Glasgow

Howie Reeve + 4Shades @ Café Schau Ma Moi, München, 2018-10-30

Gepflegtes Indie-Doppelpack am vergangenen Dienstag im Café Schau Ma Moi, dem Giesinger Wohnzimmer, Treff der alternativen „Löwen“-Fanszene und vermutlich kleinsten Münchner Konzertsaal im ehemaligen Bahnwärter-Häusl an der Tegernseer Landstraße: Den Auftakt des popmusikalischen Abends bespielten die Lokalmatadoren der 4Shades, die ihre Schatten dem eindeutigen Bandnamen zum Trotz auch zu dieser Veranstaltung – wie stets – zu dritt warfen, Clubzwei-Konzertveranstalter Ivi Vukelic an Gesang und halbakustischer Gitarre, Echokammer-Labelchef und Grexits/Weißes-Pferd-Musikant Albert Pöschl an den elektrischen sechs Saiten und Domhans-Drummer Martin Rühle schepperten, folk-rockten und schrammten sich in Trio-Besetzung durch ihren entspannten, unaufgeregten 45-Minuten-Set aus feinen, ansprechend melodischen Songwriter-/Indie-Pop-Perlen, flotten Surf-Rock-Instrumentals und die sporadischen Ausflüge in atmosphärische Desert-Gefilde, Alternative-Country-Reminiszenzen und ein inwendiges Grundverständnis für die beschwingte Psychedelic der Pop-historisch relevanten Spät-Sixties.
Die 4Shades sind stilistisch schwer zu greifen, kaum auf eine einzige Attraktion des alternativen Indie-Zirkus festzulegen, völlig anders als der nicht an die Wand zu nagelnde Joghurt dabei jedoch kaum beliebig und keineswegs austauschbar. Der Gesang vom hochgeschätzten Clubzwei-Organisator Ivi Vukelic wurde andernorts mit einer „sexy Ü40-Knabenstimme“ charakterisiert, vielleicht ist es auch nur die individuelle Interpretation von reduziertem, minimalistischem Soft Soul, wer mag das schon abschließend definieren?
Die 4Shades bewegen sich in einem weitläufigen Feld, innerhalb weit gesteckter Grenzen zwischen großen, ergreifenden Songwriter-Harmonien, grob die Ecke Go-Betweens/Robert Forster als Hausnummer, beseeltem Cosmic-American-Folkrock-Flow und verhallt scheppernder Pulp-Fiction-Beschallung a la Dick Dale, sie sind sowas wie die wandelnde, in Praxis umgesetzte Pop-Lexika-Theorie, und damit bei weitem mehr als die Summe der Erfahrungen, Fertigkeiten und kompositorischen Ideen ihrer einzelnen Protagonisten.
Geschmeidiges Alternative-Entertainment, notgedrungen auf engstem Raum ohne große Show-Elemente, dafür mit umso mehr musikalischer Substanz und Finesse, und zu der speziellen Gelegenheit der weitaus weniger sperrige Part des konzertanten Doppels.

Die zweite dreiviertel Stunde des Abends im Schau Ma Moi gehörte dem Schotten Howie Reeve, der Songwriter aus Glasgow, der in vergangenen Zeiten bereits mit seinem Folk-Landsmann Alasdair Roberts und dem ehemaligen Minutemen-/fIREHOSE-/Stooges-Basser Mike Watt zusammenarbeitete, ist ein fleißig durch Europa tourender Solist, der als DIY-Entertainer mit britischem Humor und unverstellten, konkreten Ansagen den direkten Draht zum Publikum sucht und die Hörerschaft weit aus der Komfort-Zone lockt, mit seinen eigenwilligen, hybriden, lustigen wie nachdenklichen Kleinoden in einem Crossover aus avantgardistischem Free-Folk und lärmendem Akustik-Postpunk.
Reeves Vokalvortrag ähnelt in seiner expressiven Art weit mehr dem Erzählen von kurzen Geschichten, Impressionen und Gedichte-Rezitationen im Rahmen eines spontanen Poetry Slam als konventionellem Liedersingen, der außergewöhnliche Barde wechselt erratisch Tempo und Lautmalerei seiner Sprechgesänge, dabei begleitet er sich selbst gleichsam unvermittelt in Extreme verfallend am Akustik-Bass mit filigranem Anschlag, schrammelnden Lagerfeuer-Akkorden, experimentellen Saiten-Übungen und brachialem, nachschwingendem Dröhnen der E-Saite. Zu diesem Spiel in losgelöster Form, als Ausloten der Möglichkeiten des Instruments, mit sprunghaften Tempi-Wechseln, zuweilen atonalen Exzessen und dem Bass-Anschlag fernab jeglicher Harmonie-Lehre mögen sich Assoziationen an Free Jazz, Canterbury-Progressive, American Primitive Guitar und an die Exerzitien verwandter Freigeister-Kollegen wie Eugene Chadbourne, Daniel Johnston oder Fred Frith durch die Gehörgänge und Hirnwindungen verirren, das dürfte für ausgewählte Momente seine Richtigkeit haben, und doch gelingt es Howie Reeve permanent, den britischen Akustik-Folk als Grundtenor ins Zentrum seines Schaffens zu stellen, freilich in einer reichlich weirden und angeschrägten LoFi-/Outsider-Ausgestaltung inklusive dissonantem Punk-Appeal.
Für eine kurze, deutsch besungene Dada-Nummer über Feuerwehr-Einsätze und die Liebe wechselte Howie Reeve ans Daumenklavier, eine launige Bereicherung des Solo-Programms, wie die spontanen Aktionen des lokalen Part-Time-Roadies Anton, der mit Handreichungen des Instrumentariums wie beim Trockenlegen der winzigen 3-Quadratmeter-Bühnen-Nische nach zwischenzeitlich auftretendem Wasserschaden glänzte und sich damit die verdienten Dankesworte und Song-Widmungen des schottischen Musikanten abholte, ein Leichtes für einen verkappten Profi wie den Anton, der im fernen Chicago bereits mit dem Bass des großen Willie Dixon hantierte… ;-)))
Die Songauswahl zu jedem Konzert legt Howie Reeve während des Gigs spontan fest, auch dahingehend großes One-Man-Improvisationstheater, damit bereitete es dem Schotten keine Probleme, zum Ende die ein oder andere zusätzliche, vom Auditorium gewünschte Experimental-Miniatur als Extra draufzupacken, trotz seiner sich zusehends verschlimmernden Erkältung in ungebremster Spiellaune und mit Lust am Feixen mit dem Publikum. Absolut unkonventioneller, grundsympathischer Typ, mit kleinem Equipment und einem Riesen-Koffer an überbordenden Ideen im Gepäck unterwegs, ein Unikat sondergleichen. Und im Verbund mit den Local Heroes von den 4Shades der Garant für ein ohne Abstriche einnehmendes Kontrastprogramm. Der Abend muss erst noch kommen, an dem man nach mittelprächtigem oder gar schlechtem Konzert-Entertainment aus dem Giesinger Wohnzimmer stolpert…

Die Tourplanung von Howie Reeve für die nächsten Tage und Wochen wird vom Musiker selbst wie folgt annonciert – vielleicht sollte der Anton aus seiner lokal begrenzten, sporadischen Tourbegleiter-Beschäftigung doch ins Vollzeit-Management wechseln zwecks konkreterer Kommunikation – jeweilige Veranstaltungsorte sind in dem Fall dann wohl der lokalen (Tages)presse zu entnehmen:

„Ok, here’s the next tour: Germany, Italy, Belgium, Holland. It would be so nice to fill those hmmmmms in…“

01.11.Berlin
02.11.hmmmmm…
03.11.Leipzig
04.11.Dresden
05.11.Travel…
06.11.Ferrara
07.11.Venice
08.11.Feltre
09.11.Porcen
10.11.Finale Emilia
11.11.Finale Emilia
12.11.Travel…
13.11.hmmmmm…
14.11.Hamburg
15.11.Kassel
16.11.Düsseldorf
17.11.Leiden
18.11.hmmmmm…
19.11.Brussels
20.11.Deux-AcrenSchau
21.11.Dordrecht
22.11.hmmmmm…
23.11.Rotterdam
24.11.Amsterdam

Reingelesen (78): Alan Parks – Blutiger Januar

„I never have the bloody Hammer“
(Roky Erickson, Bloody Hammer)

Alan Parks – Blutiger Januar (2018, Heyne Hardcore)

Auftakt zu einer Krimi-Reihe mit einem abgewrackten Detective Inspector als Hauptdarsteller und seinen Verbindungen zur Unterwelt als zentrales Thema, dazu Polizei-Korruption und permanent schlechtes Wetter in der schottischen Großstadt als Rahmen für die Handlung, wem würde da nicht Ian Rankin und seine mit über zwanzig Teilen inzwischen recht umfangreiche Roman-Serie über den Edinburgher Cop John Rebus in den Sinn kommen?
Kaum jemandem, der sich die Lektüre des Debütromans „Blutiger Januar“ von Alan Parks zu Gemüte führt, soviel dürfte feststehen. Wo es bei Rankin in den Dialogen gerne mal humorig wird und das Hinterzimmer wie auch der Tresen im Vorraum der Oxford Bar zum heimelig-gemütlichen Verweilen einladen, präsentiert Parks im tristen, kalten Winter im heruntergekommenen Glasgow des Jahres 1973 die ungeschliffene Härte des Lebens in Edinburghs großer hässlicher Schwester, für literarische Parallelen mag da allenfalls das düstere und trostlose „Red Riding Quartett“ von David Peace herhalten, und selbst dieser Vergleich hinkt, wo Peace gerne vage bleibt, mit Sprache experimentiert und vieles der Interpretation und Phantasie der Leser überlässt, bleibt bei Parks auf Dauer wenig unverschleiert, er schreibt direkt, schnörkellos und unverblümt und tritt der Leserschaft damit direkt frontal in die Magengrube.

„They all say, someday soon, my sins will all be forgiven“
(Warren Zevon, The Indifference Of Heaven)

Detective Harry McCoy als schottischer Zwilling der Clint-Eastwood-Filmfigur Dirty Harry, Anfang Dreißig, bereits schwer vom Leben gebeutelt, ist einer dieser typischen Anti-Helden des modernen Romans, eine komplexe Figur, die das Gute will und doch mindestens bis zu den Knöcheln im eigenen Morast der charakterlichen Defizite und mittelschweren kriminellen Verstrickungen steckt, zugange im Polizei-Büro wie in fragwürdigen Etablissements und dunklen Ecken der maroden Stadt am River Clyde. Der junge Polizist hat in seinem noch kurzen Leben bereits Einiges hinter sich: Misshandlungen von katholischen Priestern im Erziehungsheim, eine gescheiterte Beziehung inklusive plötzlichen Kindstodes des gemeinsamen Sohnes, wobei sich zusehends im Verlauf der Geschichte der Verdacht aufdrängt, dass das Paar aufgrund eines rauschhaften, exzessiven Lebenswandels am Ableben des Kindes mindestens eine Teilschuld trifft; aktuell zur Zeit der geschilderten Ereignisse schleppt McCoy ein veritables Alkohol- und Drogen-Problem als den berühmten Affen auf dem Buckel mit, sein halbwegs noch stattfindendes Sexualleben funktioniert nur mit Prostituierten, dazu on top seine dubiosen Verbindungen zu einem ehemaligen Schulfreund und Leidensgenossen aus dem Kinderheim, der mittlerweile eine große Nummer im Glasgower Drogen- und Mädchen-Handel ist.

„Blutiger Januar“ steigt unvermittelt ins Geschehen ein mit einem Besuch des Cops im Gefängnis, zu dem ihn ein Informant vor einem Mord an einer jungen Frau warnt, die dann auch prompt auf offener Straße vor den Augen der Öffentlichkeit exekutiert wird, mit unmittelbar nachfolgendem Selbstmord des Killers. Die Ermittlungen führen den Detective und seinen noch relativ unbedarften Adlatus aus der Provinz in die Etablissements und Villen der schottischen Upper Class und Industriellen, zu gekauften Politikern, willfährigen Polizeipräsidenten und gestrandeten Strichern, Prostituierten und Junkies am unteren Ende einer Nahrungskette, die das Menschenmaterial in einer korrupten Gesellschaft für die dummen Streiche der Reichen liefert – zähe Ermittlungen in einer bizarren Welt von SM-Sexorgien, Aleister-Crowley-Satanismus und geisteskranken Exzessen, Ermittlungen, zu denen McCoy nicht wenige Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommt von all jenen, die mit ihm aus früheren Zeiten noch eine Rechnung offen haben. Parks zeichnet damit das Bild eines fragilen sozialen Geflechts, das für alle Schichten die eindeutige Schwarz-Weiß-Schablone ins Leere laufen lässt.

Die Reihe um Cop McCoy könnte ein großer Wurf vom Format der historischen „L.A. Quartet“– oder „Underworld USA“-Serien von Hardboiled-Großmeister James Ellroy über politische und Polizei-Korruption, die dunklen Seiten der Wirtschaft und der Macht im 20. Jahrhundert werden, der Auftakt bringt alles mit, was einen rasant zu lesenden und gut erzählten, harten Krimi-Stoff auszeichnen: Lakonische Dialoge, eine stimmige Handlung, schwergewichtige Themen, ungeschönte Schilderungen von Gewalt, authentische Schauplätze mit dem entsprechenden Lokalkolorit, im Gesellschafts-historischen Kontext dabei völlig Nostalgie-befreit und in der Darstellung von Wut, Leid und Schmerz ohne falsche Sentimentalitäten. Der Fußball wird für einen Glasgow-Roman erstaunlich rudimentär thematisiert, irgendwo eine knappe Anmerkung zu Partick Thistle, das war’s dann auch schon, andererseits wird im Rahmen der Ermittlungen in der Befragung eines Priesters mehr als deutlich, dass einem vom Glauben abgefallenen ex-Katholiken wie McCoy diese ewige Celtic/Rangers-Fehde zwischen unionistischen Protestanten und den Nachfahren irischer Auswanderer am Allerwertesten vorbeigeht. Dafür darf sich die Pop-affine Leserschaft über einen kurzen Auftritt des Glam-Heroen David Bowie freuen, thematisch ins Bild passend als bleicher, ausgemergelter Ziggy-Stardust-Junkie. Kritik ist kaum angebracht an diesem als Kriminalroman konzipierten Sittengemälde, allenfalls der Jungbrunnen-hafte, rasante Heilungsprozess des wiederholt gewaltsam attackierten Cops geht zielstrebig völlig an der Realität vorbei, dieses postwendende Wiedereingreifen ins Geschehen nach kurz zuvor erlittenen Stich-/Schuss-Verletzungen und Mobilitäts-einschränkenden Knochenfrakturen hat bereits in seiner fragwürdigen James-Bond-Manier in den ansonsten sehr lesenswerten Jo-Nesbø-Romanen über den norwegischen „Dirty Harry“ Hole das ein oder andere Stirnrunzeln bei der Lektüre hervorgerufen.

Alan Parks wurde 1963 geboren und wuchs in der Nähe von Glasgow auf. Dort studierte er an der Universität Philosophie, nach dem Studium zog er nach London und arbeitete im Musikbusiness bei London Records und Warner als Creative Director. Er betreute unter anderem Bands wie New Order und The Streets.
„Blutiger Januar“ ist sein Debüt-Roman. „February’s Son“ als zweiter Teil der Harry-McCoy-Reihe erscheint Anfang 2019 in Großbritannien.

Alan Parks liest am 14. Oktober im Rahmen des Münchner Krimifestivals in der Polka Bar aus seinem Werk, Pariser Straße 38, Eingang Gravelottestraße, 20.00 Uhr.

Reingelesen (76): Dietrich Schulze-Marmeling – Celtic

„‚Hibs‘-Sekretär John McFadden macht seinen Glasgower Gastgebern den Vorschlag, dem Edinburgher Beispiel zu folgen und auch in ihrer Stadt einen „irisch-katholischen“ Klub zu gründen. Der Vorschlag wird zum größten Eigentor der schottischen Fußball-Geschichte.“
(Dietrich Schulze-Marmeling, Celtic, Kapitel 2, Der Club der Einwanderer)

Dietrich Schulze-Marmeling – Celtic. Ein „irischer“ Klub in Glasgow
(2018, Verlag Die Werkstatt)

Fußball-Schauen konnte in den vergangenen Wochen dank der laut FIFA-Boss Infantino „besten Weltmeisterschaft aller Zeiten“ inklusive des in deutschen Landen auftretenden Nachbebens aufgrund unterirdischer Turnierleistung „der Unseren“ (aka „Die Mannschaft“), unsäglichem Funktionärs-Nachtreten und unfassbaren Steuerhinterzieher-Auswürfen in der Causa Özil mitunter von hohem Unterhaltungs- und Erkenntnis-Wert sein, die Lektüre zu ausgewählten Themen aus der weiten Welt des runden Leders erfüllt diesen Zweck ab und an nicht weniger, wie der renommierte Fachbuch-Autor Dietrich Schulze-Marmeling mit seinem jüngst erschienenen Werk über The Celtic Football Club eindrucksvoll unterstreicht. Und politisch wie sozial-historisch spannender sind die 288 Seiten zwischen den Buchdeckeln von „Celtic. Ein ‚irischer‘ Verein in Glasgow“ allemal mehr als die kürzlich über die Bühne gegangene Putin-WM – das ist nahe liegend bei einem katholischen, weit über die schottischen Landesgrenzen hinaus verehrten wie gleichsam verhassten Verein im protestantisch geprägten Kaledonien, wie auch bei einem Autor, der in seiner beschriebenen Celtic-Historie neben der chronologischen Abhandlung der sportlichen und Vereins-politischen Entwicklung seit Club-Gründung durch den irisch-stämmigen Ordensbruder Andrew Kerins/Brother Walfried im Jahr 1887, der Dokumentation der nationalen und internationalen Erfolge und der Würdigung einzelner, verdienter Spieler-Ikonen vom „Lord Of The Wing“ Jimmy Johnstone bis zum schwedischen Top-Stürmer Henrik Larsson ausführlich den komplexen inner-irischen Konflikt behandelt, der über die grüne Insel hinaus seit Dekaden das Handeln der mehrheitlich von katholisch-irischen Auswanderern abstammenden Vereinsführung wie die anti-royalistischen/anti-unionistischen Schlachtgesänge und Fan-Aktionen der Celtic-FC-Anhängerschaft durchdringt und vor allem immer wiederkehrend im „Old Firm“ seine ganze politische, religiöse und soziale Brisanz in der schottischen Liga, in der Medien-Landschaft und letztendlich der gesamten Zivil-Gesellschaft entfaltet, jenem legendären, vor 130 Jahren erstmals ausgetragenen Lokalderby zwischen Celtic und dem protestantisch-sektiererischen Stadtrivalen Rangers.

„Die Mauer zwischen dem Shankill- und dem Falls-Gebiet ist so hoch, dass diese Leute niemals Menschen in Celtic-Trikots gesehen hatten. Obwohl nur zwei Meilen entfernt, wussten sie nichts von einer Welt wie Ardoyne, wo die irische Trikolore weht und Kinder mit Hurling-Schlägern und in GAA-Trikots herumlaufen. Auf der Shankill Road hätten sie jeden, der ihnen in einem Celtic-Trikot begegnet wäre, ermordet.“
(Peter Shirlow, University of Ulster)

„You can shove your Royal wedding up your arse!“ schmetterten die Celtic-Fans im vergangenen Mai zum Boulevard-Presse- und Mainstream-Medien-gehypten, royalen Markle/Windsor-Vermählungs-Event beim selben Tags stattfindenden schottischen Pokalfinale, der Schmäh-Gesang bringt die Haltung der irisch-katholisch verwurzelten Anhängerschaft zu den Repräsentanten des längst verblassten britischen Empires und zum Establishment des United Kingdom treffend auf den Punkt. Schulze-Marmeling holt weit aus in seinem Buch und dokumentiert sorgfältig wie differenziert die Wurzeln, historischen Stränge und Gründe der exponierten Outsider-Stellung des Clubs in der britischen Gesellschaft wie das politisch-soziale Fundament seiner Verehrung durch die katholische Fan-Basis aus der nordirischen Konflikt-Region und der irischen Republik, ausgehend von den zur Massen-Migration zwingenden Hungersnöten im Irland des 19. Jahrhunderts, der Club-Gründung als ursprünglich karitative Wohlfahrtsorganisation zur finanziellen Unterstützung der katholischen Unterschicht und Arbeiterklasse Glasgows, dem Dubliner Osteraufstand und dem irischen Unabhängigkeitskrieg, sozialrevolutionären Ideen innerhalb der Vereinsführung wie die mitunter nicht abschließend geklärte Haltung zur IRA und ihrer terroristischen Aktionen gegen die britischen Institutionen. Gerade zu diesen Themen regt die Lektüre zu weiteren, ausführlicheren Studien an, vor allem auch durch den zweiten Teil des Buches, „Celtic, Irland und die ‚Troubles'“, in dem der Autor profund aufzeigt, dass eine rein aus sportlicher Sicht erzählte Celtic-Vereinsgeschichte kaum Sinn macht, da sie sich in den seltensten Fällen von der sozio-politischen Komponente des Themen-Komplexes trennen lässt. Bereits in der Fußball-Historie durch die sich zwingend aufdrängende Auseinandersetzung mit der unionistischen, sektiererischen Vereinspolitik des Lokalrivalen Rangers und den zahlreichen Querverbindungen der protestantischen Anhängerschaft zu loyalistischen Vereinigungen wie dem Oranier-Orden und zu den paramilitärischen Terror-Organisationen Ulster Defence Association und Ulster Volunteer Force untermauert Schulze-Marmeling diesen Ansatz eindrücklich, im speziell der irischen Komponente der Thematik gewidmeten zweiten Teil ist die Bedeutung des Clubs und seines protestantischen Stadtrivalen zu Zeiten der nordirischen „Troubles“ als Projektionsfläche separatistischer/unionistischer Standpunkte zentraler Dreh- und Angel-Punkt, ob in der Geschichte des 1949 aufgelösten Vereins-Pendants Belfast Celtic FC, in Reflexionen zur nordirischen Fußball-Verbands-Politik, Berichten über No-Go-Areas in der durch Mauern geteilten Hauptstadt Belfast, über persönliche Verbindungen von kickenden Rangers-Stars zu paramilitärischen, protestantisch-unionistischen Serien-Killern oder den Geschichten über die Morde an jugendlichen Celtic-Fans, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, Geschichten über kranke Parallel-Welten und fanatischen Irrsinn, die den Sport zur schaurigen Nebensache und zum Aufhänger für massive politische und soziale Verwerfungen degradieren.

„Die Italiener sahen aus wie Filmstars – und wir sparten für die dritten Zähne.“
(Bill McNeill, Celtic-Kapitän der „Lisbon Lions“)

Ein zentraler Abschnitt jeder Vereins-Chronik des Celtic FC – so hier nicht anders – gehört der ausführlichen Würdigung der „Lisbon Lions“, jener hinsichtlich Kult-Status in der internationalen Welt des Vereinsfußballs den „Busby Babes“ von Manchester United, der Mannschaft von Nottingham Forest unter Brian Clough in den Endsiebzigern oder den 78er-Double-Gewinnern des 1. FC Köln vergleichbaren Celtic-Jahrhundert-Elf um Wunderstürmer Jimmy Johnstone und ihren Trainer Jock Stein, einem heute über die Vereinsgrenzen hinaus legendären, über 13 Jahre die sportlichen Geschicke der „Bhoys“ lenkenden ehemaligen Celtic-Spieler, Sozialisten und – paradoxerweise – Protestanten, der mit religiösem Sektierertum nichts am Hut hatte, der den Menschen vor Nationalität und Glauben stellte, mit seiner offensiven Fußball-Philosophie die Kunst des holländischen Totaalvoetbal vorwegnahm und damit den Celtic FC bis dato zu seinen größten Erfolgen führte. Der Triumph der ersten britischen und nordeuropäischen Mannschaft überhaupt in einem Europapokal-Finale im Landesmeister-Wettbewerb 1967 in Lissabon gegen den berüchtigten Catenaccio-Riegel von Favorit Inter Mailand war seinerzeit ein nicht erwarteter Sieg gegen südländische Defensiv-Künste wie Krönung einer ganzen Reihe von nationalen Meisterschafts- und Pokal-Titeln unter der Ägide des Ausnahme-Trainers, der von Fußball-Historikern in einer Reihe mit schottischen Koryphäen wie Matt Busby, Bill Shankly und Alex Ferguson genannt wird, der bis heute der letzte der Jahrzehnte-lang engagierten Celtic-Trainer bleibt – neben dem ersten Coach Willie Maley (43 Jahre) und Jimmy McGrory (20 Jahre von 1945 bis 1965) – und der – tragisch wie stilsicher als Vollblut-Coach – im September 1985 als schottischer Nationaltrainer während eines WM-Qualifikationsspiels gegen Wales im Stadion in Cardiff einem Herzinfarkt erlag.

Dass die seit 1890 ausgespielte Scottish League Championship für Außenstehende und keinem der beiden Glasgow-Clubs Zugewandten bis zur Rangers-Insolvenz im Jahr 2012 kaum Spannendes zu bieten hatte, belegt der Blick in die Statistik, von den bis dahin ausgespielten 116 Titeln gingen 43 an Celtic und 54 an den (Noch-)Rekordmeister Rangers, der FC Aberdeen war 1985 der letzte schottische Meister außerhalb „The Old Firm“, seit dem zwischenzeitlichen Zwangsabstieg des Lokalrivalen in die vierte Liga als Folge der Vereins-Pleite der Rangers kann die alljährliche Dauer-Meisterschaft der Grün-Weißen hinsichtlich Langeweile mittlerweile mit dem Bundesliga-Monopol des Münchner Steuerhinterzieher-Vereins konkurrieren. Das Verblassen des Celtic-Sterns trotz nationaler Dominanz auf internationaler Bühne vor allem mangels konkurrenzfähiger finanzieller Mittel und die Folgen für den Verein dokumentiert Schulze-Marmeling ausführlich wie die bisher gescheiterten Bemühungen einer Anbindung an die englische Premier League.

Der mehrseitige „Einwurf“ – eines von mehreren ergänzenden, eigenen Kapiteln zu expliziten Themen – über die Fan-Freundschaft zwischen Celtic- und Hamburger St.-Pauli-Supportern dürfte unter den deutschen Lesern über die Anhängerschaft des norddeutschen Kiez-Clubs hinaus kaum auf gesteigertes Interesse stoßen, die unterm Strich sehr oberflächlich umrissenen Reise-Eindrücke des ehemaligen Pauli-Fanbeauftragten Sven Brux aus der geteilten Stadt Belfast zu Zeiten des Nordirland-Konflikts vor dem Karfreitags-Abkommen dann wahrscheinlich im Zweifel nur noch bei einer Handvoll politischer Wichtigtuer unter den Totenkopf-Shirt-Trägern, und den komplett abgedruckten, an Banalität kaum mehr zu unterbietenden Songtext von „The Celtic and St. Pauli Song“ hätte man sich getrost komplett sparen können, wegen der zwölf Seiten der ansonsten sehr lesenswerten Vereinshistorie muss man selbstredend nicht päpstlicher als der Papst sofort die gelbe Karte zücken, aber ohne eine kurze Ermahnung geht es an der Stelle dann auch nicht ab.

Mit vernachlässigbaren Abstrichen ist das Buch somit eine äußerst lohnende Lektüre für Freunde des internationalen Fußballs und seiner in den vergangenen Jahren zusehends aus dem Fokus geratenen schottischen Spielart, die einst in mittlerweile längst vergangenen Zeiten mit zur Weltspitze zählte, die Doku ist guter Lesestoff und idealer Einstieg für Interessierte an irischer, schottischer und britischer Geschichte, Kultur und Politik, und natürlich nicht zuletzt für die auch hierzulande zahlreichen Freunde und Sympathisanten des faszinierenden grün-weißen Kult-Vereins aus Glasgow – fundiert, flüssig lesbar und der komplexen Thematik gerecht werdend beschrieben von einem ausgewiesenen Kenner der Szene. Darüber hinaus dürfte die im Mai beim Verlag Die Werkstatt erschienene Vereins-Doku derzeit die einzige verfügbare deutsche Publikation zum Thema sein.

Autor Dietrich Schulze-Marmeling wurde 1956 in der nordrhein-westfälischen Hansestadt Kamen geboren, im Göttinger Verlag Die Werkstatt sind zahlreiche weitere seiner Publikationen über die Entwicklung des Profi-Fußballs, über Vereins-Historien von Borussia Dortmund, Preußen Münster, Manchester United, die FCBs aus Barcelona und München und einzelne Biografien herausragender Spieler-Persönlichkeiten wie Lew Jaschin, George Best oder Johan Cruyff veröffentlicht worden. 2011 erschien von ihm die von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur als „Fußballbuch des Jahres“ ausgezeichnete Dokumentation „Der FC Bayern und seine Juden“, die Thesen des Buches, die den Club als rühmliche Ausnahme hinsichtlich antisemitischer NS-Vereinspolitik stilisieren, werden mittlerweile aufgrund neuerer Forschungsergebnisse mindestens angezweifelt, wenn nicht widerlegt.
Neben zahlreichen Büchern zum Thema Fußball hat Dietrich Schulze-Marmeling eine Reihe von Sachbüchern über die Geschichte, Kultur und Landschaft Nordirlands veröffentlicht, über politische Theorien und Praxis im nordirischen Konflikt und die britische Politik in der Region in den Siebziger und Achtziger Jahren. Sein immenses und fundiertes Wissen zum Thema fließt nahe liegend in die aktuelle Dokumentation über Celtic Glasgow und die gesellschaftliche, politische und kulturell-soziale Relevanz des Vereins ein. Ende der Achtziger lebte der Autor selbst für ein Jahr in Nordirland.

Der Blog-Platzwart bedankt sich herzlich beim Verlag für das Rezensionsexemplar.