Hauskonzert

Willy Tea Taylor @ Mark Icediggers Home, Out Of Rosenheim, 2019-11-20

Love, Life, Death, And Baseball.

Privataudienz am vergangenen Mittwochabend in den Rosenheimer Suburbs: Willy Tea Taylor, kalifornischer Folk-Songwriter, Farmer, Sozial-Aktivist, Muddy-Roots-Urgestein, ehemaliger Baseball-Spieler und Co-Star in M. A. Littlers herausragender Dokumentation „The Kingdom Of Survival“ über radikale Gesellschaftsmodelle und Gegenwürfe zum American Way Of Life war auf Einladung von Mark Icedigger im heimischen Wohnzimmer des Konzert-Veranstalters für einen privaten Auftritt zu Gast.
Folk-Musik dokumentierte in ihren besten Momenten seit je die prekären Lebensumstände des sozialen Umfelds, legte authentische biografische Zeugnisse ab oder wusste die Zeichen der Zeit aus der Perspektive der sogenannten einfachen Leute zu deuten, und diese Momente findet man in der Musik und den aus dem Leben gegriffenen Texten von Willy Tea Taylor zuhauf. Getragene Balladen in Moll, mit viersaitiger Gitarre begleitet, in denen das vollbärtige Original seine Geschichten vom harten Alltag einer Krankenschwester, aus der Perspektive der vom Staat Abgehängten und Vergessenen, dem Leben seiner permanent alkoholisierten Großmutter und dem unsteten Musiker-Dasein seines Grandpas erzählt, von seiner Liebe zum Baseball und dem einfachen Leben im ländlichen Amerika. Taylors Songs sind in ihrer Erhabenheit herzergreifend, regen gleichsam Gemüt wie Verstand an und wollen doch nie predigen oder beklommene Betroffenheit heraufbeschwören, vor zuviel Moralinsäure bewahrt der ein oder andere Powerchord-Schrammler, die humorige Ansprache des in sich ruhenden Barden, der sich völlig uneitel über sein von einem skandinavischen Fan attestiertes Aussehen als schwedischer Troll amüsiert, über Kinderschnitzel auf deutschen Speisekarten feixt und sich mit erratischen Tanzeinlagen zu einer eigenen Uptempo-Nummer selbst nicht allzu ernst nimmt – und sollte die Tragik doch die Oberhand gewinnen, hilft immer noch ein kräftiger Schluck aus der „Writers Tears“-Flasche.
Der Akustikvortrag geriet bisweilen musikalisch höchst ansprechend, immer dann, wenn der mitgereiste, mittlerweile zwecks der Liebe in Hamburg ansässige Gitarrist Chandler Pratt im Duett sein filigranes und virtuoses Saitenspiel einbrachte – im Verbund zwei exzellent aufeinander eingespielte Folkies, die in der Vergangenheit gemeinsam auch in der Americana/Country-Band The Good Luck Thrift Store Outfit zugange waren.
Das eigene Songmaterial des rothaarigen Songwriters mit dem freien Geist und dem großen Herzen war in den beiden längeren Sets über jeden Zweifel erhaben, die Interpretation der Dylan-Nummer „Not Dark Yet“ ein gelungenes Unterfangen, das dem Original an Intensität in nichts nachstand, einzig der Griff in den Tom-Petty-Fundus war einer, der die Veranstaltung nicht weiter bereicherte.
Die essentielle, soziale Verwerfungen reflektierende wie musikalisch heute mehr denn je relevante, reine Lehre des Akustik-Folk kommt dieser Tage von Musikern wie Charlie Parr, Possessed By Paul James oder eben dem großartigen Willy Tea Taylor: Wer Ohren hat, der höre, alle anderen machen es sich in ihrer privaten Scheinwelt gemütlich und schmeißen den guten Geschmack mit dem Konsum von synthetischen Folk-Derivaten aus den Häusern Decemberists, Mumford und Söhne oder diesem unsäglichen Country-Swing-Genöle vom Nobelpreis-Faktotum über Bord.
God bless the Icedigger House und alle, die da gehen ein und aus: Ansässige, Konzertbetreiber, Gäste und Musikanten. Wie heißt es immer so schön zu derart erhebenden Anlässen: Thanks for having us, an diesem rundum gelungenen Privatkonzert-Abend.

Willy Tea Taylor tritt heute im Quarterdeck in Basel auf, in den folgenden Tagen spielt er seine exzellenten Folksongs zu diesen Gelegenheiten – do yourself a favour:

25.11.Zürich – Gotthard Bar
26.11.Dillenburg – Erbse
28.11.Husum – Speicher
30.11.Bremen – Schule 21
01.12.Hamburg – Monkeys

20 Watt Tombstone @ Mark Icediggers Home, Out Of Rosenheim, 2019-06-26

If the White Stripes, the Black Keys, and Left Lane Cruiser had an illegitimate love child with Lemmy while Hunter S. Thompson documented the whole torrid thing… you might get 20 Watt Tombstone.

Tom Jordan & Mitch Du’Quan Ostrowski aka Grand Master Oh To The Zee & Yellin‘ Reverend Meantooth rocked the house: Der Rosenheimer Konzert-Veranstalter Mark Icedigger bat am vergangenen Mittwochabend in die eigene Heimstatt zur Privat-Show des Heavy-Blues-Duos 20 Watt Tombstone aus Wasau/Wisconsin, zwecks gebotenem Einschwingen und mentalem Hochfahren auf Betriebstemperatur zum ab heute nachmittag anstehenden Raut-Oak-Fest wurde die Einladung vom handverlesenen Publikum mit Kusshand angenommen.
Einheizen musste an diesem brütend heißen Sommertag allerdings niemand mehr, bei abendlichen Außentemperaturen um die 30 Grad Celsius bot auch das ehemalige Wohnzimmer der Icedigger-Oma als Hauskonzert-Bühne keine wesentliche Abkühlung, zumal die beiden Musikanten mit ihrem brodelnden Gewerk nichts zur Entschärfung der klimatischen Situation beitrugen.
20 Watt Tombstone sind der geneigten Hörerschaft spätestens seit ihrer exzellenten „Death Blues vs. The Dirty Spliff“-Split-EP bekannt, die sie 2016 zusammen mit den beiden geistesverwandten Trailerpark-Trashern von Left Lane Cruiser veröffentlichten, und damit war die Marschrichtung der konzertanten Beschallung für die Veranstaltung im Groben abgesteckt: Hart angeschlagene Blues-Riffs, von Gitarrist Jordan mit Bottleneck-Slide scharf angerissen und Fuzz-dröhnend durch die Lautsprecher gepresst, vom plattgewalzten Pfad der reinen Bluesrock-Lehre wahlweise nach links und rechts ausscherend, mit vollem Einsatz hinein in zentnerschwere Stoner-Breitseiten, in zäh geronnene Noise- und Black-Metal-Zitate und schwungvolle Boogie-Moves, ein berstender, lärmender Kessel unter Hochdruck, vom Trommler Ostrowski stramm nach vorne gegroovt. Massiv eingekochter, dickflüssiger Hardblues mit der brachialen Schwere des Doom Metal und der zornigen Energie der amerikanischen DIY-Punk-Szene, unverstellt, unbehandelt und direkt auf den Rüssel geknallt, the real stuff aus den Tiefen des Raw Underground und des Deep Blues, schmutzig und mit abgeschrammten Kanten – wie das pralle Leben selbst: in den Songtexten kurze und prägnante Geschichten über hochprozentige Drinks, verschlampte Weiber und die Trottel und fiesen Arschgeigen aus dem näheren und weiteren Umfeld. American heavy trash at its best.
Wo die seit einem halben Jahrhundert abrockenden Jubilare von ZZ Top ihre Seele längst an den Kommerz, die Mainstream-Chart-Platzierungen und einen politischen Deppen wie den republikanischen US-Ex-Präsidenten George Walker Bush verkauft haben, geben 20 Watt Tombstone in rudimentärer Besetzung und mit einfachsten Mitteln den wahren Jakob für die Freunde der lauten und dreckigen, Blues-lastigen Gitarre, und selbst in Sachen Bart-Tracht müssen die Kameraden aus dem Mittleren Westen vor Billy Gibbons und seiner Texas-Bagage nicht zurückstecken.
Zu bedauern gab es am Mittwoch nur den Umstand, dass nach einer überschaubaren Handvoll an energischen Eigenkompositionen und einer nicht weniger intensiven wie beinharten Coverversion des Howlin-Wolf-Klassikers „Killing Floor“ bereits wieder Schluss war – zu einem Zeitpunkt, zu dem das Publikum unter den subtropischen Gegebenheiten den Blues in seiner erdrückenden, sumpfigen Südstaaten-Spielart genoss und auf weiteres Schwitzen und Biertrinken mit entsprechender Beschallung eingestellt war, beendete die Band das viel zu kurze Set, der schwergewichtige Gitarrist Tom Jordan war aufgrund seiner angeschlagenen Verfassung nach einer kürzlich überstandenen Gallenblasen-OP zu keiner einzigen weiteren Zugabe zu bewegen – die Auswirkungen der üppigen Ernährung der Amis und das marode Gesundheitswesen dieser großartigen Nation strahlten an dem Abend bis in die Suburbs von Rosenheim aus, ein Hoch auf die Globalisierung! Als verdiente Strafaktion für mangelnde Leistungsbereitschaft und Ausgleich zum exzessiven Burger- und Meatball-Genuss kündigte Veranstalter Icedigger reduzierte, spartanische Schonkost in Form von Kamillentee und einer Scheibe Knäckebrot zum kommenden Frühstück an, hoffentlich hat er seinen Worten Taten folgen lassen…

Den Nachschlag zum zeitlich etwas knapp bemessenen Haus-Gig von 20 Watt Tombstone gibt es bereits heute zu bester Show-Time gegen 20.00 Uhr beim bereits ausverkauften Raut-Oak Fest am Riegsee: wer Glück (und ein Ticket) hat, kommt, sagt Martina Schwarzmann, und für Gitarrist Jordan heißt es am Riemen reißen, Arschbacken zusammengepresst und durch, die Konkurrenz ist groß, und wer ROF-Geschichte schreiben will, muss liefern. Man sieht sich immer zweimal im Leben, so in ein paar Stunden vor großartiger Murnauer Berg-Kulisse im Blauen Land.

The Almost Boheme @ In The Attic Private Show, München, 2018-12-21

Like Calling Up Thunder: Der geschätzte Münchner Songwriter k.ill hat seinem Namen als Mörder alle Ehre gemacht und die für eine Weile begleitende Background-Sängerin, damit alle wie auch immer gearteten homöopathischen Soul-Einflüsse und in dem Zug einhergehend auch sogleich noch den Geist von Leonard Cohen über die Klinge springen lassen. In seinem neuen Outfit als One-Man-Band runderneuerte er den Sound seines Indie-LoFi-Projekts The Almost Boheme und lud zum Präsentieren und Antesten der neuen Klangwelten an zwei aufeinander folgenden Abenden in traute, handverlesene Runde.
Alles neu macht der Dezember (es ist Klimawandel, Baby, also vergiss den Mai): Neue Gitarre, neue Verzerrer, neue Fußtrommel inklusive Hi-Hat und Tamburin, komplett neuer Sound direktemang heraus aus der Schrammel-Garage, alles aus einer Hand und dazugehörigen Tretern, hört, hört. k.ill schrubbte die Saiten und bediente begleitend die Pedale in kurzen, vor allem kurzweiligen Gigs, zu einer Handvoll altbewährter Balladen und Indie-Pop-Sarkasmen im neuen LoFi-Noise-Gewand wie in der konzertanten Premiere zu einer Auswahl an aktuellen, mit intensiver Desert-Psychedelic durchdrungenen Entwürfen, es war ein höchst angenehm überraschendes Aha-Erlebnis des Umbruchs, was da an solistischem Musik-Entertainment in stilistischer Reformation auf dem konzertanten Laufsteg präsentiert wurde.
Wo in vergangenen Darbietungen der entschleunigte, nachdenkliche Crooner-Neofolk das Auditorium ergriff, glänzte k.ill/The Almost Boheme im neuen tonalen Ornat mit schroffem Saiten-Anschlagen inklusive unterschwellig verzerrt-dissonantem Nachhall – da schwebte in den intensivsten Momenten urplötzlich der Geist von Jeffrey Lee Pierce in den Dachbalken und der gute alte Fred Cole feierte Wiederauferstehung zum sich hochwürdig ins neue Klangbild einfügenden Dead-Moon-Cover „Out In The Blue“, inmitten der verwaschenen Lyrics aus dem Nebel der Lärm-Wallungen mit Reminiszenz an die frühen Jesus And Mary Chain, dem Fuzz-Dröhnen des Garagen-Punk und dem Nachschwingen des Wüsten-Uptempo-Blues vom Pierce-Schützenverein.
Ob das jetzt Säuberung im quasi-stalinistischen Kontext, revidierende Selbstkritik im Geiste der Kulturrevolution oder die Nummer mit der oft thematisch bemühten Neuerfindung war (gegen die ersten beiden Interpretationen spricht die exzellente kulinarische Versorgung vom Buffet wie das alkoholische Pendant aus der mittlerweile legendären Tiki Bar, approved through some great Raut-Oak- and Muddy-Roots-Celebrations), einerlei, das vehemente Aufbegehren gegen den Folk-Gleichklang verlangt in jedem Fall nach schleunigster Bannung auf Tonträger zur allseits gefälligen Verbreitung des „Fire Spirit“.
In dieser Form, mit derlei anregenden musikalischen Darbietungen wie kulinarisch/hochprozentiger Vollbedienung, darf eigentlich jedes Konzertjahr ausdampfen – das wird’s an Frontberichterstattung für heuer an der Stelle schwerstvermutlich gewesen sein, falls nicht noch unverhofft in der letzten Woche des Jahres was an beschallender Live-Erbauung reingegrätscht kommt – so wie die Cops zu fortgeschrittener Stunde in der Nacht von Freitag auf Samstag, angefordert aus der Nachbarschaft, der das nachfolgende, sehr feine, in erster Linie wohl etwas zu laute DJing die weihnachtliche Erholungsphase verhagelte. Dank auch dafür, endlich mal wieder so was wie ein Hauch von Subversion in diesem verschlafenen Millionendorf.

The man of many talents k.ill als The Almost Boheme bis dato auf zwei feinen Tonträgern, „Loss. man, woman, men & women“ (2013) und „Consecrations“ aus dem Jahr 2017, sowie als Radio-DJ beim Independent Subculture Radio Substanz.FM, jeden Montag um 19.00 Uhr mit der Sendung „Die gute Genesung. Eine Stunde, ein Motiv. Untergrund und Oberfläche“. Turn your Internetz-Radio on.

Bucky Halker @ Vintage Pub, München 2018-06-29

„Every year we waste enough to feed the ones who starve
We built our civilization up and shoot it down with wars“
(Woody Guthrie, Christ For President)

Die Konzerte im Giesinger Vintage Pub von Veranstalter Mike Nagl sind handverlesen, mit Liebe und Sachverstand ausgewählt, rar, exzellent und exklusiv für FreundInnen der handgemachten Musik aus den Sparten Folk, Bluegrass, Alternative Country und Country Blues, hier erstmalig dokumentiert zum dortigen, denkwürdigen Americana-Auftritt von Charlie Parr Anfang des Jahres. Vergangenen Freitag hatte Publican Mike mit dem amerikanischen Folk-Singer Bucky Halker einmal mehr einen besonderen und herausragenden Musiker auf der kleinen Bühne seiner mit viel Liebe und Sammlerleidenschaft eingerichteten irischen Kneipe im Homeland der Münchner „Löwen“ zu Gast.
In the Spirit of Woody Guthrie & John Steinbeck: Clark „Bucky“ Halker ist in Wisconsin am Lake Superior aufgewachsen, in seiner Jugend in den Sixties wurde er wie so viele herausragende Musiker von Nobelpreis-Bob über Jerry Garcia bis Billy Bragg vom Protest-Folk der Songwriter-Ikone Woody Guthrie nachdrücklich geprägt. Inspiriert von den sozialkritischen Statements, Song-Texten und Ideen des berühmten Antifaschisten aus Oklahoma entwickelte Halker mit den Jahren neben der Liebe zur Musik, zum Gitarre-Spiel und zum eigenen Lieder-Schreiben ein ausgeprägtes politisches Interesse für die amerikanische Geschichte, insbesondere für die Historie der Arbeiter-, Gewerkschafts- und Protest-Bewegungen der Vereinigten Staaten, die Verwerfungen der „Great Depression“ in den Dreißigern und die Repressionen der McCarthy-Ära wie die Thematisierung dieser Ereignisse in der Literatur von Autoren wie Steinbeck und Dos Passos und im Songwriting heute noch bekannter Blues- und Folk-Musiker wie längst vergessener oder nur jenseits des großen Teichs geläufiger Namen aus der Tondichter-Gilde der frühen amerikanischen Sub-/Underground-/Working-Class-Kultur.
Bucky Halker engagiert sich seit Jahrzehnten für den Erhalt des musikalischen und geistigen Erbes Woody Guthries, durch eigene Forschungen, im musikalischen Vortrag, als Vorstands-Mitglied der Woody Guthrie Foundation in New York City, der Illinois Labor History Society in Chicago und als Fellow des 2009 verstorbenen Folkloristen Archie Green im American Folklife Center der Library Of Congress. An der University Of Minnesota hat Halker zum Thema „US Labor History“ promoviert. Seit Mitte der achtziger Jahre ist er als College-Lehrer, freier Wissenschaftler und Forscher tätig und nimmt regelmäßig Alben mit eigenen Folk- und Blues-Songs und Coverversionen alter Protest-Lieder auf.
Dass da am Freitag jemand auf der Bühne stand, der seine Nase gründlich in die maßgeblichen Bücher gesteckt hat, den relevanten Kanon des amerikanischen Folk-Protests aus dem Effeff kennt, und dementsprechend weiß, wovon er spricht und singt, wurde schnell offensichtlich im unaufgeregten und äußerst sympathischen Vortrag des Musikers und Historikers aus dem Mittleren Norden der USA, der die Song-Sammlung seiner drei längeren Sets informativ und mit Anekdoten aus dem eigenen wie dem Leben der altvorderen Songwriter-Legenden gespickt, zwischen ernsthafter politischer Auseinandersetzung und geistreichen Anmerkungen mit feinem Humor begleitete, fernab jeglicher mit erhobenem Zeigefinger angedienter, dröger Altlinken-Belehrungen.
Den ausgewählten Guthrie-Stücken wie „Hobo’s Lullaby“ oder „Do Re Mi“ drückte Halker untrüglich einen eigenen Stempel als beseelte, Herz- und Verstand-anrührende Folk-Nummern mit filigranem Wandergitarren-Spiel auf, so auch weiterem exzellent ausgewähltem und gespieltem Fremdwerk wie „Pancho And Lefty“ vom großen Townes Van Zandt, dem Klassiker „Joe Hill“ über den 1915 nach umstrittenem Gerichtsverfahren in Salt Lake City hingerichteten Hobo, Gewerkschafts-Aktivisten und Songwriter Joseph Hillström, dem frühen Dylan-Großwurf „Girl From The North Country“ und Blues-Songs von Ledbelly und J. B. Lenoir, die sich zu einem stimmigen Gesamtkonzept im Kontext der Feldforschungen zur US-Musikgeschichte und der Tradition amerikanischer Folk-, Protest- und Arbeiterlieder formten, nicht zuletzt selbstredend durch eigene Song-Perlen aus der Feder des musizierenden Aktivisten und Wissenschaftlers bereichert und ergänzt, etwa der wunderbar getragenen Ballade über den völlig in Vergessenheit geratenen Country-Preacher T. Texas Tyler – „What a great name for a country musician“, wie Bucky Halker völlig richtig in einer seiner vielen erklärenden Einführungen anmerkte.
In einer der beiden kurzen Pausen ergriff passend zur Thematik des Abends der „Löwen“-Fan, Neffe des legendären 1860-Stürmers Schorsch Metzger und – in dem Rahmen zuvorderst – Neu-MdB Michael Schrodi von der SPD das Wort, und vermittelte erste Eindrücke über die gewonnenen Erfahrungen seiner Bundestags-Arbeit, dabei warnte er eindringlich vor dem anti-demokratischen Agitieren und der völlig destruktiven Parlamentsarbeit der rechts-nationalen AfD, dem geistigen „Asyl für Deppen“, wie Christoph „Stofferl“ Well tags darauf andernorts zu dem Thema noch so treffend anmerken sollte.
Gegen Ende der ausgedehnten, ergiebigen und wiederholte Male schwer ergreifenden Folk/Blues/Country/Swing-, Polit- und Historien-Veranstaltung griff Wirt Mike Nagl zur Mandoline und unterstützte Bucky Halker im Duett bei einer schwungvollen Interpretation der von zahlreichen MusikerInnen gecoverten Woody-Guthrie-Nummer „Ain’t Got No Home“, der Mann weiß nicht nur, wie man erlesene Konzerte organisiert und eben solche Whiskeys kredenzt, er weiß auch, wo sich die richtigen Töne auf den Saiten seines Lauteninstruments verstecken.
Der Künstler sagt gegen Ende des Konzerts gemeinhin gerne „Thanks For Having Me“, bei einem Vintage-Pub-Auftritt in Giesing gilt indes einmal mehr: A Big Thank You an den großartigen Mike Nagl, dass er den großartigen Bucky Halker in einnehmender, familiärer Atmosphäre in seinem feinen Lokal präsentierte, uns dabeihaben mochte, und darüber hinaus mit fester und flüssiger Verköstigung nicht geizte. In diesem Sinne: A Working Class Hero Is Something To Be.

Bucky Halker spielt am 7. Juli auf dem Rudolstadt-Festival für Roots-, Folk- und Welt-Musik, Freiligrathstraße / Straßenmusik-Bühne, 23.00 Uhr.

Bucky Halker / Homepage

Wayne Graham @ Bergschmiede, München, 2017-05-19

Gezaubert haben sie wieder, die Katrin Klien eine lecker Verköstigung, ihr werter Gatte Eike vom Klienicum-Blog bei der Auswahl und dem Engagement der Musikanten, Bergschmiede-(ex-Atelier-gUT/ex-Bienenorden)Betreiber Denis Stepanovic bei der Logistik am Austragungsort, Lichtkünstler Robbl Klein mit der wunderschönen Illumination und zuforderst die konzertant Vortragenden selbst – die Brüder Kenny und Hayden Miles aus Whitesburg/Kentucky, die ihr Duo nach den Vornamen der beiden Großväter benannten, machten im Rahmen ihrer laufenden Tournee am vergangenen Freitagabend auch im Regenwolken-verhangenen Sendling Halt und brachten Sonnenstrahl in die Herzen der geneigten Hörerschaft mit einer exzellenten Darbietung ihrer Americana-, Alternative-Country- und Folk-Spielart und dezenten, wunderbar unaufdringlich eingestreuten Appalachen-Roots-Musik-Zitaten.
Weniger ist oft mehr, so auch am Freitagabend in den Atelier-Räumlichkeiten der Bergschmiede, ein tiefentspannter Taktgeber Hayden Miles am spartanischen Drum-Kit und sein Bruder Hayden als versierter Akustikgitarren-Picker mit einschmeichelndem Sangesvortrag haben an dem Abend – und schwer-vermutlich zu jeder anderen Gelegenheit auch – den Dreh gefunden, wie mit reduzierter Instrumentierung, entsprechender musikalischer Sozialisierung und Versiertheit in der Präsentation das aufmerksam lauschende Konzertgänger-Volk in kürzester Zeit in gebannte Andacht zu versetzen ist, die uralt anmutende Balladen- und Songwriter-Kunst und die erzählten Geschichten aus dem familiären Umfeld der jungen Männer aus dem Bluegrass State erhielten durch eine beseelte, grundsolide wie stimmige und sämtliches Extrovertierte aussparende Darbietung ihren zeitlosen Charakter.
Wer mit „Drifters Wife“ vom geschätzten J.J.-Cale-Album „Grasshopper“ und dem Klassiker „Fish and Whistle“ vom hochverehrten John Prine in der Setlist aufwartet und diese Nummern dann auch in der gebührenden Würde und mit eigener Note versehen formvollendet und respektvoll zum Vortrag bringt, liegt in der Publikumsgunst weit vorne, wenn dann wie bei Wayne Graham das eigenkomponierte Werk etwa vom aktuellen „Mexico“-Tonträger von ebensolcher Güte zeugt, dann darf man getrost von einer mehr als gelungenen Abendveranstaltung sprechen.
Und sollte es bei Herrn Tweedy hinsichtlich Ideenvielfalt, beherztem Vortrag und einnehmendem Songwriting weiterhin so arg klemmen wie zuletzt auf den jüngsten Wilco-Schlaftabletten im Tonträger-Format, die hochsympathischen Gebrüder Miles würden gewiss mit dem ein oder anderen gut gemeinten Rat und Kreativitäts-förderndem Betriebsgeheimnis ums Eck kommen, nachfragen im ländlichen Kentucky kann dahingehend in keinem Fall schaden…
(*****)

Very special thanks an Katrin Klien für die Verpflegung, an Missmoremusic Sophie Hartmann für den Videomitschnitt und last but not least to my very good friend k.ill/Klaus Ilg/The Almost Boheme für die technische, Chaos-mildernde Spontan-Hilfe.

Wayne Graham spielen dieser Tage live zu folgenden Gelegenheiten:

24.05.Gunzenhausen – Caymanbar
25.05.Bregenz (AT) – Tankstelle
26.05.Basel (CH) – Markthalle
27.05.Luzern (CH) – Gewerbehalle
31.05.Nürnberg – K4
01.06.Gießen – Ulenspiegel
03.06.Beverungen – Orange Blossom Special
04.06.Saalfeld – Klubhaus/Hoher Schwarm