Hardrock

20 Watt Tombstone @ Mark Icediggers Home, Out Of Rosenheim, 2019-06-26

If the White Stripes, the Black Keys, and Left Lane Cruiser had an illegitimate love child with Lemmy while Hunter S. Thompson documented the whole torrid thing… you might get 20 Watt Tombstone.

Tom Jordan & Mitch Du’Quan Ostrowski aka Grand Master Oh To The Zee & Yellin‘ Reverend Meantooth rocked the house: Der Rosenheimer Konzert-Veranstalter Mark Icedigger bat am vergangenen Mittwochabend in die eigene Heimstatt zur Privat-Show des Heavy-Blues-Duos 20 Watt Tombstone aus Wasau/Wisconsin, zwecks gebotenem Einschwingen und mentalem Hochfahren auf Betriebstemperatur zum ab heute nachmittag anstehenden Raut-Oak-Fest wurde die Einladung vom handverlesenen Publikum mit Kusshand angenommen.
Einheizen musste an diesem brütend heißen Sommertag allerdings niemand mehr, bei abendlichen Außentemperaturen um die 30 Grad Celsius bot auch das ehemalige Wohnzimmer der Icedigger-Oma als Hauskonzert-Bühne keine wesentliche Abkühlung, zumal die beiden Musikanten mit ihrem brodelnden Gewerk nichts zur Entschärfung der klimatischen Situation beitrugen.
20 Watt Tombstone sind der geneigten Hörerschaft spätestens seit ihrer exzellenten „Death Blues vs. The Dirty Spliff“-Split-EP bekannt, die sie 2016 zusammen mit den beiden geistesverwandten Trailerpark-Trashern von Left Lane Cruiser veröffentlichten, und damit war die Marschrichtung der konzertanten Beschallung für die Veranstaltung im Groben abgesteckt: Hart angeschlagene Blues-Riffs, von Gitarrist Jordan mit Bottleneck-Slide scharf angerissen und Fuzz-dröhnend durch die Lautsprecher gepresst, vom plattgewalzten Pfad der reinen Bluesrock-Lehre wahlweise nach links und rechts ausscherend, mit vollem Einsatz hinein in zentnerschwere Stoner-Breitseiten, in zäh geronnene Noise- und Black-Metal-Zitate und schwungvolle Boogie-Moves, ein berstender, lärmender Kessel unter Hochdruck, vom Trommler Ostrowski stramm nach vorne gegroovt. Massiv eingekochter, dickflüssiger Hardblues mit der brachialen Schwere des Doom Metal und der zornigen Energie der amerikanischen DIY-Punk-Szene, unverstellt, unbehandelt und direkt auf den Rüssel geknallt, the real stuff aus den Tiefen des Raw Underground und des Deep Blues, schmutzig und mit abgeschrammten Kanten – wie das pralle Leben selbst: in den Songtexten kurze und prägnante Geschichten über hochprozentige Drinks, verschlampte Weiber und die Trottel und fiesen Arschgeigen aus dem näheren und weiteren Umfeld. American heavy trash at its best.
Wo die seit einem halben Jahrhundert abrockenden Jubilare von ZZ Top ihre Seele längst an den Kommerz, die Mainstream-Chart-Platzierungen und einen politischen Deppen wie den republikanischen US-Ex-Präsidenten George Walker Bush verkauft haben, geben 20 Watt Tombstone in rudimentärer Besetzung und mit einfachsten Mitteln den wahren Jakob für die Freunde der lauten und dreckigen, Blues-lastigen Gitarre, und selbst in Sachen Bart-Tracht müssen die Kameraden aus dem Mittleren Westen vor Billy Gibbons und seiner Texas-Bagage nicht zurückstecken.
Zu bedauern gab es am Mittwoch nur den Umstand, dass nach einer überschaubaren Handvoll an energischen Eigenkompositionen und einer nicht weniger intensiven wie beinharten Coverversion des Howlin-Wolf-Klassikers „Killing Floor“ bereits wieder Schluss war – zu einem Zeitpunkt, zu dem das Publikum unter den subtropischen Gegebenheiten den Blues in seiner erdrückenden, sumpfigen Südstaaten-Spielart genoss und auf weiteres Schwitzen und Biertrinken mit entsprechender Beschallung eingestellt war, beendete die Band das viel zu kurze Set, der schwergewichtige Gitarrist Tom Jordan war aufgrund seiner angeschlagenen Verfassung nach einer kürzlich überstandenen Gallenblasen-OP zu keiner einzigen weiteren Zugabe zu bewegen – die Auswirkungen der üppigen Ernährung der Amis und das marode Gesundheitswesen dieser großartigen Nation strahlten an dem Abend bis in die Suburbs von Rosenheim aus, ein Hoch auf die Globalisierung! Als verdiente Strafaktion für mangelnde Leistungsbereitschaft und Ausgleich zum exzessiven Burger- und Meatball-Genuss kündigte Veranstalter Icedigger reduzierte, spartanische Schonkost in Form von Kamillentee und einer Scheibe Knäckebrot zum kommenden Frühstück an, hoffentlich hat er seinen Worten Taten folgen lassen…

Den Nachschlag zum zeitlich etwas knapp bemessenen Haus-Gig von 20 Watt Tombstone gibt es bereits heute zu bester Show-Time gegen 20.00 Uhr beim bereits ausverkauften Raut-Oak Fest am Riegsee: wer Glück (und ein Ticket) hat, kommt, sagt Martina Schwarzmann, und für Gitarrist Jordan heißt es am Riemen reißen, Arschbacken zusammengepresst und durch, die Konkurrenz ist groß, und wer ROF-Geschichte schreiben will, muss liefern. Man sieht sich immer zweimal im Leben, so in ein paar Stunden vor großartiger Murnauer Berg-Kulisse im Blauen Land.

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Reingehört (531): Big Business

Big Business – The Beast You Are (2019, Joyful Noise)

Nach knapp drei Jahren mal wieder ein Lebenszeichen von Big Business, wie nicht anders zu erwarten eine ordentliche Duftmarke und alles andere als dezent und leise: „The Beast You Are“ ist stilistisch mit etwas mehr Orientierung in Richtung Song-Struktur, gedehnteren Instrumental-Passagen und einem Hauch von Melodien nur einen Steinwurf entfernt vom Vorgänger-Tonträger „Command Your Weather“ und so ziemlich allem anderen, was das Duo dem geneigten Publikum in den vergangenen eineinhalb Dekaden um die Ohren geblasen hat. Und so soll es auch sein. Jared Warren und Coady Willis, in Personalunion bis 2015 als hart arbeitende Rhythmus-Maschine bei der amerikanischen Sludge/Grunge-Institution Melvins engagiert, glänzen mit der eigenen Duo-Formation einmal mehr mit kompromisslosem Noise-Rock und beinhartem Grunge, in einer knochentrockenen Mid- bis Uptempo-Gangart an der Nahtstelle zur individuellen Sludge- und Doom-Metal-Ausformulierung. Dass sich hier weit mehr als nur Spurenelemente aus den brachialen Lärm-Herrlichkeiten der ehemaligen Stammformation um Buzz Osborne finden, liegt auf der Hand. Jared Warren lässt seinen Bass zuweilen wie voluminös krachende, dissonante, im Nachhall brummende Heavy-Gitarren klingen und liefert neben dem grundsoliden Dröhnen zur Taktgebung schwere Siebziger-Heavy-Riffs, für die Alt-Helden wie Tony Iommi früher sechs Saiten benötigten, und auch sein leiernder, grimmig drängender Gesang geht auf Zeitreise in die Urzeiten des progressiven Hardrock. Drummer Coady Willis gibt mit seinem energischen Einwirken auf die Trommelbespannung die Richtung vor und schmeißt sich in das Geschehen, als ginge es ums Ganze, wie letztens die derzeit sehr tolle Euro-League-Eintracht gegen Benfica.
Zur satteren Produktion und Klangbild-Ausschmückung wabert dann und wann gefällige Keyboard-Melodik durch die Nummern, der differenzierteren Ausgestaltung der jeweiligen Werke ist das nur förderlich. Neben den handelsüblichen Straight-Forward-Brachial-Attacken kommt „The Moor You Know“ als finstere musikalische Untermalung der Apokalypse im Downtempo, das finale „Let Them Grind“ hat als dramatische Sludge-Hymne unerwartet erhebende Momente, und in der aus dem Rahmen gefallenen, entschwebt experimentellen Hippie-Ballade „Under Everest“ zeigen sich Big Business mit Glockenspiel und Tambourin gar von ihrer sanften Ambient-Folk-Seite. Der Rest, im Wesentlichen: Voll auf die Zwölf, auf das Sonnengeflecht gedroschen, dorthin, wo es wehtut, mit klatschenden Drums und monströsen, wuchtigen Bass-Verzerrungen – Big Business zeigen mit minimalen Mitteln einmal mehr als deutlich, dass ihnen ihre Interpretation der lärmenden Rockmusik nach wie vor ein maximalst ernsthaftes Anliegen ist.
„The Beast You Are“ ist seit Mitte April über das Indie-Label Joyful Noise Recordings aus Indianapolis in allen möglichen Formaten zu haben. Lautstärken-Regler hochgefahren, eh klar.
(**** ½ – *****)

Reingehört (523): Oozing Wound

Oozing Wound – High Anxiety (2019, Thrill Jockey Records)

Schorf, vor sich hin nasselnd, wie man in bajuwarischen Auen und Fluren zu sagen pflegt – eine sickernde Wunde als Bandname, Hauptsache lecker: Oozing Wound aus Chicago/Illinois. Mit dem Opener des neuen Albums „High Anxiety“ geht es sogleich weiter mit den ungeschönten Begebenheiten: „Surrounded By Fucking Idiots“, quasi direktemang mit der Tür ins Haus, hinein ins finstere Kämmerlein der misanthropischen Gemütslage, die in dem Fall bei genauerem Hinsehen nichts anderes ausdrückt als die realistische Einschätzung zum grenzdebilen Geisteszustand großer Teile des weitläufigen sozialen Umfelds.
Das Trio formierte sich vor sechs Jahren aus einer Bande gestandener Rabauken der Chicagoer DIY-Underground-, Noise- und Experimental-Szene, Gitarrist Zack Weil, Basser Kevin Cribbin und Trommler Kyle Reynolds verband ihr gemeinsame Liebe für die lärmende Heavy-Spielart der Krachmusik, die sie seither mit Oozing Wound in einem vollmundigen Crossover aus Hardcore, Grunge, einem gewissen Faible für die britischen Hardrocker der frühen Achtziger und der dominierenden Kompromisslosigkeit des Trash- und Sludge-Metal auf die Menschheit loslassen.
Dissonante, Feedback-verformte Gitarren-Attacken als hereinbrechende Schneisen der Verwüstung, Brachial-Riffs im Hochgeschwindigkeits-Überschlag und das Stakkato-Gerumpel der beiden Rhythmus-Berserker liefern den tonalen Kriseninterventions-Raum für das verbale Toben und Kreischen von Gitarrist Weil, der in diesen wuchtigen Wall-Of-Sound-Gemäuern und finsteren Kellergewölben seinen Irrsinn und die quälende Pein als Urschrei-Therapie auslebt.
Unvermittelte Tempi-Wechsel, dichte, dräuende Hard-Progressive- und Psychedelic-Endzeitstimmungen im Midtempo, die zuweilen sogar vertraute Melodik mit ins Spiel bringen, und variantenreiche Highspeed-Trash-Soli halten den Spannungsbogen während der gut halbstündigen Tour de Force gestrafft, der ausgelebte Nihilismus der Combo ist mindestens in der instrumentalen Konfrontation alles andere als eindimensionales Metal-Gepolter. Der „Sänger“ schont weder das Publikum noch den eigenen Kehlkopf und erhebt seine Stimme schrill wie schwarzhumorig gegen die Musik-Industrie, die Leugner des Klimawandels und andere, eingangs erwähnte Deppen um uns rum, wie jeder wilde Hund des Underground mit einem gerüttelt Maß an Aggression und Wut im Bauch. Mit energischem Headbanging und einem irrsinnigen Grinsen auf den Lippen dem Abgrund entgegen, das ist die Botschaft dieser grimmigen Oper in sieben Akten.
Eingespielt in vier Tagen in Steve Albinis Electrical Audio Studio. Irgendwo sollen Saxophon-, Flöten- und Synthie-Loops durch die Aufnahmen geistern, sie stören in dem rabiaten Kontext nicht weiter, weil Toningenieur Gregoire Yeche (→ Pelican, Shellac, David Bazan) das beigemischte Gefummel bis zur Unkenntlichkeit mit dem Metal-Hammer verstümmelte.
„High Anxiety“ ist am 15. März beim amerikanischen Indie-Label Thrill Jockey Records erschienen.
(*****)

Oozing Wound werden im März und April auf der Brexit-Insel wie auf dem europäischen Festland zur Album-Promotion unterwegs sein, zusammen mit dem Londoner Psychedelic-Sludge/Doom-Trio Ghold, am 13. April spielen sie die letzte Show der Tour im Kafe Kult München, Oberföhringer Straße 156, 20.30 Uhr. Weitere Termine:

28.03.Manchester – Peer Hat
29.03.Glasgow – Nice ’n‘ Sleazy
30.03.Leeds – Brudenell Social Club
31.03.Bristol – Rough Trade
01.04.London – The Black Heart
03.04.Lyon – Grnd Zero
04.04.Clermont-Ferrand – Raymond Bar
05.04.Liege – La Zone
06.04.Eindhoven – Faster & Louder Festival
07.04.Brussels – Mag 4
08.04.Köln – MTC
09.04.Berlin – Zukunft
10.04.Leipzig – Zoro
12.04.Winterthur – Gaswerk