Heavy Metal

Earth Tongue + Ippio Payo @ KAP37, München, 2018-10-04

Auftakt nach der Sommerpause zur musikalischen Herbstsaison im KAP37 mit einer Premiere des Münchner KiwiMusic-Veranstalters Christian Strätz, der erstmals zusammen mit den SchaufensterKonzert-Organisatoren Angelique Viehl und Christian Solleder ein sehens- und hörenswertes München-/Neuseeland-Doppelpack in den Räumlichkeiten der Nachbarschaftshilfe Westermühlbach an den Start brachte.

Den ersten Teil des Konzertabends bespielte der hochgeschätzte, in zahlreichen Münchner Formationen wie The Grexits, Zwinkelman oder Majmoon maßgeblich involvierte Musiker und rührige Maj-Musical-Monday-Organisator Josip Pavlov mit seinem Postrock-Solo-Outfit Ippio Payo, an dieser Stelle wahrlich kein Unbekannter, da bereits des Öfteren verdientermaßen gebührend gewürdigt. Erst vor knapp einem Monat beim „Ois Giasing!“-Stadtteil-Fest zugange und genossen, hat Pavlov seinen One-Man-Gitarren-Postrock in der Zwischenzeit weiter erkennbar mutieren und neue Ideen in das instrumentale Gewerk vom Debütalbum „All Depends On Nature“ wie in neueren Kompositionen einfließen lassen, im Geiste einer permanenten Weiterentwicklung des ureigenen experimentellen Ansatzes driftete das Ippio-Payo-Klangbild am Donnerstagabend in einen gesangsfreien Post-Progressive-/New-Wave-Rock, der mittlerweile auf dem hohen Level der besten King-Crimson-/Robert-Fripp-Arbeiten der frühen Achtziger angelangt ist. Wo der englische Experimental-Rock-Großmeister seit jeher seine Stamm-Combo, versierte Musiker-Kollegen oder das mehrköpfige Gitarristen-Orchester seiner League Of Crafty Guitarists bei der Einspielung der komplexen Kompositionen in Anspruch nahm, gestaltet Josip Pavlov im Do-It-Yourself-Ansatz seine hypnotischen Klangskulpturen alleine aus einer Hand, mit live eingespielten Rhythmus-Gitarren-Loops, übereinander gelegten Klang-Schichten zwischen Ambient-Drones und repetitiven Riffs, begleitenden Melodie-Bögen und experimentellen, schroffen und dissonanten Saiten-Übungen. Sich dem Bann des Trance-haften Gitarren-Flows zu entziehen, war einmal mehr ein so gut wie unmögliches Unterfangen, im Zusammenwirken mit der Klang-erweiternden Behandlung des Gitarren-Pedalboards und gesampelten Sound-Trips, dem erstmals so erlebten Integrieren eines Daumenklaviers und Takt-gebenden Feedback-Erzeugen via Verstärker-Kabel zauberte Ippio Payo nahezu rauschhafte Glückszustände in den Saal, fernab des Gottlob bald überstandenen Oktoberfest-Ausnahmezustands in dieser Stadt, und bei Bedarf sogar völlig Alkohol-frei.
Ein profilierter Ausnahme-Musiker wie Josip Pavlov ist mit diesen ausgewiesenen Fertigkeiten, diesem Talent und Ideen-Reichtum für ein halbstündiges Vorprogramm fast schon verschenkt, nicht wenige im Saal hätten sich zu der Gelegenheit sicher noch gerne länger im steten wie gleichsam stets hochspannenden Post-/Progressive-Rock-Fluss des Münchner Klangforschers verloren.
Die nächste Gelegenheit zu ähnlichen konzertanten Erbauungen steht bereits ins Haus: Ippio Payo tritt am 20. Oktober zusammen mit dem Licht-/Video-Künstler Gene Aichner aka Genelabo im Rahmen des Taxi Salons auf, gemeinsam werden Pavlov und Aichner ihr exzellentes audio-visuelles Projekt NAQ/Nobody Answers Questions aufführen. Import/Export, München, Schwere Reiter Straße 2, Einlass 18.00 Uhr.

Im zweiten Teil des Abends bespielte das junge neuseeländische Indie-Duo Earth Tongue mit einem kurzen und intensiven Auftritt den bis dato wohl lautesten Gig der mittlerweile mehrjährigen KAP37-Konzerthistorie. Gitarristin/Sängerin Gussie Larkin und Drummer/Sänger Ezra Simons gingen vom Start weg unvermittelt in die Vollen, nahmen in den knapp bemessenen 45 Minuten keine Gefangenen und ließen mit dröhnenden Gitarren und wuchtigem Getrommel keinen Zweifel an der eigenen Rock-musikalischen Prägung. Wo sich in den Studio-Aufnahmen der Band aus Wellington nicht zu knapp stilbildende Elemente aus Space-Rock und kosmischem Trance finden, durfte die psychedelische Komponente in der konzertanten Präsentation der beiden allenfalls die zweite Geige spielen, unüberhörbar war die eingehende Auseinandersetzung der blonden Gitarristin mit vermutlich jedem einzelnen dröhenden Gitarren-Riff, das Tony Iommi in seinem halben Jahrhundert auf dem Buckel als Black-Sabbath-Leader jemals durch die Lautsprecher wuchtete – der Tonkunst des Duo würde man mit diesem vehementen Doom-Metal-Ansatz indes nicht vollumfänglich gerecht werden, würde man es als pures Epigonentum abstempeln. Die Band verstand es einnehmend, den Urmeter des Heavy Metal mit geerdeter Stoner-Rock-Härte, sporadisch gezündeten Progressive- und Acid-Rock-Nebelkerzen, den erratischen, kehligen Brüll- und Groll-Attacken von Trommler Simons als Reminiszenz an den Death Metal und Gussie Larkins Sirenen-Gesang zu verweben, einer latent leiernden, verhallten und leicht entrückten Sangeskunst, die dann letztendlich doch über der Soundwand schwebend die Sixties-Psychedelic zum Blühen brachte.
Zur eigenen Kontemplation und Pausen-gewährenden Erholung der Gehörgänge des Publikums schalteten Earth Tongue dann und wann in einen melodischeren Indie- und Grunger-Modus, zu dieser Genre-übergreifenden, flächendeckenden Beschallung war durchaus Staunen angebracht über den dichten und voluminösen Sound, den die beiden jungen Underground-Künstler von Down Under mit ihren gerade mal zwei Instrumenten in den kleinen, feinen KAP-Saal zauberten. Mehr als gelungener Einstand des Duos bei ihrem allerersten München-Gig, zu dem sich Gitarristin Gussie Larkin zur Krönung des Abends obendrein mit Geburtstags-Glückwünschen zum Wiegenfest vom Publikum besingen lassen durfte.
Bedauerlich, dass nach einer dreiviertel Stunde inklusive einer einzigen Zugabe bereits der Feierabend von Earth Tongue im KAP37 eingeläutet wurde, das Repertoire der jungen Formation gab nicht mehr Stoff her für weitere Bedröhnung, die der Hörerschaft gewiss kein Knurren des Missfallens entlockt hätte. So bleibt die freudige Erwartung auf den ersten Longplayer der Band mit geplanter Veröffentlichung Anfang des kommenden Jahres und die Hoffnung auf eine Wiederkehr von Larkin & Simons ins Isardorf zur Live-Promotion des Tonträgers.
Da hat er alles andere als gekleckert, der Christian Strätz, mit dem ersten Streich seiner konzertanten New-Zealand-Oktober-Veranstaltungen, die am 18. Oktober im Münchner Zwischennutzungs-Projekt Köşk fortgesetzt werden, mit Auftritten des Duos Astro Children und der One-Woman-Soloperformance von Millie Lovelock aka Repulsive Woman aus Auckland. Schrenkstraße 8, Einlass 19.00 Uhr, Beginn 20.30 Uhr. Be there!

Earth Tongue sind im Oktober im Rahmen ihrer Europatournee noch zu folgenden Gelegenheiten in unseren Breitengraden zu sehen:

13.10.Kiel – Alte Mu
17.10.Dortmund – Rekorder

Das nächste SchaufensterKonzert im KAP37 steigt am 15. November, kein Geringerer als the beloved, unparalleled and enlightened Wanderprediger und One-Man-Band-Kellergospler Dirk Otten aka The Dad Horse Experience wird sich die Ehre geben, den Gott-gefälligen Pfad beschreiten und Absolution erteilen. München, Kapuzinerstraße 37, 20.00 Uhr.

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Eine Kerze für „Fast“ Eddie Clarke

Haben alle, die es interessiert oder betroffen machte, sowieso schon mitgekriegt, muss an der Stelle trotzdem würdigend erwähnt werden: „Fast“ Eddie Clarke, der Gitarrist des klassischen Motörhead-Lineups, ist am Mittwoch im Alter von 67 Jahren in einem Londoner Hospital an den Folgen einer Lungenentzündung verschieden. Er war zusammen mit Lemmy Kilmister und „Philthy Animal“ Taylor an allen relevanten Alben der englischen Heavy-Metal-Institution vom Debüt im Jahr 1977 bis zum „Iron Fist“-Album beteiligt, mit dem Sound der letztgenannten Aufnahmen war er seinerzeit nicht glücklich, was 1982 zu seinem Ausstieg bei der Band führte. Nach dem Dahinscheiden von Kilmister und Taylor im Jahr 2015 war Clarke der letzte Überlebende des legendären Trios.
Er war jedoch nicht – wie gerne kolportiert wird – der erste Motörhead-Gitarrist, diese Ehre gebührt dem Engländer Larry Wallis, der auf den 1976 entstandenen, erst 1979 veröffentlichten „On Parole“-Einspielungen zu hören ist und kurz nach den Aufnahmen von Eddie Clarke ersetzt wurde.
Nach seinem Abgang bei Motörhead formierte Clarke mit dem UFO-Bassisten Pete Way die britische Hardrock-Band Fastway. In seinen letzten Lebensjahren ist der Gitarrist musikalisch zu seinen Blues-Wurzeln aus den frühen Siebzigern zurückgekehrt.

The Black Dahlia Murder + Pighead @ Kranhalle, München, 2017-07-03

Massiver Voll-auf-die-Ohren-Doppelpack zum Wochenauftakt in der Münchner Kranhalle: Am vergangenen Montag gaben sich zwei Vertreter der härteren Gangart im Feierwerk-Areal die Ehre, ohne großes Warten und Vorabgeplänkel ging es direktemang zur angekündigten Anstoß-Zeit in die Vollen mit der Berliner Combo Pighead, die tonale (?) Kunst des Quartetts nennt sich „Brutal Death Metal“, vielleicht am ehesten als Crossover aus dem Surf-Trash der Suicidal Tendencies mit beinhartem Hardcore-Punk und dem brachialen Grindcore-/Death-Metal-Zeug der frühen Earache-Records-Bands zu skizzieren, mit durchgehend gutturalem Gröhl-Gesang begleitet vom durchtätowierten, durchtrainierten Frontmann Phil, der formvollendet als geborene Rampensau den Metal-Henry-Rollins gab – strammer, energiegeladener Auftritt, als Abend-Eröffner für eine halbe Stunde von hohem Unterhaltungswert und somit durchaus ansprechend.
Wie heißt es in der Fisherman´s-Friend-Werbung so schön: „Sind sie zu stark, bist Du zu schwach!“. In diesem Sinne…
(****)

Der bis heute ungeklärte Mord an der 22-jährigen Amerikanerin Elizabeth Short im Jahr 1947 in Los Angeles ist als „Black Dahlia Murder“ in die US-Kriminal-Historie eingegangen, Hardboiled-Gigant James Ellroy hat später einen seiner wuchtigsten Romane über den Fall als Auftakt seiner grandiosen L.A.-Quartet-Serie geschrieben. 2001 haben sich fünf junge Brüller in Waterford/Michigan zusammengetan, um unter diesem Namen eine Metal-Combo zu gründen, die Band hat mittlerweile sieben Studioalben veröffentlicht und zahlreiche personelle Umbesetzungen hinter sich, von der Stammformation sind nach wie vor der gewichtige Frontmann Trevor Strnad und Rhythmus-Gitarrist Brian Eschbach am Start, und die haben im Verbund mit den drei neuen Mitmusikanten im Hauptteil des Doppelpacks über gute 75 Minuten einen heftigen Orkan ihrer als „Melodic Death Metal“ bezeichneten Krach-Offensive über die Kranhalle hereinbrechen lassen. Der „Gesang“ Strands mag in den höheren Tonlagen ab und an nicht nur durch Mark und Bein, mitunter auch gehörig auf den Zeiger gehen, dem Wechsel in die kehligen Growls wohnte etwas Erlösendes inne, das „Melodic“ im Tempo-gesteigerten Death Metal der Amis sucht man in den meisten Passagen auch vergeblich, anyway, für altgediente Carcass-, Hardcore- und Speedpunk-Freunde war’s nichtsdestotrotz eine spaßige Sause zum Durchpusten der Gehörgänge, für den Metal-Nachwuchs ohnehin, inklusive großartiger Publikumsbeteiligung am Entertainment durch ausgiebiges Headbanging, Stagediving, Mosh-Pit-Slaming und Konzertbesucher-über-Kopf-durch-die-Halle-weiterreichen. Der Saal hat gekocht, gleichsam vor Energie geborsten, vom Startpunkt weg, strahlende Metaller-Augen und beseeltes Grinsen allerorten, insofern können The Black Dahlia Murder bei ihrem jüngsten München-Gig nichts Grundlegendes verkehrt gemacht haben. Und im Vergleich zu den experimentellen Spielarten des Metal-Genres, wie sie etwa von Bands wie Sumac oder Sunn O))) aktuell dargereicht werden, ist es letztendlich sowieso leicht zu konsumierender Pop… ;-)))
(**** – **** ½)