Installation

frameless05: Novi_sad + Ryoichi Kurokawa, Lucrecia Dalt, Karin Zwack + aus @ Einstein Kultur, München, 2015-11-18

frameless05 - Daniel Bürkner

Die von Karin Zwack und Daniel Bürkner kuratierte Veranstaltungsreihe frameless ging am vergangenen Mittwoch für das Jahr 2015 im Münchner Einstein Kultur in die letzte Runde. Daniel Bürkner konnte in seiner traditionellen Einführungsansprache mit der frohen Kunde aufwarten, dass das Kulturreferat der Landeshauptstadt München auch für nächstes Jahr ein Budget zur Verfügung stellt, und so wird auch 2016 eine Reihe von Medienkünstlern und Musikern neue Ansätze von Experimental-Musik präsentieren, die sich mit den veränderten Lebensbedingungen im digitalen Zeitalter auseinandersetzen werden.

Den musikalischen Part des Abends eröffnete der griechische Konzeptkünstler und Komponist Novi_sad, der die bewegten, verfremdeten, digitalen, mitunter in ihrer schwer fassbaren Ästhetik verstörenden Bilder des japanischen Visual-Künstlers Ryoichi Kurokawa mit schweren, düsteren Industrial-Drones, bis an die Schmerzgrenze gehenden Hochfrequenz-Schleif-Geräuschen und wunderschönen Cello-Loops unterlegte, die Performance „Sirens“ übersetzte die Daten historischer Börsen-Crashs in ein komplexes audio-visuelles Gesamtkunstwerk, das den Zuschauer/hörer in eine irritierende Digital-Welt zog. Die Präsentation war im Kontext zur Realität zu sehen, sie knüpfte Bezugspunkte zu den aktuellen ökonomischen Verwerfungen in der griechischen Gesellschaft.

Foto Portrait Novi_sad (c) Courtesy by the Artist

Konventioneller gestaltete sich der Vortrag der kolumbianischen Multi-Instrumentalistin Lucrecia Dalt, die zierliche Musikerin bediente sich ansatzweise klassischer Songwriting-Elemente, die sie gekonnt auf digitale Verfremdung, perkussive Loops und geschickt übereinander gelegte Soundschichten treffen lies. So entstand ein faszinierendes Klanggebilde aus Ambient-, Trance- und Trip-Hop-Versatzstücken, die die Musikerin mit analog eingespielten Keyboard-Einsprengseln, E-Bass-Akkorden und einem Sprechgesang versah, der an die große New Yorker Experimental-Performancekünstlerin Laurie Anderson erinnerte.
In ihrer Aufführung am vergangenen Mittwoch setzte sich Lucrecia Dalt thematisch mit deutschen Filmklassikern auseinander, die miteinander verwobenen, ineinander übergehenden Musikstücke wurden von der Künstlerin während der medialen Beschallung durch die cineastischen Arbeiten komponiert.

Foto Portrait Lucrecia Dalt (c) Tonje Thilesen

Das Installationsprojekt für frameless05 konzipierte die in München lebende Künstlerin Karin Zwack, die auch als Kuratorin für die Veranstaltungsreihe tätig ist, sie kombinierte die Standbilder von Webcams zur Überwachung von Straßenbelägen in Island mit meditativen Klangschleifen des unter dem Pseudonym aus arbeitenden japanischen Musikers Yasuhiko Fukuzono, das gemeinsame Projekt „Halsar“ hatte den Anspruch, die irritierende Ästhetik der digitalen Überwachung zu dokumentieren.

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Foto „Halsar“ (c) Karin Zwack

Verwendung der Fotos mit freundlicher Genehmigung von frameless-Kuratorin Karin Zwack

frameless / Homepage

Peggy Meinfelder: Shake Hands @ Kunst-Insel am Lenbachplatz München

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Bis 1. November wird am Lenbachplatz die Arbeit „Shake Hands“ von Peggy Meinfelder gezeigt, zu sehen ist die um ein Vielfaches vergrößerte Tuschezeichnung der Künstlerin, die auf einem Foto basiert, welches den ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und den SED-Politiker und DDR-Wirtschaftsfunktionär Alexander Schalck-Golodkowski am Rande von Verhandlungen über einen Milliardenkredit für die DDR Mitte der achtziger Jahre zeigt. Meinfelder, die 1975 in Thüringen geboren ist und heute in München lebt, thematisiert mit dieser Fokussierung laut Pressetext des Münchner Kulturreferats „den Umgang mit (deutsch-deutscher) Geschichte und deren Vermittlung“.

Es handelt sich um ein weiteres Projekt des Programms “Kunst im öffentlichen Raum”, zu dem auch die kürzlich vorgestellte Müllcontainer-Installation von Lena Bröcker am Karolinenplatz zählt.

Das Werk mag symbolisch immerhin gut in ein Jahr passen, in dem zum einen der hundertste Geburtstag des Größten aller Vorsitzenden der Cryptisch-Sakralen Union gefeiert wurde (wenn auch bei weitem nicht von allen), und zum anderen das 25-jährige Ende des eingemauerten Arbeiter- und Bauern-Paradieses im deutschen Osten, dessen Existenz paradoxerweise ausgerechnet der Pinochet-/Stroessner-/Botha-/Eyadéma-Freund, Stoiber-Zuchtmeister, Spezl-Wirtschaftler und Kommunisten-Fresser Strauß durch seinen zusammen mit Stasi-Oberst „Schneewittchen“ eingefädelten Milliardenkredit-Deal vermutlich um einige Jahre verlängert hatte…

Daniela – aus München, wie ich vermute –  hat auf ihrem Blog uNTERWEGSiNsACHENkUNST vor Kurzem ebenfalls über die Installation von Peggy Meinfelder am Lenbachplatz berichtet.

Lena Bröcker: Neue Werte @ Karolinenplatz München

„If art is the tip of the iceberg
I’m the part sinking below
(…)
How far can my fantasy go?“

(Lou Reed, Smalltown)

Um den Obelisken am Münchner Karolinenplatz stehen bis 12. November symmetrisch angeordnet 40 Müll-Container zum Sammeln von wiederverwertbarem Material wie Altglas, Plastik und Metall. Es handelt sich dabei um die Kunstinstallation „Neue Werte“ der in Kiel geborenen und in München lebenden Künstlerin Lena Bröcker, die ihr Werk als letztes der fünf Projekte des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ zum Thema „München 2015: Eine Standortbestimmung“ präsentiert.

Laut ausgelegter Information zum Projekt soll so der täglich produzierte Müll in das Bewusstsein der Bürger gerückt werden, die Sammelstellen erfahren durch das Aufstellen an prominenter, exponierter Stelle eine Aufwertung.

Nicht jeder Besucher mag aus der Installation Kunstgenuss ziehen, wie es schriftliche Anmerkungen am Infokasten oder der kürzlich vom Sockel ins Grün gekickte Container belegen.

Der Karolinenplatz in der Münchner Maxvorstadt wird beherrscht von einem zentral erichteten, 29 Meter hohen Obelisken, der 1833 auf Veranlassung Ludwig I. zu Ehren der bayerischen Gefallenen des 1812 unter Napoleon Bonaparte geführten Russland-Feldzugs errichtet wurde. Der Entwurf für das Ehrenmal stammt vom klassizistischen Architekten Leo von Klenze, dessen zahlreiche Bauten aus dem 19. Jahrhundert noch heute das Münchner Stadtbild prägen.
Die Platzierung der Sammelcontainer für wiederverwertbaren Müll um das Monument macht Sinn, für seine Verkleidung wurden seinerzeit Bronzeplatten verwendet, die aus türkischen Geschützen von versenkten Schiffen aus dem Seegefecht von Navarino im Kampf um die griechische Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich im Jahr 1827 recycelt wurden.
Der Münchner Karolinenplatz findet sich in unmittelbarer Nähe zum NS-Dokumentationszentrum, zum Amerikahaus und zum Königsplatz und seinen angrenzenden Museen.