Iggy Pop

Reingehört (134)

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Iggy Pop, Tarwater & Alva Noto – Leaves Of Grass EP (2016, Morr / Indigo)
Ehrenrettung für James Osterberg: Iggy Pop, letztens bezüglich seiner Zusammenarbeit mit Josh Homme mit wenig lobenden Worten bedacht, auf dem Literatur-Trip und über die Schiene des Vorlese-Onkels gleich wesentlich besser aufgestellt.
Über die dezenten Experimental-/Elektronik-/Trance-Klangbilder des Berliner Postrock-Duos Tarwater und des Chemnitzer Elektronik-Komponisten Carsten Nicolai aka Alva Noto, der vor kurzem zusammen mit Ryuichi Sakamoto für den „The Revenant“-Soundtrack verantwortlich zeichnete, liest Iggy mit sonorer Stimme Werke des einflussreichen amerikanischen 19.-Jahrhundert-Lyrikers Walt Whitman, macht er astrein, da gibt es nix dran rumzumäkeln. Vor kurzem hat sich Pop im ZEITmagazin-Interview mit Klaus Kinski verglichen, bleibt zu hoffen, dass er das nicht auf alle Facetten des deutschen Schaupiel-Exzentrikers bezieht, aber schöne Literatur hat auch er sehr mustergültig eingelesen, der Kinski…
(**** ½)

Thomas Köner – Tiento De La Luz (2016, Denovali / Cargo Records)
Keyboard-Meditationen und Minimal Music des Bochumer Klang- und Multimedia-Künstlers Thomas Köner, mit dezenten elektronischen Verzerrungen/Verwerfungen im Klangbild hinterlegt. Funktioniert auch prächtig ohne die berauschenden Bilder, die Köner bei seinem letztjährigen Frameworks-Auftritt visualisierte. Brian Eno hätte das wohl ‚Music For Airports, Teil 2‘ oder so ähnlich betitelt.
Der Tiento ist die Bezeichnung für verschiedene freie Improvisations-Formen für Tasteninstrumente, die in Spanien im 15. Jahrhundert entwickelt wurden, Köner setzt in seiner Interpretation dieses musikalischen Klangbilds neben der individuellen Elektronik auch klassisches Instrumentarium wie Piano, Perkussion und die Gambe ein, für ihn bestehen zwischen der künstlichen und konventionellen Erzeugung von Tönen offensichtlich hier nur graduelle Unterschiede.
(****)

Reingehört (129)

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Iggy Pop – Post Pop Depression (2016, Caroline / Universal)
Vielversprechend geht’s los, mit dem gefällig abrockenden Opener „Break Into Your Heart“, und zu einem halbwegs guten Ende findet es auch mit dem Rausschmeißer „Paraguay“, das erste Studio-Album vom Herrn Osterberg seit vier Jahren, zwischen Alpha und Omega findet sich jedoch bedauerlicherweise eine ganze Ladung an domestiziertem Alternative Rock, der seinen Hang zum Mainstream nur schwer zu bändigen und zu verbergen weiß, man hätte sich weitaus mehr an Brachial-Ungezähmtem erwartet vom Iggy, zumal er sich im kommenden Sommer auf europäischen Bühnen zwischen etlichen Brüllern wie Iron Maiden, Slayer und den Suicidal Tendencies tummelt, beispielsweise am 28. Mai im Münchner Olympiastadion beim Rockavaria, zudem hat er sich – wie in den Medien bereits ausführlichst breitgetreten – für die neue Scheibe mit dem Krachmusik-Experten Josh Homme (Eagles Of Death Metal, Queens Of The Stone Age, Them Crooked Vultures, Kyuss) zusammengetan, welchem es auf dem Tonträger aber leider auch nicht gelingen mag, die Chose in annähernd musikalisch spannende Gefilde zu katapultieren. Wird qualitativ von den bewerbenden Medien in die Nähe der Stooges-Klassiker oder der von Bowie produzierten Iggy-Großwürfe wie ‚Lust For Life‘ oder ‚The Idiot‘ (beide 1977, beide RCA) gestellt, glaubt davon kein Wort.
Wer nicht hören will, muss fühlen, ‚Post Pop Depression‘ ist ab 18. März im gutsortierten Fachhandel und an der Supermarkt-Kasse erhältlich.
(***)

Eine Kerze für David Bowie

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No return of the Thin White Duke: Das einzigartige Pop-Chamäleon David Bowie ist gestern im Alter von 69 Jahren seinem Krebsleiden erlegen.
Der vor allem in den siebziger Jahren stilprägende Musiker/Sänger hinterlässt mit Alben wie ‚The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars‘ (1972), ‚Station To Station‘ (1976) und den 1977 erschienenen Werken ‚Low‘ und ‚“Heroes“‚ (alle: RCA) Meilensteine der Rockmusik, die in jeder ernst zu nehmenden Best-Of-Irgendwas-Of-All-Time-Liste auftauchen.
Legendär ist unter anderem seine Zusammenarbeit mit Iggy Pop, während seines Abhängens mit Herrn Osterberg im Berliner Drogensumpf „near the wall“ entstanden neben eigenen Alben die von Bowie schwer beeinflussten Iggy-Meisterwerke ‚The Idiot‘ und ‚Lust For Life‘ (beide 1977, beide RCA).
Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre habe ich Bowie ein paar Mal live gesehen, auf der ‚Sound & Vision‘-Tour, bei der er eine Art Greatest-Hits-Show seiner Werke spielte, mochte der Funke nicht recht überspringen, obwohl er mit Adrian Belew einen absoluten Ausnahme-Gitarristen am Start hatte. Einige Jahre später stieß der Auftritt mit der Band Tin Machine in kleinerem Rahmen im Münchner Circus Krone auf wesentlich mehr Gegenliebe, mit einem hart rockenden, homogenen Set und einer exzellent besetzten Combo überzeugte Bowie auch Fans, die dem Projekt generell kritisch gegenüber standen, die drei Tin-Machine-Alben sind bei beinharten Bowie-Fans bis heute nicht unumstritten.
Ich war nie der ganz große Fan, aber bei „Rock ’n‘ Roll Suicide“ habe ich jetzt doch ein paar Tränen zerdrückt…

Reingehört (67)

REINGEHÖRT 2015-07-22
 

Iggy Pop – Shot Myself Up (2015, Easy Action)
Offizielle Veröffentlichung eines Bootlegs, das in vergangenen Tagen unter dem Titel „Live At The Mantra“ durch die Sammlerbörsen und Second-Hand-Läden geisterte, und dort wäre es aufgrund der absolut lausigen Aufnahmequalität auch besser geblieben. Die ersten zwölf Stücke wurden 1977 im Mantra-Studio zu Chicago in relativ steriler Atmosphäre ohne Publikum unter Beteiligung des damaligen Iggy-Produzenten David Bowie mitgeschnitten, die Band probt für eine Nordamerika-Tour, das Set besteht hauptsächlich aus alten Stooges-Klassikern sowie den ‚Idiot‘-Stücken „Funtime“, „China Girl“ und „Sister Midnight“, das grauenvoll schrille und vor allem grauenvoll abgemischte Keyboard-Gedudel vom ‚Tin White Duke‘ reißt es in dem Zusammenhang auch nicht mehr heraus, obwohl die Song-Auswahl eine wirklich tolle ist.
Der Rest der Scheibe besteht aus Alternativ-Aufnahmen diverser ‚Idiot‘-Songs (1977, RCA) und ein paar Mitschnitten von TV-Sendungen, in der Klangqualität nur unerheblich erfreulicher als der ‚Mantra‘-Auswurf. Nur für beinharte Sammler.
(**)

Iggy Pop – Psychophonic Medicine / The Unreleased Tracks (2015, Cleop / H’ART)
Nochmal was aus den Iggy-Archiven und diese Zusammenstellung macht dann doch wesentlich mehr Laune als der vorab besprochene Audio-Müll. Viele Live-Versionen aus den End-Siebziger-/Anfang-Achtziger-Osterberg-Alben, eingespielt bei einem Konzert 1981 in San Francisco, diverse Outtakes des recht durchwachsenen ‚Party‘-Albums (1981, Arista), eine Handvoll Demos aus dem Jahr 1985, die Iggy mit dem ex-Sex-Pistols-Gitarristen Steve Jones einspielte, darunter eine Frühfassung seines ‚American-Cesar‘-Schlagers „Beside You“, den er erst acht Jahre später zusammen mit Lisa Germano zur Formvollendung bringen sollte sowie eine originelle Version des Hendrix-Klassikers „Purple Haze“ schnüren sich zu einem Gesamtpaket aus bisher unveröffentlichtem Material, dass sich der James-Osterberg-Fan gern ins Regal stellt.
(****)

James Williamson – Re-Licked (2014, Leopard Lady)
Der Mann, der dem Stooges-Klassiker ‚Raw Power‘ (1973, Columbia) durch sein exzessives Gitarrenspiel seinen unverkennbaren Stempel aufdrückte und damit viele nachfolgende Punk-Rock-Gitarristen beeinflusste, der von Iggy Pop des öfteren engagiert und wieder gefeuert wurde und der ansonsten als der von allen gehasste Stooge in die Rock-Geschichte einging, hat im letzten Jahr ein eigentlich recht durchschnittliches Alternative-Rock-Album veröffentlicht, dass näheres Hinhören trotzdem lohnt, werden doch viele gefährlich am Rande des Rock-Mainstreams angesiedelte Stücke durch die herausragenden Gesangsparts von so erwiesenen Ausnahme-Vokalkünstlern wie der amerikanischen Blues-Musikerin Carolyn Wonderland, dem ex-Toten-Kennedy Jello Biafra, dem unvergleichlichen Grunge-Crooner Mark Lanegan oder vom Sister-Double-Happiness-/Dicks-/Black-Kali-Ma-Sänger Gary Floyd gerettet.
(*** ½ – ****)