Import/Export

Wooden Shjips @ Import/Export, München, 2019-03-12

Die geschätzten Münchner Konzertveranstalter vom Clubzwei luden am Dienstagabend zur psychedelischen Volldröhnung in den Club-Saal des Import/Export, die kalifornischen Neo-Space-Rocker der Wooden Shjips entwickelten bereits mit ihrer konzertanten Ankündigung genügend Sog-artige Anziehungskraft und garantierten damit einen vollgepackten Saal. „Ausverkauft“ konnte zu Beginn des Gigs vermeldet werden, das freut Veranstalter, Musikanten und die Wirtsleute.
Die Holz-Schjiffe um Mastermind Erik „Ripley“ Johnson lieferten ein exzellentes Setting ins Sachen „Turn On, Tune In, Drop Out“, multimedial begleitet von einer an die drogenverseuchten Sechziger Jahre angelehnten Farbexplosion an buntem Gelichter auf der Bühnenwand und vermutlich von der ein oder anderen eingeschmissenen Substanz auf Betriebstemperatur gebracht, hoben die Musiker unvermittelt zum Höhenflug in entlegene Sphären und Galaxien an, von denen sie erst nach 80-minütigem Space-Trip wieder auf den Boden des Heimatplaneten zurückkehren sollten.
Mit Schwerpunkt auf das Material des aktuellen Albums „V.“ in der Setlist bot das Quartett aus San Francisco in einem atmosphärisch dichten Vortrag das Erwartete an Psychedelic-Preziosen in einer verschärften, hinsichtlich Intensität gesteigerten Live-Version.
Der geisterhafte, sporadische Sangesvortrag von Gitarrist Johnson blieb entrücktes und kaum verständliches Beiwerk, von weißem Rauschen und Verzerrungen verwaschene, diffuse Beschwörungen auf einem Level der tiefenentspannten Gleichgültigkeit. Die Band gab sich mit Genuss vor allem dem instrumentalen Exzess hin, ausladende Gitarren-Soli, aufheulend, dröhnend, nachhallend und durch Feedbacks gejagt, von Johnson virtuos und gleichsam technisch brillant mit kaum fassbarer, leuchtender Schönheit als zentrales Element in den hypnotischen Flow gestellt. Ein Klangfluss, der vom Grundrauschen der Weltraum-Orgel, den irrlichternden Synthie-Drones, Sound-Loops und der ganzen Vielfalt des Tasten-Spiels und Regler-Schraubens in Kraut-, Prog- und Space-Herrlichkeit begleitet und entsprechend in Szene gesetzt wurde, somit zweifellos erst seine ganze bewusstseinserweiternde Pracht entfaltete.
Im Rahmen einer stoischen, kaum variierenden Rhythmik kommt insbesondere Drummer Omar Ahsanuddin der nicht geringe Verdienst zu, mit seinem reduzierten, monoton antreibenden Uptempo-Klopfen auf Becken und Snare-Drum diese ausufernden, der Hippie-Ära entlehnten Cosmic-Improvisationen im Hier und Jetzt zu halten, ohne den unermüdlichen Drive des Trommlers würde die psychedelische Spielart der Shjips vermutlich rückwärts gewandt in der Vergangenheit haften bleiben, als Orchestrierung zu längst vergangenen Haight-Ashbury-Happenings oder den LSD-Versuchen und Acid Tests der Herren Leary, Kesey und Konsorten – so bleibt er zeitlos und für das Indie-Rock-Volk des 21. Jahrhunderts konsumierbar. Da tat kein Naschen und Inhalieren an verbotenen Rauschmitteln Not, selbst ohne zugekleisterte und verdichtete Hirnwindungen entfaltete der Sound der Band seinen unausweichlichen Hypnose-Sog und zog die Hörerschaft mit hinauf in den Orbit der entrückten Zustände.
„Ride On“ vom aktuellen Album verließ als Neo-Desert-Blues im Valium-gedämpften Zeitlupen-Downtempo kurzzeitig die experimentelle Umlaufbahn, und mit „What Goes On“ vor der Zugaben-Pause durften die längst in die Geschichte eingegangenen Velvet Underground für einen Coverversionen-Auftritt die eingelagerten Urnen der Gruft verlassen und in ausgedehntem Trip auf die Sternenfahrt gehen, Johnson und Co. bauten die bereits in Grundzügen vorhandenen Sixites-Psychedelic-Strukturen des Klassikers zu einem dichten Neo-Prog-Gewerk aus, der gute alte Lou Reed wurde selten rauschhafter gefeiert.
Wo Rauschebart Johnson mit seinem Nebenprojekt Moon Duo die Psychedelic in Richtung reduzierter Garagen-Punk dehnt, liefert das Mutter-Holzschjiff die schwergewichtige, überwältigende, nicht weniger extrem gut ins Ohr gehende Kost der harten, progressiven Indie-Rock-Spielart.
Kommunikation mit dem Publikum im konventionellen Sinn findet bei Wooden Shjips wenn überhaupt nur in homöopathischen Dosen statt. Kein „Good Evening“, kein „München ist die superste Stadt unserer Tour, so far“, kein „Wo ist der nächste Hanfzüchter Eures Vertrauens?“: Floskel-freies Konzentrieren auf das Wesentliche, so soll es sein. Zweimal ein ins Mikrophon genuscheltes, kaum vernehmbares „Thank You“, das soll’s an verbalem Austausch der Band aus der Fog City mit dem Münchner Konzertvolk an diesem Abend gewesen sein. Wooden Shjips korrespondieren mit dem Auditorium auf einer anderen Ebene, der Flow des Indie-Space-Sounds durchdringt den Raum und wird vom Publikum als Resonanzkörper mit sanftem Wogen und eingegroovtem Mitnicken als Antwort erwidert. Ein nonverbales Einverständnis auf anderem Bewusstseins-Level zwischen Musikern und Konsumenten, wenn man so will.
An den positiven Vibes, an parapsychologischer Gedankenkontrolle oder anderweitiger spiritueller Einflussnahme muss das hiesige Publikum indes noch schwerst arbeiten, zu mehr als zwei Zugaben-Nummern waren die Wooden Shjips trotz herzlich zugewandtem Applaus an dem Abend nicht mehr zu bewegen.

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Svartvit + Space Eating Dogs @ Pension Noise #13, Import/Export, München, 2019-02-10

Lärmende Nachmittags-Matinee der Galerie Kullukcu-Gregorian am vergangenen Sonntag: Zu ungewöhnlich früher Uhrzeit ab 16.00 Uhr luden die Veranstalter der Pension Noise mit einem experimentellen Doppelpack zur 13. Ausgabe der sporadisch stattfindenden Konzert-Reihe in die Räumlichkeiten im Obergeschoss des Import/Export.

Space Eating Dogs sind ein junges Noise-Duo aus München, die Local Heroes bestritten den ersten Teil der launigen Veranstaltung mit einer abstrakten Sinfonie aus geloopten und durch ein Arsenal von verzerrenden Effektgeräten gejagten Bass-Tönen, rhythmisch in Form gebracht vom Anschlag auf diversen Basstrommeln, der an wuchtiges Pauken-Gewitter im klassischen Kontext gemahnte und vor allem dem dunklen, bedrohlich wirkenden weißen Rauschen und Feedbacks Struktur gab wie rituell-hypnotisches Element. Der Flow der 50-minütigen Live-Komposition wurde multimedial verstärkt durch eine in grellen Farben gezeichnete Video-Installation, die verwackelte und kolorierte Bilder eines an der Wasseroberfläche schwimmenden U-Boots an die Wand warf. Ein mit virtuosen Ideen geizender und damit tendenziell etwas zu ausgedehnt vor sich hin mäandernder Monoton-Drone in maximaler Electronica-Verfremdung trifft auf analoges, rudimentäres Improvisations-Drumming, ein spannender Ansatz, der nach dringender Weiter-Entwicklung wie -Verfolgung verlangt.

Der Niederländer Kevin Jansen aus Den Haag, der seine Klangskulpturen selbst als „Harsh Noise Violence“ bezeichnet, brachte seine atonale Message im zweiten Teil der Pension-Noise-Veranstaltung mit seinem Solo-Projekt Svartvit in knapp bemessenen zwanzig Minuten kurz und bündig auf den Punkt, die hoffnungsvolle Aussage seines eingeflochtenen, verfremdeten Sprach-Samplings „Just Listen To Me, Everything Will Be Alright“ konterkarierte der Electonica-Artist mit einer wütenden, zu Teilen verstörenden Aufführung. Eine diffus pochende, abstrakte Industrial-Dunkelheit, einem Echolot aus finsteren, trüben Gewässern gleich, steckte den lautmalerischen Rahmen für die extrovertiert-erratische One-Man-Performance des Klangforschers, der das Klirren von Ketten in den Sound loopte wie die latent befremdlichen Geräusche seiner eigenen Körperfunktionen. Neben verzweifeltem Hardcore-Geschrei zur Befreiung der inneren Dämonen und Verarbeitung der auf wen oder was auch immer projizierten, aufgestauten Wut fixierte der Künstler Verstärker-Kabel mit grobem Klebeband in einer angedeuteten Selbst-Strangulation an seinem Hals, gab durch Versenken eines Knopf-großen Mikros im Mundraum beklemmende Würge-Laute von sich und bereicherte damit den bereits Grenzen-antestenden Charakter der erschütternden Lärmgebilde und die Form seiner Bühnenpräsenz um weitere unkonventionelle Faktoren.
Der ganzheitliche Radikal-Ansatz von Svartvit konfrontiert das Publikum mit reinigenden Elementen des Wiener Aktionismus, dem Feedback-dominierten, dumpfen und monotonen Geist des Proto-Industrial und der heftigen Raserei des Hardcore-Punk – eine atonal und mit engagiertem Einsatz auf den Punkt gebrachte Schrei- und Schmerz-Therapie, in einer kurzen Sitzung dem überwältigten Publikum als individuelle Körper/Geist/Seele-Erfahrung angedient. Selber einen gewaltigen Sprung in der Schüssel oder alternativ dazu bereits alles Erdenkliche an Absonderlichem aus der weiten Welt der experimentellen Vorführungen gesehen, das wären wohl die einzig denkbaren Ausreden, um nicht auf die ein oder andere Weise vom intensiven Herauskehren der inneren Befindlichkeit im Kurz-Seelen-Strip von Svartvit angerührt zu sein.