I See Hawks In L.A.

Reingehört (207): Robert Rex Waller Jr.

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Robert Rex Waller Jr. – Fancy Free (2016, Western Seeds Records)
Robert Waller, Sänger und Gitarrist des kalifornischen Alternative-Country-Quartetts I See Hawks In L.A. (hierzulande vor allem durch den Vertrieb der Abstatter Roots-Experten von Blue Rose Records bekannt), leiht seinen sonoren Bariton auf dieser Soloarbeit einer Ansammlung von 13 Coverversionen, deren Einspielungsprozess zu einer Art Familientreffen geriet, Wallers Dad ist am Piano zugange, der ehemalige Hawks-Drummer Anthony Lacques trommelt (was sonst) und auch die Mitmusiker der aktuellen Besetzung sind mit von der Partie.
Vor allem in der ersten Hälfte des Tonträgers glänzt Waller mit exzellenten Country-Crooner-Interpretationen von Utah Phillips‘ „Walking Through Your Town in The Snow“ und Old Neils „Tonight’s The Night“-Klassiker „Albuquerque“, der neben relaxter Coolness im Gesang mit einem wunderbaren Akkordeon-Solo des begnadeten Virtuosen Joel Guzman aufwartet.
Mit „Waterloo Sunset“ würdigt er einen der gelungensten Popsongs der Sechziger in Form eines formvollendeten, entspannten Bar-Blues-/Ragtime-Piano-Vortrags, in dem er den im Original schon ausgeprägt lakonischen Gesang von Ray Davies noch um einige Nonchalance-Grade toppt.
Mit „She Belongs To Me“ von Dylan, der Doors-Nummer „The Crystal Ship“ und dem Hammond/Hazlewood-Schmachtfetzen „The Air That I Breathe“, den vor allem die Hollies 1974 bekannt machten, wagt Waller nicht viel, und er gewinnt mit diesen unspektakulären Interpretationen auch nichts, weitaus spannender gestaltet sich das bei den Versionen von „Don’t Let the Sun Go Down On Your Grievance“, im Original von LoFi-Weirdo Daniel Johnston, und dem herrlichen „Counting My Lucky Stars“ aus der Feder des tendenziell nur in Fachkreisen bekannten Country-Songwriters Mike Stinson. Der belanglosere Rest ist Material von Willie Nelson, den Oak Ridge Boys, dem Jazzer Herman Hupfeld und das notorisch-unvermeidliche „Amazing Grace“, Gottlob auf erträgliche 1:16 Minuten eingedampft.
Lagerfeuer anzünden, Pulle kreisen lassen, mitsingen.
(****)

Soundtrack des Tages (58)

Billy Bragg – Between The Wars


 
TV Smith – Gary Gilmore’s Eyes


 
Peter Escott – My Heaven My Rules


 
Over The Rhine – Baby If This Is Nowhere


 
I See Hawks in L.A. – I Fell In Love With The Grateful Dead


 
Mourn – My Brain Is Made Of Candy

Reingehört (22)

KULTURFORUM Reingehört (23) 2014-11 www.gerhardemmerkunst.wordpress.com
 
Peter Escott – The Long O (2014, Captured Tracks)
Wunderbares, Piano-dominiertes Songwriting des Australiers, einige, wenige Stücke dezent mit elektronischem Firlefanz unterfüttert. „Angel“ ist ein exzellentes Beispiel für großartiges Musizieren, an anderen Stellen ist das Werk wiederum spärlich und unpoliert. Nichts von der Stange, Vergleiche drängen sich nicht unbedingt auf und genau das macht das Album spannend.
(**** ½)

Mourn – Mourn (2014, Sones Records)
Indierock mit krachigem Mädels-Gesang: Spanische Jungspunde mit einem unüberhörbaren Hang zu Sonic Youth, Anna Calvi und PJ Harvey. Würde es ihn geben, würde ich an der Stelle den Sleater-Kinney-Gedächtnispreis verleihen.
(****)

Billy Bragg – Live At The Union Chapel London (2014, Cooking Vinyl)
Mein britischer Lieblings-Linker und eine der sympathischsten Erscheinungen im Pop-Business mit einer Konzert-Aufzeichnung im Rahmen seines 30-jährigen Bühnenjubiläums. Schöner Querschnitt über sein Schaffen in neuem, musikalisch recht anspruchsvollem Alternative-Country-Gewand, das meiste mit Band eingespielt, oft sehr Slide-Gitarren-lastig, nur wenige Klassiker wie „Between The Wars“ im vertrauten Solo-Vortrag. Die für Bragg-Auftritte typischen Endlosvorträge wurden mutmaßlich rausgeschnitten, es gilt die Devise: „You Cannot Beat Three Cords And The Truth“. Für Fans ein Muss und für Neueinsteiger eine schöne Ergänzung zur „Essential“-Billy-Bragg-Doppel-CD „Must I Paint You A Picture?“ von 2003. Mit DVD.
(*****)

Over The Rhine – Blood Oranges In The Snow (2014, Great Speckled)
Das aus Ohio stammende Duo Karin Bergquist und Linford Detweiler ist mir erstmals 2007 mit ihrer schönen Americana-Scheibe „The Trumpet Child“ über den Weg gelaufen. Das neue Werk präsentiert sich als getragenes, gehaltvolles Alternative-Country/-Folk-Konzeptalbum zum Thema „Winter“. Holzofen anschmeißen, Glühwein brühen und „Over The Rhine“ anhören! Frohe Weihnachten wünscht an der Stelle schon mal das Kulturforum …;-)))
(****)

TV Smith – I Delete (2014, Drumming Monkey / Rough Trade)
Der ex-Adverts-Frontmann mit einer passablen Punk-Rock-Platte, die akustischen und elektrischen Gitarren dominieren, ein paar deutschsprachige Titel, die TV Smith vor einigen Jahren für ein Theaterstück geschrieben hat, runden die Scheibe ab. Nix grundsätzlich Neues oder Spektakuläres, aber einem Sympath-Mann wie dem Fernseh-Schmid kann man immer gut zuhören bei seinem flotten und oft auch sehr melodischen Gepolter. Demnächst auf Tour mit den UK Subs.
(*** ½)

I See Hawks In L.A. – New Kind Of Lonely (2012, Blue Rose Records)
Tiefenentspannte, akustische Country-Scheibe der Band aus Kalifornien mit dem originellen Namen. Was will man gegen eine Scheibe groß ins Feld führen, auf deren Trackliste sich eine Nummer wie „I Fell In Love With The Grateful Dead“ befindet. Da geht Dir als altem Deadhead das Herz auf, frage nicht.
(****)