Gurf Morlix

Reingehört (281): Son Volt, Gurf Morlix

THE HANDSOME FAMILY @ Ampere München 2015-09-29 (11)

Son Volt – Notes Of Blue (2017, Thirty Tigers Records/Transmit Sound)

Während Jeff Tweedy mit Wilco nach dem Uncle-Tupelo-Split den ureigenen, von der dahingeschiedenen Band maßgeblich geprägten No-Depression-/Alternative-Country-Sound in Form von unüberhörbaren Beatles-Reminiszenzen, Psychedelic-Gefrickel, Alternative-, Experimental- und Kraut-Rock in unterschiedlichste Richtungen und in leider zuletzt schwer schwankender Qualität weiterentwickelte, blieb Jay Farrar, der andere Uncle-Tupelo-Mitbegründer und -Songschreiber, mit seiner Nachfolge-Band Son Volt dem Klangbild der ehemals gemeinsam betriebenen Band weitgehend treu, 1995 platzierte er mit „Trace“ (Warner Bros.) einen allseits hochgelobten Meilenstein in der Welt des Alternative-Country-Genres, in den folgenden Jahrzehnten hat sich an der Qualität des beseelten Americana-Sounds der Band nichts Grundlegendes geändert, Alben wie „Okemah And The Melody Of Riot“ (2005, Transmit Sounds) oder „American Central Dust“ (2009, Rounder) zeugten von unverminderter Songwriter-Intensität.
So auch auf dem Mitte Februar erschienenen, jüngsten Werk „Notes Of Blue“, Jay Farrars großartig warme, voluminöse, mit dezentem Country-Schmelz permanent ins Melancholische neigende Stimme bildet die homogene Klammer um eine eindringliche Songsammlung aus schmerzhaften Alternative-Country-Balladen, beherzten Folk-Rockern, entspanntem Country-Slidegitarren-Folk und einigen vehementen, durch verzerrte Stromgitarre dominierte, Blues-lastige Indie-Rocker, wie sie in der Form bisher bei Son Volt weitgehend die Ausnahme waren. Eine grundsolide, geerdete, den instrumentalen Beigaben Raum gebende Produktion tut das Übrige zu dieser ausgewogenen Präsentation des Songwriter-Talents Farrars, der zwar nie so wie ex-Kollege Tweedy auf der ganz großen Bühne des Business ankam, dafür aber auch noch nie Fuß-einschläfernde, halbgare Belanglosigkeiten wie den letzten Wilco-Auswurf „Schmilco“ unter’s Volk brachte – in the long run dann wahrscheinlich doch die genehmere Variante…
(**** ½ – *****)

Gurf Morlix – The Soul & The Heal (2017, Rootball)

Der gute alte Gurf Morlix. Ab 1985 für mehr als 10 Jahre Musikant in der Band von Alternative-Country-Queen Lucinda Williams, Produzent mehrerer ihrer Alben, er hatte auch maßgeblich die Finger im Spiel beim Entstehungsprozess des geschätzten Williams-Highlights „Car Wheels On A Gravel Road“ (1998, Mercury), ehe gegen Ende des Feinschliffs zum Meilenstein im Studio die Fetzen flogen und die bis dahin gedeihliche Zusammenarbeit ein jähes Ende fand.
Daneben und danach betreute er feine Arbeiten von Songwriter-KollegInnen wie Mary Gauthier, Butch Hancock, Dave Alvin oder Ray Willie Hubbard und veröffentlichte seit der Jahrtausendwende in schöner Regelmäßigkeit eigene Alben wie das wunderbare „Diamonds To Dust“ (2007, Blue Rose/Blue Corn Music) oder das Tribute „Blaze Foley’s 113th Wet Dream“ (2011, Gurf Morlix) mit 15 Coverversionen des 1989 verschiedenen Country-Musikers, über den Weggefährte Townes Van Zandt einst den schönen Satz sprach, er wäre nur einmal in seinem Leben ausgetickt und habe sich dann entschieden, in diesem Zustand zu bleiben.
Auf „The Soul & The Heal“ erzählt, singt und grollt Morlix lakonisch zehn neue, nachdenkliche Geschichten mit seinem markanten, dunklen Organ, die Songs sind durch die Bank im getragenen Americana-/No-Depression-Sound angelegt, Do-it-yourself im heimischen Rootball-Studio in kargem, Zierrat-freiem Klang und gespenstisch-dunkler Southern-Gothic-Grundstimmung eingespielt, viel stilistische Bewegung findet auf dem Tonträger nicht statt zwischen Country-Folk und Songwriter-Blues, aber der Mann ist unüberhörbar ganz bei sich, und somit geht die Rechnung unterm Strich für diese Nummer wunderbar auf.
(**** ½)

Reingehört (202): King Creosote + Michael Johnston

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King Creosote + Michael Johnston – The Bound Of The Red Deer (2016, Imports)
Der unter dem Künstlernamen King Creosote musizierende Songwriter Kenny Anderson aus dem schottischen Fife (wo unter anderem auch der mit ihm befreundete Krimi-Großmeister Ian Rankin und das vor fünf Jahren leider viel zu früh verstorbene Folk-Original Jackie Leven herkommen) und Michael Johnston von der kanadischen Roots-Rock-Combo Skydiggers haben sich in den Nuller-Jahren bei einem Bardentreffen angefreundet, zehn Jahre später sind sie erstmals für eine gedeihliche Duo-Produktion in einem Studio in Toronto zusammengekommen, unter Mithilfe der Burns-Unit-Ladies Karine Polwart und Emma Pollock und des hochverehrten texanischen Alternative-Country-Experten Gurf Morlix produzierten die Herrschaften eine bezaubernde Songsammlung, die in den ersten acht Nummern mit klassischem, Piano-getragenem Songwriting glänzt, das zwischen alter Nick-Drake-Schule, empathischer Melancholie und mitunter etwas zu dick aufgetragenem Schmalz und Vor-sich-hin-Kitschen schwankt, in Balladen wie etwa dem wunderbaren „Round And Round“ aber uneingeschränkt von erhabener Eleganz zeugt.
Warum Anderson und Johnston das im Wesentlichen ansprechende, entrückte Werk mit zwei völlig aus dem Rahmen fallenden Kneipen-Schunklern beschließen, wird wohl irgendeiner Laune geschuldet sein, die der Hörer nicht verstehen muss – oder dem Konsum von zuviel Single Malt im Laufe des Aufnahmeprozesses, wer weiß, der schönste Platz ist ja bekanntlich immer an der Theke…
(****)

Album-Stream: hier.