Indische Klassik

Reingehört (458): Rachel Grimes

„One of American independent music’s few truly inspired technicians.“
(WIRE Magazine)

Rachel Grimes – The Doctor From India: Original Motion Picture Soundtrack (2018, Mossgrove Music / Temporary Residence Limited)

Filmmusik, die auch hervorragend ohne die bewegten Bilder funktioniert: Die Komponistin/Pianistin Rachel Grimes aus Louisville/Kentucky ist in Sachen Neue Klassik ab Anfang der Neunziger mit dem ausdrücklich nicht nach ihr – vielmehr nach einem Auto – benannten Indie-Kammerensemble Rachel’s in Erscheinung getreten, hat mit zahlreichen Orchestern und Experimental-Größen wie – amongst othersHelen Money und Erik Friedlander zusammengearbeitet und in diesen Tagen den Soundtrack für einen Film veröffentlicht, der sich dem Leben und Schaffen des Arztes Dr. Vasant Lad widmet, einem Pionier der ganzheitlichen Medizin, der sich Ende der siebziger Jahre maßgeblich für die Verbreitung der indischen Heilkunst des Ayurveda in der westlichen Welt einsetzte. Über die cineastischen Qualitäten der Biografie lässt sich hier mangels Erfahrungswerten nichts berichten, die instrumentale Beschallung des Biopics ist hingegen ausdrücklich höchstlöblich ausdrücklich zu empfehlen.
Achtzehn ineinander greifende, elegante und erhabene Piano-Mediationen mittels neoklassischer Minimal-Music-Themen, geschult an Michael Nyman, Philip Glass und George Winston, bereichert durch entspannte Violinen-, Saxophon- und Flöten-Arrangements und völlig unspektakulär mit feinsten Elektronik-Behandlungen zwecks sanftem Ambient-Flow versehen. Unaufgeregt auch die gelegentliche Symbiose mit indischen Klassik-Traditionen, die nichts mit gezwungen passend gemachter Crossover-Kompatibilität verschiedener Weltmusiken am Hut hat. Die Liste an brauchbaren Film-Soundtracks, die auch ohne die zugehörigen Motion Pictures ihren ureigenen Zauber entfalten, ist überschaubar, „The Doctor From India“ darf seit Neuestem dazugezählt werden.
(*****)

Reingehört (375): Brooklyn Raga Massive

Brooklyn Raga Massive – Terry Riley In C (2017, Northern Spy)

Die Kompositionen des amerikanischen Minimal-Music-Pioniers Terry Riley sind neben Jazz-Referenzen stark beeinflusst von der indischen Musiktradition, jetzt haben sich Erneuerer der klassischen Raga-Musik nach dem Motto „Wie man in den Wald hinein ruft, so kommt es heraus“ um eines der zentralen Werke des Meisters angenommen.
Riley, der in der Welt der experimentellen Rockmusik vor allem durch seine Kollaboration mit dem ex-Velvet-Underground-Musiker John Cale zum gemeinsamen Album „Church Of Anhrax“ (1971, Columbia) und dem Einfluss auf Pete Townshends Synthie-/Keyboard-Sequenzen zu „Baba O’Riley“ und „Won’t Get Fooled Again“ bekannt sein dürfte, komponierte 1964 „In C“, quasi „Beethoven’s Fünfte der Minimal Music“, 1968 wurde das Werk von Terry Riley und seinen Mitmusikern erstmals für einen Tonträger bei Columbia Records eingespielt, seitdem ist die für die moderne und hier vor allem serielle Musik eminent einflussreiche Arbeit über die Jahrzehnte unzählige Male neuinterpretiert worden, unter anderem von der Cleveland-Protopunk-Band The Styrenes, der japanischen Psychedelic-Band Acid Mothers Temple oder dem New Yorker Kollektiv für zeitgenössische Klassik Bang On A Can.
Nun also die orientalische Variante: Die in New York beheimatete Organisation für indische Klassik Brooklyn Raga Massive, der unter anderem der in dieser Szene bekannte Sitar-Virtuose Abhik Mukherjee angehört, hat sich um die 53 kurzen, in unzähligen Schleifen wiederholten Heterophonie-Phrasen angenommen und arbeitet in ihrer live im Januar 2017 mit 18 Musikern eingespielten Interpretation den repetitiven, nahezu meditativ-hypnotischen Trance-/Proto-Ambient-Charakter der Komposition in eindrucksvoll gefangen nehmender Weise heraus, hier sind Könner ihres Fachs am Werk, die der über fünfzig Jahre alten Monotonie-Variation neues Leben einhauchen und diese in nicht geahnten Klangfarben des indischen Subkontinents erstrahlen lassen. Das Ensemble erweitert das vorgegebene Schema auf Anregung von Meister Riley himself um Solo-Einlagen diverser traditioneller asiatischer Instrumente wie um treibende Tabla-Rhythmen und bringt so neben dem experimentellen Ansatz die klassische indische Musik-Schule zur weiter reichenden Entfaltung, dementsprechend stellt die Formation das frei improvisierte „Raga Bihag Alap“ als Einführung, als sozusagen musikalisches Vorwort, zum indischen Raga vor die eigentliche „In C“-Interpretation. Die Eröffnungen zu den jeweiligen „Cells“ mögen der mit dem Riley-Werk vertrauten Hörerschaft noch geläufig erscheinen, durch den indisch-orientalischen Ansatz entwickeln die Phrasierungen schnell ein exotisches Eigenleben in grenzerweiternder Manier, die man bei dieser Komposition in der Intensität nicht erwartet hätte.
Tradition trifft Moderne in sich gegenseitig befruchtender Art und Weise, in dem Fall sind durchaus Zweifel erlaubt, welchen Part der über ein halbes Jahrhundert alte Minimal-Music-Urmeter und welchen die Jahrtausende-alte melodische Raga-Grundstruktur jeweils repräsentieren.
(***** – ***** ½)