Hard Blues

James Leg @ Asta, Rosenheim, 2018-11-30

The incredible Reverend James Leg, der Hohepriester des Fender-Rhodes-Organ-Blues – über den Tastengott aus Rock City/Tennessee an dieser Stelle noch groß was Neues zu erzählen, heißt zunehmend mehr die sprichwörtlichen γλαῦκας εἰς Ἀθήνας κομίζειν, Ihr ahnt es, Eulen, griechische Hauptstadt und so.
Und doch, immer wieder, und ohne Abstriche, auch nach zahlreichen Wiederholungen einmal mehr dankbarst genossen: the Son of a Preacherman formerly known as John Wesley Myers, als solcher Leader der Black Diamond Heavies und ehemals Mittäter der Immortal Lee County Killers, in seiner Inkarnation als James Leg in der vergangenen, verregneten Freitagnacht in der heimeligen Rosenheimer Musik-Kneipe Asta, die wie geschaffen ist für derartige Auftritte.

Wenn „Have To Get It On“ vom 2011-Solo-Debüt „Solitary Pleasure“ als Opener in einer ultra-scharfen Version bereits Konzert-eröffnend durch die Verstärker gejagt wird und den Pegel vom Start weg Richtung High Voltage treibt, wirft sich zum wiederholten Mal die Frage auf, wie soll die Steigerung dieses Intensitäts-Levels im weiteren Konzertverlauf möglich sein? Und einmal mehr ist verwundert festzustellen: es ist. Wo andere Musiker mit einem derartigen Sound-Orkan bereits im Vorspiel zum anstehenden Taifun leichtfertig ihr Pulver verschießen würden, groovt sich der einzigartige James Leg in Hochdruck-Betankung ein und gedenkt für die nächsten neunzig Minuten den Bleifuß auch nicht mehr vom Gas zu nehmen.
Im Verbund mit dem französischen Drummer Marlon Saquet, der ihn zu der Gelegenheit kompromisslos und mit gleichsam unvermindertem Druck trommelnd auf seinen Blues-Punk-Pfaden durch die Nacht begleitete, gab der Reverend wie erwartet den mit nichts und niemandem zu vergleichenden Orgel-Berserker. In einer unnachahmlichen Performance, die so ziemlich alles Hergebrachte im Rock’n’Roll-Entertainment als laues Gelichter in den Schatten stellt, ließ Leg die Tasten dröhnen zwischen finsteren Bass-Keys und einer Schwarz-Blues-psychedelischen Melodik, die das gläubige Volk permanent beseelt abhotten und nach Absolution verlangen ließ.
Neben altgedienten Evergreens und Meisterwerken wie dem sagenhaften Cure-Cover „A Forest“, „Casa De Fuego“ oder „Octovber 3rd“ gedachte der Keyboard-Wizzard mit dem ausgeprägten kehligen Knurren im Lebensblues-, Zigaretten- und Drinks-gegerbten Sangesorgan exzessiv seiner Vergangenheit mit den Black Diamond Heavies und präsentierte eine Handvoll neuer Arbeiten mit deutlicher Schlagseite zum Boogie, der bei Leg selbstredend nichts beschwingt Leichtfüßiges auf das Parkett legt und in seiner morbiden Underground-Garagen-Version die harten Aspekte des Alkohol- und Schlechte-Laune-geschwängerten Alltags in Tennessee, Rosenheim or elsewhere reflektiert.
Mit welcher stilistischen Nuance auch immer ausgestaltet, der Deep Blues des James Leg wird stets ein ungekünstelter, unverstellter, roher bleiben, mit einer ordentlichen Portion an Garagen-Punk-Schmutz an den Tasten und Trommelstöcken klebend, dort hinzielend, wo’s wohlig weh tut, und dabei wie nur selten bei anderen Ausnahme-Musikern eine ureigene und unverkennbare Handschrift erkennen lassend, die schwerlich zu kopieren ist. Den Umstand unterstrich in der Freitag-Nacht nicht zuletzt auch die gefühlt fünfte und finale Zugabe – das Duo präsentierte sich in exzellenter Spiellaune vor einem kundigen, Tanz-wütigen  und zum Teil weit angereisten Publikum – selbst mit seiner Heavy-Drone-Blues-Interpretation eines abgewetzten, totgefegten, ausgepressten Putzlappens wie der Uralt-Stones-Nummer „Jumpin‘ Jack Flash“ wussten der Südstaaten-Prediger und sein elsässischer Kompagnon den Laden noch mit ein paar Hitzegraden obendrauf zum Bersten zu bringen. Extra-scharfer Swampland-Gumbo hat selten intensiver gebrodelt als hier (sonst halt meist nur zu anderen James-Leg-Konzerten, eh klar), mehr rohe Energie und überwältigende Druckwellen, die sich von der Bühne in das Auditorium ergießen, sind kaum mehr vorstellbar.

Am kommenden Freitag, 7. Dezember, tritt James Leg im Münchner Folks Club auf, Thalkirchner Straße 2, 21.00 Uhr. Ortsansässige und Volk aus dem näheren Umland: solltet Ihr Euch antun. Wird super. Versprochen. Größere Gala vor grandioser Open-Air-Naturkulisse dann im nächsten Jahr beim Raut Oak Fest 2019 am Riegsee, 28. bis 30. Juni, mit dem lebenslang Dauer-angestellten Reverend James, seiner Orgel und dem Trommler seiner Wahl, war ja auch noch nie ein Schlechter mit am Start, by the way…

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Raut-Oak Fest 2018 @ Riegsee, 2018-06-09

Tag 2 Raut-Oak Fest 2018: Nach erneutem Transit München/Riegsee via Garmischer Highway am frühen Samstag-Nachmittag wieder ins Festival-Geschehen eingestiegen. Die beiden ortsansässigen Combos Abyssy und Optimal Standard mussten wegen anderweitiger Verpflichtungen ungehört/unbesehen bleiben, mit der dritten bundesrepublikanischen Beteiligung im Tagesprogramm hätte es sich auch gerne so verhalten dürfen, dazu später mehr.

Zunächst jedoch zu weitaus einnehmenderen Operetten: Mit dem Duo Freight Train Rabbit Killer aus Kansas City standen zwei wundersame wie einzigartig verkleidete Blues-Männer auf der Raut-Oak-Bühne. Kris „Freight Train“ Bruders und Mark „Rabbit Killer“ Smeltzer bezeichnen ihre Kunst selbst als Doom Blues und Apocalyptic Roots Music, eine Trash-Blues-Spielart des Southern Gothic, finstere Geschichten von der anderen Seite des Lebens erzählend, dunkle Moritaten im religiösen, mystischen, alttestamentarischen Kontext, die Bilder vom Teufel, von Selbstjustiz, von zweifelhaften Kaschemmen in the middle of nowhere und Dunst-verhangenen Sumpflandschaften heraufbeschwören. Der Schamane vom Hügel und der gesetzlose Rächer sind die „band that will play the party after the world ends“, und wenn’s dann dort inklusive seltsamer, bizarrer Hasen- und Outlaw-Maskierungen und hart angeschlagener Gitarrensaiten genau so schwarzhumorig zugeht wie am vergangenen Samstag, soll uns vor dem Jüngsten Tag nicht mehr bange sein. Gebt mir ein „Amen“ und ein „Satan, the kingdom is calling you home“.

Der Güterzug und der Karnickel-Killer haben mit ihrem vehementen Krach-Blues-Exorzismus das Feld für die Molly Gene One Whoaman Band bestellt und die gute Molly vor ihrem eigenen Vortrag bereits partiell in ihr finsteres Schwadronieren eingebunden, so war der Übergang vom Low-Budget-Kostümball zum intensiven One-Woman-Band-Trashen ein fließender. Die junge Frau aus Warrensburg/Missouri trieb mit Fußtrommel, Halbakustischer und National Resonator Gitarre den Delta-Blues in die vollgemüllte Garage und zerpflückte ihn dort auf das Brachialste, was für sich besehen bereits ein respektables Unterfangen war, immer dann jedoch, wenn die amerikanische Midwestern-Schönheit ihr nach Schmutz, harten Drinks und vielen weggeschmauchten Kippen klingendes Intensiv-Blues-Sangesorgan zum Einsatz brachte, musste man notgedrungen zweimal hinsehen und verwundert die Augen reiben ob der Tatsache, dass ein derart lärmendes, raues Fauchen und Herausschreien aus einer dergestalt zierlichen Person grollen mag, hört, hört.
Nicht für möglich gehaltene Intensitäts-Steigerung sodann nach sehr gelungenem Solo-Vortrag durch Hinzugesellen von Jay Linhardt an den Drums, der wie Molly Gene in Warrensburg ansässige Raut-Oak-Soundmixer trieb mit einem kompromisslosen Trommelanschlag den Trash-Blues in Richtung Heavy-Rock, die Duo-Benamung Doomblues haben sich die beiden Musizierenden damit redlich verdient.

Das Duo Hopeless Jack aus der Dead-Moon-Heimat Portland/Oregon ließ in Sachen flotte Bühnenshow, schöne Tätowierungen und tanzbares Blues-Trash/Roots/Rock’n’Roll-Gebräu nichts anbrennen, Jack Beisel – Wiener Gastronomen dürften allein bei diesem Familien-Namen in Verzückung geraten – an Rasiermesser-scharfer Slide-Gitarre und sein Kompagnon Spencer York an den Drums ergingen sich in beschwörenden Blues-Howlern über die Unebenheiten des Lebens in der Tradition vom frühen Cash, alten Mississippi-Größen und den krachenden Crypt-Records-Bands. Guter, unverstellter, spielfreudiger Live-Spaß vor und auf der Bühne, der das Volk zum Abhotten und die Musiker zum Fliegen brachte.

Am späten Nachmittag ein absolutes Festival-Highlight: Im Vorjahr gestaltete Sänger/Gitarrist Ben Todd den Auftritt von Lonesome Shack solistisch als Verneigung vor den großen Altvorderen des Country- und Delta-Blues mit einem zeitlosen, entspannten wie exzellenten Akustik-Vortrag, in diesem Jahr nun Lonesome Shack in full flight als Trio mit den kongenialen Musikern Luke Bergman am unvergleichlich groovenden Bass, Kristian Garrard an virtuos treibenden Drums und selbstredend nicht zuletzt einem im Saiten-Anschlag glänzend aufgelegten Ben Todd, der neben seinem stets latent klagenden Vokal-Vortrag seine elektrische Gitarre im herrlichen Fluss zum Singen brachte. Wo die Hopeless-Jack-Kameraden im vorangegangenen Auftritt noch maximalst aufs Blech hauten hinsichtlich extrovertierter Show und ruppigem Saitenanschlag, boten die drei Sympathieträger von Lonesome Shack das Kontrastprogramm: freundliche, entspannte Ansagen und ein auf das eigene Musizieren konzentriertes Tun, mit dem die Band die perfekte Balance zwischen roher Delta-/Garagen-Blues-Kraft, „Haunted Boogie“ und einem gefangen nehmendem Flow zauberte, der nicht selten an den Trance-Blues und die Wüsten-artige Mystik der Tuareg-Bands aus der Sahara-Wüstenregion erinnerte – womit sich letztendlich der Kreis zwischen nord/westafrikanischem Ursprung und Weiterentwicklung des Blues auf der anderen Seite des Atlantiks schloss. Lonesome Shack: immer ein musikalischer Hochgenuss, ob solo, im vollen Band-Ornat oder auf exzellenten Tonträgern wie „The Switcher“, „More Primitive“ und dem grandiosen Live-Dokument „City Man“.

Mit Andrew McGibbon Jr und Chris McMullan aus der nordirischen Provinz Ulster und ihrem Power-Duo The Bonnevilles sodann altbekannte und gern gesehene Raut-Oak-Gäste – einmal mehr ein Energie-geladener Auftritt der beiden Gentlemen, der befeuert von einem stoisch immer weiter treibenden, nie aufgebenden Rhythmus, ultrascharfen Gitarren-Riffs und einem leidenschaftlichen, überschwänglichen Vortrag mit einem pikant kredenzten Hardblues/Pubrock/UK-Punk-Gebräu vornehmlich unter Verwendung der Zutaten des aktuellen Albums „Dirty Photographs“ die Hörerschaft in Öl-verschmierte Garagen, Zigaretten-gegerbte Pubs und raue Arbeiterviertel-Hinterhöfe versetzte, dorthin, wo das Leben hart, ungeschminkt und mit der direkten Wucht konfrontiert – wer könnte einen besseren Soundtrack dazu spielen als die Bonnevilles? Hart abrockende, Bewegungsdrang-fördernde Mitzuck-Abtanz-Shake-Your-Moneymaker-Garantie inklusive. Musik muss nicht kompliziert sein, es geht auch direkt in the face, nice and easy in der konzertanten Rundum-Bedienung.

Und dann war’s mal wieder höchste Zeit für etwas Regen. Wo das Line-Up für 2018 beim Raut Oak extra dick aufgetragen wurde, mochte sich der Wettergott auch nicht lumpen lassen und gab zum Vortages-Wüten eine abnässende Zugabe, die den offiziellen Festival-Betrieb erneut für ein paar weitere Stunden in die Warteschleife schickte, oder, für einen spontan zusammengekommenen kleinen Zirkel, in eine nahe gelegene Scheune, wo Almost-Boheme-Best-Buddy k.ill die harten Drinks seiner 24/7-Open-Tiki-Bar aus dem Limousinen-Kofferraum direktemang unters Volk brachte, doch damit nicht genug, durch eine glückliche Fügung des Schicksals waren auch die Freunde der Donkeyhonk Company nicht weit, und so improvisierten Wig Drumbeat, Lametto und Don Pedro mit sporadischer Unterstützung des unbekannten Blues-Harp-Spielers aus dem Hintergrund kurzerhand einen Jam-Gig in the wooden barn mit einer Handvoll eigener Perlen aus dem Honkrock/Bluegrass/Muddy-Roots-Fundus und einer Auswahl an Traditionals aus der reichhaltigen und wundersamen Welt des amerikanischen und irischen Folk. „Nichts Schlechtes, das auch was Gutes hat“ heißt es immer, und so hat uns der Regenguss unverhofft ein paar intensive und schöne Live-Momente beschert, wie so manchem wohl auch einen dicken Schädel mit dem einen berühmten Schnaps zuviel…

Nach dem obligatorischen Festival-Regen dann das Konzert, das selbigem gerne komplett und ersatzlos zum Opfer hätte fallen dürfen. Auch auf die Gefahr hin, mit der Meinung bei Weitem nicht Mehrheits-fähig zu sein: Die Berliner Combo Odd Couple und das Kulturforum werden in diesem Leben wohl keine dicken Freunde mehr. Was sich vor Wochen bei mehrfachem Tonträger-Abhören andeutete und zu obstinater Haltung hinsichtlich Rezension führte, bestätigte sich im konzertanten Vortrag des zum Live-Trio gewachsenen Duos aus der Bundeshauptstadt. Dabei war der Start in den vom anhaltenden Nieselregen begleiteten Gig ein vielversprechender, mit einer energetischen Uptempo-Nummer deutete die Band an, dass sie durchaus zu Brauchbarem befähigt ist – nur um im weiteren Verlauf in einem zwar intensiven, letztendlich aber doch austauschbaren Prog-/Kraut-/Psychedelic-Brei und in stumpfem Stoner-Gepolter zu versinken. Alles schon tausendmal gehört und bei einem Deep-Blues-Festival auch irgendwo mindestens latent deplatziert, der Funke mochte einfach ums Verrecken nicht zünden. Und mit dem finalen Hinschlachten eines alten Kinks-Klassikers war der Ofen dann endgültig aus. Auf der anderen Seite: ein Streich-Ergebnis neben acht absoluten Live-Perlen, who fuckin‘ cares?

Um die mitternächtliche Stunde dann die vollumfängliche Fort- und Ausführung des abgebrochenen Konzerts vom Vorjahr: Nachdem beim 2017er-Raut-Oak der Arm des Gesetzes allzu geflissentlich Fürsorge für Gehörgänge der Nachbarschaft, die Milchqualität der im Umland weidenden Rinder und vor allem einen verheerenden Musikgeschmack an den Tag (oder vielmehr in die späte Nacht) legte und den Headliner-Auftritt von Left Lane Cruiser vor der Zeit zum Erliegen brachte, durften der unglaubliche Fredrick „Joe“ Evans IV und sein Drummer-Spezi Pete Dio in der ROF-Neuauflage in einem wilden Ritt endlich über die volle Neunzig-Minuten-Distanz gehen. Den gedehnten zeitlichen Rahmen optimalst füllend, gab das Duo aus Fort Wayne/Indiana nicht weniger als alles in Sachen rauer, wuchtigst abrockender Trailer-Park-Hard-/Slide-Blues mit einer Prise Southern Rock, hingeknurrten „Dankeshooones!“ für hochverdienten Applaus, von vielen „fuckings“ begleiteten Kurzdialogen, und neben genügend „High Voltage North Mississippi Hill Country Sound“-Eigenmaterial in Hochdruck-Frequenz mit den Geschichten über das prekäre Leben der Abgehängten der US-amerikanischen Gesellschaft auch eine exzellente Auswahl an Fremdkompositionen aus der Feder von alten Säulen-Heiligen wie R.L. Burnside oder John Lee Hooker, dem obligatorischen wie unverwüstlichen „Black Betty“-Brüller, und mit „T.V. Eye“ einen hier nicht erwarteten alten Stooges-Kracher im Trash-Blues-Outfit, Nachgespieltes wie Eigenes wohlfeil herausgerotzt und mit leidenschaftlichem Ungestüm vor die Bühne gespuckt.
Left Lane Cruiser: wie zu vergangenen Gelegenheiten live stets eine Bank, zum 2018er-ROF-Gig ohne jegliche Abstriche einmal mehr. Immer wieder gern genommen, das Ohren- und Hirnwindungen-Durchblasen der beiden Blues-Granaten. Gäbe es diese Band nicht bereits seit fast 15 Jahren, man müsste sie für das Raut Oak im Kontext des rohen Underground-Blues erfinden…

Lebenslange Daueranstellung beim Raut Oak für den großartigen James Leg, so soll es sein. Das Festival ist ohne den son of a preacherman John Wesley Myers nicht mehr denkbar. Der Tastengott aus Tennessee war sich zu weit fortgeschrittener Stunde des Umstands bewusst, wo seine getreuen Fans unterwegs sind und bespielte seine Fender-Rhodes-Orgel nebst Support durch den neuen Drummer Darren Moore (of The Approved/ Magick Godmothers-fame) intensivst im schwer dröhnenden, psychedelischen Blues- und Boogie-Anschlag, brachte die Tastatur des Instrumentariums wie die Wangen der animierten Gefolgschaft zum Glühen und röhrte alte Black-Diamond-Heavies-Hauer und Solo-Hits wie „Casa De Fuego“ oder „October 3rd“ in rauer Stimmlage irgendwo zwischen Tom Waits und Lemmy Kilmister durch die finstere Nacht, man ist geneigt zu behaupten, wie gehabt, aber damit würde man diesem Soundorkan-artigen Auftritt nicht gerecht werden, selten war Leg inspirierter, intensiver, kompromissloser im Vortrag und versierter in der Songauswahl als beim jüngsten ROF-Auftritt. Wenn jemand überragend gute Auftritte des Keyboard-Berserkers aus der Vergangenheit toppen kann, dann ist es nur er selbst, man mochte es im Vorfeld nicht glauben, gleichwohl wurde man Zeuge dieses Wunders, irgendwo weit nach Mitternacht und kurz vor Anbruch des neuen Tags.
Und als die einleitenden Töne zu „A Forest“ erklangen, spätestens dann schwebte das gesamte Festival-Gelände in anderen Sphären, im Original eine leidlich brauchbare Nummer der gerne latent überschätzten, seit Jahrzehnten vor sich hin gruftenden Gothic-Kapelle The Cure, in der Version von James Leg bis dato einer der fünf besten Cover-Versionen in der weiten Welt der populären Musik-Historie und damit der Einspielung der Dudler um den dicken Robert um Lichtjahre enteilt. Im vehement geforderten und großzügig gewährten Zugaben-Teil bot der Ausnahme-Musiker unter andrem ein weiteres Fremdwerk mit der Young/Young/Scott-Weisheit über den weiten Weg an die Spitze, wenn man im Rock’n’Roll-Business zugange ist, aber Hand auf’s Herz, wer braucht die Seelen- und Charakter-kompromittierenden Charts-Spitzenplätze, solange es weitaus ehrlichere Alternativen wie das Raut-Oak Fest gibt?
When the great Reverend James Leg starts to play church organ in the holy house of the blues, we get on our knees and pray. In dem Fall Nacht- oder fast schon wieder Morgen-Gebet, denn mit dem letzten Krachen des Keyboards war die Messe für den zweiten Tag des Raut-Oak-Hochamts gelesen und der erholsame Schlaf nach einem langen wie grandiosen Festival-Tag dringend angezeigt. Hallelujah!

Raut-Oak Fest 2018-06-10 / Tag 3 – coming soon…

Raut-Oak Fest 2018 @ Riegsee, 2018-06-08

This is how we do things in the country: Drei Tage Muddy Roots, Raw Underground & Deep Blues in the Spirit of Chris Johnson nebst einer Handvoll artverwandter stilistischer Vertreter links und rechts von der einzig wahren Ur-Suppe: Das lang herbeigesehnte Raut-Oak-Wochenende im schönen Murnauer Voralpen-Land, endlich war es da: 3 Tage Open-Air-Rundum-Glücklich-Vollbedienung vor herrlichstem Bergpanorama im Grünen der sanften Hügellandschaft hinter der 1200-Seelen-Gemeinde Riegsee und dem gleichnamigen Gewässer aus der Würmeiszeit, mit einer handverlesenen und kaum mehr zu toppenden Musikanten-Schar aufwartend, organisiert und präsentiert from the one and only Christian Steidl, Son of Riegsee, Father of AWay Concerts, Holy Ghost of So-stellt-man-das-rundum-grandioseste-Open-Air-Festival-zwischen-Auer-Mühlbach-und-Mississippi-auf-die-Füsse.

Der Start konnte nicht besser gelingen, bei herrlichem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen unterstrichen Christian Berghoff und Sebastian Haas einmal mehr mit ihrem Duo Pretty Lightning, dass der psychedelische Desert Blues auch im Saarland seine Kakteen-Blüten treibt und sich zu einem berauschenden Mescal-Gebräu destilieren lässt. Verzerrte Gitarren und ein harter Rhythmus-Anschlag verdichten sich bei Pretty Lightning zu diffus lichternder, gespenstischer Drone-Blues-Mystik und einem ureigenen, Spannungs-geladenenen Delta-Flow, der neben den experimentellen Halluzinationen die uralte Blues-Tradition nicht zu kurz kommen lässt. Der Soundtrack für die Schamanen-Beschwörung zu mitternächtlicher Stunde am Lagerfeuer am Rande der Wüste, am helllichten Tag im üppigen oberbayerischen Grün, und damit ungewollt irgendwelche Wettergötter oder andere bösen Geister wachgerufen und/oder geschmäht, denn dann kamen sie, die Unwetterwolken, so offensichtlich unausweichlich zu der Gelegenheit wie der noch anstehende jährliche Raut-Oak-Auftritt vom großartigen James Leg. Nimmt man den furiosen Sound-Orkan des ehemaligen Black-Diamond-Heavies-Musikers immer wieder gerne mit Kusshand, hätte man auf das aufziehende Gewitter am Freitagnachmittag wie auf alle anderen Sintfluten bei den vorangegangenen Riegsee-Festivals getrost verzichten können. Der Anglizismus vom „Showstopper“ dürfte selten treffender gewesen sein, heftigste Hagelschauer, Windböen, Dauerregen, Sturzbäche und überflutetes Geläuf brachten den Festival-Betrieb für die nächsten vier Stunden völlig zum Erliegen, Bühne und Beschallungs-Anlage wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen, zwischenzeitlich musste mit komplettem Abbruch der Konzerte des verbleibenden Freitags-Programms gerechnet werden.

Viele helfende Hände brachten die Nummer nach etlichen Reparatur- und Entwässerungs-Aktionen dann doch wieder in trockene Tücher, das US-Trio Shotgun Sawyer aus Auburn/California konnte mit Verspätung den abrupt abgebrochenen Soundcheck fortsetzen, sodann das durchweichte Publikum mit ihrem lärmenden Uptempo-Blues beglücken und Howlin‘ Wolf mit dem Led Zeppelin fliegen lassen – roher und intensiver Krach-Blues, der ab und an etwas verschämt in Richtung Hippie-Psychedelic spechtete wie im Großen und Ganzen mit einer soliden Hart-und-Heftig-Show nichts anbrennen ließ, wenn auch der ein oder andere kritische Zeitgenosse mit wenig schmeichelhaften Vergleichen wie „Lynyrd Skynyrd auf Metal“ ums Eck kam, die jungen Westcoast-Burschen konnten es nicht jedem recht machen, auch unsereins sollte noch ein paar Gelegenheiten zum Naserümpfen finden, wie sich sogleich zeigen wird.

„This is Avalanche Party and nobody comes from where we come from“ – nach dem Raut-Oak-Auftritt der Engländer drängt sich die Vermutung auf, dass der Menschheit nicht allzu viel verlustig geht, wenn von der Sorte nicht mehr unterwegs sind. Ruppig-melodischer Brachial-Garagen-Rock’n’Roll/Blues im 70er-UK-Punk-Modus kredenzt, inklusive einem zur Dekade passenden, gehörig überdehnt-extrovertiertem Gepose, das die musikalische Substanz – sofern vorhanden – in die zweite Reihe drängte. Leidlich gefälliges Offensiv-Geschepper, das in der Form wenig bis nichts Neues zu bieten hatte und den Funken nicht zum Überspringen brachte, vielleicht wär’s mit ein paar Bieren mehr im Gesicht zur besten Showtime geschmeidiger reingelaufen. Zu der Gelegenheit schmerzte es wenig, dass der vorangegangene heftige Regenguss den Zeitplan straffte und für die ursprünglich nachmittags angesetzten Gigs die Konzertdauer auf eine halbe Stunde eindampfte, das abtanzende und abfeiernde Publikum vor der Bühne hat’s gleichwohl zweifellos anders empfunden, und so soll es auch sein – Hauptsache, Ihr habt Spaß! ;-))

Nach den jungen Briten wären die Landsmänner vom Garagen-Blues/Psychedlic/Punk-Duo Green Fuzz geplant gewesen, Gitarrist/Sänger Timothy Oxnard (ex-High Plane Drifters/Magick Godmothers/The Approved) hat alternativ vor ein paar Wochen das Trio The Oilbirds formiert und ist ersatzweise mit dieser Combo zum Raut Oak angetanzt, den Platz in der Garage füllte die jüngst aus der Taufe gehobene Band nicht minder einnehmend, der stoisch monoton treibende Trommelanschlag von Sophie Gatehouse, der Bass vom mindestens optisch aus der Zeit gefallenen Glam-Rocker Michael Cooper-Gers und Oxnards rauer Gesang wie trashiger Saitenanschlag formten sich zu zupackendem Blues-Psych-Punk, der zu gefallen wusste, seine ganze Pracht aber vermutlich noch weit mehr mit einem frischen Pint in der Hand zu vorgerückter Stunde im verrauchten Pub (verrauchte Pubs gibt’s nicht mehr, I know) entfaltet hätte.

Die drei Ladies von L.A. Witch aus – genau – Los Angeles hatten zu Beginn ihres Gigs mit der Technik zu kämpfen, der Gesang von Sade Sanchez wurde von ihrer eigenen, wunderschön verhallten Gitarre verdeckt, nach etlichen Nummern waren die Regler dann für ein rundum zufriedenstellendes Klangbild justiert und das Trio konnte ihren Versuch, mit dem Sex-Appeal von Susanna Hoffs und der unterschwelligen Erotik von Hope Sandoval den guten alten Gun Club in einer Kaschemme irgendwo in Downtown L.A. nach ein paar harten Drinks zu umgarnen, endlich vollumfänglich ausleben. Psychedelischer, atmosphärisch-dunkler Prärie-Blues-Punk auf Valium mit femininer Note, nachdem es hintenraus endlich funkte zwischen Bangles-Schönheit und Ramblin‘ Jeffrey Lee, war’s der kurz anberaumten Gig-Dauer geschuldet leider schon wieder vorbei mit den weiblichen Reizen und dem Wüsten-Spuk, und so müssen wir die Verifizierung oder Verwerfung dieses ganzen Presse-gestreuten Lynch/Manson-Family/City-Of-Broken-Dreams/Lost-Angels-Blablas auf ein andermal vertagen.

Mit Guadalupe Plata alte und gern gesehene Raut-Oak-Veteranen aus dem andalusischen Úbeda: Das Trio mit dem selbstgebauten Bass-Instrumentarium brachte den zähen Delta-Blues im steten Trance-Fluss zum Swingen. Mit hypnotischem Bottleneck-Sliden auf der Halbakustischen, steter, versierter Rhythmus-Arbeit und dem für die Band urtypisch charakteristischen, mit viel Hall vernebelten Spanier-Gejaule versetzten die iberischen Blues-Männer das Publikum in sanft wogende Glückseligkeit und sorgten so für ein erstes dickes Ausrufe-Zeichen im Festival-Line-Up. Tausende an Meilen von Clarksdale or elsewhere outside the Mississippi Delta entfernt spüren Guadalupe Plata wie nur wenige Europäer dem Geist der rohen, unbehandelten Blues-Energie der alten Tage nach und packen das Erbe in ein zeitloses Gewand, allein dafür eine Handvoll Robert-Johnson-Heiligenbilder zur Belobigung. Die Band war in der vergangenen Freitag-Nacht im Flow und musste in ihrer Spielfreude weit nach Mitternacht von Sound-Guru Jay Linhardt händeringend und flehend zum finalen Abgesang genötigt werden, man mag sich nicht ausmalen, was ohne nachmittäglicher Sintflut noch angestanden wäre an beherztem Blues-Groove aus südeuropäischen Gefilden mit entsprechender Zeit zum tonalen Auleben, hintenraus.

Da im fernen Russland demnächst die mediale Großereignis-Nummer angezeigt ist, bei der jeweils 22 Deppen vier Wochen lang einem Ball hinterherrennen, sei der Vergleich erlaubt: In Fußball-Ultra-Kreisen würde man den Frust mit einem beherzten „Wenn das Bayern-Blut auf die Kutte spritzt, ist alles wieder gut, ist alles wieder gut!“ wegwischen, spätestens mit dem grandiosen Raut-Oak-Auftritt von Slim Cessna’s Auto Club war der Unwetter-Spuk vom Nachmittag vergessen, wenn auch notgedrungen nicht mehr als eine gute Dreiviertelstunde blieben für Slim, Munly Munly und Co, um ihre Visionen von großartigem Bühnen-Entertainment, der Christianisierung des amerikanischen Hinterlands, so-called Alternative Country, Erweckungs-Predigten für ein Gott-gefälliges Leben und ihre morbiden Geschichten über Suff, Gewalt und kaputte Beziehungen im Geiste Faulkners und Pollocks mit dem Volk zu teilen. Dem knappen Zeitrahmen geschuldet hielt sich die Southern-Gothic-Institution aus Denver/Colorado nicht lange mit Vorgeplänkel und präliminarem Heranführen der Errettungs-würdigen Seelen an den Kern der Wahrheit auf und begann umgehend mit Taufe, Handauflegen und Seelen-Einsammeln mittels apokalyptischem Country Folk Gospel in intensivster Show auf und vor der Bühne in Interaktion mit der schwerst animierten und hingebungsvoll betenden Kirchengemeinde. Maximalst-Rampensau-Absolution im Geiste Roger Williams‘ und aller dahingeschiedenen Country- und Hillbilly-Heiligen. Die rasante Gangart an der frischen Luft zauberte selbst einem Munly Munly sowas wie einen Hauch von Farbe ins Gesicht, durchaus ein selten erlebter Umstand, Denver-Sound-Pionier Jay gleicht ansonsten kreidebleich dem sprichwörtlichen Tod von Altötting in seiner Duett-Darbietung mit Sanges-Partner Slim.
Gab es früher und gibt es – wie beim jüngsten Raut-Oak Fest erlebt – nachweislich auch noch heute, die Gelegenheiten, zu denen man Slim, Munly, Rebecca Vera, Lord Dwight Pentacost und die begleitenden Laienprediger mindestens unter Vollbedienungs-Entertainment-Aspekten schlichtweg für die beste Live-Band ever dieser und anderer Welten durchgehen lässt, Friday Very Late Night am Hügel unter der Eiche vorm Wettersteingebirge war ganz sicher so einer, und damit war das Schicksal der tatsächlich sehr guten, bereits im Vorjahr schwerst überzeugenden Psychedelic-Griechen von Screaming Dead Balloons besiegelt, keine Band dieser Welt kann nach einer derart überwältigenden Slim-Cessna-Show bestehen, in Sachen undankbarer Job haben die Hellenen dahingehend die sprichwörtliche A-Karte gezogen, zumal der Großteil der Festival-GängerInnen im Zweifel zu weit vorgerückter Stunde der Kräfte-regenerierenden Horizontalen den Vorzug gab.

Raut-Oak Fest 2018-06-09 / Tag 2 – coming soon…