz großer Wurf.
Das lag zum einen am Sound und der hier erstmals eingesetzten revolutionären Sample-Technik. Public Enemy orientierten sich musikalisch an Bands wie Run D.M.C., was die Musik betraf. Darüber hinaus wollten sie sozialkritische und politische Texte vortragen, und sie legten bereits bei ihrem Debüt den Finger in die Wunde der Probleme der afroamerikanischen Gesellschaft.
Hank Shocklee/The Bomb Squad war seiner Zeit der Phil Spector des Hip Hops. Seine Sample-Technik: einmalig. Hier wurden neben musikalischen Samples auch Audio-Aufnahmen von beispielsweise Martin Luther King eingefügt, durch das Sampling gewinnt man den Eindruck, dass sich die Songs alle paar Sekunden verändern. Der Old School Rap wurde mit diesem Album begraben und eine neue Ära begann. Es ist ein wütendes Album, das dem Zorn der Farbigen eine Stimme gab und laut nach Veränderungen rief. Anfang der 1990er Jahre wurde „Bring The Noise“ zusammen mit der Thrash Metal Band Anthrax neu eingespielt. Und mit dem Def-Jam-Label von Rick Rubin hatte man zudem einen weiteren genialen Partner an der Seite. Insgesamt und als guter Einstieg in die Welt von Public Enemy sind ihre ersten drei Alben zu empfehlen: neben „It Takes A Nation Of Millions…“ das Debut „Yo! Bum Rush The Show“ (1987) und der Nachfolger „Fear Of A Black Planet“ (1990).

Public Enemy – It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back (Album) → youtube-Link

Public Enemy – Don´t Believe The Hype → youtube-Link

Zum Schluss noch zwei Radiosendungen zum nachhören. Gilles Peterson hatte in seiner Radio-Show in jüngster Zeit zweimal sehr interessante Gäste begrüßt. Zum einen den Multi-Instrumentalisten, Produzenten, Arrangeur und Komponisten Adrian Young, der untere anderem durch seine Zusammenarbeit mit Kendrick Lamar und A Tribe Called Quest bekannt wurde. In der Sendung stellt er sein neues Album vor.
Als zweiten Gast empfing Gilles Peterson Kamasi Wahsington. Viel ist zu seinem neuen Album geschrieben worden. Hier kommt er selbst zu Wort, und Musik vom neuen Album gibt es auch.

BBC Radio 6 – Gilles Peterson meets Adrian Young → BBC iPlayer-Link

BBC Radio 6 – Gilles Peterson meets Kamasi Washington → BBC iPlayer-Link

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum.

Soul Family Tree (15): Acid Jazz Special

Die allwöchentliche Black-Friday-Sause, heute mit einem Gastbeitrag vom Hamburger Freiraum-Blogger Stefan Haase und seinem Special zum Thema Acid Jazz, ab geht die Lucy:

Soulsisters und Soulbrothers. Heute geht es nach London und in die späten 1980er und frühen 1990er Jahre. Und es gibt ein Musik Special mit Acid Jazz. Alle, die keinen Jazz mögen, können beruhigt weiterlesen und sich an der Musik erfreuen. In dieser Zeit ging es darum, verschiedenen Musikstile zu einem neuen Stil zu verschmelzen und damit auch eine neue tanzbare Musik auf’s Parkett zu bringen, was auch gelang.

Ende der 1980er Jahre saßen zwei junge DJs, Eddie Piller und Gilles Peterson zusammen, und prägten einen neuen musikalischen Begriff: Acid Jazz. Ein Wortspiel und musikalisch ein neuer Mix aus Soul, Funk, Rap und Jazz. Der Begriff Acid Jazz war auch die Antwort der beiden DJs auf Acid House oder Acid Musik, die sie beide nicht mochten. Es entstand aus dieser Zeit auch der bekannte Begriff Dancefloor Jazz.

Die beiden gründeten die Plattenfirma Acid Jazz Records in London. Gilles Peterson verließ später das Label und gründete mit Talkin Loud seine eigene Plattenfirma. Aus dieser Zeit in den 1990er Jahren gibt es heute ein Special. Mit Acid Jazz kamen viele neue Künstler und vor allem neue Sounds an die Öffentlichkeit. Zum Beispiel:  Jamiroquai, Kruder & Dorfmeister, Stereo MCs und viele andere mehr. So gab es einen regelrechten Wettbewerb der beiden Plattenfirmen. Eddie Piller beschrieb diese Zeit als sehr kreativ und aufregend. Los geht es!

Die Stereo MCs hatten 1992 mit dem gleichnamigen Album „Connected“ ihren größten Erfolg. Es ist zwar nicht von Acid Jazz Records oder Talkin Loud, jedoch noch immer ein zeitloser Song, der diesen eklektischen Mix aus Hip Hop Elementen, Elektro, Soul und Funk sehr gut aufzeigt und ein ebenso guter Einstieg ist.

Rob Gallagher alias Galliano war der erste Künstler, den Gilles Peterson und Eddie Piller für ihr neues Label unter Vertrag nahmen. 1992 hatte Galliano seinen ganz großen Wurf mit „Prince Of Piece“. Das Album platzierte sich in den britischen Top 40. Bis in die späten 1990er Jahre war Galliano aktiv.

Von Diana Brown & Barrie K Sharpe erschienen nur einige Singles und ein Album. 1992 erschien ihr Song „Masterplan“ bei Acid Jazz Records. Ein Mix aus Soul, Funk und Elektronik.

Mit der Band Mother Earth geht es weiter. Aus dem Album „The People Tree“ aus 1993 habe ich den Song „Time Of The Future“ ausgesucht. Sie nahmen insgesamt drei Alben auf, die Eddie Piller für Acid Jazz Records produzierte.

Incognito entwickelte sich zu einem ziemlich erfolgreichen Act mit zahlreichen Hits. Bis heute treten sie auf, wenngleich nicht mehr in der Originalbesetzung. Aus den frühen 1990er Jahren kommt ihr Hit „Always There„. Die Sängerin ist keine geringere als die famose Joycelyn Brown.

Als letzten Song habe ich etwas von MC Solaar zusammen mit Urban Species ausgesucht. MC Solaar war einer der ersten, der französischen Hip Hop populär gemacht haben. 1990 startete er seine Karriere und erreichte mit seinem Debüt bereits Platinstatus in Deutschland. 1994 nahm er den Song „Listen“ mit den Urban Species auf.

Was wurde aus den beiden DJs? Gilles Peterson hat heute mit Brownswood Recording ein eigenes Plattenlabel. Zuletzt gründete er das Netzradio „Worldwide FM“, wo andere DJs aus aller Welt ihre Musik spielen. Und bei BBC6 Radio hat er jeden Samstag seine Radiosendung, die man über den iPlayer der BBC vier Wochen nachhören kann. Eddie Piller ist u.a. als Autor, Journalist und Moderator unterwegs. Beim Londoner Sohoradio hat er zudem jeden Donnerstag seine eigene Soul-Sendung, die man z.B. bei Mixcloud nachhören kann. Und ab und an moderiert er bei der BBC auch im Radio.

Links:
Gilles Petersons Worldwide.Fm Radio
Gilles Peterson bei BBC6 Radio
Eddie Piller bei Sohoradio in London

Bis zum nächsten Mal.

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum