Harlem

Reingehört (417): Diamanda Galás

„Guttural and operatic, baleful and inconsolable, spiritual and earthy, polyglot and wordless, nuanced and unhinged.“
(New York Times)

Diamanda Galás – At Saint Thomas The Apostle Harlem (2017, Intravenal Sound Operations)

Schon etliche Monate abgehangen, aber unbedingt nach wie vor eine Erwähnung wert: Diamanda Galás live und solo aufgezeichnet im Mai 2016 in einer Kirche in Harlem/Manhattan, acht intensive Vorträge, von der Künstlerin unter dem thematischen Aufhänger „Death Songs“ in Reminiszenz an die Vergänglichkeit arrangiert. Für leichte Kost war die extrovertierte Sängerin aus Kalifornien mit den griechischen Wurzeln und einem Faible für düstere literarische wie musikalische Auswüchse und entsprechend schrillem Gothic-Outfit noch nie zuständig, schwergewichtige, den Schwermut fördernde Themen wie AIDS, Geisteskrankheit oder – wie auf der 1994er-Kollaboration „The Sporting Life“ mit dem ex-Led-Zeppelin-Musiker John Paul Jones – Prostitution bestimmten inhaltlich stets das Schaffen der Avantgarde-Musikerin.
In der Eröffnungsnummer „Verrá la more e avrá i tuoi occhi“ der Konzert-Aufnahmen vom denkwürdigen Abend in der Church of Saint Thomas The Apostle, der Vertonung eines Textes des italienischen Dichters Cesare Pavese, huldigt Diamanda Galás ihrer klassischen Ausbildung und trägt mit ausgeprägt wohlklingendem, voluminösem Sopran und virtuoser, akzentuierter Flügel-Begleitung Ohren-schmeichelnd im Stile alter Kunstlieder und großer Opern-Arien vor.
Nach diesen knapp neun Minuten zum Einstieg ist die reine Wohlfühl-Nummer speziell auch für Freunde der klassischen Musik im weiteren Fortgang der ergreifenden Aufnahmen abgehandelt und ad acta gelegt, der solistische Klavieranschlag wird experimenteller im Geiste der Neo-Klassik und verirrt sich punktuell auch in Gefilde der Piano-Blues-Phrasierungen und der freien Jazz-Improvisation, die Stimm-Akrobatik der Galás präsentiert sich – für langjährige Freunde und Verehrer der expliziten Tonkunst der Sängerin nicht weiter verwunderlich – weitaus facettenreicher und mitunter verstörender im Vortrag, der intensive Gesang passiert neben Himmelspforten eruptiv wiederholt Duzende von Höllentoren, sich in tonalen wie atonalen Spasmen verkrampfend, knurrend, anklagend, die Verzweiflung und den Abscheu herausspeiend, sich im Vortrag stimmlich verrenkend und mit einem Organ nicht von dieser Welt den Schmutz, das Abartige und Dämonische offenbarend, in der verträglicheren Variante dem rauen Gesangsstil einer übelgelaunten, boshaften Marianne Faithfull nahe, in vielen befremdlichen Ausprägungen im Ausloten der Möglichkeiten der menschlichen Stimme dem sich bahnbrechenden Wahnsinn Ausdruck verleihend.
Diamanda Galás ergeht sich im Vortrag in allen möglichen Sprachen, in „Die Stunde kommt“, einem Text des Lyrikers Ferdinand Freiligrath aus dem 19. Jahrhundert auch irgendwie in gebrochenem Deutsch, dessen abgehackte Akzentuierung sich wunderbar zu ihrem charakteristischen Gesangsstil fügt. In der umwerfenden Interpretation des Jacques-Brel-Chansons „Amsterdam“ räumt sie vollumfänglich mit dem Verdacht auf, dass die einzig brauchbare Coverversion der Hafen-Ballade von David Bowie stammt.
„At Saint Thomas The Apostle Harlem“ bleibt auch ein knappes Jahr nach Veröffentlichung ein uneingeschränkt faszinierender wie grandioser und zeitloser Konzertmitschnitt einer singulären Ausnahmekünstlerin, bei dem man bei Einspielung gerne selbst vor Ort zugegen gewesen wäre.
(***** – ***** ½)

Soul Family Tree (37): R&B Ladies Day + Savoy Ballroom Club

Der vierzehntägige Soul Family Tree heute wieder von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog – here we go:

Weihnachten naht und als musikalisches Geschenk gibt es heute gleich zwei Black Friday Specials im Soul Family Tree. Zum einen lassen wir den legendären Savoy Ballroom Club in Harlem/New York City musikalisch wieder aufleben, und dazu heißt es Ladies Day in Rhythm and Blues.

Die stimmgewaltige Ruth Brown war eine der bekanntesten Rhythm and Blues- Sängerinnen der fünfziger und sechziger Jahre. Sie hatte diverse Nummer 1 Hits in den R&B Charts. Auch wenn ihr Stern in den 1960er Jahren langsam an Strahlkraft verlor, wurde sie bis in die Neunziger zu allen großen Blues- und Jazz Festivals eingeladen und 1993 in die Rock and Roll Hall Of Fame aufgenommen, wie später auch in die Blues Hall Of Fame. Übrigens, ihr Neffe ist auch gut im Geschäft. Es ist der Rapper Rakim. Aus dem Jahre 1952 habe ich ihren Song „(Mama) He Treats Your Daughter Mean“ ausgesucht.

Kommen wir zu einem weiteren raren Floorfiller aus dem Jahre 1961. Betty O’Brien hatte einige Singles in den 1960er Jahren, besonders bei Liberty Records. Ihre Single „She’ll Be Gone“ wird auch bei Plattenbörsen hoch gehandelt. Leider kann ich nichts Biografisches zu der Sängerin sagen. Außer dass sie eine bemerkenswerte Stimme hat, wie man hier deutlich hören kann.

Beim nächsten Lied denken vermutlich viele an Linda Ronstadt’s Version aus den 1970er Jahren. Dabei wurde „You’re No Good“ zuerst von Dee Dee Warwick eingesungen. Betty Everett nahm das Lied 1963 auf und hatte damit einen veritablen Hit. Insgesamt hatte sie in den 1960er und 1970er Jahren einige Hits, wie u.a. „The Shoop Shoop Song“ oder „Let It Be Me“, zusammen mit Jerry Butler. Hier kommt die wunderbare Version von „You’re No Good“ von der einzigartigen Betty Everett.

Auch die US-amerikanische Sängerin und Gitarristin Barbara Lynn aus Texas hatte ihre Glanzzeit in den 1960er Jahren. Am bekanntesten ist ihr Song „You’ll Loose A Good Thing“ aus 1962. Sie tourte seiner Zeit mit den ganz großen Stars wie u.a. Otis Redding, James Brown, Gladys Knight, Sam Cooke, Jackie Wilson, trat im legendären Apollo Theater auf, und ihr Song „Oh Baby (We´ve Got A Good Thing Goin‘)“ wurde von den Rolling Stones gecovert. Für den Soul Family Tree habe ich aus dem Jahre 1966 den Song „I’m A Good Woman“ ausgesucht.

Ann Peebles hatten wir bereits im Soul Family Tree. Leider wird sie vorschnell auf ihren großen Hit „I Can’t Stand The Rain“ reduziert. Dabei hat sie sehr viel mehr gemacht. Aus ihrem 1971er Album „Straight From The Heart“ habe ich einen ruhigen Titel ausgesucht: „Trouble, Heartaches & Sadness“ mit wunderbaren Bläsern, ganz im Stile von Al Green.

Zum Schluss möchte ich gern an Della Reese erinnern, die im November starb. Sie war Sängerin und wandelte gekonnt zwischen Jazz, Soul, Blues, war auch Schauspielerin, und hatte als erste afroamerikanische Moderatorin ihre eigene Talkshow. 1994 bekam sie ihren Walk Of Fame in Hollywood. Oliver Nelson arrangierte in den 1960er Jahren einen ihren großen Hits, den man ebenso auf vielen Compilations findet, nämlich „I Got The Blues“.

Der Savoy Ballroom gehörte, neben dem Cotton Club, zu den bekanntesten wie einflussreichsten Orten, wenn es um afroamerikanische Musik ging. Seine Heimat war Harlem in New York City. Er war auch einer ersten Clubs, die ein gemischtes Publikum, Schwarze wie Weiße, hatten. Am 20. März 1926 öffnete er seine Tore und hatte von Anfang an großen Zuspruch. Im Oktober 1958 war Schluss. Der Ballroom musste einem neuen Häuserkomplex weichen und wurde abgerissen. Hier entstanden Spiele, die bis heute in Casting-Shows weiter fortgeführt werden, wie „Battle Of The Band“, wo beispielsweise das Orchester Benny Goodman das Orchester von Chick Webb herausforderte. Hier wurden auch neue Tanzstile wie der Lindy Hop entwickelt. Die besten Orchester und Bands traten im Savoy Ballroom auf. Hier hatte Ella Fitzgerald große Auftritte wie auch Louis Armstrong, Fletcher Henderson u.v.m. Heute erinnert nur eine Gedenktafel an den legendären Club. Grund genug, die alten swingenden Zeiten wieder aufleben zu lassen. Dazu habe ich eine Playlist mit 22 Songs zusammen gestellt unter dem Motto „Stompin‘ At The Savoy“.

Mit diesem Beitrag verabschiede ich für dieses Jahr vom Soul Family Tree. Ich möchte gern die Gelegenheit nutzen, um mich bei allen Lesern bedanken. Ganz besonders natürlich bei Soulbrother Gerhard, der hier bei sich einen Platz für afroamerikanische Musik frei gemacht hat. Mir hat es Spaß gemacht. Danke Gerhard.

Allen eine fröhliche, friedliche und besinnliche Adventszeit und ein schönes Weihnachtsfest samt beschwingten Rutsch ins neue Jahr.

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum.