Hard Rock

Reingehört (367): Radio Moscow

Radio Moscow – New Beginnings (2017, Century Media Records)

Bandgründer, Sänger und Multiinstumentalist Parker Griggs und die beiden anderen Langhaarigen hören sich auch auf dem fünften Radio-Moscow-Album so an, wie die Optik der Band mit dem ersten Gedanken spontan vermuten lässt: nach Heavy-Sound, Marshall-Boxen-Türmen, ausladenden Gitarren-Soli, rausgerotzten Rock’n’Roller-Weisheiten, säuerlichen Alkohol-Ausdünstungen am Tag danach, eingefangen in Biker-Garagen-Atmosphäre, die Luft geschwängert vom Motorenöl-Duft, Rauchwaren-Schwaden und dem Aroma von verschüttetem Bier.
Das Trio aus Iowa geht auf „New Beginnings“ mit einer Vehemenz und einem energetischen Uptempo-Drive zugange, mit denen es letztendlich einerlei ist, ob die schneidenden Gitarren-Riffs, der heftige Rhythmus-Anschlag, der Wah-Wah-Pedal-Einsatz, der irgendwo zwischen Robert-Plant- und Ronnie-Van-Zandt-Plagiat herausgepresste Southern-Gesang und die vereinzelten, gedrosselten Jam-Improvisations-Passagen vor allem an psychedelischen Hard-Blues und Heavy-Rock längst vergangener Tage kurz vor der Geburtsstunde des Früh-Siebziger-Metal erinnern. Der Band selbst scheint es auch völlig egal zu sein, dass ihr Stoner-/Grunge-gewürzter End-Sechziger-Krach erst gar nicht versucht, die Einflüsse aus dem Hauptwerk von altgedienten und in vergangenen Dekaden hinlänglich durchgenudelten Combos wie Led Zeppelin oder Blue Cheer zu vertuschen, und diese ausgeprägte LMAA-Haltung nötigt mindestens genauso viel Respekt ab wie die unstrittigen handwerklichen Talente der Musikanten.
Like Punk never happened.
(**** ½)

Freakinout Fest #3 @ Nandlstadt/Zeilhof, 2017-07-07

Zurück in die Zukunft: ein wie für den ersten Tag des 3. Freakinout-Festivals geschaffenes Motto am vergangenen Wochenende im Herzen des bayerischen Hopfenanbau-Gebiets Hallertau, in der entspannten Idylle des Weilers Zeilhof in der Nähe von Nandlstadt, des weltweit ältesten Anbauorts des Humulus-Hanfgewächses, präsentierte Veranstalter Christian Spanheimer im wetterfesten Zeilhofstadl eine Jahrzehnte umspannende Zeitreise durch die Rockhistorie hinsichtlich eindringlichem Psychedelic-/Stoner-/Acid-/Heavy-/Post-Rock.

Den Start in den ersten Festival-Tag in Sachen schwergewichtige Rockmusik zündete das Münchner Quartett Dune Pilot, ein heftiger Einstieg mittels Stoner/Desert/Grunge-Härte/Schmutz, der Sound der frühen Neunziger eben: schneidende Gitarrenriffs, Bass-lastiger, schnörkelloser Rhythmus-Groove und ein stimmgewaltiger Frontmann, der im Bühnen-Gebaren neben wiederholt angedeuteter Onanisten-Gestik zuforderst seine Teilnahme-Bewerbung für die jährlich im finnischen Oulu stattfindende Luftgitarren-Weltmeisterschaft abgab. Körperhaltung, Grifftechnik, Intensität der Aufführung: tip top. Klangliche Untermalung durch die drei Mitmusikanten: das selbige.

The Weight aus Wien, die zweite Band des Abends, haben gewiss eines formvollendet hinbekommen: die Spaltung des Publikums in Punkto Goutieren versus Saal-Flucht. Wer im Jahr 2017 uneingeschränkt-unvermindert maximales Jagger-/Tyler-Gepose, „The Age Of Aquarius“ und das ganze andere Gedöns aus diesem haarigen Musical, schwere Schweineorgel, ausladende Gitarren-Soli und die opulente Bandbreite des völlig aus der Zeit gefallenen Mittsiebziger-Stadien-Rocks zu schätzen wusste, wurde mit der konzertanten Aufführung des Quartetts aus der Donau-Metropole bestens bedient, alle anderen kratzten sich an der Rübe, in der sich zwischen den Ohren das „Like Punk never happend!“-Befremden manifestierte und in einem „Da samma von de Weana Haberer aber an bessern Schmäh g`wohnt!“ artikulierte, die ganze Wahrheit zum Retro-Auftritt wird sich vermutlich in der verbalen Auseinandersetzung der Herren Franz Münchinger und Dr. Edgar Schönferber finden…

Nochmal einen weiteren Meilenstein zurück in der Rockhistorie ging es mit dem Londoner Power-Trio Stubb, das sich im Psychedelic-Hard-Blues von Vorbildern wie Hendrix, den britischen Landsmännern der Edgar Broughton Band, gediegener Black-Sabbath-Härte und Ausflügen in den Endsechziger-/Frühsiebziger-Acid- und Space-Rock im Geiste von Hawkwind aalte, ein rauschhafter Auftritt, der hinsichtlich verzerrter Fuzz-Gitarren, vehementer Schwere in der Rhythmik und Experimentieren mittels wabernden Wah-Wah-Pedals und lärmenden Gitarren-Feedbacks keine Wünsche offen ließ. Stubb haben das Rad in dieser hinlänglich zelebrierten Spielart der harten Klang-Orgien weiß Gott nicht neu erfunden, mit Herzblut und tiefem Verständnis für die tonalen Exzesse der Idole aus der Acid-Rock-Steinzeit vorgetragen war’s nichtsdestotrotz allemal ein bereicherndes Hinhören wert.

Durch die israelische Postrock-Band Tiny Fingers wurde das Publikum weit nach Mitternacht zurück in die Jetzt-Zeit geholt, die vier sympatischen jungen Männer ergingen sich im ersten, kürzeren Teil ihrer Aufführung im klassischen, Gitarren-dominierten Instrumental-Postrock mit der für das Genre bekannten Laut-Leise-Dramatik und den sich im intensiven Saiten-Anschlag auftürmenden Sound-Wällen, um im weiteren Verlauf des Konzerts das Spektrum in Richtung moderner Space-Rock, Triphop und Dubstep zu erweitern, mittels vertrackter Rhythmik und futuristischer Electronica-Exzesse befeuerte die Band die Tanzbereitschaft der zur fortgeschrittenen Stunde leider nicht mehr allzu zahlreich anwesenden Besucher-Schar, der facettenreiche Rave hätte als Headliner des ersten Festival-Abends weitaus mehr Zuspruch verdient. In der Form ein heißer Kandidat für die Stargazer-Bühne des alljährlichen dunk!-Postrock-Gipfeltreffens im belgischen Zottegem, und für die am Freitag spärlich vertretene Fan-Basis der rein instrumentalen Ton-Kunst das Highlight der Veranstaltung.

Am Samstag gab’s noch ein schweres Paket mehr an Stoner-/Desert-Blues-/Prog-/Heavy-/Kraut-Psychedelia, allein die kürzlich beim München-Konzert im Vorprogramm von Kikagaku Moyo 幾何学模様 schwer überzeugenden Pretty Lightning wären abermals einen Besuch wert gewesen, Weedpecker, Dopelord und Da Captain Trips sollen berufenem Munde zufolge auch gute bis sehr gute Auftritte hingelegt haben, allein, es ist sich zeitlich leider nicht mehr ausgegangen…

Very special thanks an Mel und Tim vom curt-Magazin.

Reingehört (333): Here Lies Man, Blind Mess, Willie Nile

Here Lies Man – Here Lies Man (2017, Riding Easy)

Psychedelic-Trance, Afro-Beat und Elektro-Funk sind die stramm groovenden Zutaten des Debüts von Here Lies Man, einem Nebenprojekt von Marcus J. Garcia, der hauptamtlich als Sänger und Gitarrist beim Brooklyn-Afrobeat-Kollektiv Antibalas engagiert ist.
Schwere 70er-Prog-Gitarren, hart zupackender Stoner-Rock und Garagen-taugliche Fuzz-Gitarren bilden den Körper, den Weltraumorgel-artiger Keyboard-Space und schwer vor sich her treibender Bass/Drum-Beat im repetitiven Flow zum hypnotischen Zappeln bringen. Mosh Pit trifft Club-Groove. Over the top gelungenes Crossover in Anlehnung an Funkadelic, Parliament, Fela Kuti, Goat, The Budos Band. Muss man nicht viel drüber labern, muss man hören, eintauchen, mitzucken…
(*****)

Blind Mess – Blind Mess (2017, Record Jet)

Support your local Stoner Gangs: Blind Mess aus München haben sich erst im vergangenen Jahr gegründet, wegen rechtlichem Zirkus bereits eine Namensänderung von „Black“ zu „Blind“ hinter sich, und dieser Tage nun in kürzester Zeit ihr Debütalbum vorgelegt. Wer sich hinsichtlich Drive, Energie und Präsentation im Live-Vortrag mit Größen wie den Misfits oder den einzigartigen, schmerzlich vermissten Motörhead vergleichen lassen darf, kann so daneben nicht liegen mit seinem Verständnis und Interpretieren von harter Rock-Musik, und tatsächlich präsentiert sich das kürzlich erschienene Erstwerk des Trios im klassischen Bass/Gitarre/Drums-Gewerk mit stramm polterndem, druckvollem Bass, einer die zügige Marschrichtung vorgebenden Rhythmik und schneidenden, schnörkellosen Rock-and-Roll-Krach-Gitarren im Stoner-/Metal-/Hardrock-Anschlag, gepaart mit der Frische einer flotten Punk-Gangart, messerscharfen Gitarren-Riffs und garniert mit einem forschen Rock-Shouter-Gesang, der Großes einfordert und das mit diesem solide nach internationalen Standards produzierten Erstwerk auch bekommen sollte. Hat sich was zugetraut, das Trio, und das dann auch unvermittelt mit Wucht, einer Portion Garagen-Schmutz und Desert-Psychedelic umgesetzt. Munich rocks, keine Frage.
Blind Mess spielen am 3. November live in München im Rahmen der Zombie-Sessions im Feierwerk. Kühles Bier am Sunny-Red-Tresen einfangen und gefälliges Mitnicken ist angezeigt.
(**** ½)

Willie Nile – Positively Bob: Willie Nile Sings Bob Dylan (2017, River House Records)

1980 hat Willie Nile unter anderem mit Patti-Smith-Drummer Jay Dee Daugherty sein zu Recht hochgelobtes Debüt-Album eingespielt, 2006 konnte er qualitativ mit „Streets Of New York“ und einem zwei Jahre später veröffentlichten, ergänzenden Live-Album an das Erstwerk anknüpfen, dazwischen und danach ist er sporadisch mit unterschiedlichster Tonträger-Güte vorstellig geworden, in seinem langen Musiker-Dasein ist er mehrfach über viele Jahre von der Bildfläche verschwunden und kam, obwohl von Folk- und Heartland-Rock-Fans und KollegInnen wie Lucinda Williams und Pete Townshend geschätzt, letztendlich nie über den Status eines „Springsteen für Arme“ hinaus.
Für sein 2017er-Werk bedient er sich ausschließlich bei Songmaterial aus der Feder des aktuellen Literaturnobelpreisträgers, ein wenig originelles Unterfangen, zumal die Set-List gespickt ist mit allseits bekannten Dylan-Gassenhauern, die heutzutage in etlichen Fällen wegen Bis-zum-Erbrechen-runtergespielt selbst im Original kaum mehr jemandem vor dem Ofen hervorlocken, der vom Meister selbst heutzutage in Schock-Starre-auslösender, Western-Swing-Version angestimmte Rentner-auf-dem-Kirchentag-Hit „Blowin‘ In The Wind“ schon mal gar nicht.
In „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ entwickelt Nile kurz hypnotische, beschwörende Kraft beim intensiven Text-Runterbeten, mit der Interpretation von „Every Grain Of Sand“, der brauchbarsten Nummer vom ansonsten grottigen „Shot Of Love“-Album, und dem lange unveröffentlichten „Abandoned Love“ aus den „Desire“-Sessions beweist er immerhin etwas Mut in der Songauswahl, ansonsten ist der Rest in weitaus genehmerer Form bereits vom Zimmerman selber oder den üblichen Verdächtigen aus dem Dylan-Interpreten-Lager wie etwa den Byrds hinlänglichst in x-facher Ausführung durchexerziert.
(** ½ – ***)