Heinz Flohe

Das Double

„Dat is dat Allerschönste, wenn se sehr schön spielen!“

Frank Steffan – Das Double – 1977/78: Die Dokumentation einer außergewöhnlichen Epoche (2017, Edition Steffan)

Was heutzutage durch die Dominanz des von Vorbestraften geführten Münchner Mia-san-Mia-Syndikats zur tödlich langweilenden Routine im nationalen Liga-Betrieb geworden ist, hatte bis Anfang der 2000er absoluten Seltenheitswert im deutschen Fußball: Der Gewinn von Bundesliga-Meisterschaft und DFB-Pokal innerhalb einer Spielzeit durch den selben Klub, das sogenannte Double. Bis zur Jahrtausendwende ist das seit 1937 – die Schalker waren seinerzeit die ersten – ganze vier Mal gelungen, seitdem ödet der Rekordmeister aus dem Süden mit nahezu unschöner Regelmäßigkeit durch Einfahren beider Titel die Sport-interessierte Republik an.
Für den 1. FC Köln war es 1978 soweit: Als gerade mal dritter Double-Gewinner schrieb das Team aus der Domstadt am Rhein Fußball-Geschichte.
Hennes Weisweiler, Trainer-Unikat und Meistermacher der Gladbacher „Fohlen“ in den frühen Siebzigern, kehrte nach einem kurzen, unerfreulichen Gastspiel beim FC Barcelona, das vor allem durch sein von Beginn an zerrüttetes Verhältnis mit dem holländischen Superstar Johan Cruyff geprägt war, 1976 als Trainer zu den „Geißböcken“ zurück, in der Spielzeit vor dem Double gelang Weisweiler 1977 bereits ein Titelgewinn mit den Kölnern im DFB-Pokalfinale. Für die folgende Spielzeit ging der knorrige Trainer mit der bei Fans und Funktionären nicht unumstrittenen Demontage von Club-Legende, Führungsspieler und Weltmeister Wolfgang Overath ein hohes Risiko, die Fäden im Spiel des FC sollte zukünftig der Weltklasse-Techniker Heinz Flohe mit Hilfe von Herbert Neumann und Bernd Cullmann im Mittelfeld ziehen, im Sturm war man seinerzeit mit dem deutschen Nationalstürmer Dieter Müller und seinem belgischen Kollegen Roger Van Gool exzellent aufgestellt, Müller sollte in der Double-Saison mit 24 Liga-Treffern die Torschützenkönig-Auszeichnung einfahren.

Der Kölner Regisseur Frank Steffan hat über die Ausnahme-Saison der „Geißböcke“ einen sehenswerten Dokumentar-Film gedreht. Wie bereits bei seinem exzellenten Spieler-Portrait über Heinz Flohe „Der mit dem Ball tanzte“ aus dem Jahr 2015 hält sich Informatives und Unterhaltsames gekonnt die Waage in der chronologischen Erzählung dieser turbulenten „Effzeh“-Saison 77/78, in der sich ein Deutscher Meister auch ab und an eine krachende Niederlage leisten konnte, wie auch der Ausgang in Sachen erster Platz bis zuletzt offen war, die im Film fein inszenierte Dramatik des Fernduells Köln/Gladbach inklusive der unerklärlichen Torflut der „Fohlen“ gegen den BVB am letzten Saison-Spieltag spricht dahingehend Bände. Insofern ist die Doku nicht zuletzt für Fußball-Nostalgiker eine lohnende Angelegenheit, jeder, der Jahr für Jahr etliche Wochen vor Saisonende vom uneinholbaren Punktestand und damit der vorzeitigen Meisterschaft der rot-weißen Münchner Arroganz-Truppe angenervt ist, kann sich nach jenen vergangenen Zeiten nur sehnen, als der Champion erst am letzten Spieltag Samstags gegen 17.15 Uhr dann langsam feststand…
Der Film zeigt einen Tor-Reigen zum Zungen-Schnalzen in historischem Film-Material, dokumentiert das frühe wie desaströse Aus der Kölner Ausnahme-Mannschaft gegen den FC Porto im Pokalsieger-Europacup wie auch die Geschichte vom ersten japanischen Profi in der Bundesliga und lässt vor allem Zeitzeugen zu Wort kommen, beinharte FC-Fans wie Kult-Trainer Peter Neururer, den Kölner Künstler Anton Fuchs oder Hardcore-Supporter Jacki Nimmesgern und damals aktive Spieler wie den späteren National-Keeper Harald „Toni“ Schumacher, den Sympathie-Träger Dieter Müller, FC-Manager Karl-Heinz Thielen, Kölner Originale wie den damaligen Mannschaftsarzt Dr. Alfons Bonnekoh und den dänischen Entertainer Preben Elkjær Larsen, der in jener Zeit vor allem das Kölner Nachtleben genoss und seine großen Fußballer-Momente erst nach seiner kurzen Zeit am Rhein haben sollte.
Relativ kurz kommt der einhergehende Pokalsieg der Kölner zur Sprache, das mag an mangelndem Filmmaterial liegen, wohl aber auch am Losglück, der FC traf erst ab dem Halbfinale mit Werder Bremen und dann im Endspiel mit den rivalisierenden Nachbarn von der Düsseldorfer Fortuna auf ebenbürtige Gegner.

Steffan dokumentiert die Erfolgsgeschichte des FC im Kontext des damaligen Zeitgeschehens, Rock’n’Roll-King Elvis Presley stirbt 1977, das Beben des Punkrock ist vor allem durch die Krawall-Aktionen der Sex Pistols auf der britischen Insel zu vernehmen und wird später auch in der rheinischen Republik seine Spuren hinterlassen, Köln im Speziellen ist nicht nur wegen dem Fußball-Gekicke im Fokus, darüber hinaus ist die Stadt auch zentraler Schauplatz im „Deutschen Herbst“ mit der gewaltsamen Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer durch das „Kommando Siegfried Hausner“ der linksextremen RAF wie auch Epizentrum der deutschen Kunstszene in jenen Jahren, ein zeitweiliger Aufenthalt von Pop-Art-Ikone Andy Warhol in der Domstadt war diesem Ruf gewiss nicht abträglich. Der Chef der legendären New Yorker Factory outete sich als wahrer Fußball-Experte, für den stürmenden FC-Außenverteidiger Harald Konopka, der im Übrigen in seiner Funktion als rheinische Frohnatur, ehemaliger Spieler und befragter Zeitzeuge keinen geringen Anteil am Unterhaltungswert des Films hat, signierte Warhol einen Druck mit der Widmung „To the best soccer player in the world“„Who the fuck is Cruyff?“ mag sich da so mancher im Kölner Umkreis gefragt haben…

„Das Double“ wird wie bereits der Flohe-Film vom ex-Schroeder-Roadshow-Sänger Gerd Köster kommentiert, der ehemalige Musiker und Hörbuch-Sprecher bringt die Nummer unaufgeregt wie grundsolide und mit eigener Note zum Vortrag. Der angepunkte, perfekt zur damaligen Zeit passende Soundtrack stammt von der Früh-Achtziger New-Wave-Combo mit dem sinnigen Namen „The Cöln“ um den Gitarristen Dirk Schlömer, der später auch bei der Deutschrock-Legende Ton Steine Scherben zugange war.

Beim momentanen Tabellenstand kann man in Köln von diesen glorreichen Zeiten nur träumen, zur seelischen Erbauung und moralischen Stütze sollte die Doku in jedem Fall für alle Fans und Sympathisanten des „Effzeh“ in Reminiszenz an bessere Tage taugen, für alle anderen Fußball-Interessierten ist es immer noch ein herausragendes, informatives Stück Zeitgeschichte aus einer Ära, in der die Welt in Sachen Bundesliga-Fußball weitestgehend in Ordnung war – Platz zwölf, ein negatives Tor-Verhältnis, 13 Saison-Niederlagen, zwischenzeitliche Abstiegs-Gefahr sowie eine Derby-Klatsche inklusive Platzverweis für den späteren Luxusuhren-Schmuggler in der Saison-Endabrechnung 1977/78 des rot-weißen Großkotz-Vereins aus München sind dahingehend ein untrügliches Indiz, da muss man die tolle Saison der rot-weißen, hochsympathischen Jahrhundert-Mannschaft des 1. FC Köln jener Jahre noch gar nicht in die Waagschale schmeißen…

Die DVD „Das Double“ ist bei Edition Steffan erschienen, wie auch das bereits im November 2016 publizierte, um viele historische Foto-Aufnahmen bereicherte Buch mit gleichem Titel.

Herzlichen Dank an Frank Steffan.

Reingelesen (29)

HeinzFlohe

„Heinz Flohe war ein Artist, ja, er war ein Brasilianer“
(Jupp Heynckes)

„Man muss wirklich sagen, dass er zu einer falschen Zeit gelebt hat. In der heutigen Zeit würde das natürlich honoriert werden, ein Spieler wie er würde viel mehr auffallen und wahrgenommen werden.“
(Günter Netzer)

„Er hatte ein feines Gespür für Menschen, die jenseits ihres gesellschaftlichen Stands interessant waren. Die Fassaden interessierten ihn nicht.“
(Anton Fuchs)

„Das Foul war abartig. Wir spielten damals noch im Münchner Olympiastadion und es war nicht sehr voll, so das man alles gehört hat. Es hat gekracht, ganz furchtbar.“
(Carl-Heinz Rühl)

Frank Steffan – Heinz Flohe – Der mit dem Ball tanzte: Ein Leben zwischen Triumph und Tragik (2015, Edition Steffan)

Das Buch zum Film, wird sich manche(r) denken, gleicher Titel, gleiches Cover, gleicher Autor. Stimmt aber nur sehr bedingt, der schöne großformatige Band, der in seiner Machart durchaus an diese wunderbaren, halbjährlich erscheinenden 11Freunde-Sonderhefte denken lässt, hat neben seltenen und zum Teil erstmals gezeigten Fotos thematisch durchaus Ergänzendes, Weiterführendes und Zusätzliches zu bieten, was in der exzellenten Filmdokumentation mit gleichem Namen nicht oder nicht in der Ausführlichkeit behandelt werden konnte.

Eine würdige Biografie über einen der technisch brillantesten deutschen Fußballer, Heinz Flohe, Kölner Kultfigur, tragischer Held der Anhänger von 1860 München, zumindest derer, die wie der Autor des Beitrags seit den siebziger Jahren diesem Wahnsinn verfallen sind – Autor Frank Steffan hat gründlich recherchiert, viele prominente Zeitzeugen interviewt und so, angereichert durch zahlreiche Anekdoten, das Portrait eines Ausnahme-Kickers gezeichnet, der nicht nur durch die Schicksalsschläge in späteren Jahren zu einer der tragischen Figuren der deutschen Fußball-Geschichte wurde.

Heinz Flohe war der erste deutsche Kicker, der auf dem Fußballplatz den sogenannten Übersteiger spielte, eine Parade-Übung, die selbst heute nur der bolzenden Welt-Elite gelingt, zusammen mit Wolfgang Overath bildete er jahrelang das Kreativ-Duo beim 1. FC Köln, der introvertierte Ausnahmespieler wurde in den siebziger Jahren von Helmut Schön nach Meinung zahlreicher Experten viel zu selten in der ersten Elf der Nationalmannschaft berücksichtigt, seine Nähe zur Kölner Box-Szene mag dies bedingt haben, sie war dem biederen Schön wohl ein Dorn im Auge, zudem fehlten für den Kölner die Fürsprecher beim DFB, wie sie damals vor allem die Borussen aus Mönchengladbach und die Münchner FCB-Stars bei Funktionären und Presse hatten.
1976 wurde er wie die gesamte Nation durch den in den Belgrader Nachthimmel gejagten Hoeneß-Elfmeter im Endspiel gegen die Tschechoslowakei um den EM-Titel gebracht, nachdem er eine exzellente Endrunde im Turnier spielte – der Münchner Steuerhinterzieher war bereits damals Experte in Punkto Betrug…
Das Jahr 1978 war für Flohe durchwachsen mit Licht und Schatten, nach dem Gewinn von Meisterschaft und DFB-Pokal, dem bisher einzigen Double des FC, folgte die Argentinien-WM, bei der er bis zu seiner schweren Verletzung im Italien-Spiel sehr gute Leistungen zeigte, der WM-Kick gegen die Azurblauen sollte sein letzter Einsatz im DFB-Dress sein. Das folgende Jahr verlief nicht minder tragisch für den Ausnahmespieler aus dem rheinländischen Euskirchen, nach einem Zerwürfnis mit Trainer-Legende Hennes Weisweiler zog es Flohe – auch Dank Vermittlung seines ehemaligen Kölner Mitspielers Jupp Kapellmann – zu 1860 nach München, hier sollte seine aktive Karriere nach einem brutalen Foul des damals für den MSV Duisburg tretenden Knochen-Brechers Paul Steiner am 1. Dezember 1979 ein jähes Ende finden.
In späteren Jahren war Flohe als Fußball-Trainer und Talentsichter tätig, ehe er 2010 für drei Jahre in ein Wachkoma fiel, aus dem er nicht mehr erwachen sollte.
Am 15. Juni 2013 ist Heinz Flohe im Alter von 65 Jahren gestorben.

Die Geschichte des Ausnahme-Fußballers wird in dem schönen Band ergänzt durch zahlreiche Interviews mit Flohes ehemaligen Kölner Mitspielern wie Jupp Kapellmann, Wolfgang Overath, Harald „Toni“ Schumacher, Dieter Müller oder Hannes Löhr, internationalen Größen der Szene, Günter Netzer, Franz Beckenbauer und Jupp Heynckes seien hier genannt, und bekennenden Fans wie Johannes B. Kerner und Lukas Podolski, sowie einer ausführlichen Dokumentation aller Flohe-Spiele für die Statistik-Freaks im Anhang.

25.08.1973, FC - Kaiserslautern, sven simon

Der Mann, der aus verschiedenen, im Buch erörterten Gründen am Weltstar-Status vorbeigeschrammt ist und unbedingt mehr Länderspiele auf dem Konto haben müsste, bleibt den Kölner Fans vor allem als der herausragende Spieler der Double-Gewinner von 1978 im Gedächtnis und den leidgeprüften Anhängern der Münchner „Löwen“ als eine der tragischen Figuren, die sich einreihen in die lange Liste derer, die ohne die Schicksalsschläge des Lebens aufgrund ihres Talents so viel mehr für sich und den Verein hätten erreichen können, Olaf Bodden, Berkant Göktan oder Savio Nsereko sind dahingehend Namen aus der jüngeren Geschichte des Vereins, wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass sich die beiden Letztgenannten vor allem aufgrund ihrer charakterlichen Defizite selbst im Weg standen – ein Urteil, das über Heinz Flohe niemand zu fällen wagte, der ihn näher kannte.

Trainingslager 1979, Schönsee, FMS

Autor Steffan nennt Heinz Flohe im Nachwort einen Rock ’n‘ Roller, und damit liegt er goldrichtig, nicht nur Flohes Spielweise hatte etwas Revolutionäres, auch aufgrund seiner Optik hätte er in seiner Zeit durchaus ins Line-Up der besten Progressiv-Rocker seiner Zeit gepasst, man nehme etwa eine der frühen Besetzungen von Ritchie Blackmore’s Rainbow, optisch grandios hätte er sich gemacht neben dem Meister himself und Granaten wie Cozy Powell oder Ronnie James Dio…

Der 1957 in Köln geborene Autor, Journalist und Filmemacher Frank Steffan, der Heinz Flohe persönlich kannte, ist Gründer des Verlags „Edition Steffan“, er hat zahlreiche Texte für den Musikexpress verfasst, Bücher über die Rolling Stones und den 1. FC Köln geschrieben und Filme über den FC, die Kölner „Haie“ und den walisischen Drogenhändler und Bestseller-Autor Howard Marks gedreht. In den achtziger Jahren war er der erste Chefredakteur der deutschen Ausgabe des renommierten Musikmagazins „Rolling Stone“.

Der Film „Heinz Flohe – der mit dem Ball tanzte“ läuft am 10. November um 20.15 Uhr in Münchens Fußball-Kneipe Nummer 1, dem ‚Stadion an der Schleißheimer Straße‘, Einlass ist um 19.00 Uhr, der Eintritt ist frei. Regisseur Frank Steffan und Heinz Flohes Sohn Nino werden anwesend sein.

Herzlichen Dank an Autor Frank Steffan für das Re­zen­si­ons­ex­em­p­lar und die Fotos für diesen Beitrag.

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Heinz Flohe – Der mit dem Ball tanzte

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„Er ist so unglaublich gut gewesen, hat Dinge gemacht, die keiner von uns konnte, auch die ganz großen Spieler Deutschlands nicht.“
(Günter Netzer)

„Heinz Flohe würde heute die 100-Millionen-Grenze oder generell jede Transfer-Rekordsumme sprengen.“
(Jupp Kapellmann)

„Einer der besten Techniker der Welt.“
(Franz Beckenbauer)

Am 1. Dezember 1979 beim Bundesligaspiel des TSV 1860 München gegen den MSV Duisburg standen vorab die beiden Löwen-Neuzugänge Horst Wohlers und Harry Ellbracht im Mittelpunkt des Interesses, nach dem Spiel interessierte sich für die beiden Kicker kein Mensch mehr, zu sehr waren die meisten Beteiligten geschockt von einem der brutalsten Fouls der Bundesligageschichte – an diesem unseeligen Tag beendete der seitdem von allen Löwen-Fans älteren Semesters abgrund tief gehasste Knochentreter Paul Steiner jäh die Karriere von 1860-Regisseur Heinz Flohe, durch einen gezielten Tritt auf dessen Standbein brach er ihm das Schien- und Wadenbein, von der verabscheuungswürdigen Tat erholte sich einer der begnadetsten deutschen Fußballspieler ever nie mehr. Ich kenne mehrere Löwenfans, die an diesem Tag im Münchner Olympiastadion zugegen waren und bezeugen, dass das Brechen der Knochen bis auf die obersten Tribünen-Ränge zu hören war…

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Begonnen hat Flohes Karriere im rheinischen Euskirchen, hier gab er bereits den Regisseur auf dem Bolzplatz und auch neben dem grünen Rasen zeigte er künstlerische Fähigkeiten als Zeichner – zwei Talente, die er fortan als Fußballer formvollendet zur Perfektion bringen sollte. Der Weg des von Günther Netzer als „Brasilianer“ bezeichneten Ausnahmekickers führte ins nahe Köln zum FC, bei den „Geißböcken“ bildete Flohe zusammen mit Wolfgang Overath bis 1977 mit das kreativste und technisch versierteste Mittelfeld-Duo im deutschen Fußball, 1968 und 1977 holten die Kölner unter maßgeblicher Beteiligung Flohes den DFB-Pokal und im Jahr 1978, in „Flockes“ wohl stärkstem Jahr gar das Pokal- und Meister-Double.
Für die Nationalmannschaft ist Flohe 39 mal aufgelaufen und hat dabei 8 Tore erzielt, die WM 1974 im eigenen Land verlief für ihn glücklos, die Dresdner Knollennase Schön wusste seine überragenden technischen Fertigkeiten nicht zu schätzen, ausgerechnet bei der Niederlage gegen die DDR wurde er von Beginn an auf für ihn ungewohnter Position eingesetzt und musste im Nachgang als Sündenbock für das verlorene innerdeutsche Prestige-Duell herhalten. Bei der EM 1976 lief es für Flohe besser, zusammen mit seinem Kölner Team-Kollegen Dieter Müller rettete er gegen Jugoslawien den Finaleinzug (der in den Prager Nachthimmel gejagte Elfer vom Steuerhinterzieher, ihr wisst schon ;-)), ganz groß aufgetrumpft hat er bei der WM 1978 in Argentinien bis zu seiner Verletzung gegen Italien, aufgrund der er dann im Nachgang seine Turnierteilnahme abbrechen musste – danach kam Cordoba und wer weiß, ob mit „Flocke“ auf deutscher Seite der unnachahmliche österreichische Sport-Reporter Edi Finger zu seinen herrlichen Jubel-Arien angesetzt hätte, aber sei’s drum, der Spaß mit’m Finger war die Niederlage wert…;-))
Heinz Flohe wurde nach seinem bei der Weltmeisterschaft zugezogenen Muskelfaserriss nie mehr ganz der Alte, und so führte das vermeidbare Ausscheiden im Europapokal-Halbfinale gegen Nottingham und ein 0:6-Debakel in der Bundesliga beim HSV inklusive Platzverweis Flohes zum Zerwürfnis mit der Trainerlegende Weisweiler und dem 1. FC Köln, für den Flohe in 329 Bundesligaspielen 77 Tore erzielte und so manchen großartigen Sieg der „Geißböcke“ maßgeblich durch sein herausragendes Dribbling, seine feine Technik und sein Spielverständnis mitgestaltete.
Zum Leidwesen der Kölner Fans wechselte Heinz Flohe zum TSV 1860 nach München, welcher die Gunst der Stunde nutzte, für den Wechsel machte sich zudem Flohes ehemaliger Kölner Teamkollege Jupp Kapellmann stark, der damals nach fünfjährigem Gastspiel beim FC Bayern auch bei den Löwen gelandet war.
„Flocke“ bestritt für die Sechziger 14 Spiele und erzielte 4 Tore – bis zu eben jenem schicksalhaften 1. Dezember 1979, möge Paul Steiner dafür einst qualvoll bis ans Ende aller Tage in der Hölle schmoren (Grausamkeit des Schicksals am Rande: der Knochenbrecher trieb von 1981 bis 1991 beim 1. FC Köln sein Unwesen)…
Die Münchner Löwen konnten in dieser Saison die Klasse halten, stiegen aber im folgenden Jahr wieder einmal in die 2. Bundesliga ab und auch hier mag man sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn die Mannschaft von 1860 in diesen schweren Zeiten von einem erfahrenen Weltklasse-Kicker wie Heinz Flohe geführt worden wäre.

Warum erzähle ich das eigentlich alles? Ganz einfach: der Kölner Regisseur Frank Steffan, der Heinz Flohe persönlich kannte, hat zusammen mit John Seidler einen tollen, stimmungsvollen, unterhaltsamen und höchst informativen Dokumentarfilm über das Leben eines der größten deutschen Ausnahmekicker produziert und bringt damit einen Mann zurück ins Bewusstsein, den heute außerhalb Kölns beziehungsweise der Fanszene der Münchner „Löwen“ kaum noch jemand kennt. Alte Kölner Weggefährten kommen in dem sehenswerten Film zu Wort, unter anderem Hannes Löhr, Wolfgang Overath, Jupp Kapellmann, Dieter Müller und Harald Konopka, sie alle geben ehrlich und bewegt Zeugnis von den Wundertaten des Heinz Flohe, ebenso wie die ganz großen Sachverständigen des deutschen Fußballs, Kaiser Beckenbauer himself, der auch hier mit Eloquenz nur so strotzende Günther Netzer sowie Meistertrainer „Osram“ Heynckes, von den Jungstars darf Prinz Poldi als „Kölscher Jong“ ran und selbst der von mir seltenst geschätzte Johannes B. Kerner punktet mächtig durch sein Outing als Flohe-Fan der ersten Stunde.

Eine besondere Freude beschleicht den Fußballfreund beim Genießen der zahlreichen Spielszenen im Film, eine Abfolge an tollen Toren, Dribblings und Pässen Flohes wird dokumentiert, die auch heute noch mit der Zunge schnalzen lassen und die vor allem auch aktuelle Meister ihres Fachs wie ein Lionel Messi oder ein Zlatan Ibrahimović nicht gekonnter hinkriegen würden. Besonderes Entzücken riefen bei mir selbstredend Szenen hervor, in denen Heinz Flohe den auch schon in den siebziger Jahren großen FC Bayern wiederholte Male fast im Alleingang demütigte.

Im Mai 2010 wurde Heinz Flohe nach einem Schlaganfall in ein künstliches Koma versetzt, aus dem er nicht mehr erwachte. Am 15. Juni 2013 ist er im Alter von 65 Jahren gestorben. Er wurde auf dem städtischen Friedhof seines Geburtsorts Euskirchen beigesetzt.

Ich halte das Schicksal Heinz Flohes durchaus vergleichbar mit den Lebensdramen begnadeter Kicker wie Reinhard „Stan“ Libuda, George Best, Jimmy Johnstone oder dem herausragenden Brasilianer Garrincha und wünsche der Dokumentation von Frank Steffan viele Zuschauer, um so die Erinnerung an einen großartigen Fußballer aufrecht zu erhalten.

Beim Berliner Fußballfilmfestival „11mm“ im Jahr 2015 erreichte die Produktion den zweiten Platz beim Publikumspreis und wurde somit bester deutscher Film in dieser Kategorie.

Sprecher des Films ist der ehemalige „Schroeder-Roadshow“-Sänger Gerd Köster, der Heinz Flohe völlig richtig mit Jimi Hendrix verglich, beides auf ihre Art Genies vor dem Herrn…

Edition Steffan / Homepage

Ich bedanke mich herzlich bei Frank Steffan für das vor kurzem geführte Telefonat und die Zusendung des DVD-Rezensionsexemplars.

1860-Journal (August 1979)-712455