Heavy Metal

Earth Tongue + Ippio Payo @ KAP37, München, 2018-10-04

Auftakt nach der Sommerpause zur musikalischen Herbstsaison im KAP37 mit einer Premiere des Münchner KiwiMusic-Veranstalters Christian Strätz, der erstmals zusammen mit den SchaufensterKonzert-Organisatoren Angelique Viehl und Christian Solleder ein sehens- und hörenswertes München-/Neuseeland-Doppelpack in den Räumlichkeiten der Nachbarschaftshilfe Westermühlbach an den Start brachte.

Den ersten Teil des Konzertabends bespielte der hochgeschätzte, in zahlreichen Münchner Formationen wie The Grexits, Zwinkelman oder Majmoon maßgeblich involvierte Musiker und rührige Maj-Musical-Monday-Organisator Josip Pavlov mit seinem Postrock-Solo-Outfit Ippio Payo, an dieser Stelle wahrlich kein Unbekannter, da bereits des Öfteren verdientermaßen gebührend gewürdigt. Erst vor knapp einem Monat beim „Ois Giasing!“-Stadtteil-Fest zugange und genossen, hat Pavlov seinen One-Man-Gitarren-Postrock in der Zwischenzeit weiter erkennbar mutieren und neue Ideen in das instrumentale Gewerk vom Debütalbum „All Depends On Nature“ wie in neueren Kompositionen einfließen lassen, im Geiste einer permanenten Weiterentwicklung des ureigenen experimentellen Ansatzes driftete das Ippio-Payo-Klangbild am Donnerstagabend in einen gesangsfreien Post-Progressive-/New-Wave-Rock, der mittlerweile auf dem hohen Level der besten King-Crimson-/Robert-Fripp-Arbeiten der frühen Achtziger angelangt ist. Wo der englische Experimental-Rock-Großmeister seit jeher seine Stamm-Combo, versierte Musiker-Kollegen oder das mehrköpfige Gitarristen-Orchester seiner League Of Crafty Guitarists bei der Einspielung der komplexen Kompositionen in Anspruch nahm, gestaltet Josip Pavlov im Do-It-Yourself-Ansatz seine hypnotischen Klangskulpturen alleine aus einer Hand, mit live eingespielten Rhythmus-Gitarren-Loops, übereinander gelegten Klang-Schichten zwischen Ambient-Drones und repetitiven Riffs, begleitenden Melodie-Bögen und experimentellen, schroffen und dissonanten Saiten-Übungen. Sich dem Bann des Trance-haften Gitarren-Flows zu entziehen, war einmal mehr ein so gut wie unmögliches Unterfangen, im Zusammenwirken mit der Klang-erweiternden Behandlung des Gitarren-Pedalboards und gesampelten Sound-Trips, dem erstmals so erlebten Integrieren eines Daumenklaviers und Takt-gebenden Feedback-Erzeugen via Verstärker-Kabel zauberte Ippio Payo nahezu rauschhafte Glückszustände in den Saal, fernab des Gottlob bald überstandenen Oktoberfest-Ausnahmezustands in dieser Stadt, und bei Bedarf sogar völlig Alkohol-frei.
Ein profilierter Ausnahme-Musiker wie Josip Pavlov ist mit diesen ausgewiesenen Fertigkeiten, diesem Talent und Ideen-Reichtum für ein halbstündiges Vorprogramm fast schon verschenkt, nicht wenige im Saal hätten sich zu der Gelegenheit sicher noch gerne länger im steten wie gleichsam stets hochspannenden Post-/Progressive-Rock-Fluss des Münchner Klangforschers verloren.
Die nächste Gelegenheit zu ähnlichen konzertanten Erbauungen steht bereits ins Haus: Ippio Payo tritt am 20. Oktober zusammen mit dem Licht-/Video-Künstler Gene Aichner aka Genelabo im Rahmen des Taxi Salons auf, gemeinsam werden Pavlov und Aichner ihr exzellentes audio-visuelles Projekt NAQ/Nobody Answers Questions aufführen. Import/Export, München, Schwere Reiter Straße 2, Einlass 18.00 Uhr.

Im zweiten Teil des Abends bespielte das junge neuseeländische Indie-Duo Earth Tongue mit einem kurzen und intensiven Auftritt den bis dato wohl lautesten Gig der mittlerweile mehrjährigen KAP37-Konzerthistorie. Gitarristin/Sängerin Gussie Larkin und Drummer/Sänger Ezra Simons gingen vom Start weg unvermittelt in die Vollen, nahmen in den knapp bemessenen 45 Minuten keine Gefangenen und ließen mit dröhnenden Gitarren und wuchtigem Getrommel keinen Zweifel an der eigenen Rock-musikalischen Prägung. Wo sich in den Studio-Aufnahmen der Band aus Wellington nicht zu knapp stilbildende Elemente aus Space-Rock und kosmischem Trance finden, durfte die psychedelische Komponente in der konzertanten Präsentation der beiden allenfalls die zweite Geige spielen, unüberhörbar war die eingehende Auseinandersetzung der blonden Gitarristin mit vermutlich jedem einzelnen dröhenden Gitarren-Riff, das Tony Iommi in seinem halben Jahrhundert auf dem Buckel als Black-Sabbath-Leader jemals durch die Lautsprecher wuchtete – der Tonkunst des Duo würde man mit diesem vehementen Doom-Metal-Ansatz indes nicht vollumfänglich gerecht werden, würde man es als pures Epigonentum abstempeln. Die Band verstand es einnehmend, den Urmeter des Heavy Metal mit geerdeter Stoner-Rock-Härte, sporadisch gezündeten Progressive- und Acid-Rock-Nebelkerzen, den erratischen, kehligen Brüll- und Groll-Attacken von Trommler Simons als Reminiszenz an den Death Metal und Gussie Larkins Sirenen-Gesang zu verweben, einer latent leiernden, verhallten und leicht entrückten Sangeskunst, die dann letztendlich doch über der Soundwand schwebend die Sixties-Psychedelic zum Blühen brachte.
Zur eigenen Kontemplation und Pausen-gewährenden Erholung der Gehörgänge des Publikums schalteten Earth Tongue dann und wann in einen melodischeren Indie- und Grunger-Modus, zu dieser Genre-übergreifenden, flächendeckenden Beschallung war durchaus Staunen angebracht über den dichten und voluminösen Sound, den die beiden jungen Underground-Künstler von Down Under mit ihren gerade mal zwei Instrumenten in den kleinen, feinen KAP-Saal zauberten. Mehr als gelungener Einstand des Duos bei ihrem allerersten München-Gig, zu dem sich Gitarristin Gussie Larkin zur Krönung des Abends obendrein mit Geburtstags-Glückwünschen zum Wiegenfest vom Publikum besingen lassen durfte.
Bedauerlich, dass nach einer dreiviertel Stunde inklusive einer einzigen Zugabe bereits der Feierabend von Earth Tongue im KAP37 eingeläutet wurde, das Repertoire der jungen Formation gab nicht mehr Stoff her für weitere Bedröhnung, die der Hörerschaft gewiss kein Knurren des Missfallens entlockt hätte. So bleibt die freudige Erwartung auf den ersten Longplayer der Band mit geplanter Veröffentlichung Anfang des kommenden Jahres und die Hoffnung auf eine Wiederkehr von Larkin & Simons ins Isardorf zur Live-Promotion des Tonträgers.
Da hat er alles andere als gekleckert, der Christian Strätz, mit dem ersten Streich seiner konzertanten New-Zealand-Oktober-Veranstaltungen, die am 18. Oktober im Münchner Zwischennutzungs-Projekt Köşk fortgesetzt werden, mit Auftritten des Duos Astro Children und der One-Woman-Soloperformance von Millie Lovelock aka Repulsive Woman aus Auckland. Schrenkstraße 8, Einlass 19.00 Uhr, Beginn 20.30 Uhr. Be there!

Earth Tongue sind im Oktober im Rahmen ihrer Europatournee noch zu folgenden Gelegenheiten in unseren Breitengraden zu sehen:

13.10.Kiel – Alte Mu
17.10.Dortmund – Rekorder

Das nächste SchaufensterKonzert im KAP37 steigt am 15. November, kein Geringerer als the beloved, unparalleled and enlightened Wanderprediger und One-Man-Band-Kellergospler Dirk Otten aka The Dad Horse Experience wird sich die Ehre geben, den Gott-gefälligen Pfad beschreiten und Absolution erteilen. München, Kapuzinerstraße 37, 20.00 Uhr.

Eine Kerze für „Fast“ Eddie Clarke

Haben alle, die es interessiert oder betroffen machte, sowieso schon mitgekriegt, muss an der Stelle trotzdem würdigend erwähnt werden: „Fast“ Eddie Clarke, der Gitarrist des klassischen Motörhead-Lineups, ist am Mittwoch im Alter von 67 Jahren in einem Londoner Hospital an den Folgen einer Lungenentzündung verschieden. Er war zusammen mit Lemmy Kilmister und „Philthy Animal“ Taylor an allen relevanten Alben der englischen Heavy-Metal-Institution vom Debüt im Jahr 1977 bis zum „Iron Fist“-Album beteiligt, mit dem Sound der letztgenannten Aufnahmen war er seinerzeit nicht glücklich, was 1982 zu seinem Ausstieg bei der Band führte. Nach dem Dahinscheiden von Kilmister und Taylor im Jahr 2015 war Clarke der letzte Überlebende des legendären Trios.
Er war jedoch nicht – wie gerne kolportiert wird – der erste Motörhead-Gitarrist, diese Ehre gebührt dem Engländer Larry Wallis, der auf den 1976 entstandenen, erst 1979 veröffentlichten „On Parole“-Einspielungen zu hören ist und kurz nach den Aufnahmen von Eddie Clarke ersetzt wurde.
Nach seinem Abgang bei Motörhead formierte Clarke mit dem UFO-Bassisten Pete Way die britische Hardrock-Band Fastway. In seinen letzten Lebensjahren ist der Gitarrist musikalisch zu seinen Blues-Wurzeln aus den frühen Siebzigern zurückgekehrt.

The Black Dahlia Murder + Pighead @ Kranhalle, München, 2017-07-03

Massiver Voll-auf-die-Ohren-Doppelpack zum Wochenauftakt in der Münchner Kranhalle: Am vergangenen Montag gaben sich zwei Vertreter der härteren Gangart im Feierwerk-Areal die Ehre, ohne großes Warten und Vorabgeplänkel ging es direktemang zur angekündigten Anstoß-Zeit in die Vollen mit der Berliner Combo Pighead, die tonale (?) Kunst des Quartetts nennt sich „Brutal Death Metal“, vielleicht am ehesten als Crossover aus dem Surf-Trash der Suicidal Tendencies mit beinhartem Hardcore-Punk und dem brachialen Grindcore-/Death-Metal-Zeug der frühen Earache-Records-Bands zu skizzieren, mit durchgehend gutturalem Gröhl-Gesang begleitet vom durchtätowierten, durchtrainierten Frontmann Phil, der formvollendet als geborene Rampensau den Metal-Henry-Rollins gab – strammer, energiegeladener Auftritt, als Abend-Eröffner für eine halbe Stunde von hohem Unterhaltungswert und somit durchaus ansprechend.
Wie heißt es in der Fisherman´s-Friend-Werbung so schön: „Sind sie zu stark, bist Du zu schwach!“. In diesem Sinne…
(****)

Der bis heute ungeklärte Mord an der 22-jährigen Amerikanerin Elizabeth Short im Jahr 1947 in Los Angeles ist als „Black Dahlia Murder“ in die US-Kriminal-Historie eingegangen, Hardboiled-Gigant James Ellroy hat später einen seiner wuchtigsten Romane über den Fall als Auftakt seiner grandiosen L.A.-Quartet-Serie geschrieben. 2001 haben sich fünf junge Brüller in Waterford/Michigan zusammengetan, um unter diesem Namen eine Metal-Combo zu gründen, die Band hat mittlerweile sieben Studioalben veröffentlicht und zahlreiche personelle Umbesetzungen hinter sich, von der Stammformation sind nach wie vor der gewichtige Frontmann Trevor Strnad und Rhythmus-Gitarrist Brian Eschbach am Start, und die haben im Verbund mit den drei neuen Mitmusikanten im Hauptteil des Doppelpacks über gute 75 Minuten einen heftigen Orkan ihrer als „Melodic Death Metal“ bezeichneten Krach-Offensive über die Kranhalle hereinbrechen lassen. Der „Gesang“ Strands mag in den höheren Tonlagen ab und an nicht nur durch Mark und Bein, mitunter auch gehörig auf den Zeiger gehen, dem Wechsel in die kehligen Growls wohnte etwas Erlösendes inne, das „Melodic“ im Tempo-gesteigerten Death Metal der Amis sucht man in den meisten Passagen auch vergeblich, anyway, für altgediente Carcass-, Hardcore- und Speedpunk-Freunde war’s nichtsdestotrotz eine spaßige Sause zum Durchpusten der Gehörgänge, für den Metal-Nachwuchs ohnehin, inklusive großartiger Publikumsbeteiligung am Entertainment durch ausgiebiges Headbanging, Stagediving, Mosh-Pit-Slaming und Konzertbesucher-über-Kopf-durch-die-Halle-weiterreichen. Der Saal hat gekocht, gleichsam vor Energie geborsten, vom Startpunkt weg, strahlende Metaller-Augen und beseeltes Grinsen allerorten, insofern können The Black Dahlia Murder bei ihrem jüngsten München-Gig nichts Grundlegendes verkehrt gemacht haben. Und im Vergleich zu den experimentellen Spielarten des Metal-Genres, wie sie etwa von Bands wie Sumac oder Sunn O))) aktuell dargereicht werden, ist es letztendlich sowieso leicht zu konsumierender Pop… ;-)))
(**** – **** ½)

Saxon + Phil Campbell And The Bastard Sons @ Backstage, München, 2016-12-06

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Jahrzehntelang Gitarrist bei Motörhead, jahrein-, jahraus nonstop durch die Lande touren, dazwischen als mehr oder weniger einzige Auszeit ein Abstecher ins Aufnahmestudio, und dann stirbt einem zwar nicht völlig unerwartet, aber doch recht plötzlich der Chef weg. Phil Campbell hat sich nicht lange im kreativen Loch aufgehalten und den eigenen Nachwuchs für neue Abenteuer rekrutiert, was die Campbell-Junioren an guter Kinderstube hinsichtlich alten Damen die Türe aufhalten, freundlich grüßen plus schulischer Leistungen so mitbringen, interessierte an der Stelle nicht, hinsichtlich Fruchten der musikalischen Frühförderung kann sich der olle Phil im Bezug auf die eigene Brut nicht beschweren, die drei jungen Männer lieferten mit Vattern und dem Sänger Neil Starrs eine honorige Vorstellung zum Auftakt des lauten Abends am vergangenen Dienstag im Münchner Backstage. Raus aus der Komfortzone: wo der Waliser Campell an der Seite von Lemmy Kilmister in den vergangenen 30 Jahren stets den krönenden Abschluss des jeweiligen Brachial-Abends bespielte, gibt er derzeit mit den Seinen mit schmalem Equipment den Anheizer im Saal.
Mangels Fülle an eigenem Material bediente sich das Quintett vorwiegend und naheliegend im reichhaltigen Motörhead-Fundus, Nummern wie „R.A.M.O.N.E.S.“, „Killed By Death“ und das obligatorische „Ace Of Spades“ stießen beim Publikum selbstredend auf offene Ohren, Hirnzellen-vernichtendes Headbangen und den ein oder anderen in die Luft gereckten Teufelsgruß. Die Anfrage „Do you want to hear a Motörhead-Song?“ an die vollgefüllte Werk-Halle des Backstage war nicht überraschend eine rein rhetorische. „Spiders“ aus der eigenen Feder unterlegte die Band mit einer feinen Hard-Blues-Note, im „Sweat Leaf“-Klassiker von Black Sabbath konnte Frontmann Starrs sein vermutlich nicht zuletzt durch Körpermasse bedingtes, wuchtiges und schwer beeindruckendes Stimmvolumen ausleben, und mit dem Hawkwind-Space-Prog-Hit „Silver Machine“ brannte die Band in Erinnerung an die verstorbenen Musikergrößen des vergangenen Jahres ein energiegeladenes, beschwingt abrockendes Feuerwerk ab.
Phil Campbell mit gewohnt schneidenden, wuchtigen, locker aus dem Handgelenk gespielten Gitarrensoli, eine treibende Rhythmuscombo aus dem eigenen Stall, die ohne großen Firlefanz den guten alten Hardrock in ihrer ölverschmierten, straßentauglichen Herrlichkeit durch die Boxen wuchtete, und ein Sänger, der in dem Genre zweifellos seinen Weg machen wird, ergaben gute 40 Minuten mit bestem Heavy-Entertainment, an dem es nix rumzumäkeln gab. Und das mit den Eigenkompositionen wird auch noch…
(**** ½)

„The New Wave Of British Heavy Metal“ ist mittlerweile gut in die Jahre gekommen, leise oder gar langweilig ist die Nummer deswegen noch lange nicht, wie zuletzt die Kollegen von Iron Maiden mit ihrem hörenswerten „Book Of Souls“-Doppelalbum oder eben auch die Mannen von Saxon als Headliner des vergangenen Mittwochabends im 39. Jahr ihres Bestehens im Backstage eindrucksvoll unter Beweis stellten. Knappe 110 Minuten geballte Metal-Power der britischen 80er-Jahre-Schule brachten die Stimmung der Fans im vollgepackten Saal zum Kochen, groß war die Freude der Anhängerschaft, die Band nach vielen Jahren im Vorprogramm von Kilmister und Co. endlich wieder über die volle Distanz zu erleben, Silbermähne und Sympath-Mann Biff Byford, neben Gitarrist Paul Quinn einziges verbleibendes Bandmitglied der Urbesetzung, und seine Sachsen aus dem nordenglischen Barnsley (Achtung, Fußballfans: Lars Leese, „Der Traumhüter“, you know) ließen an dem Abend keine Wünsche offen hinsichtlich treibender Gitarren-Wucht, Laune-machendem Hardrock-Entertainment und Zelebrieren der eigenen, ellenlangen Historie, wo das aktuelle Material des jüngsten Tonträgers „Battering Ram“ (2015, UDR Music) durchaus gefiel, aber nicht zwingend zu Begeisterungsstürmen hinriss, kannte die Euphorie der altgedienten Saxon-Freunde bei bewährten Bandklassikern wie „And The Bands Played On“, „Never Surrender“, „747 (Strangers In The Night)“, dem ergreifenden „Power And The Glory“ oder dem finalen Konzerthöhepunkt „Princess Of The Night“ keine Grenzen mehr, da ist in Reminiszenz an die eigene, längst vergangene Jugend das Moped nochmal auf den Landstraßen vor dem geistigen Auge vorbeigebrettert, und nicht nur Mr. Campbell hatte an dem Abend den Nachwuchs in Begleitung, der eigene war auch zugegen, und höchstselbst erneut sehr angetan vom Werken der altgedienten Metal-Recken aus dem hohen Norden. „Ninety Tons Of Thunder, Lighting Up The Sky“, eh klar… ;-)))
(**** – **** ½) Animationsgrad der Gesellschaft im Saal, Stimmung Hilfsausdruck  (******)

Reingelesen (40)

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„Vor Ihnen liegt ein grandioses Buch, das beweist, dass das Leben spannend und dramatisch, aber auch tückisch und geheimnisvoll sein kann. Detlef hat es gelebt, hat agiert und reagiert. Er weiß heute, wovon er spricht. Man sollte ihm zuhören. Experto credite! Sein unbeugsamer Wille führte in die Heimat.“
(Dieter Beutel, in: Detlef Kowalewski,  Zur Hölle, Opposite Editorial)

Detlef Kowalewski – Zur Hölle – Kohle, Knast & Rock ’n‘ Roll (2015, Edition Steffan)

Vermutlich nichts für zartbesaitete Gemüter und mitunter auch wenig Erbauendes für literarische Feinschmecker, dafür jedoch eine an die Nieren gehende Beichte aus dem prallen Leben eines ehemaligen Heavy-Metal-Musikers und Drogenkuriers: Detlef Kowalewski verspricht nicht zuviel mit seinem griffigen Titel, auf 192 Seiten dokumentiert der Mann aus dem Rheinland sein wildes und an Dramen nicht eben armes Leben.
Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig, er erinnert eher an Interview-artige Statements und auf das Wesentliche reduzierte Aussagen, wie sie in Dokumentarfilmen zum Einsatz kommen, weitab von ausgefeilten Formulierungen, ein Ghostwriter wäre vielleicht eine Option gewesen, andererseits passt der Stil in seiner Stakkato-artigen Rhythmik zur Härte des Stoffs, bei der unter die Haut gehenden eigenen Vita redet Kowalewski Klartext und beschönigt nichts.

Im Musik-Business lief es für Kowalewski zunächst optimal, er hatte Erfolg als Diskotheken- und Hallenbetreiber, Konzertveranstalter und Gitarrist der deutschen Metal-Band High’n Dry, die in den achtziger Jahren unter anderem auch im Vorprogramm der britischen Heavy-Giganten Iron Maiden und bei Roger Chapman And The Shortlist zu sehen waren, irgendwann – wie bei so vielen Musiker-Schicksalen – lockte die Droge zur Leistungssteigerung und zur Entspannung, und so wurde das weiße Pulver zum ständigen Begleiter.
Der vielversprechenden Rockstar-Karriere wurde abrupt ein Ende gesetzt durch seine Verhaftung wegen Kokain-Besitz, während seines Aufenthalts im Kölner „Klingelpütz“ lernte er den RAF-Top-Terroristen Stefan Wisniewski kennen, der im Gefängnis der Domstadt wegen seiner Beteiligung an der Entführung und Ermordung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer einsaß.
Kowalewski gelang als erstem Insassen überhaupt der Ausbruch aus dem rheinischen Hochsicherheits-Gefängnis, auf seiner Flucht tauchte er in Amsterdam mit seiner Familie unter, wurde in Holland erneut verhaftet und im angeblich sichersten Gefängnis Europas im nord-niederländischen Horn verwahrt, auch diese Gefängnismauern konnten ihn nicht halten.
Mit Hilfe eines Segelschiffs und einer zusammengetrommelten Crew verließ er daraufhin den Kontinent, überquerte den Atlantik und tauchte in Brasilien unter, wo er vom kolumbianischen Cali-Kokain-Kartell bedroht und zu Kurierfahrten erpresst wurde, am Weihnachtstag 1991 endet eine dieser Aktionen für Detlef Kowalewski am Flughafen in Rio in den Fängen der Federales, für ihn begann damit ein über dreijähriger Höllen-Trip durch die Vollzugsanstalten Brasiliens, die albtraumhaften und erschütternden Schilderungen seiner größtenteils menschenunwürdigen Erfahrungen in diesen mit keinerlei europäischen Standards vergleichbaren brasilianischen Gefängnissen nehmen den Hauptteil der biografischen Schrift des ex-Musikers ein und verlangen beim Leser eine gewisse Abgebrühtheit gegenüber unappetitlichen Beschreibungen, die Vertrautheit mit dem amerikanischen Hardboiled-Krimi-Genre, Clive-Barker-Horror oder weniger zartbesaiteteren Autoren wie Bukowski, Selby, Ellroy ist von Vorteil, der Stoff ist für Feingeister denkbar ungeeignet. Wer davor nicht zurückschreckt, sollte unbedingt einen Blick in das Buch werfen, die Schilderungen über die Zustände in südamerikanischen Haftanstalten aus erster Hand sind authentisch, unvermittelt und unter die Haut gehend.

„Die Irren schrieben von jedem den Namen auf ein Stückchen Papier, knüllten es zusammen und warfen es in einen Eimer. Dann zogen sie fünf Namen wieder heraus. Wie Geisteskranke fielen sie mit Messern über die Fünf her, deren Namen gezogen wurden. Ob das jemand überlebt hat, weiß ich nicht, ich glaube nicht. Ich hatte mir dabei vor Angst in die Hosen geschissen. Zweimal musste ich diesen Terror durchhalten.“
(Detlef Kowalewski, Zur Hölle, Zombiezeit, Hungerstreik und die Rückkehr nach Köln)

Mitte der neunziger Jahre wurde Kowalewski in Folge diverser Gesuche nach Deutschland abgeschoben und saß hier den Rest seiner Haftstrafe ab. Heute ist er als erfolgreicher Geschäftsmann im Tätowierer-Gewerbe tätig.
Während der Arbeiten am Buch meldete sich Dieter Beutel bei ihm, er hat Detlef Kowalewski im Rahmen seiner Tätigkeit als Hauptkommissar bei der Kripo Köln seinerzeit das erste Mal verhaftet, es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden Männern, Beutel hat für das vorliegende Werk das Vorwort – oder „Opposite Editorial“, wie er es nennt – verfasst.
Über die stilistisch-literarische Qualität der Dokumentation mag man sich streiten, ein wertvoller Beitrag zur Aufklärung über die Irrwege und die mitunter tödlichen Abgründe der Drogen-Kriminalität ist „Zur Hölle“ von Detlef Kowalewski ohne Zweifel.

„Zunächst waren wir froh, jemanden kennengelernt zu haben der sich im Land auskannte. Aber dann stellte sich ziemlich schnell heraus, dass es grundsätzlich verkehrt ist, sich mit Deutschen im Ausland einzulassen. Mit anderen Worten: „Hüte Dich vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind.““
(Detlef Kowalewski, Zur Hölle, Die Atlantiküberquerung)

Detlef Kowalewski wurde 1958 in Haan/Mettmann (Nordrhein-Westfalen) geboren, die Jugend und Schulzeit hat er in Dormagen bei Köln verbracht, dort ging er auch beim Bayer-Konzern als Chemiker in die Lehre. Ende der achtziger Jahre formierte er die Heavy-Metal-Band High’n Dry, die beim Major-Label EMI einen Plattenvertrag erhielt. 1988 veröffentlichte die Band das Album ‚Hands Off My Toy‘, es folgen Auftritte im Vorprogramm von Iron Maiden, Roger Chapman, Hermann Brod und The Cross, dem Seitenprojekt des Queen-Drummers Roger Taylor. In Köln gründete Kowalewski das ‚Empire‘, in dem ein Live-Club, Proberäume für Musiker und ein Sportcenter untergebracht waren.
1989 wird er wegen Drogenhandel verhaftet. Eine Odyssee aus Ausbrüchen, erneuten Verhaftungen und Drogenschmuggel beginnt, die in der über dreijähriger Haft im brasilianischen Rio de Janeiro und der anschließenden Abschiebung nach Deutschland ihr Ende findet. Heute ist Kowalewski erfolgreicher Tätowierer, er lebt abwechselnd in Deutschland, Florida und China und engagiert sich für die Hilfsorganisation Peace Full Sail.

Herzlichen Dank an Frank Steffan / Edition Steffan für das Rezensionsexemplar.

Edition Steffan / Homepage