Iowa

Reingehört (533): Aseethe

Aseethe – Throes (2019, Thrill Jockey Records)

Look Back In Anger oder Doom-Metal als ausführlich und profund durchexerziertes Statement des Zorns: Das US-Trio Aseethe aus der DIY-Community von Iowa City, mittlerweile seit gut zehn Jahren im Namen des zentnerschweren Lärmens unterwegs, zeigt für Ende nächster Woche die Veröffentlichung ihres mittlerweile vierten Longplayers über das Schallfolien-Haus Thrill Jockey Records an.
Fünf neue Kracher als erschöpfend artikulierter Ingrimm, als brachiale Dampfwalzen zur gründlichen Vernichtung jeglicher zarten Regungen oder schüchtern vorgetragener Widerworte: wo Aseethe hinlangen, langen sie ordentlich und nachhaltig hin. Dort wächst kein Gras mehr, wie es immer so schön heißt. Hart angeschlagene, machtvolle, repetitive und zu Teilen dissonante Riffs, Akkorde und Drones bestimmen das Klangbild, dem die Band maximalst mögliche Ausdehnung, Nachhall und Feedback angedeihen lässt – würde es sich um was zum Futtern handeln, man dürfte wohl von „Slow Food“ sprechen. Zeitlupen-Metal inklusive gründlich ausformulierter, minimalistisch-experimenteller Instrumental-Passagen als zähe Sound-Masse und überwältigende Klang-Dröhnung im weiten Feld des Heavy-Doom, daneben wirken die selbst alles andere als hastig und schludrig dahinwerkelnden Sludge-Götter der Melvins wie eine Speed-Metal-Combo auf der tonalen Überschall-Umlaufbahn – wie paradoxerweise auch die einzige „Throes“-Vorabveröffentlichung „No Realm“, die sich mit ihrem Radio-tauglichen Song-Format im Mid-Tempo wie der flotte Smash-Hit als konterkarierender Wurf zu den meist um die zehn Minuten dahindräuenden, hypnotischen Zeitlupen-Monolithen ausnimmt.
Die Vokal-Künste von Basser Noah Koester und Gitarrist/Großteil-der-Songs-Schreiber Brian Barr schwanken bipolar zwischen den Extremen der kreischenden Hysterie und des finsteren, kehligen Grollens aus den feurigen Höllenlöchern der Death/Black-Schwermetall-Schmiede, dahingehend wird die komplette Bandbreite an heidnischen Gesängen geboten, die die Herzen der beinharten Konsumenten-Schar freudig schneller schlagen lässt (um wenigstens im kardiologischen Bereich etwas Tempo ins Spiel zu bringen). Inhaltlich in den Texten wütende Botschaften gegen neoliberale Profiteure und rechtsgerichtete Volksverhetzer, endskorrekt. Einige, wenige Durchläufe, mehr ist nicht vonnöten, dann hat sich das neue Aseethe-Album zäh-klebrig in den Hirnzellen verfangen und alles an verbliebenen Unrat-Spurenelementen von Radiohead bis [name your most hated recording artist] weggeätzt wie gründlich vernichtende Säure, und damit hat dieser Tonträger seinen therapeutischen Zweck mehr als erfüllt. Aufgenommen im Electrical-Audio-Studio von Steve Albini, dort, wo seit jeher die genehmste Krachmusik herkommt.
„Throes“ erscheint am 17. Mai beim geschätzten Chicagoer Indie-Label Thrill Jockey Records. Der auch sehr geschätzte Kai Keup würde sagen: „Sie ordern dann bitte die Pladde beizeiten und drehen die schwarze Messe im heimischen Stüberl richtig laut auf, gell!“ – oder so ähnlich…
(**** ½ – *****)

Reingehört (367): Radio Moscow

Radio Moscow – New Beginnings (2017, Century Media Records)

Bandgründer, Sänger und Multiinstumentalist Parker Griggs und die beiden anderen Langhaarigen hören sich auch auf dem fünften Radio-Moscow-Album so an, wie die Optik der Band mit dem ersten Gedanken spontan vermuten lässt: nach Heavy-Sound, Marshall-Boxen-Türmen, ausladenden Gitarren-Soli, rausgerotzten Rock’n’Roller-Weisheiten, säuerlichen Alkohol-Ausdünstungen am Tag danach, eingefangen in Biker-Garagen-Atmosphäre, die Luft geschwängert vom Motorenöl-Duft, Rauchwaren-Schwaden und dem Aroma von verschüttetem Bier.
Das Trio aus Iowa geht auf „New Beginnings“ mit einer Vehemenz und einem energetischen Uptempo-Drive zugange, mit denen es letztendlich einerlei ist, ob die schneidenden Gitarren-Riffs, der heftige Rhythmus-Anschlag, der Wah-Wah-Pedal-Einsatz, der irgendwo zwischen Robert-Plant- und Ronnie-Van-Zandt-Plagiat herausgepresste Southern-Gesang und die vereinzelten, gedrosselten Jam-Improvisations-Passagen vor allem an psychedelischen Hard-Blues und Heavy-Rock längst vergangener Tage kurz vor der Geburtsstunde des Früh-Siebziger-Metal erinnern. Der Band selbst scheint es auch völlig egal zu sein, dass ihr Stoner-/Grunge-gewürzter End-Sechziger-Krach erst gar nicht versucht, die Einflüsse aus dem Hauptwerk von altgedienten und in vergangenen Dekaden hinlänglich durchgenudelten Combos wie Led Zeppelin oder Blue Cheer zu vertuschen, und diese ausgeprägte LMAA-Haltung nötigt mindestens genauso viel Respekt ab wie die unstrittigen handwerklichen Talente der Musikanten.
Like Punk never happened.
(**** ½)