James Ellroy

Soul Family Tree (60): Dr. John

Walk On Gilded Splinters. Risen from swamps, cloaked in mists and mutterings, Doctor John had voodoo eyes that chilled the soul and spells of utmost potency. Bones rattled, cauldrons gurgled, lost souls groaned below – write him a bad review, and he might turn you into a toad.
(Guy Peellaert / Nik Cohn, Rock Dreams)

Hardboiled-Großmeister James Ellroy greift das altbekannte Dr-Jekyll/Mr-Hyde-Thema in seinem Krimi „Because The Night“ auf und lässt den Psychiater John Havilland als Horrorwesen Dr. John The Night Tripper das nächtliche Los Angeles unsicher machen – einem Dieb, der andere Diebe beklaut, wird tausendfach vergeben, wie ein arabisches Sprichwort sagt: Den „Night Tripper“ hat Ellroy beim New-Orleans-Musiker Malcolm John Rebennack Jr. entlehnt, welcher seinen Bühnennamen Dr. John seinerseits in den späten Sechzigern selbst bei einem senegalesischen Prinzen abkupferte, der aus Haiti kommend in der Bayou Road seiner Heimatstadt als spiritueller Voodoo-Heiler auftrat und dort mit Unterstützung seiner 15 Ehefrauen, 50 Kinder, zahlreicher Schlangen, Echsen und menschlicher Schädel den afrikanischen Talisman „Gris-gris“ als Schutz vor bösen Mächten feil bot. Der Einfluss des Medizinmanns Dr. John Creaux The Night Tripper auf John Rebennack, der sich in seinen jungen Jahren ausgiebig mit den Voodoo-Traditionen Louisianas beschäftigte, war offensichtlich so groß, dass er neben dem Namen-Klau auch sein Debüt-Album nach dem magischen Amulett benannte. Hat alles nichts genützt, in the long run, in dem wir bekanntlich alle tot sind, irgendein böser Blick hat die Swamp-Blues-Legende Dr. John am Donnerstag vergangener Woche gesteift und durch einen Herzinfarkt gefällt, im Alter von 77 Jahren ist der Night Tripper in die unergründlichen Sumpflandschaften der ewigen Bayous eingegangen. Die heutige Black-Friday-Ausgabe widmet sich in ausgewählten Schlaglichtern seiner umfangreichen Karriere als Solist und Studio-Musiker.

Zum Einstieg die Schluss-Nummer „I Walk On Guilded Splinters“ des grandiosen Debüt-Albums „Gris-Gris“ von Dr. John aus dem Jahr 1968. Die scharfwürzige, schwerst psychedelisch und geheimnisvoll lichternde Mixtur aus Swamp-Rock, New-Orleans-R&B und Zydeco verkaufte sich bei Erscheinen lausig, Atlantic-Chef Ahmed Ertegun roch den Braten bereits vorab, er wird mit den Worten „How can we market this boogaloo crap?“ zitiert. Der Jahrzehnte später wiederveröffentlichte Tonträger wurde seinerzeit von den Kritikern weitaus wohlwollender aufgenommen, siehe etwa einen höchst respektablen Platz 143 in der Rolling-Stone-Liste „500 Greatest Albums Of All Time“ (wenn auch noch nicht alle Zeiten vorbei sind, sprich aller Tage Abend und so…)

In diesem Must-Hear-Kanon des Fachmagazins Rolling Stone landete auch das 1972er-Album „Dr. John’s Gumbo“, ein Blues- und Boogie-Klassiker, auf dem Dr. John in einer Auswahl an Cover-Versionen der musikalischen R&B-Tradition seiner Heimatstadt New Orleans huldigte. In dieser Zeit begann er auch, sich zeitweise von seiner theatralischen, von bunten Karnevals-Kostümen und Voodoo-Ritualen geprägten Bühnenshow zu verabschieden. Das Album enthält unter anderem eine exzellente Version des tausendfach gecoverten Mardi-Gras-Standards „Iko Iko“ der Dixie Cups und eine Version der Blues-Nummer „Let The Good Times Roll“, im Original von Earl King.

Im folgenden Jahr platzierte Dr. John mit der funky R&B-Nummer „Right Place, Wrong Time“ einen Top-Ten-Hit in den US-amerikanischen und kanadischen Charts, die Singles-Auskopplung eröffnet das von Allen Toussaint produzierte und von den Meters begleitete Album „In The Right Place“, auf dem sich auch „Such A Night“ findet, dass Dr. John live beim All-Star-Aufgalopp zum „Last Waltz“-Konzert von The Band zum Besten gab, wie auch der Song „Cold Cold Cold“, später von Little Feat adaptiert.

Die folgenden Jahrzehnte waren für Dr. John von vielen Ups und Downs geprägt, einem bis Ende der Achtziger ausgetragenen Kampf gegen seine Heroin-Sucht und Phasen ohne Plattenvertrag im einen Extrem, insgesamt sechs Grammy Awards und ein Ehren-Doktor-Titel der Tulane University auf der anderen Seite, daneben die Veröffentlichung zahlloser Studio- und Live-Aufnahmen, deren einzelne Aufzählung den Rahmen dieses Beitrag bei weitem sprengen würde. Explizit erwähnenswert sind mindestens die Solo-Piano-Aufnahmen „Dr. John Plays Mac Rebennack“ Anfang der Achtziger, das Warner-Brothers-Album „Goin‘ Back To New Orleans“ (1992) mit der Interpretation zahlreicher New-Orleans-Standards aus der Feder von Jelly Roll Morton, Professor Longhair oder Fats Domino, der Blue-Note-Longplayer „N’Awlinz: Dis Dat Or d’Udda“ aus dem Jahr 2004 als weiterer Tribute an seine Heimatstadt oder die 2010er-Aufnahmen „Tribal“, zu denen Dr. John in Reminiszenz an seine Frühphase im konzertanten Vortrag die Night-Tripper-Kluft wieder aus der Mottenkiste holte und die dunklen, gespenstischen, psychedelischen Elemente der ersten Alben in seinen ureigenen Blues-, Jazz- und Funk-Spielarten reanimierte. Einen ersten, guten Überblick über das unermessliche Schaffen der einflussreichen New-Orleans-Legende gibt der Rhino-Sampler „Mos‘ Scocious: The Dr. John Anthology“, die den Musiker als Traditions-Bewahrer wie Neuerer der zahlreichen stilistischen Ausprägungen des ureigenen Südstaaten-Swampland-Sounds von Cajun über Jazz und Blues bis Boogie porträtiert, als personifiziertes Gumbo des kulturellen und ethnischen Schmelztiegels seiner Heimatstadt.

Besondere Erwähnung verdient auch dieses gelungene Tribute: Zum Anlass des hundertsten Geburtstags von Duke Ellington veröffentlichte Dr. John 1999 „Duke Elegant“, unter dem Motto „The Doc meets The Duke“ hauchte Mac Rebennack den gut abgehangenen Standards des legendären Jazz-Bandleaders herrlich beschwingt neues Leben ein – ein rundum gelungenes Exemplar aus der Abteilung „Großer Künstler verbeugt sich vor dem Werk eines anderen Giganten“.

Dr. Johns Beiträge als Studio- und Session-Musiker für andere Kollegen sind wie der eigene Output in seiner mehr als ein halbes Jahrhundert umspannenden Karriere als Solist nahezu unüberschaubar. Bereits mit 13 Jahren traf er den Blues-Musiker Professor Longhair, mit dem er künftig auftrat und der ihn damit in seiner musikalischen Entwicklung maßgeblich beeinflusste. Nach einem zweijährigen Gefängnisaufenthalt Mitte der Sechziger – die üblichen Drogen- und Zuhälter-Geschichten – siedelte Rebennack für mehrere Jahre nach Los Angeles über und wurde Mitglied der „Wrecking Crew“, einem Kollektiv von Session-Musikern, die auch als Hausband für Phil Spector und seine Wall-Of-Sound-Produktionen fungierte. Zu der Zeit war er unter anderem an den Aufnahmen diverser Canned-Heat-Klassiker und des ersten Zappa/Mothers-Albums „Freak Out!“ beteiligt. 1972 mischte er beim Stones-Meilenstein „Exile On Main St.“ mit, in den folgenden Jahrzehnten steuerte er seine Sanges- und Piano-Parts für Alben und Auftritte von Van Morrison, Levon Helm, Ringo Starr, Johnny Winter, Gregg Allman wie zahllosen anderen Musikern und Bands bei.
Hierzu exemplarisch die Nummer „Who Shot The La-La“ vom Willy-DeVille-Longplayer „Victory Mixture“ aus dem Jahr 1990, die New Yorker Lower-East-Side-Legende hatte es einige Jahre zuvor nach New Orleans in das French Quarter als neue Heimat verschlagen, das Album nahm er vor Ort authentisch ohne technisches Overdub-Brimborium als Verbeugung vor der lokalen Szene mit Hilfe von örtlichen Größen wie Allen Toussaint oder eben Dr. John unter deren maßgeblichem stilistischen Einfluss auf. Der Tonträger inklusive einer exzellenten Promotion-Tour, die Willy DeVille mit seiner Band seinerzeit unter anderem auch nach München für ein umjubeltes Konzert in die Theaterfabrik führte, war seiner Reputation als herausragender Blues- und Soul-Crooner keinesfalls abträglich.

Das Schlusswort gebührt dem Good Doctor selbst, mit einem fünfzig-minütigen Live-Mitschnitt vom Newport Jazz Festival aus dem Jahr 2006:

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Lost Angeles

Heute bediene ich mich mal bei einem renommierten Blogger-Kollegen. Gerhard Mersmann vom Form7-Blog hat vor Kurzem eine exzellente Abhandlung über „Brown’s Requiem / Browns Grabgesang“ (letzte deutsche Ausgabe: 2000, Ullstein Taschenbuch), den lesenswerten Debüt-Roman des amerikanischen Krimi-Schwergewichtschampions James Ellroy, veröffentlicht, den ich als alter Ellroy-Verehrer gerne teile.

JAMES ELLROY @ Amerikahaus München 2015-03-20 J.E. + Heikko Deutschmann (2)

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James Ellroy. Brown´s Requiem

Wie ist es möglich, einer Marke, zumal auf dem Literaturmarkt, nach Jahren des Erfolgs und der Etablierung als festes Bild, noch einmal auf die Schliche zu kommen? Ist es im Rahmen des Erreichbaren, die ursprünglichen Antriebe und Erfahrungen zu dechiffrieren? Ja, richtig, ein Korridor, der in diese Richtung führt, ist eine Recherche des ersten oder der ersten Versuche. Bei dieser Vorgehensweise gelingt es immer wieder, vieles, das durch den Mythos als allzu trivial erscheinen würde, dennoch als wichtig zu identifizieren und manches, das als die Kernaussage immer wieder gehandelt wird, in seine Schranken zu verweisen. Es lohnt sich also, die ersten Versuche des künstlerischen Schaffens immer wieder unter die Lupe zu nehmen, um nicht im Meer des erzeugten Scheins zu ertrinken und den klaren Blick auf das Wesentliche zu verlieren.

James Ellroy, 1948 geboren und Kind des schmutzigen, lasterhaften, korrupten und gewalttätigen Los Angeles, ist nach…

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„Er und Dudley Smith belauerten sich gegenseitig. Er und Dudley Smith gingen ausgesucht höflich miteinander um. Er und Dudley Smith dinierten einmal im Monat mit Erzbischof Cantwell. Nennt-mich-Jack gestattete Dudley, Drogen an die Neger der Southside zu verkaufen. Nennt-mich-Jack segnete Dudleys widerliche Theorien über den Einsatz von Rauschmitteln zur Beruhigung bestimmter Rassen ab. Dudley war ein Coughlin-Anhänger und ein America-Firster. Er war in Irland geboren. Er hasste die Engländer. Er freute sich klammheimlich über das Nazibombardement von London.“
(James Ellroy, Perfidia, 3. William H. Parker, Los Angeles / Samstag, 6. Dezember 1941)

James Ellroy – Perfidia (2015, Ullstein)

Der Großmeister des amerikanischen Hardboiled-Krimis hat nochmal zum ganz großen Wurf ausgeholt: nach dem ersten „L.A.-Quartett“ (The Black Dahlia, The Big Nowhere, L.A. Confidential, White Jazz) und der „Underworld USA“-Trilogie (American Tabloid, The Cold Six Thousand, Blood’s A Rover) sowie der Reihe um den L.A.-Cop Lloyd Hopkins und diverser Einzelwerke startet James Ellroy mit dem 960-Seiten-Wälzer „Perfidia“ sein zweites L.A.-Quartett, welches als Prequel zu den beiden erstgenannten Reihen konzipiert ist.
Während das erste Quartett zeitlich Ende der vierziger bis Ende der fünfziger Jahre in Los Angeles angesiedelt ist und in vier Novellen die Geschichte des LAPD in diesem Jahrzehnt erzählt und die „Underworld USA“-Trilogie in der Zeitspanne 1958 bis 1973 zentral die Kennedy- und Martin-Luther-King-Morde sowie die damit verbundene politische und kriminelle Korruption von Seiten der Mafia, der amerikanischen Parteien und des FBI thematisiert, setzt das neue Quartett zeitlich wesentlich früher während der Tage des japanischen Pearl-Harbour-Angriffs auf und beleuchtet die Zeit des Zweiten Weltkriegs aus Sicht der USA, dementsprechend treffen wir zahllose Protagonisten der beiden Reihen in wesentlich jüngeren Jahren in „Perfidia“ wieder.

„Littell blies Rauch in Satterlees Richtung. Bowron und Biscailuz kicherten. Dick Hood ergriff das Wort: „Das einzige Kriterium für die Festsetzung einer ausländischen Fünften Kolonne ist die gesicherte Tatsache, das die Scheiß-Japaner heute früh das Gebiet der Vereinigten Staaten bombardiert und mindestens zweitausend Amerikaner getötet haben, die Scheiß-Deutschen und Scheiß-Italiener hingegen nicht. Und wie ich gerade festgestellt habe, steckt L.A. rappelvoll mit Scheiß-Japanern, weswegen wir nicht lange um den Scheiß-Brei rumreden, sondern abklären sollen, wie potentieller Sabotage der Riegel vorgeschoben werden kann.“
(James Ellroy, Perfidia, 15. Los Angeles / Sonntag, 7. Dezember 1941)

Hauptakteure des opulenten und hochkomplexen Romans sind der japanischstämmige LAPD-Kriminaltechniker Hideo Ashida, die junge, promiskuitive Kay Lake, die später auch in der „Schwarzen Dahlie“ auftauschen wird, der tatsächliche spätere, von James Ellroy hoch geschätzte LAPD-Polizeichef William H. Parker sowie der in der Tat sehr perfide LAPD-Sergeant Dudley „Dudster“ Smith, der den Fans des ersten „Quartetts“ in seiner ganzen diabolischen Pracht hinlänglich bekannt sein dürfte.

Wie immer bei Ellroy, sind auch die vermeintlich Guten nicht ohne Schuld in diesem Panoptikum aus Korruption, Intrigen, sich wechselnden Allianzen und den aus dem Angriff auf Pearl Harbor resultierenden anti-japanischen Rassen-Ressentiments – in der sich im Verlauf der über dreiundzwanzig Tage erzählten Geschichte wird sich jeder erwähnte Vertreter des LAPD, der katholischen Kirche, der linksgerichteten Hollywood-Aktivisten, der korrupten Politiker-Gilde und diverser Mafia-Vertreter mehr als nur die Hände schmutzig machen.

Wie James Ellroy vor einigen Wochen im Rahmen seiner Lesung im Münchner Amerikahaus erwähnte, konzipierte er den komplexen Kriminal- und Historien-Roman auf einem knapp tausendseitigen, parallelen Arbeitsskript, um so die diversen Beziehungen der handelnden Personen und parallelen Handlungsstränge in eine geordnete und in sich geschlossene Form zu bringen.

„Eine Sackgasse, Sir. Ich werde tun, was ich kann, bin aber nicht optimistisch. Am Ende werden wir ermitteln, das der Vorgang auf eine Missetat im feudalen Japan zurückzuführen ist. Ein Japsen-Warlord hat die Ziege eines anderen Warlords gefickt, ohne vorher dessen Erlaubnis einzuholen. Eine üble Beleidigung mit jahrhundertelangen Auswirkungen. Bis das Geschehen auf der Avenue 45 seinen Abschluss fand, just an dem Tag, an dem die Japsen den folgenschweren Irrtum begingen, unsere prächtige Flotte in Pearl Harbor zu bombardieren.“
(James Ellroy, Perfidia, 19. Los Angeles / Montag, 8. Dezember 1941)

Stilistisch fährt der Roman zweigleisig: Während das sogenannte „Kay-Lake-Tagebuch“ im konventionellen Stil vorgetragen und gut lesbar ist, schrieb Ellroy die überwiegenden, restlichen Kapitel in dem mitunter etwas schwer verdaulichen, aber extrem rasant zu lesenden Stakkato-Stil, wie er ihn erstmals in „White Jazz“ praktizierte und über die Jahre in den Werken der „Underworld USA“-Trilogie verfeinerte. Wie auch immer: Das Werk ist für Ellroy-Junkies (as I am) ohne Einschränkungen ein Muss, Einsteiger greifen bitte zuerst zu Frühwerken des Meisters, spätestens nach Verschlingen der ersten „LAPD“-Serie werden sie ohnehin bei „Perfidia“ landen. Ein großartiger Auftakt zu einer neuen – da bin ich mir ganz sicher – Kultserie eines der größten lebenden Schriftsteller unserer Tage.
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