Hard Rock

Mitch Ryder @ Kunstfoyer Versicherungskammer, München, 2019-03-10

Bei weitem eine anständigere Nummer als die eingenommenen Versicherungsprämien mit Derivate-Wetten in Hedge-Fonds oder auf dubiosen Lustreisen der Vertreter-Schar zu verpulvern: Die Versicherungskammer Bayern tritt seit geraumer Zeit über ihre gemeinnützige Stiftung als Ausrichter exzellenter wie kostenfreier Ausstellungs- und Konzertprogramme in der Münchner Kulturlandschaft in Erscheinung, für die in die Jahre gekommenen Rock’n’Roll-Fans schlüpfte sie am vergangenen Sonntag in die Spendier-Hosen zwecks Engagement des US-amerikanischen Bluesrock-Shouters Mitch Ryder – die Detroit-Legende für lau, die 180 Freikarten Wochen zuvor in sensationellen 2 Minuten vergriffen, so wurden die begehrten Tickets schnell zum wertvollen Dokument.
Der bestuhlte Sitzungssaal der Versicherungsanstalt bot eine ungewöhnliche Lokalität für einen Rock-Gig, die anberaumte Zeit mit 18.00 Uhr alles andere als einen gängigen Konzert-Termin, zur Krönung selbst die Getränke kostenfrei, die Kulturstiftung wusste im Rahmenprogramm mit Überraschungen zu glänzen.
„Ein Stück Sicherheit“ prangte als Werbeslogan unter dem Unternehmenslogo am rechten Bühnenhintergrund, ein durchaus brauchbares Motto zum zweistündigen Konzert der US-Rock-Ikone Mitch Ryder, der seinem zugewandten Publikum exakt das lieferte, was es im Wesentlichen erwartete: Grundsolides Soul-, Blues-, Rock- und R&B-Entertainment, begleitet von der Ost-Berliner Band Engerling um den versierten Bluesharp-Spieler und Keyboarder Wolfram „Boddi“ Bodag, mit der Ryder seit Mitte der Neunziger regelmäßig in Europa tourt und seine jeweils aktuellen Tonträger einspielt. Das wäre alles nicht weiter spektakulär, zumal sich die Gitarristen der Combo nicht selten in gängigen Mainstream-Soli und Stadien-Rock-Riffs verloren, wäre da nicht immer noch diese außergewöhnliche, raue, brüchige wie tief-dunkle Soul-Stimme des kleinen, in dem Fall sehr großen Mannes aus Michigan.
Der 1945 als William Sherille Levise Junior in der Great-Lakes-Region nahe Detroit geborene Sänger mit der unverkennbar schroffen wie klagenden Reibeisen-Stimme stand bereits 1962 als Jugendlicher auf den Bühnen örtlicher Soul-Clubs, mit den Detroit Wheels feierte er ab Mitte der Sechziger einige Chart-Erfolge in der amerikanischen Heimat, in Großbritannien und Australien. In Europa hat Mitch Ryder vor allem durch seinen berühmten, in zahlreichen Ländern live ausgestrahlten „Rockpalast“-TV-Auftritt im Oktober 1979 bleibenden Eindruck hinterlassen, das legendäre „Full Moon Concert“ lange nach Mitternacht als Finale der 5. ARD-Rocknacht gilt vielen Kritikern und Fans als eine der Sternstunden des Rock’n’Roll – das Motto der Sicherheit war seinerzeit alles andere als groß geschrieben: Trotz vorangegangenen Handgreiflichkeiten zwischen den Musikern in der Garderobe und einem katastrophalen Interview vor dem Auftritt mit Moderator Alan Bangs, trotz ausgelebter, destruktiver Feindschaft zu sich selbst, zu seiner Band und zum Publikum wusste ein streitsüchtiger, schwer angetrunkener und pöbelnder Mitch Ryder mit diesen radikal ausgelebten Launen als Rock-Performer nachhaltig schwerst zu überzeugen, ein Talent, mit dem wohl nur die wahrhaft Großen des Fachs gesegnet sind.
Das Raubeinige im Charakter hat sich bei Ryder in den vergangenen Jahrzehnten längst abgeschliffen, der Sänger gab sich mit seinen mittlerweile 74 Lenzen auf dem gekrümmten Buckel am frühen Sonntagabend als altersmilder, höflicher, für seine Verhältnisse geradezu leiser Frontman. Von gesundheitlichen Rückschlägen gezeichnet, in den Bewegungen und Gesten reduziert, mitunter filigran und nicht mehr völlig trittsicher auf den Beinen, ist Ryder dem eigenen Bekunden nach dankbar, dass er noch als Sänger auftreten darf, nachdem eine Kehlkopf-Erkrankung im Vorjahr dahingehend schwerwiegende Zweifel aufkommen ließ. Damit nimmt es nicht weiter Wunder, wenn manche Passage in Hits wie „Tough Kid“, „War“ oder „Bang Bang“ nicht mehr dergestalt kräftig geknurrt wie in vergangenen Zeiten grollen und vibrieren, der Mann am Mischpult hat durch die überlauten Gitarren zu der Gelegenheit das Seine beigetragen – den tot-zitierten Allgemeinplatz, dass der Weiße keinen Blues singen kann, vermag Mr. Levise trotz Abstrichen zu vergangenen Glanz-Abenden nach wie vor eindrucksvoll zu widerlegen – sie offenbarte sich zu Zeiten und forderte Bewunderung, diese überwältigende Urkraft in der erhobenen Stimme, die Konzerte von Mitch Ryder nach wie vor aus der Masse der altgedienten Haudegen an Bluesrock- und Soul-Acts herausragen lassen: In der herzergreifenden Balladen-Version des Jimmy-Cliff-Klassikers „Many Rivers To Cross“, in der Verneigung vor R&B/Soul-Reverend Al Green mit dem oft gecoverten Soul-Hit „Take Me To The River“ oder der finalen, schwer Blues-lastigen Doors-Nummer „Soul Kitchen“, in der Mitch Ryder mit dem Ziehen aller Register seiner einzigartigen Vokal-Kunst unter Beweis stellte, dass er im Zweifel vermutlich der bessere Morrison gewesen wäre.
Mit der (unzweifelhaften) Bemerkung, dass ein Kollege wie Bob Dylan wohl mittlerweile am Ende wäre, blitzte kurz der alte Ryder-Sarkasmus auf, wenn sich der Meister auch postwendend gnädig gab und den fein abgerockten „Subterranean Homesick Blues“ mit den Worten ankündigte, man spiele ihn trotzdem, der Mann wäre ja zweifellos ein Heiligtum.
Der ein oder andere erwartete Klassiker fehlte in der Setlist, der Uralt-Bühnenfeger „Devil With A Blue Dress On“ etwa, „Little Latin Lupe Lu“ oder sein Song mit dem deutschen Titel „Er ist nicht mein Präsident“, der sich in Zeiten eines Donald Trump förmlich aufdrängt, die Nummer hat nichts an Aktualität verloren, wenn sie auch seinerzeit Anfang der Achtziger in Opposition zum neoliberalen B-Movie-Cowboy Ronald Reagan entstand. Mag sein, dass einer wie Mitch Ryder über die Jahrzehnte längst an der amerikanischen Politik verzweifelt ist, der betagte Sänger strahlte in seiner fragilen Erscheinung durchaus auch etwas latent Resignatives und Entrücktes aus – wie es sich für einen altgedienten Blues-Mann eben ziemt.
Nach gut zwei Stunden gediegenem Bühnen-Entertainment und Standing Ovations seitens der beinharten Ryder-Fans war klar, dass die Münchner Versicherung mit dem bis 1994 bestehenden Feuerschutz-Monopol auch beim spendierten Wandeln durch nahezu sechs Dekaden Rock-Geschichte nichts anbrennen ließ.

Konzert-Vormerker: MC50

Protopunk, Subversion, Anarchie – oder der laute Knall beim Zerplatzen des amerikanischen Hippie-Traums von Peace, Love and Understanding: Vor fünfzig Jahren traten MC5 mit ihrem rohen Gebräu aus hartem Detroit-Garagen-Rock und politisch-militanten Statements ins Rampenlicht der US-Club-Bühnen, veröffentlichten kurz darauf ihre live mitgeschnittenen All-Time-Klassiker wie „Kick Out The Jams“ oder „Ramblin‘ Rose“ über das Elektra-Label und sind seitdem nicht mehr wegzudenken als Institution des amerikanischen Underground-Rock wie als Impulsgeber für unzählige nachfolgende Punk-, Grunge- und Indie-Bands.
Zum fünfzigjährigen Bühnenjubiläum zählt Ur-Gitarrist Wayne Kramer den Bandnamen hoch und geht auf große Dienstfahrt, die ehemaligen MC5-Mitstreiter Rob Tyner, Michael Davis und der spätere Patti-Smith-Gatte Fred „Sonic“ Smith haben mittlerweile leider längst das Zeitliche gesegnet, prominenten Ersatz für die Tour fand Kramer mit Fugazi-Drummer Brendan Canty, dem Soundgarden-Gitarristen Kim Thayil, Sänger Marcus Durant von Zen Guerilla und Basser Dug Pinnick von der amerikanischen Prog-Metal-Band King’s X.
Die acht Kracher des bei Kritikern und Hörern hochgeschätzten „Kick Out The Jams“-Debüts aus dem Jahr 1969, plus ausgewählte Preziosen aus den beiden Nachfolger-Alben „Back In The USA“ und „High Time“, Ende dieser Woche auch live in München, präsentiert im hochkarätig besetzten All-Star-Line-Up.

MC50, Backstage Halle, Reitknechtstraße 6, München, 23. November 2018. Einlass 19.30 Uhr. 

King Crimson @ Philharmonie, München, 2018-07-16

In The Court Of The Crimson King oder: Eine Zeitreise durch ein halbes Jahrhundert essenzielle Musik-Historie mit der neben Van Der Graaf Generator besten und wichtigsten Band aus der Ursuppe des britischen Progressive Rock – King Crimson am Montagabend im Rahmen ihrer europäischen „Uncertain Times Tour 2018“ für 160 Minuten in der Philharmonie des Münchner Gasteigs, dort, wo sich sonst ortsansässige Kultur-Schickeria und ewig-gestrige Joan-Baez-Mitheuler die Klinke in die Hand geben, mit einem Quasi-Greatest-Hits-Programm aus dem umfangreichen Band-Fundus, das ihresgleichen sucht. Aufgeführt in ebenjener heiligen Halle der Hochkultur des Isar-Millionendorfs, die speziell beim feinhörigen Klassik-Publikum wegen individuell wahrgenommener schlechter Akustik nicht unumstritten ist und dementsprechende Forderungen nach Sanierung oder gar sündhaft teurem Neubau laut werden lässt, zum – auf die Minute pünktlichen! – Konzertbeginn mochte man den Unkenrufen in der Tat zähneknirschend beipflichten, das Eröffnungs-Intro „Drumsons“ wie die ersten Nummern „Larks‘ Tongues In Aspic“ und „Peace: An End“ drohten wiederholt von komplexem Sound in undifferenzierten Klang-Brei zu kippen, zur Ehrenrettung des Technikers am Mischpult sei angemerkt, dass eine achtköpfige Prog-Rock-Bigband mit sage und schreibe drei Drummern, zwei Gitarren, Blasinstrumenten, Bass und Keyboard keine geringe Herausforderung hinsichtlich klarer, differenzierter Akustik darstellt, die löblicherweise mit fortlaufender Konzertdauer zusehends besser vom Mann an den Reglern bewältigt wurde.
Über Mastermind, Komponist, Soundtüftler, Gitarrist und einziges seit 1968 konstantes KC-Mitglied Robert Fripp muss in der Welt des Progressive Rock kaum mehr ein Wort verloren werden, der Mann hat in den vergangenen fünfzig Jahren neben Erschaffen eines gewichtigen Eigenwerks mit nahezu allen herausragenden Größen der avantgardistischen Rockmusik von Bowie über Eno bis Peter Gabriel, David Sylvian, Van Der Graaf Generator oder den Talking Heads zusammengearbeitet und das Genre maßgeblich wie kaum ein Zweiter mitgeprägt, am Montagabend wurde in den weit über 2 Stunden einmal mehr als deutlich, warum die innovative und unvergleichliche Klangsprache der Londoner Institution über Dekaden nachgeborene Legionen von Experimental-, Progressive-, Ambient-Musikern wie Math-, Post-, Art-, Hard-, Jazz-, Noise-Rockern und Post-Metallern nachhaltig beeinflusst hat.
Dass Fripp auch mit größeren Ensembles kann, hat er bereits ab den Achtzigern mit der aus zahlreichen, aus mit unterschiedlichsten Reifegraden des Könnens ausgestatteten Gitarristen zusammengesetzten League Of Crafty Guitarists eindrucksvoll zelebriert. Und Aufmerksamkeits-fordernd, verschachtelt und ver-THRAK-t war der Tempi-wechselnde, komplexe, mitunter komplizierte King-Crimson-Sound bereits seit Veröffentlichung des 1969er-Debütalbums, somit war es für den am hintern Bühnenrand dezent agierenden Progressive-Großmeister ein unaufgeregtes wie über die Jahrzehnte perfektioniertes Unterfangen, den Stab seiner Mitmusiker als Spiritus Rector und Primus inter Pares mit unsichtbarer Hand zu dirigieren. Leichtes Bedauern machte sich bei beinharten Fans breit über die nur selten dominierende, unverkennbare Gitarrenarbeit Fripps, gerade im opulenten Improvisations-Flow hätte man gerne weitaus öfter diese singende, wundersam artifiziell swingende Saiten-Kunst des Ausnahmemusikers vernommen, wie er sie an dem Abend etwa exemplarisch grandios in den ausgewählten Titeln des 1981er Post-Prog/Art-Wave-Großwurfs „Discipline“ anklingen ließ. King Crimson wären nicht King Crimson, würden die Mitmusiker des Band-Mitbegründers zur reinen Begleitcombo degradiert werden, und so wurde die mitunter vermisste Dominanz der stilbildenden Experimental-Rock-Gitarre aufgewogen durch die herausragende Könnerschaft und das inspirierte Agieren einer exzellent aufeinander abgestimmten Formation, die mit dem seit 1981 in der Band engagierten amerikanischen Chapman-Stick-Virtuosen und Weltklasse-Bassisten Tony Levin wie dem bereits in den frühen Siebzigern bei King Crimson involvierten Saxophon-, Flöten- und Klarinetten-Spieler Mel Collins zwei altgediente Fripp-Weggefährten in ihren Reihen hatte. Dass der Begriff der Polyrhythmik eine neue, erweiterte Bedeutung/Dimension erreichte, lag beim miteinander, gegenläufigen, voneinander losgelösten, frei auseinander- und wieder zusammenfließenden Trommeln und perkussiven Geräusche-Erzeugen der drei renommierten Schlagwerker Gavin Harrison, Jeremy Stacey und Pat Mastelotto auf der Hand. Mit Gitarrist und Schauspieler Jakko Jakszyk hatte die Band einen Sänger am Start, der hinsichtlich Stimmlage und Gespür für die alten Meisterwerke vor allem den frühen King-Crimson-Vokalisten Greg Lake und John Wetton jederzeit das Wasser reichen konnte, nahe liegend kamen vor allem Nummern der ersten großen Ära der Band, die Mitte der Siebziger ihre Zäsur erlebte, zum Vortrag: nahezu das komplette Debüt-Album mit Keyboarder Bill Rieflin und Fripp himself am Melotron beim Titel-Track „In The Court Of The Crimson King“, mit einer Ausnahme komplett auch das fantastische 1974er-Glanzwerk „Red“, weiteres Ausgewähltes aus den Frühsiebzigern wie „Lizard“, „Cirkus“, „Pictures Of A City“ und „Easy Money“, zudem Punktuelles aus der späteren Fripp/Belew/Levin/Bruford-Phase.
Die Band feierte ohne das Blendwerk von großspurigen Show-Einlagen und mit minimalem Variieren der Bühnenbeleuchtung vor hochkonzentrierter und andächtig lauschender Hörerschaft ein Hochamt großer Improvisations-Kunst aus Progressive/Experimental-, Fusion-, Neoklassik-, Jazz-/Hard-Rock und Ambient-Elementen inklusive Würdigung der ausgeprägten solistischen Fertigkeiten der agierenden Musikanten, einhergehend mit immer wieder elegant, wie aus dem Nichts zu Struktur und Form findendem, zeitlosem Vortrag der zahlreichen Klassiker der englischen Prog-Rock-Hochphase.
„Ich mag das!“ rief ein offensichtlich des Deutschen mächtiger King-Crimson-Sänger Jakko Jakszyk zum Ende von „Indiscipline“ in die Menge. Wie sagt Kabarettistin Martina Schwarzmann zu solchen Gelegenheiten gerne selbstironisch-schlaumeiernd: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Langanhaltender Begrüßungsapplaus für die Band vorab beim Entern der Bühne noch vor Erklingen der ersten Töne, Standing Ovations bereits nach dem insgesamt sehr passablen ersten Teil vor der kurzen Pause, langanhaltende Standing Ovations und frenetischer Jubel nach den letzen Tönen der Zugabe „21st Century Schizoid Man“ ob eines grandiosen, herausragenden zweiten Konzert-Abschnitts, so muss es sein.
Bleibt nur noch in grammatikalischer Verrenkung, den BesucherInnen der Zusatzveranstaltung Tags darauf an selbem Ort zu wünschen, einen ähnlich erfüllten und überwältigenden Konzertabend gehabt zu haben – mit einer der letzten ernst zu nehmenden, heute musikalisch noch relevanten und in Würde gealterten Ikonen der Rockmusik aus den legendären Aufbruch-Jahren der Sechziger.

Reingehört (367): Radio Moscow

Radio Moscow – New Beginnings (2017, Century Media Records)

Bandgründer, Sänger und Multiinstumentalist Parker Griggs und die beiden anderen Langhaarigen hören sich auch auf dem fünften Radio-Moscow-Album so an, wie die Optik der Band mit dem ersten Gedanken spontan vermuten lässt: nach Heavy-Sound, Marshall-Boxen-Türmen, ausladenden Gitarren-Soli, rausgerotzten Rock’n’Roller-Weisheiten, säuerlichen Alkohol-Ausdünstungen am Tag danach, eingefangen in Biker-Garagen-Atmosphäre, die Luft geschwängert vom Motorenöl-Duft, Rauchwaren-Schwaden und dem Aroma von verschüttetem Bier.
Das Trio aus Iowa geht auf „New Beginnings“ mit einer Vehemenz und einem energetischen Uptempo-Drive zugange, mit denen es letztendlich einerlei ist, ob die schneidenden Gitarren-Riffs, der heftige Rhythmus-Anschlag, der Wah-Wah-Pedal-Einsatz, der irgendwo zwischen Robert-Plant- und Ronnie-Van-Zandt-Plagiat herausgepresste Southern-Gesang und die vereinzelten, gedrosselten Jam-Improvisations-Passagen vor allem an psychedelischen Hard-Blues und Heavy-Rock längst vergangener Tage kurz vor der Geburtsstunde des Früh-Siebziger-Metal erinnern. Der Band selbst scheint es auch völlig egal zu sein, dass ihr Stoner-/Grunge-gewürzter End-Sechziger-Krach erst gar nicht versucht, die Einflüsse aus dem Hauptwerk von altgedienten und in vergangenen Dekaden hinlänglich durchgenudelten Combos wie Led Zeppelin oder Blue Cheer zu vertuschen, und diese ausgeprägte LMAA-Haltung nötigt mindestens genauso viel Respekt ab wie die unstrittigen handwerklichen Talente der Musikanten.
Like Punk never happened.
(**** ½)

Freakinout Fest #3 @ Nandlstadt/Zeilhof, 2017-07-07

Zurück in die Zukunft: ein wie für den ersten Tag des 3. Freakinout-Festivals geschaffenes Motto am vergangenen Wochenende im Herzen des bayerischen Hopfenanbau-Gebiets Hallertau, in der entspannten Idylle des Weilers Zeilhof in der Nähe von Nandlstadt, des weltweit ältesten Anbauorts des Humulus-Hanfgewächses, präsentierte Veranstalter Christian Spanheimer im wetterfesten Zeilhofstadl eine Jahrzehnte umspannende Zeitreise durch die Rockhistorie hinsichtlich eindringlichem Psychedelic-/Stoner-/Acid-/Heavy-/Post-Rock.

Den Start in den ersten Festival-Tag in Sachen schwergewichtige Rockmusik zündete das Münchner Quartett Dune Pilot, ein heftiger Einstieg mittels Stoner/Desert/Grunge-Härte/Schmutz, der Sound der frühen Neunziger eben: schneidende Gitarrenriffs, Bass-lastiger, schnörkelloser Rhythmus-Groove und ein stimmgewaltiger Frontmann, der im Bühnen-Gebaren neben wiederholt angedeuteter Onanisten-Gestik zuforderst seine Teilnahme-Bewerbung für die jährlich im finnischen Oulu stattfindende Luftgitarren-Weltmeisterschaft abgab. Körperhaltung, Grifftechnik, Intensität der Aufführung: tip top. Klangliche Untermalung durch die drei Mitmusikanten: das selbige.

The Weight aus Wien, die zweite Band des Abends, haben gewiss eines formvollendet hinbekommen: die Spaltung des Publikums in Punkto Goutieren versus Saal-Flucht. Wer im Jahr 2017 uneingeschränkt-unvermindert maximales Jagger-/Tyler-Gepose, „The Age Of Aquarius“ und das ganze andere Gedöns aus diesem haarigen Musical, schwere Schweineorgel, ausladende Gitarren-Soli und die opulente Bandbreite des völlig aus der Zeit gefallenen Mittsiebziger-Stadien-Rocks zu schätzen wusste, wurde mit der konzertanten Aufführung des Quartetts aus der Donau-Metropole bestens bedient, alle anderen kratzten sich an der Rübe, in der sich zwischen den Ohren das „Like Punk never happend!“-Befremden manifestierte und in einem „Da samma von de Weana Haberer aber an bessern Schmäh g`wohnt!“ artikulierte, die ganze Wahrheit zum Retro-Auftritt wird sich vermutlich in der verbalen Auseinandersetzung der Herren Franz Münchinger und Dr. Edgar Schönferber finden…

Nochmal einen weiteren Meilenstein zurück in der Rockhistorie ging es mit dem Londoner Power-Trio Stubb, das sich im Psychedelic-Hard-Blues von Vorbildern wie Hendrix, den britischen Landsmännern der Edgar Broughton Band, gediegener Black-Sabbath-Härte und Ausflügen in den Endsechziger-/Frühsiebziger-Acid- und Space-Rock im Geiste von Hawkwind aalte, ein rauschhafter Auftritt, der hinsichtlich verzerrter Fuzz-Gitarren, vehementer Schwere in der Rhythmik und Experimentieren mittels wabernden Wah-Wah-Pedals und lärmenden Gitarren-Feedbacks keine Wünsche offen ließ. Stubb haben das Rad in dieser hinlänglich zelebrierten Spielart der harten Klang-Orgien weiß Gott nicht neu erfunden, mit Herzblut und tiefem Verständnis für die tonalen Exzesse der Idole aus der Acid-Rock-Steinzeit vorgetragen war’s nichtsdestotrotz allemal ein bereicherndes Hinhören wert.

Durch die israelische Postrock-Band Tiny Fingers wurde das Publikum weit nach Mitternacht zurück in die Jetzt-Zeit geholt, die vier sympatischen jungen Männer ergingen sich im ersten, kürzeren Teil ihrer Aufführung im klassischen, Gitarren-dominierten Instrumental-Postrock mit der für das Genre bekannten Laut-Leise-Dramatik und den sich im intensiven Saiten-Anschlag auftürmenden Sound-Wällen, um im weiteren Verlauf des Konzerts das Spektrum in Richtung moderner Space-Rock, Triphop und Dubstep zu erweitern, mittels vertrackter Rhythmik und futuristischer Electronica-Exzesse befeuerte die Band die Tanzbereitschaft der zur fortgeschrittenen Stunde leider nicht mehr allzu zahlreich anwesenden Besucher-Schar, der facettenreiche Rave hätte als Headliner des ersten Festival-Abends weitaus mehr Zuspruch verdient. In der Form ein heißer Kandidat für die Stargazer-Bühne des alljährlichen dunk!-Postrock-Gipfeltreffens im belgischen Zottegem, und für die am Freitag spärlich vertretene Fan-Basis der rein instrumentalen Ton-Kunst das Highlight der Veranstaltung.

Am Samstag gab’s noch ein schweres Paket mehr an Stoner-/Desert-Blues-/Prog-/Heavy-/Kraut-Psychedelia, allein die kürzlich beim München-Konzert im Vorprogramm von Kikagaku Moyo 幾何学模様 schwer überzeugenden Pretty Lightning wären abermals einen Besuch wert gewesen, Weedpecker, Dopelord und Da Captain Trips sollen berufenem Munde zufolge auch gute bis sehr gute Auftritte hingelegt haben, allein, es ist sich zeitlich leider nicht mehr ausgegangen…

Very special thanks an Mel und Tim vom curt-Magazin.