Helge Schneider

Soundtrack des Tages (139)

Coffee To Go: Der deutsche Liedermacher Franz Josef Degenhardt hat auf seiner 1965 veröffentlichten LP „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ (Polydor) mit „Auf der Espresso-Maschine“ einen Songtext von geradezu Helge-Schneider-artigem Surrealismus veröffentlicht, der begnadete Dadaist Schneider wiederum hat Degenhardts Titelstück von den Schmuddelkindern 2011 in seinem Werk „Katzenoma“ adaptiert.

Die Hamburger Band Große Freiheit coverte 1982 „Auf der Espresso-Machine“ auf ihrer längst vergriffenen Maxi-Single „Die Moschusfunktion“ (Zickzack) und trimmte das Stück grandios Richtung deutscher Elektro-Synthie-New-Wave, leider sind keine youtube-et-cetera-Aufnahmen von dieser Version verfügbar.

Der Musiker, Schriftsteller, Rechtsanwalt und linke Polit-Aktivist Franz Josef Degenhardt ist 2011 wenige Wochen vor seinem achtzigsten Geburtstag gestorben.
Die Combo Große Freiheit hat 1983 im Nachgang die Single „Piroschka“ (ZickZack) veröffentlicht und sich hinsichtlich Pop-Historie bald darauf vom Acker gemacht, Helge Schneider hingegen erfreut sich nach wie vor guter Gesundheit und großer Popularität.

Mühlheim Texas – Helge Schneider hier und dort

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„Jetzt haste wieder ne tolle Stelle für Deinen blöden Film!“
(Helge Schneider)

Die Filmemacherin Andrea Roggon hat vier Jahre lang versucht, den Menschen Helge Schneider in einem Dokumentarfilm hinsichtlich seiner privaten Natur zu erkunden. Nachdem sich dieser dem Vorhaben größtenteils erfolgreich verweigerte, musste das wenige Material herhalten, das vom Meister gnädigerweise an Auskunft zu bekommen war. Hinsichtlich biografischer Aufarbeitung der Schneider’schen Innenansichten ist der Film grandios gescheitert, der Interview-Input vom Helge ist größtenteils lustlos wie seine schlimmsten Konzerte, zu denen er das anwesende Publikum trotz völligem Desinteresse bis zu drei Stunden mit absolut Sinnentleertem quälte – eben „das ewige Geblubber, wo man bekloppt von wird.“ ;-)) …

„Die Versessenheit darauf, woher man kommt, finde ich schrecklich. Darum geht es nicht. Es geht immer darum, wohin man geht. Ich möchte niemanden mit meinem Privatleben belästigen. Ich halte das für unappetitlich“ gab vor kurzem Dirk von Lowtzow von der vom deutschen Feuilleton gehypten Hamburger Schlager-Combo Tocotronic in einem Gespräch mit Moritz von Uslar für die ZEIT zum Besten. Der Helge tickt wohl ähnlich…

Übrig bleibt ein faszinierendes Portrait des Clowns und Unterhaltungskünstlers Schneider als großem deutschen Dadaisten und begnadetem Multiinstrumentalisten. Wir sehen Helge beim perfektionistisch-zappaesken Tyrannisieren seiner Tourband, bei absurden Fotoshootings, dem Zelebrieren seiner Auszeit unter der Sonne Andalusiens und nicht zu knapp bei genialen Darbietungen seiner musikalischen Fertigkeiten, sowohl auf der Bühne als auch beim privaten Proben. Angeblich spielt der Mann an die zwanzig Instrumente und er gilt völlig zu Recht als einer der talentiertesten deutschen Jazzer, hinsichtlich musikalischer Kompetenz ist Helge Schneider tatsächlich über jeden Zweifel erhaben, im Gegensatz hierzu sind seine humoristischen Fertigkeiten bei Kritikern und Konsumenten umstritten wie bei selten einem anderen Entertainer.
Für beinharte Helge-Fans ist der Film natürlich ein Muss, alle anderen sollten sich überlegen, ob sie die Kohle für die Kino-Karte nicht lieber am Tresen für ein paar Bier verjuxen…

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