Heavy Metal

Saxon + Phil Campbell And The Bastard Sons @ Backstage, München, 2016-12-06

phil-campbell-and-the-bastard-sons-backstage-muenchen-2016-12-06-dsc02172

Jahrzehntelang Gitarrist bei Motörhead, jahrein-, jahraus nonstop durch die Lande touren, dazwischen als mehr oder weniger einzige Auszeit ein Abstecher ins Aufnahmestudio, und dann stirbt einem zwar nicht völlig unerwartet, aber doch recht plötzlich der Chef weg. Phil Campbell hat sich nicht lange im kreativen Loch aufgehalten und den eigenen Nachwuchs für neue Abenteuer rekrutiert, was die Campbell-Junioren an guter Kinderstube hinsichtlich alten Damen die Türe aufhalten, freundlich grüßen plus schulischer Leistungen so mitbringen, interessierte an der Stelle nicht, hinsichtlich Fruchten der musikalischen Frühförderung kann sich der olle Phil im Bezug auf die eigene Brut nicht beschweren, die drei jungen Männer lieferten mit Vattern und dem Sänger Neil Starrs eine honorige Vorstellung zum Auftakt des lauten Abends am vergangenen Dienstag im Münchner Backstage. Raus aus der Komfortzone: wo der Waliser Campell an der Seite von Lemmy Kilmister in den vergangenen 30 Jahren stets den krönenden Abschluss des jeweiligen Brachial-Abends bespielte, gibt er derzeit mit den Seinen mit schmalem Equipment den Anheizer im Saal.
Mangels Fülle an eigenem Material bediente sich das Quintett vorwiegend und naheliegend im reichhaltigen Motörhead-Fundus, Nummern wie „R.A.M.O.N.E.S.“, „Killed By Death“ und das obligatorische „Ace Of Spades“ stießen beim Publikum selbstredend auf offene Ohren, Hirnzellen-vernichtendes Headbangen und den ein oder anderen in die Luft gereckten Teufelsgruß. Die Anfrage „Do you want to hear a Motörhead-Song?“ an die vollgefüllte Werk-Halle des Backstage war nicht überraschend eine rein rhetorische. „Spiders“ aus der eigenen Feder unterlegte die Band mit einer feinen Hard-Blues-Note, im „Sweat Leaf“-Klassiker von Black Sabbath konnte Frontmann Starrs sein vermutlich nicht zuletzt durch Körpermasse bedingtes, wuchtiges und schwer beeindruckendes Stimmvolumen ausleben, und mit dem Hawkwind-Space-Prog-Hit „Silver Machine“ brannte die Band in Erinnerung an die verstorbenen Musikergrößen des vergangenen Jahres ein energiegeladenes, beschwingt abrockendes Feuerwerk ab.
Phil Campbell mit gewohnt schneidenden, wuchtigen, locker aus dem Handgelenk gespielten Gitarrensoli, eine treibende Rhythmuscombo aus dem eigenen Stall, die ohne großen Firlefanz den guten alten Hardrock in ihrer ölverschmierten, straßentauglichen Herrlichkeit durch die Boxen wuchtete, und ein Sänger, der in dem Genre zweifellos seinen Weg machen wird, ergaben gute 40 Minuten mit bestem Heavy-Entertainment, an dem es nix rumzumäkeln gab. Und das mit den Eigenkompositionen wird auch noch…
(**** ½)

„The New Wave Of British Heavy Metal“ ist mittlerweile gut in die Jahre gekommen, leise oder gar langweilig ist die Nummer deswegen noch lange nicht, wie zuletzt die Kollegen von Iron Maiden mit ihrem hörenswerten „Book Of Souls“-Doppelalbum oder eben auch die Mannen von Saxon als Headliner des vergangenen Mittwochabends im 39. Jahr ihres Bestehens im Backstage eindrucksvoll unter Beweis stellten. Knappe 110 Minuten geballte Metal-Power der britischen 80er-Jahre-Schule brachten die Stimmung der Fans im vollgepackten Saal zum Kochen, groß war die Freude der Anhängerschaft, die Band nach vielen Jahren im Vorprogramm von Kilmister und Co. endlich wieder über die volle Distanz zu erleben, Silbermähne und Sympath-Mann Biff Byford, neben Gitarrist Paul Quinn einziges verbleibendes Bandmitglied der Urbesetzung, und seine Sachsen aus dem nordenglischen Barnsley (Achtung, Fußballfans: Lars Leese, „Der Traumhüter“, you know) ließen an dem Abend keine Wünsche offen hinsichtlich treibender Gitarren-Wucht, Laune-machendem Hardrock-Entertainment und Zelebrieren der eigenen, ellenlangen Historie, wo das aktuelle Material des jüngsten Tonträgers „Battering Ram“ (2015, UDR Music) durchaus gefiel, aber nicht zwingend zu Begeisterungsstürmen hinriss, kannte die Euphorie der altgedienten Saxon-Freunde bei bewährten Bandklassikern wie „And The Bands Played On“, „Never Surrender“, „747 (Strangers In The Night)“, dem ergreifenden „Power And The Glory“ oder dem finalen Konzerthöhepunkt „Princess Of The Night“ keine Grenzen mehr, da ist in Reminiszenz an die eigene, längst vergangene Jugend das Moped nochmal auf den Landstraßen vor dem geistigen Auge vorbeigebrettert, und nicht nur Mr. Campbell hatte an dem Abend den Nachwuchs in Begleitung, der eigene war auch zugegen, und höchstselbst erneut sehr angetan vom Werken der altgedienten Metal-Recken aus dem hohen Norden. „Ninety Tons Of Thunder, Lighting Up The Sky“, eh klar… ;-)))
(**** – **** ½) Animationsgrad der Gesellschaft im Saal, Stimmung Hilfsausdruck  (******)

Reingelesen (40)

zur-holle

„Vor Ihnen liegt ein grandioses Buch, das beweist, dass das Leben spannend und dramatisch, aber auch tückisch und geheimnisvoll sein kann. Detlef hat es gelebt, hat agiert und reagiert. Er weiß heute, wovon er spricht. Man sollte ihm zuhören. Experto credite! Sein unbeugsamer Wille führte in die Heimat.“
(Dieter Beutel, in: Detlef Kowalewski,  Zur Hölle, Opposite Editorial)

Detlef Kowalewski – Zur Hölle – Kohle, Knast & Rock ’n‘ Roll (2015, Edition Steffan)

Vermutlich nichts für zartbesaitete Gemüter und mitunter auch wenig Erbauendes für literarische Feinschmecker, dafür jedoch eine an die Nieren gehende Beichte aus dem prallen Leben eines ehemaligen Heavy-Metal-Musikers und Drogenkuriers: Detlef Kowalewski verspricht nicht zuviel mit seinem griffigen Titel, auf 192 Seiten dokumentiert der Mann aus dem Rheinland sein wildes und an Dramen nicht eben armes Leben.
Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig, er erinnert eher an Interview-artige Statements und auf das Wesentliche reduzierte Aussagen, wie sie in Dokumentarfilmen zum Einsatz kommen, weitab von ausgefeilten Formulierungen, ein Ghostwriter wäre vielleicht eine Option gewesen, andererseits passt der Stil in seiner Stakkato-artigen Rhythmik zur Härte des Stoffs, bei der unter die Haut gehenden eigenen Vita redet Kowalewski Klartext und beschönigt nichts.

Im Musik-Business lief es für Kowalewski zunächst optimal, er hatte Erfolg als Diskotheken- und Hallenbetreiber, Konzertveranstalter und Gitarrist der deutschen Metal-Band High’n Dry, die in den achtziger Jahren unter anderem auch im Vorprogramm der britischen Heavy-Giganten Iron Maiden und bei Roger Chapman And The Shortlist zu sehen waren, irgendwann – wie bei so vielen Musiker-Schicksalen – lockte die Droge zur Leistungssteigerung und zur Entspannung, und so wurde das weiße Pulver zum ständigen Begleiter.
Der vielversprechenden Rockstar-Karriere wurde abrupt ein Ende gesetzt durch seine Verhaftung wegen Kokain-Besitz, während seines Aufenthalts im Kölner „Klingelpütz“ lernte er den RAF-Top-Terroristen Stefan Wisniewski kennen, der im Gefängnis der Domstadt wegen seiner Beteiligung an der Entführung und Ermordung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer einsaß.
Kowalewski gelang als erstem Insassen überhaupt der Ausbruch aus dem rheinischen Hochsicherheits-Gefängnis, auf seiner Flucht tauchte er in Amsterdam mit seiner Familie unter, wurde in Holland erneut verhaftet und im angeblich sichersten Gefängnis Europas im nord-niederländischen Horn verwahrt, auch diese Gefängnismauern konnten ihn nicht halten.
Mit Hilfe eines Segelschiffs und einer zusammengetrommelten Crew verließ er daraufhin den Kontinent, überquerte den Atlantik und tauchte in Brasilien unter, wo er vom kolumbianischen Cali-Kokain-Kartell bedroht und zu Kurierfahrten erpresst wurde, am Weihnachtstag 1991 endet eine dieser Aktionen für Detlef Kowalewski am Flughafen in Rio in den Fängen der Federales, für ihn begann damit ein über dreijähriger Höllen-Trip durch die Vollzugsanstalten Brasiliens, die albtraumhaften und erschütternden Schilderungen seiner größtenteils menschenunwürdigen Erfahrungen in diesen mit keinerlei europäischen Standards vergleichbaren brasilianischen Gefängnissen nehmen den Hauptteil der biografischen Schrift des ex-Musikers ein und verlangen beim Leser eine gewisse Abgebrühtheit gegenüber unappetitlichen Beschreibungen, die Vertrautheit mit dem amerikanischen Hardboiled-Krimi-Genre, Clive-Barker-Horror oder weniger zartbesaiteteren Autoren wie Bukowski, Selby, Ellroy ist von Vorteil, der Stoff ist für Feingeister denkbar ungeeignet. Wer davor nicht zurückschreckt, sollte unbedingt einen Blick in das Buch werfen, die Schilderungen über die Zustände in südamerikanischen Haftanstalten aus erster Hand sind authentisch, unvermittelt und unter die Haut gehend.

„Die Irren schrieben von jedem den Namen auf ein Stückchen Papier, knüllten es zusammen und warfen es in einen Eimer. Dann zogen sie fünf Namen wieder heraus. Wie Geisteskranke fielen sie mit Messern über die Fünf her, deren Namen gezogen wurden. Ob das jemand überlebt hat, weiß ich nicht, ich glaube nicht. Ich hatte mir dabei vor Angst in die Hosen geschissen. Zweimal musste ich diesen Terror durchhalten.“
(Detlef Kowalewski, Zur Hölle, Zombiezeit, Hungerstreik und die Rückkehr nach Köln)

Mitte der neunziger Jahre wurde Kowalewski in Folge diverser Gesuche nach Deutschland abgeschoben und saß hier den Rest seiner Haftstrafe ab. Heute ist er als erfolgreicher Geschäftsmann im Tätowierer-Gewerbe tätig.
Während der Arbeiten am Buch meldete sich Dieter Beutel bei ihm, er hat Detlef Kowalewski im Rahmen seiner Tätigkeit als Hauptkommissar bei der Kripo Köln seinerzeit das erste Mal verhaftet, es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden Männern, Beutel hat für das vorliegende Werk das Vorwort – oder „Opposite Editorial“, wie er es nennt – verfasst.
Über die stilistisch-literarische Qualität der Dokumentation mag man sich streiten, ein wertvoller Beitrag zur Aufklärung über die Irrwege und die mitunter tödlichen Abgründe der Drogen-Kriminalität ist „Zur Hölle“ von Detlef Kowalewski ohne Zweifel.

„Zunächst waren wir froh, jemanden kennengelernt zu haben der sich im Land auskannte. Aber dann stellte sich ziemlich schnell heraus, dass es grundsätzlich verkehrt ist, sich mit Deutschen im Ausland einzulassen. Mit anderen Worten: „Hüte Dich vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind.““
(Detlef Kowalewski, Zur Hölle, Die Atlantiküberquerung)

Detlef Kowalewski wurde 1958 in Haan/Mettmann (Nordrhein-Westfalen) geboren, die Jugend und Schulzeit hat er in Dormagen bei Köln verbracht, dort ging er auch beim Bayer-Konzern als Chemiker in die Lehre. Ende der achtziger Jahre formierte er die Heavy-Metal-Band High’n Dry, die beim Major-Label EMI einen Plattenvertrag erhielt. 1988 veröffentlichte die Band das Album ‚Hands Off My Toy‘, es folgen Auftritte im Vorprogramm von Iron Maiden, Roger Chapman, Hermann Brod und The Cross, dem Seitenprojekt des Queen-Drummers Roger Taylor. In Köln gründete Kowalewski das ‚Empire‘, in dem ein Live-Club, Proberäume für Musiker und ein Sportcenter untergebracht waren.
1989 wird er wegen Drogenhandel verhaftet. Eine Odyssee aus Ausbrüchen, erneuten Verhaftungen und Drogenschmuggel beginnt, die in der über dreijähriger Haft im brasilianischen Rio de Janeiro und der anschließenden Abschiebung nach Deutschland ihr Ende findet. Heute ist Kowalewski erfolgreicher Tätowierer, er lebt abwechselnd in Deutschland, Florida und China und engagiert sich für die Hilfsorganisation Peace Full Sail.

Herzlichen Dank an Frank Steffan / Edition Steffan für das Rezensionsexemplar.

Edition Steffan / Homepage

Eine Kerze und einen Drink für Ian Fraser „Lemmy“ Kilmister

2015_11_20_motörhead_zenith_münchen_foto_gerhard_emmer_DSCF0866

Der englische Kult-Musiker Lemmy Kilmister ist gestern in Los Angeles/Kalifornien an einer Krebserkrankung verstorben, vier Tage nach seinem 70. Geburtstag.
Mit ihm geht eine der markantesten Persönlichkeiten und Ikonen der Rockmusik, der Chef der britischen Metal-Institution Motörhead hat wie man so schön sagt nichts anbrennen lassen, Drinks, Kippen, Frauen, nichts Menschliches war ihm fremd.
Mit Motörhead feierte Kilmister im ablaufenden Jahr das vierzigjährige Bühnenjubiläum, zuvor arbeitete er in den sechziger Jahren als Roadie für die Jimi Hendrix Experience, von 1972 bis 1975 war er Bassist und Sänger der britischen Space-/Psychedelic-/Prog-Band Hawkwind, seinen Rauswurf bei Hawkwind aufgrund seines exzessiven Alkohol- und Drogenkonsums kommentierte er in der Kino-Doku „Lemmy“ (2010) sinngemäß lakonisch mit den Worten: „Aus Rache bin ich zu ihnen heimgefahren und habe ihre Weiber flachgelegt.
Vor einem guten Monat waren Motörhead im Rahmen ihrer Jubiläumstour unter anderem auch für zwei Konzerte in München, Lemmy Kilmister war bereits unübersehbar gesundheitlich angeschlagen.
Was bleibt? Die Erinnerung an intensiv-laute Motörhead-Konzerte, eine Reihe exzellenter Scheiben wie ‚Ace Of Spades‘ (1980), ‚Bomber‘ (1979) oder ‚Overkill‘ (1979, alle Bronze) aus der Frühphase der Band, zahlreiche Legenden um Trinkgelage und Frauen-Geschichten, die in seinem Fall wohl alle der Wahrheit entsprechen – und natürlich seine sagenumwobene Nazi-Memorabilia-Sammlung.
Der Mann hat sein Leben gelebt. R.I.P.