Holly Golightly

Holly Golightly @ Kranhalle, München, 2019-12-03

„Don’t expect any Miracles“ warnte die britische LoFi-Songwriterin Holly Golightly Smith zu Beginn ihres Konzerts am Dienstag vergangener Woche diejenigen aus der Zuhörerschaft in der Münchner Kranhalle, die an diesem Abend zum ersten Mal in den Genuss ihrer Show kamen. Alle anderen wussten: Vorweihnachtliche oder wie auch immer geartete Wunder, ausgefeilte Finessen oder gar experimentelles Feuerwerk gab’s sicher nicht zu erwarten, schmissig-gepflegtes Rock’n’Roll-Entertainment mit der ein oder anderen ruppigen Ecke und Kante aber allemal, und dahingehend sollte das gut gefüllte Auditorium der vom Clubzwei präsentierten Veranstaltung auch keineswegs enttäuscht werden.
Begleitet wurde die gewohnt kratzbürstig gelaunte Frontfrau mit dem sarkastischen Humor an diesem Abend vom solide und unaufgeregt aufspielenden Trommler Bruce Brand, bekannt vor allem durch sein Mitwirken am unüberschaubaren Tonträger-Output der nahezu gleichsam unüberschaubaren Inkarnationen des englischen Indie-Tausendsassas und früheren Goligthly-Weggefährten Wild Billy Childish, in Sachen verlässliches und unaufdringliches Rhythmus-Geben stand Matt Radford am Upright Double Bass in nichts nach, Akzente setzte vor allem Gitarrist Bradley Burgess mit seinen exzellenten, locker aus dem Ärmel geschüttelten Rhythm-and-Blues-Licks – nicht anders als beim letzten Münchner Golightly-Gig in diesem Verbund vor gut drei Jahren im restlos ausverkauften Substanz-Club.
Die mittlerweile im amerikanischen Bundesstaat Georgia angelandete Londoner Königin der Schrammelgitarre hat über die Jahre ihren Hang zur ureigenen, zeitlosen Spielart des US-Rock’n’Roll, zu schmissigem Rockabilly, Blues- und Country-Twang mit dezenten Anleihen bei Soul und Gospel kultiviert, ihr früheres Faible für Garagen-Trash jeglicher Couleur offenbart sich dieser Tage vor allem im atmosphärischen Hall ihrer windschiefen Desert-Blues-Balladen, die Holly Golightly und ihre Mannen im Mittelteil der launigen, ausgedehnten 100-Minuten-Sause ausgiebigst als gespenstisch-schaurige Prärie-Beschallung in die Münchner Nacht heulen. Hätten Herrschaften wie David Lynch oder die Coen-Brüder das cineastische Machwerk mit dem New Yorker 5th-Avenue-Juwelier im Titel auf Zelluloid gebannt, Holly Golightly hätte anstelle von Film-Komponist Henry Mancini und seinem „Moon River“ den passenden Soundtrack zum – gewiss weitaus schrägeren – Schauspielern ihrer namensgebenden Filmfigur beitragen können, wer weiß. Da das Showbusiness nicht nur Glamour pur ist, wie sie an diesem Abend selbst anmerkt, wird es zum großen Hollywood-Auftritt vermutlich in diesem Leben nicht mehr kommen, die Realität sind verlorene Autoschlüssel und damit ein verschlossener Van mit dem gesamten Merchandising im fernen Hamburg. Bandleaderin und Begleit-Combo nahmen es mit nonchalanter Selbstironie, streuten eine Handvoll bewährte, auf den Kern reduzierte Blues-Standards wie „Big Boss Man“ und ein den Klauen Claptons entrissenes „Further On Up The Road“ in die reichhaltige Werkschau eigener Kompositionen, die trotz schwindender Garagen-Ruppigkeit den ewigen und unverfälschten Geist des Rock’n’Roll atmeten, in geerdeter Schlichtheit und ungeschliffenem Rohzustand, und damit war bei gefälligem Mitwippen des Tanzbeins allemal für einen höchst vergnüglichen und hoch unterhaltsamen Abend gesorgt – die Entscheidung pro Holly an diesem Abend sollte der Schaden der Besucherschar nicht sein, trotz massiver, dem Vernehmen nach stark aufspielender Giant-Sand-Konkurrenz in der H39-Halle nebenan.

Holly Golightly @ Substanz, München, 2016-11-07

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Die Queen of Schrammel-Trash Holly Golightly Smith, von Muttern vor fünfzig Jahren in London tatsächlich nach der Protagonistin aus dem Truman-Capote-Roman „Breakfast at Tiffany’s“ getauft, gab sich nach vielen Jahren auf Initiative des Clubzwei mal wieder die Ehre in der bayerischen Landeshauptstadt, als Grund für ihre lange Abwesenheit nannte sie ihre Übersiedlung in die Staaten – „hang around there in the middle of nowhere, far away from anything, doing nothing“ – Rückkehr dorthin nach der absolvierten Europa-Tournee ist ihren Worten gemäß vom Ausgang der US-Wahl abhängig, Asyl wird sie im alten Europa immer finden, nach ihrem relaxt-beschwingten Musikvortrag im Münchner Substanz allemal, in dessen Verlauf sie Kratzbürsten-haft den für die Beleuchtung zuständigen Mann wiederholte Male rüffelt und ansonsten eine launige Aufführung abliefert in Sachen entspanntem Rhythm and Blues, Sixties-Rock’n’Roll-Spaß, Country-Swing, Vaudeville-Trash-Anspielungen und diesem latent morbiden, geheimnisvollen Nachhallen, wie es ansonsten nur Größen vom Kaliber Tom Waits oder Johnny Dowd hinkriegen.
Der Schrammel-Faktor ist mittlerweile deutlich zurückgenommen im Golightly-Klangbild, dafür sorgen die hervorragend eingespielten Mitmusiker Bruce Brand und Matt Radford an Schlagzeug und Kontrabass, die mehr als solide einen jederzeit tragfähigen Groove für die zeitlosen Songs der englischen Chanteuse ausrollen, sowie Lead-Gitarrist Bradley Burgess, der an dem Abend wiederholte Male mit herausragenden, locker heruntergespielten Rhythm-and-Blues-Riffs zu beeindrucken wusste. Mit Nonchalance und britischem Humor beeindruckt Golightly in einer Auswahl an eigenen Arbeiten und unterstreicht im Interpretieren von Fremdwerk wie der Jimmy-Reed-Nummer „Big Boss Man“ und dem „Further On Up The Road“-Klassiker von Bobby „Blue“ Bland, dass ihr auch der Blues der reinen Lehre keineswegs fremd ist.
Das Publikum im gesteckt vollen und restlos ausverkauften Substanz hat’s herzlichst applaudierend gedankt, und der Mann am Licht hat hoffentlich seine Schicht vor Konzert-Finale beendet, da ansonsten wohl Ungemach von Seiten der mit der Ausleuchtung notorisch unzufriedenen Künstlerin drohte, Einlauf Hilfsausdruck.
(**** ½ – *****)

Holly Golightly und ihre Band spielen heute im PPC in Graz, im Rahmen der Europa-Tournee zu folgenden Terminen:

10.11.2016 – Augsburg, City Club
11.11.2016 – Stuttgart, Goldmarks
12.11.2016 – Basel, Parterre
13.11.2016 – Freiburg, Waldsee
14.11.2016 – Bonn, Bla
15.11.2016 – Amsterdam, Paradiso
01.12.2016 – London, The Lexington

Very special Thänx an Jürgen Franke / Substanz Club.

Reingehört (94)

breakfast at tiffany's

Holly Golightly – Slowtown Now! (2015, Damaged Goods)
Die britische Garagen-Trash-Chanteuse Holly Golightly Smith, die von Muttern tatsächlich nach der Hauptfigur aus Truman Capote’s Werk „Breakfast at Tiffany’s“ getauft wurde, mit ihrem gefühlt dreißigsten Album (vielleicht sind es auch ein paar weniger), auf dem Madame mit relaxtem Pulp-Fiction-Indie-Trash, Bar-Musik und Vaudeville-Kapriolen glänzt. Erinnert weit mehr an frühe Indie-LoFi-Perlen und ihre Zusammenarbeit mit Billy Childish und den Headcoats als an jüngeren Folk-/Blues-/Country-Output mit ihrer US-Begleitband The Brokeoffs. Back To The Roots, begrüßenswerter Trend.
(*** ½ – ****)

Ray Wylie Hubbard – The Ruffian’s Misfortune (2015, Bordello Records)
Krachiger, scharfer, anspruchsvoller Country-Blues in der erwartet guten Qualität vom Songwriter aus Oklahoma, der mittlerweile auch streng auf die 70 zugeht, von Altersmilde auf dem aktuellen Album aber wenig verspüren lässt. Gefröhnt wird vielmehr dem Ingrimm der Jugend, die auch nicht mehr taufrische Joan Jett wird in “Chick Singer Badass Rockin” als Göttin gepriesen („Says Nashville country is piss ants“) und mit „Stone Blind Horses“ die herausragende Ballade zum großen Finale serviert. American Roots Music mit intelligent-lustigen Texten, mit viel emotionaler Kraft vorgetragen. Gibt es nix dran auszusetzen.
(**** ½)

Emily Kinney – This Is War (2015, Independent Label Se)
Erstes Volle-Länge-Album der jungen Kalifornierin, die einem breiteren Publikum durch ihre Rolle als Beth in 37 Episoden der Horror-Drama-Serie „The Walking Dead“ bekannt wurde und in der sie in der 3. Staffel/Folge 11 eine wunderschöne Interpretation der Tom-Waits-Großtat „Hold On“ zum Besten gibt. Auf dem neuen Album bietet Emily Kinney leichtfüßigen, griffigen Indie-Powerpop, der durch eine schöne Singstimme besticht, ansonsten aber kaum jemanden vom Hocker reißt, aber sicher auch niemandem weh tut…
(***)