James Hunnicut

Muddy Roots Europe 2016 @ Oostkamp/Waardamme, Belgien, 2016-06-25

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Den launigen Auftakt des zweiten Festival-Tages machte die Oldtime Stringband aus den Niederlanden mit traditionellem Bluegrass, das Quintett orientierte sich an amerikanischen Standards, wagte den ein oder anderen kurzen Ausflug in Old-Time-Folk- und Cajun-Gefilde und machte damit weiß Gott nichts falsch. Fortsetzung folgte zu späterer Stunde bei entspanntem Zusammensein im Cowboy-Up-Garten, eine sehr willkommene musikalische Untermalung für die Bierpause (also Pause vom Bier, sprich Kaffee…;-)))

MUDDY ROOTS EUROPE Waardamme Oostkamp Belgium 2016-06-25 1 The Oldtime Stringband ---DSC05226

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Von der Qualität von The Most Ugly Child konnten wir uns zu weit vorgerückter Stunde nach Einnahme diverser Alkoholika und Fast-24-On-The-Road-Überdrehtheit bzw. Schlaflosigkeit bereits in der Nacht zuvor bei ihrem Unplugged-Konzert in der Nachbarschaft unserer Zelte überzeugen, den Samstagnachmittag gestaltete die Combo aus Nottingham/UK dementsprechend erwartungsgemäß launig-beschwingt mit Honky-Tonk-Country, Folk und Gospel-Weisen, für den Brexit haben sie sich auch noch artig entschuldigt, sympathische junge Menschen mit musikalischem Talent, allesamt.

Philip Bradatsch, Sänger und Gitarrist der Speed-Bluegrass-Combo The Dinosaur Truckers, hat konzertant wie auch bereits auf seinem jüngst erschienenen Solo-Album „When I’m Cruel“ (2015, Off Label Records) eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er mit seinen Alternative-Country- und Old-Folk-Songs zu den besten deutschen Banjo- und Gitarren-Pickern zu zählen ist. Bradatsch macht nicht nur wie vor kurzem als Interpret von Willie-Nelson-Preziosen eine gute Figur, auch das Eigenmaterial des Allgäuer Songwriters klingt ganz famos. Die beseelten Songs wurden im Klangbild partiell ergänzt und erweitert durch seinen Duett-Partner James Hunnicutt, der sich im zweiten Teil des Auftritts dazugesellte und dem wir im weiteren Verlauf des zweiten Festival-Tages noch öfter begegnen durften.

„Brazilian Outlaw Bluegrass“ im Jack-Sparrow-Outfit gab es vom Trio Them Old Crap geboten, die Combo aus Curitiba/Ibiporã drückte Tempo-mäßig in ihrer Spielart des flotten Country in der Tat ordentlich auf die Tube und machte bei der Aufmachung rein optisch schon einiges her.

Der Songwriter James Hunnicutt aus dem Staate Washington ist eine feste Größe im Muddy-Roots-Umfeld, bei seinem Festival-Auftritt beeindruckte er mit klassischem Folk und Alternative Country inklusive Referenzen an Tom Petty und Faron Young, und spätestens mit seinem grandiosen Abgang in Form der akustischen Version der Judas-Priest-Nummer „Breaking The Law“ war klar: Da stand ein Guter auf der Bühne, der die Welt umarmen möchte und seinen musikalischen Ausdruck authentisch lebt. Schön, das wir ihn später nochmal im Verbund mit Leroy Virgil von Hellbound Glory genießen konnten.

The Booty Hunters aus Viladecanas in der Provinz Barcelona haben für eine ordentliche Packung Spaß mit ihrem wilden Mix aus Uptempo-Trash und Honky-Tonk-Country gesorgt, die flotte Inszenierung auf der Bühne überzeugte bereits hinreichend, beim finalen Ritt durch das Publikum gab es bei selbigem kein Halten mehr.

Das Bluegrass-Quartett Henhouse Prowlers aus Chicago/Illinois genießt einen exzellenten Ruf in der Szene, den sie bei ihrem Auftritt am vergangenen Samstag im Zelt neben dem Cowboy-Up-Saloon mit ihrer Spielart der filigranen Variante des Genres eindrucksvoll unterstrichen. Beeinflusst von den Wurzeln der Appalachen-Musik, hat die Band eine eigene musikalische Sprache in Form von flotten Bluegrass-Pickern und anrührenden Balladen entwickelt, der Mix aus Eigenkompositionen und traditionellem Material wusste zu beeindrucken. „The Prowlers’ live show leaves no one wanting!“

Vom Original-Line-Up der Americana-Band Hellbound Glory aus Reno/Nevada war beim Muddy-Roots-Auftritt nur Songwriter Leroy Virgil am Start, er wurde bei seinem wunderbar geerdeten und unverstellten Alternative-Country-Gig von seinem alten Kumpel James Hunnicutt und einigen Musikern von The Most Ugly Child optimalst unterstützt, die eingesprungenen Mitmusikanten zimmerten den passenden Rahmen für die beherzte Blues-Rock-Stimme des lakonisch-lässigen Frontmanns. Die Nummer für Uncle-Tupelo- und Son-Volt-Fans und damit fast schon Mainstream im Rahmen dieser Veranstaltung…

„High Energy Country Blues“ nennt sich das explosive Gebräu von Reverend Peyton’s Big Damn Band aus Bean Blossom/Indiana, und das ist noch schwer untertrieben, was der Reverend mit seiner ureigenen Mischung aus Fingerpicking, technisch perfektem Slide-Gitarren-Spiel, viel Witz und Delta-Blues im Verbund mit der mit komödiantischem Talent gesegneten Waschbrett-Spielerin Breezy Payton und dem Trommler Maxwell Senteney ablieferte, war mit „virtuos“ und „von hohem Unterhaltungswert“ nur völlig unzureichend beschrieben. Ein absolutes Festival-Highlight und ein schwer beeindruckender Abschluss der Sause am zweiten Tag. Da hat nicht nur die Luft, da hat zum Schluss tatsächlich das Waschbrett gebrannt.
“… the reincarnated Mississippi moan of guys like Son House… a burly soul punishing the senses with a Deltapunk attack and a heavy helping of rural realism. You can’t ignore his Big Damn Band’s gospel.”

looky yonder comin…

Reingehört (131)

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Puts Marie – Masoch I-II (2015, Two Gentlemen / Rough Trade)
Feine 10″-Doppel-EP vom Quintett Puts Marie aus dem Schweizer Kanton Bern mit schwerem Hang zum melancholischen Indie-Kammer-/Chanson-Pop, finsterem Hall und krachigen Gitarren, gepaart mit morbid-entspannter Nick-Cave-/Hugo-Race-Düsternis und nonchalanter Tindersticks-Grandezza.
Die Nummer „Pornstar“ hat das Zeug zum, nein, nicht Porno-Star, zum ganz großen Indie-Hit natürlich, überhaupt ist der Band um Sänger Max Usata mit seinem klagend-traurigen, verzweifelten Gesang ein feines Gespür für dezent-hypnotische Rhythmik und vor allem groß angelegte Dramen zu attestieren, gepaart mit den vermehrt auftretenden, ausweglos-brachialen Psychedelic-Rock-Erruptionen formt die Band eine ureigene Klangsprache und stellt ohne Zweifel unter Beweis, das sie über internationales Format verfügt.
Fängst Du Dir ein, hörst Du Dir die nächsten Tage in Dauerschleife an und stellst es dann neben Deine besten Hugo-Race-, Barry-Adamson-, Anita-Lane- und Gallon-Drunk-Platten, um immer wieder drauf zurückzukommen, machste nix falsch mit, mit diesem exzellenten Noise-/Blues-/Chanson-/David-Lynch-Konglomerat…
(**** ½ – *****)

Konzertant sind Puts Marie zu bestaunen nebst anderen Terminen am 4. April im Münchner Strom.

Very special thanks an Romano / Call Me Appetite’s Welt.

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Philip Bradatsch – When I’m Cruel (2015, Off Label Records)
Im Allgäu hat sich vor 10 Jahren eine Band gegründet, die zählt Hank Williams genau so zu ihren musikalischen Vorbildern wie Motörhead (gute Jungs also, keine Frage), nennen ihre Combo The Dinosaur Truckers, spielen Speed-Bluegrass und folgen der Maxime „Songs über Westernstädte, in denen man nie gewesen ist, und schwarzgebrannten Whiskey, den man nie getrunken hat, braucht kein Mensch!“. Sänger, Gitarrist und Banjo-Spieler Philip Bradatsch ließ es zwischendurch ruhiger angehen und veröffentlichte gegen Ende des letzten Jahres eine tolle 9-Song-Sammlung aus dem Bereich Alternative Country und American Roots Folk, mit der er eindrucksvoll unter Beweis stellt, das er zu den besten deutschen Country-Pickern zu zählen ist und den Vergleich mit den nordamerikanischen KollegInnen in keinster Weise scheuen braucht.
Auf ‚When I’m Cruel‘ dominieren neben Banjo-Bluegrass wie im exzellenten „Down By The Gallows“ vor allem schwergewichtiges, nachdenkliches und balladenhaftes Alternative-Country-Songwriting und die Geschichten vom harten Leben, in denen Bradatsch sein tiefempfundenes Appalachen-Blues-Verständnis unter Beweis stellt. Das Album-Highlight „This Time Around“ lässt in Erfurcht erstarren, auf den Tonträger-Veröffentlichungen der letzten Monate werden sich kaum bessere Country-Folk-Songs finden lassen, und „Mudhole“ ist die Nummer, die selbst Großtaten von Songschreiber-Meistern des Fachs wie Townes Van Zandt oder Bob dem Sinatra-Interpreten ein zusätzliches Juwel hinzugefügt hätte.
(**** ½ – *****)