Half Japanese

Reingehört (415): Half Japanese

„You do need cords to plug the guitar in but that’s pretty much it.“
(Jad Fair)

Half Japanese – Why Not? (2018, Fire Records)

Anders als bei sogenannten Volksparteien, Dauer-darbenden Fußball-Bundesligisten aus dem hohen Norden der Republik und kryptischen Bitcoin-Notierungen zeigt der Trend bei Jad Fair und seiner Combo Half Japanese dieser Tage eindeutig nach oben. Entgegen den in jüngster Zeit veröffentlichten Ergüssen, mit denen sich die Band für ihre Verhältnisse in den gängigen Langweiler-Einheitsbrei beliebiger US-Indie-Bands einreihte und kaum mehr die pure Freude am Abhören der Tonträger aufkommen ließ, besinnen sich Fair und Co auf „Why Not?“ auf ihre Qualitäten wie in der eigenen glorreichen Vergangenheit gezeigt und liefern durchaus Ansprechendes, dass sich am extrem angeschrägten Indie-Pop und Art/Noise-Punk früherer Glanztaten orientiert, an unkonventionellem Alternative Country, trashigem, windschiefem Balladen-Stoff und mit verstimmten Gitarren und neben der Spur getrommeltem Rhythmus-Gepolter vorgetragenem Alternative-Weirdness-Gewurstel im Stile eines indisponierten Jonathan Richman oder schlecht gelaunten Gordon Gano, die limitierten musikalischen Fähigkeiten mit viel Charme und einer bunten Wundertüte an lustig-absurden Ideen kompensierend.
Das quengelnde, nölende, die Nerven strapazierende Sangesorgan Jad Fairs ist ohnehin wie gehabt die Wegscheide für das Daumen-rauf- oder -runter-Verdikt zu jeder Scheibe der Band, so hier selbstredend nicht anders, und damit bleibt für alte Freunde der Band nichts weiter, als zum LoFi-Geschrammel der jüngst erschienenen dreizehn neuen Songs ein beherztes „Warum nicht?“ in die Runde zu schmettern. Alleinstellungsmerkmal weitgehend zurückerobert, Trendwende gelungen, bis auf Weiteres. Können SPD und HSV nur träumen von…
(**** ½ – *****)

Reingehört (122)

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Half Japanese – Perfect (2016, Joyful Noise)
Karl Bruckmaier, seines Zeichens Zündfunk-Radio-DJ, Pop-Kritiker der SZ, Autor und Übersetzer, hat in seinem Buch „Soundcheck“ (2000, C.H. Beck Verlag) Klang und Inhalt des Noise-Rock-/LoFi-Debüts ‚1/2 Gentlemen/No Beasts‘ (1980, Fire Records) der Combo um den Sänger und Gitarristen Jad Fair und dessen damals noch an Bord befindlichen Bruder David recht treffend wie folgt beschrieben:
‚“Ich habe keine Zeit, mit den Knöpfen rumzumachen. Reiß mir doch das Hemd vom Leib! Sagt die zu mir.“ Bumm bumm bumm, schepper, krach, schepper, twäng, twäng Punkrock. „Ich hab so wenig Zeit, und ich liebe dich. Drum reiß mir mein Hemd herunter, zerfetz es in tausend Stücke und schmeiß es neben das Bett. Sagt die zu mir.“ Song vorbei. Noch mehr? „Mein Mädchen lebt wie ein Beatnik, handelt wie eine Prinzessin, sieht aus wie ein Filmstar, bloß hübscher und irgendwie dünner, zeichnet wie Picasso, malt wie Matisse, und sie liebt mich, liebt mich, liebt mich.“ Song schon wieder vorbei.‘
Mit den Jahren wurde der Noise-Sound der Band sozialverträglicher, mit den Alben ‚Music To Strip By‘ und ‚Charmed Life‘ (beide: 50 Skidillion Watts) erreichte die Band Ende der Achtziger ein noch heute hörenswertes Zwischen-Hoch in Sachen Indie-/Alternative-/LoFi-Pop/-Rock, im Vorbeigehen wurden Helden des Genres wie der manisch-depressive LoFi-Künstler Daniel Johnston, Kurt Cobain und Sonic Youth massivst vom Half-Japanese-Sound beeinflusst, Ende der Achtziger tat man sich zum gemeinsamen Tour-Betrieb mit der ehemaligen Velvet-Underground-Drummerin Moe Tucker zusammen – welche, nebenher bemerkt, mittlerweile der republikanischen Tea-Party-Voll-Verblödung anheimgefallen ist – und betourte in dem Outfit im Vorprogramm zusammen mit Lou Reed die USA, jener soll der Legende nach vom quäckenden Gesang Jad Fairs nach wenigen Auftritten derart genervt gewesen sein, dass er diesem kurzerhand das Singen für den Rest der Tournee verbot, was zu einem Heulkrampf Fairs und einem kräftigen „Asshole!“ von dessen Seite in Richtung Onkel Lou geführt haben soll, ein Kraftausdruck, den der alte Ungustl sicher nicht zum ersten Mal vernahm…
Im Augsburger ‚Bootleg‘ (kennt den Laden noch wer?) stieß das seinerzeit ohne Lou auf wesentlich mehr Gegenliebe, die Kombi Tucker/Half Japanese trash-rockte den Laden ordentlich.
Ab Ende der Neunziger wurde es um die Band ruhiger, die Alternative-Tentacles-Scheibe ‚Hello‘ von 2001 und ‚Overjoyed‘ (2014, Joyful Noise) gaben sporadische Lebenszeichen.
2016 hören wir ein Half-Japanese-Format, das mit den wunderlich-schrägen Pop-Ergüssen der frühen Jahre weitaus wenig gemein hat, stattdessen Indie-/Alternative-Rock, wie man ihn von vielen anderen Bands auch kennt, als Alleinstellungsmerkmal bleibt die charakteristische Stimme Jad Fairs, des letzten verbleibenden Recken aus der Urbesetzung. Dahin ist er, der Do-it-yourself-Ansatz der frühen Tage, hinsichtlich handwerklichem Können war damals nicht viel los mit der Combo, Ideenreichtum und abseitige Einfälle gab’s aber um so mehr, und das ist wohl das Hauptmanko der neuen Scheibe: die sucht man hier nach über gut vierzig Jahren Bandgeschichte weitgehend vergebens.
(*** ½)

Half Japanese live @ archive.org

Reingehört (14)

KULTURFORUM Reingehört www.gerhardemmerkunst.wordpress.com (2)
 
Half Japanese – Overjoyed (2014, Joyful Noise Recordings)
Die Low-Fi-Trash-Kapelle ist nach 13 Jahren Abwesenheit zurück. Sie können nach wie vor wenig bis nix, aber das können sie gut. Flott hingeschrammelte Indierocker, phasenweise in ungewohnter, härterer Gangart, seltsamer Calypso und weirde Balladen, versehen mit Jad Fair’s Anti-Gesang. Die Scheibe erinnert an der ein oder anderen Stelle an Alex Chilton’s Trash-Phase (‚Bangkok‘, Can’t Seem To Make You Mine‘) und an die auch längst dahingeschiedenen Swall Maps. Früher haben Half Japanese nur an Half Japanese erinnert… Ob man heutzutage noch eine weitere, neue Scheibe von ihnen braucht muss jeder für sich selbst entscheiden. Für essentiell halte ich nach wie vor die Werke aus den End-Achtzigern: ‚Charmed Life‘ und ‚Music To Strip By‘.
(*** ½)

Panda Bear – Tomboy (2011, Paw Tracks)
Experimenteller Ambient-Elektronik-Psychedelic-Pop. Hymnisch und euphorisch und doch recht entspannt. Super Sound für den Cross-Trainer…;-))
(****)

Tamikrest – Adagh (2010, Glitterhouse)
Toller Touareg-Wüstenblues aus Mali. Entdeckt und produziert von Walkabouts-Mastermind Chris Eckman. Hypnotisch, mit treibendem Bass unterlegt, süchtig machend.
(*****)

John Hiatt – Terms Of My Surrender (2014, Rykodisk / Warner)
Schöner, zeitloser, tiefenentspannter Country-/Folk-Blues in erwartet guter Hiatt-Qualität. Swingt phasenweise wie die letzten Dylan-Werke, was dem Ganzen eine zusätzliche organische Würze verleiht. Die Platte für die lauen Sommerabende auf der Holzveranda…
(**** ½)

Bettysoo – When We’re Gone (2014, Bettysoo)
Alternative-Folk mit Torres-/Mazzy-Star-ähnlichem Gesang und viel zu viel Zuckerguss und glattpoliertem Gedudel. Nicht mein Fall.
(** 1/2)

Pavement – Brighten The Corners (1997, Matador Records)
Pavement – Crooked Rain, Crooked Rain (1994, Matador)
Lässig aus der Hüfte geschossene, teils entspannte und schwerelose, teils recht krachige Lo-Fi-/Indie-Rock-Meisterwerke. Gut abgehangen und doch immer noch taufrisch wie am ersten Tag.
(*****)

Mirel Wagner – When The Cellar Children See The Light Of Day (2014, Sub Pop)
Tolle, auf das Wesentliche konzentrierte Folkscheibe der in Finnland aufgewachsenen Äthiopierin. Reduziert, spartanisch, an manchen Stelle ins Chanson-hafte abdriftend, was mich lustigerweise in dem Zusammenhang überhaupt nicht stört. Odetta für das 21. Jahrhundert? Kann sein… Jedenfalls ein heißer Anwärter für die Jahrescharts 2014.
(*****)

Willie Nelson – Band Of Brothers (2014, Legacy)
Sehr entspannte Country-(was sonst??)Scheibe des Altmeisters. Yoga für die Ohren. Gehört tendenziell ins Country-Mainstream-Lager, als ausgesprochener Alternative-Jünger bin ich in dem Fall nicht abgeneigt…
(****)

White Fence – For The Recently Found Innocent (2014, Drag City)
Auf Sixties getrimmter Psychedelic-Pop. Hätten die Byrds nicht besser hingekriegt, seinerzeit.
(****)