Hard Blues

Festival-Vormerker: Raut-Oak Fest

„I wanna see each and every one of you motherfuckers down there !!!!!“ – so schaut’s aus, wenn Christian Steidl vom 21. bis 23. Juli vor atemberaubendem Alpen-Bergpanorama an den Riegsee nahe Murnau zum jährlichen Raut-Oak Fest zwecks handverlesener Live-Beschallung in Sachen Underground-, Muddy-Roots-, Garagen-, Trash-, Punk- und Experimental-Blues lädt.

Für das Fernbleiben bei dieser Veranstaltung kann es heuer keine Entschuldigung geben, das Festival-Line-Up 2017 sucht seinesgleichen, mit großen Namen aus dieser Szene wird nicht gegeizt, an diesem Sommer-Wochenende wird auf einem der schönsten Open-Air-Gelände weit und breit sprichwörtlich geklotzt und nicht gekleckert.

Bereits zum Festival-Auftakt am Freitag wird der großartige Reverend Deadeye aus Denver/Colorado zum Klang seiner Resonator-Gitarre predigen, im weiteren Verlauf der Wochenend-Sause werden unter anderem die bezaubernde Sarah Kirkpatrick und ihr kongenialer Partner Jamie Fleming vom kanadischen Duo catl. mit ihrem Uptempo-Trash-Blues die Meute auf dem Platz zum Tanzbein-Schwingen animieren, die bewährten Vagoos aus Rosenheim die Sixties-Psychedelic aus der Garage lassen und der hochverehrte James Leg die Tasten des Fender Rhodes zum Glühen und die Wiese zum Abheben bringen. Brother Grimm aus Berlin wird den passenden Rahmen für seinen Experimental-Blues finden, Low-Frontman Alan Sparhawk reist mit seinem Blues-Projekt Black-Eyed Snakes an und die grandiosen Left Lane Cruiser werden mit dem aktuellen „Claw Machine Wizard“-Album im Gepäck den heißen Ritt auf der Slide-Gitarre in bewährt-verschärfter Form präsentieren.
Daneben dürfen sich die geneigten Konzertgänger über den Solo-Auftritt von Ben Todd aka Lonesome Shack und den Heavy-Blues des britischen Duos The Approved sowie einige weitere zupackende Performer freuen, das komplette Line-Up findet sich hier.

Das Festival bietet dank limitiertem 300-Ticket-Kontingent eine einzigartige familiäre Atmosphäre, herausragenden Sound dank des eigens zum Abmischen aus Warrensburg/Missouri eingeflogenen Jay Linhardt, beschwingtes DJing von der Redneck Connecktion aus Rosenheim, feines Catering aus heimischen Produkten und Bier aus der Dachs-Brauerei Weilheim.
Alle relevanten Infos zu Tickets, Anfahrt, Camping und Konzert-Programm finden sich unter rautoakfest.com. Be there or be wrong!

Reingehört (320): Left Lane Cruiser

Left Lane Cruiser – Claw Machine Wizard (2017, Alive Naturalsound Records)

Raus aus dem Trailerpark, rein in die Wunderwelt der Studio-Technik? Slide-Gitarrist Fredrick Joe Evans IV und der aktuelle LLC-Drummer Pete Dio haben den Band-typischen Hard-Trash-Blues hinsichtlich Schmutz-triefender Riffs, Rasiermesser-scharfer Bottleneck-Phrasierungen und herausgepresster Wut im Sangesvortrag entrümpelt und domestiziert, die unverstellte, versiffte, schwerst Alkohol-verseuchte Blues-Heavyness früherer Aufnahmen kommt weitaus weniger zum Tragen im aktuellen, neunten Werk des Duos, etliche Titel lassen den verzerrten, direkt zupackenden Gitarrensound und den stoisch nach vorne treibenden Trommel-Anschlag älterer Perlen vermissen und präsentieren sich als sauber produzierte Siebziger-Südstaaten-Rocker, wer die texanischen Mainstream-Hanseln von ZZ Top als Referenz ins Feld führt, liegt bei ein paar Nummern kaum daneben, der Feinschliff von Tonmeister Jason Davis und sein eingestreutes, Soundspektrum-erweiterndes Keyboard-Georgel hat nicht nur den grimmigen Garagen-Auswurf gebändigt, in Nummern wie „Lay Down“ offenbart sich ein voluminöser Funky-Groove, der das Duo in bisher ungeahnte Richtungen wie wuchtigen Stax-Soul schielen lässt.
Es ist weiß Gott bei weitem nicht alles grundlegend verwerflich, was Left Lane Cruiser plus Produktionsteam bei der Einspielung von „Claw Machine Wizard“ am Mixpult im Studio getrieben haben, altgediente Freunde der Combo werden an etlichen Stellen nichtsdestotrotz die Nase rümpfen ob opulentem, für Evans-IV-Verhältnisse nahezu orchestralem Sound inklusive voluminösen Background-Gesängen und nach vorne drängender, dichter Dolby-Surround-Rhythmik, das Songmaterial ist über jeden Zweifel erhaben, hinsichtlich Overdubs, Glattbügeln und Feinschliff gilt jedoch: da wäre weniger bei weitem mehr gewesen…
Vorsicht ist geboten, gab schon mal eine Combo aus dem Lager, der hat die Öffnung hin zum clean produzierten Breitband-Cinemascope-Klang und das Lunzen Richtung Mainstream alles andere als gut getan in Sachen musikalischer Reputation, allerspätestens seit „El Camino“ geht einem ein neues Black-Keys-Album sowas von am Allerwertesten vorbei.
(**** – **** ½)

Live sind Left Lane Cruiser nach wie vor the real thing, so demnächst auch beim diesjährigen Raut-Oak Fest am Riegsee, 21. – 23. Juli → rautoakfest.com.

Soul Family Tree (21): 50 Years Of Experience

„You’ve got to come downstairs and see this guy Chas has brought back. He looks like the Wild Man of Borneo.“
(Ronnie Money)

Black Friday, my dudes: Heute erstmals ein gemeinsamer Beitrag in der Black-Music-Reihe vom Hamburger Gast-Autor Stefan Haase und meiner Wenigkeit zu „Are You Experienced“, dem bahnbrechenden Debüt-Album der Jimi Hendrix Experience, das bei Erscheinen im Mai 1967 die Welt der Rock- und Pop-Musik nachhaltig erschütterte:

Der Pionier: Am 12. Mai 1967 erschien das Debutalbum „Are You Experienced“ von Jimi Hendrix und damit in 40 Minuten Musikgeschichte. Die Musikwelt wurde erschüttert und fortan gab es zwei Zeitrechnungen, die Zeit vor und nach Jimi Hendrix. Den Begriff des Rockstars beschrieb Hendrix selbst – Ein Rückblick:

James Marshall Hendrix wurde 1942 in Seattle geboren. Bereits in den frühen 1960er Jahren spielte er Gitarre bei zahlreichen Soul- und R&B-Bands und Interpreten wie Sam Cooke, Little Richard, Wilson Pickett und anderen. Zeitzeugen beschrieben ihn als scheu. Wenn er sprach, dann mit leiser Stimme.

Es ist dem Bassisten der Animals Chas Chandler zu verdanken, dass er Hendrix im Herbst 1966 für einige Tage ins damals hippe London einlud. Das Budget war schmal und in Windeseile wurde in wenigen Tagen das Debütalbum eingespielt, wegen Geldmangels hauptsächlich live. Hendrix selbst war ziemlich unsicher. Doch Chandler glaubte an ihn.

Herausgekommen sind Nummern für die Ewigkeit. Sein Interpretation von „Hey Joe“ erschien zuerst als Single und wurde weltweit ein Hit. Hendrix bediente eine ganze Bandbreite an musikalischen Themen in Songs wie „Purple Haze“ oder „Foxy Lady“ und der Ballade schlechthin, „The Wind Cries Mary“. Hendrix wurde der erste afroamerikanische Rockstar. Wie er Gitarre spielte, beeinflusste viele Musiker. Die Beatles oder Gitarrenhelden wie Jeff Beck, Eric Clapton oder Pete Townshend von The Who kamen zu seinen London-Shows, wo er in ohrenbetäubender Lautstärke sein einzigartiges Gitarrenspiel präsentierte, mal melodiös, dann wieder rau und verspielt. Wie er sich dazu auf der Bühne bewegte und seine Gitarre liebkoste und später auf sie einschlug oder sie sich hinter dem Rücken legte oder mit der Zunge spielte… Hendrix kannte keine Grenzen und setze mit 25 Jahren Maßstäbe.

Das Album ist bis heute ein zeitloses Dokument, weil es damals völlig neu war und selbst bis heute viele junge Musiker berührt. Bis zu seinem 27. Lebensjahr nahm Hendrix insgesamt drei Alben auf. Doch mit seinem Debüt schrieb er den Soundtrack des Sommers ’67 und Welthits für die Ewigkeit.
(Stefan Haase)

„We don’t want to be classes in any category. If it must have a tag, I’d like it to be called ‚Free Feeling‘. It’s a mixture of rock, freak-out, blues, and rave music.“
(Jimi Hendrix, Record Mirror)

Das Musik-Jahr 1967 war geprägt von psychedelischen Pop-Experimenten, wobei etliche große Namen der Ära speziell im United Kingdom dahingehend nicht unbedingt ihre stärksten Werke ablieferten, die Stones verzettelten sich in „Their Satanic Majesties Request“ in allzu viel belanglosem Geschwurbel, die Beatles langweilten nach den sehr passablen „Rubber Soul“– und „Revolver“-Alben erstmals mit dem völlig überschätzten „Sgt. Pepper“-Geplätscher, und selbst The Who überzeugten mit ihrem ersten Konzept-Werk „The Who Sell Out“ nicht über die volle Distanz, die US-Vertreter des Genres zeigten weitaus mehr Mut zum radikaleren Ansatz, Lou Reed und John Cale als kreative Köpfe bei Velvet Underground zusammen mit der deutschen Stil-Ikone Nico, The Doors, die Grateful Dead mit ihren jeweiligen Debütalben, Captain Beefheart mit seinem genialen Acid-Psychedelic-Blues auf „Safe As Milk“ und die Byrds mit „Younger Than Yesterday“ dehnten die Grenzen des Genres in bis dahin nicht gehörte Dimensionen.
Über allem thronte mit Veröffentlichung seines Erstwerks „Are You Experienced“ der amerikanische Ausnahme-Gitarrist Jimi Hendrix im Londoner Exil mit einer sensationell originellen Mixtur aus hartem, psychedelischen Rock, Soul, Funk und schwerem Blues – eingespielt in insgesamt gerade mal 72 Stunden, zusammen mit den beiden englischen Youngstern Noel Redding und Mitch Mitchell an Bass und Schlagzeug, zu diversen Gelegenheiten, wenn die Experience zwischen ihren zahlreichen Gigs die Zeit für den Studio-Gang fand.
„Are You Experienced“ erhielt zwar bereits in den ersten Besprechungen der englischen Fachpresse exzellente Bewertungen, landete in den UK-LP-Charts aber nur auf Platz 2 hinter „Sgt. Pepper“, den Briten war hinsichtlich Urteilsvermögen bereits in jener Zeit nicht uneingeschränkt zu trauen. Der Rolling Stone listet das Album in den „500 Greatest Albums Of All Time“ auf Rang 15. Kurz vor Veröffentlichung tourte Hendrix durch das englische Hinterland, im Verbund mit den Walker Brothers, dem unsäglichen Schlager-Schmalzer Engelbert Humperdinck und Cat Stevens, während der Tournee lachte sich die Experience-Entourage für einige Wochen einen Roadie in Liverpool an, der später selbst Rock’n’Roll-Geschichte schreiben sollte, es war kein Geringerer als der Inbegriff des Rockstars schlechthin, Kult-Figur und Kulturforum-Mottogeber Lemmy Kilmister.

Für Hendrix selbst waren „Are You Experienced“ und seine furiosen Live-Auftritte in Großbritannien der Rückfahrschein in die amerikanische Heimat und die Eintrittskarte in das große US-Pop-Business.
Nur wenige Monate zuvor hatte er in München seine ersten fest terminierten Gigs überhaupt, im November 1966 im Schwabinger „Big Apple“-Club, im folgenden März dann für vier Tage im Hamburger „Star-Club“, seinen letzten Auftritt sollte er im Übrigen auch in Deutschland spielen, 1970 beim „Love & Peace“-Festival auf der Ostsee-Insel Fehmarn.

Die Hendrix Experience nannte Throbbing-Gristle-/Psychic-TV-Industrial-Pionier Genesis P-Orridge später in einem TV-Interview „The ultimate Church of Sound“, dem Afro-Amerikaner aus Seattle mit Cherokee-Blut in den Adern lagen die Pop-Stars der Londoner Szene seiner Zeit aufgrund seiner exzessiven Auftritte, seiner exorbitanten Fähigkeiten an den sechs Saiten und nicht zuletzt wegen seines herausragenden LP-Debüts reihenweise zu Füßen, Harrison, McCartney, Lennon, Eric Clapton vom Allstar-Trio Cream, Brian Jones von den Stones, alle suchten die Nähe und Inspiration des neuen Superstars. Jack Bruce soll nach einer Hendrix-Show im Saville Theatre in Camden umgehend nach Hause entschwunden sein, um die Riffs für „Sunshine Of Your Love“ zu komponieren.
The-Who-Mastermind Pete Townshend würdigt Hendrix in seiner lesenswerten Autobiografie „Who I Am“ in Erinnerung an die Londoner Zeit gebührend:
„Jimi zum ersten Mal spielen zu sehen, war für mich als Gitarrist ebenfalls eine Herausforderung. Jimi besaß die beweglichen, geübten Finger eines Konzertviolinisten; er war ein echter Virtuose. (…) Er verschmolz den Blues mit der transzendenten Freude der Pschedelik. Es war, als hätte er ein neues Instrument in einer neuen Welt des musikalischen Impressionismus entdeckt. (…) Er war ein faszinierender Künstler, und ich habe fast Hemmungen zu beschreiben, wie fantastisch er wirklich live auf der Bühne war, denn ich möchte nicht seinen Heerscharen von jüngeren Fans das Gefühl geben, etwas verpasst zu haben. Wir alle verpassen etwas. Ich habe Parker, Ellington und Armstrong verpasst. Und wenn man Jimi nicht live gesehen hat, dann hat man etwas ganz, ganz besonderes versäumt. (…) Wenn ich zu Jimis Konzerten ging, nahm ich weder Acid noch rauchte ich Gras oder trank Alkohol, deshalb kann ich zuverlässig berichten, dass er auf der Rechtshänder-Fender-Stratocaster, die er umgedreht spielte (Jimi war Linkshänder), Wunder wirkte.“
– Einige Monate später im Rahmen des kalifornischen Monterey Pop Festivals sollte es trotzdem zum Zwist zwischen den beiden Ausnahmemusikern kommen. Es gab Unstimmigkeiten über die Reihenfolge der Auftritte am letzten Festival-Tag, Townshend war bewusst, dass er mit einem The-Who-Auftritt nach Hendrix nur verlieren konnte, zumal in der Zeit beide Gitarristen ihre Instrumente exzessiv bis zur Zerstörung malträtierten und der zweite in der Reihenfolge nur als ideenloser Nachahmer gelten konnte. Townshend gibt in seiner Biografie unumwunden zu, dass Hendrix zu der Zeit schlichtweg mehr an musikalischem Genie und vehementer Bühnenpräsenz zu bieten hatte als The Who, die dahingehend weiß Gott auch keine Waisenknaben waren.
Auch Rock Scully als Manager der Grateful Dead hatte arge Bedenken über den Monterey-Auftritt seiner Band zwischen The Who und Hendrix, in seinen Memoiren „Living with the Dead: Twenty Years on the Bus with Garcia and the Grateful Dead“ merkt er an, dass die Cosmic-American-Music-Institution mit ihrem relaxten Jam-Stil zwischen diesen beiden Live-Orkanen beim Publikum nicht punkten konnte.

„The Jimi Hendrix Experience owned the future, and the audience knew it in an instant. When Jimi left the stage he graduated from rumor to legend.“
(Pete Johnson, Monterey Pop Festival, Los Angeles Times)

Der Einfluss von Jimi Hendrix auf seine und nachfolgende Generationen ist bis heute kaum zu ermessen, seine Sound-Visionen haben Songwriting und Spiel von Ausnahmemusikern wie Stevie Ray Vaughan, Prince Rodgers Nelson, Vernon Reid, John Frusciante und Adrian Belew – um nur einige wenige Könner exemplarisch zu nennen – beeinflusst, selbst in meiner oberbayerischen Heimat Oberbayern hat er seine Spuren hinterlassen, wie die folgende „The Wind Cries Mary“-Adaption vom unvergleichlichen Untersendlinger Nachbarn Dr. med. Georg Ringsgwandl eindrucksvoll demonstriert: