Jason Starr

Reingelesen (32)

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„Brooklyn war einfach nur deprimierend, niederschmetternd, zum Kotzen. Und genau aus diesem Grund traf man überall auf der Welt Leute aus Brooklyn. Jeder, der seine fünf Sinne beisammenhatte, machte, dass er so schnell wie möglich da wegkam, oder zog zumindest nach Park Slope oder in die Heights, beides Viertel, die eigentlich mehr der City zuzurechnen waren. Die City. So nannte man Manhattan, denn Manhattan – das war New York. Brooklyn dagegen war ein Dreck.“
(Jason Starr, Brooklyn Brothers, II, Kapitel 13)

Jason Starr – Brooklyn Brothers (2011, Diogenes)

Großkotz-Baseball-Star Jake Thomas kommt zu Besuch in die heimatliche Nachbarschaft im Brooklyn-Arbeiterviertel Canarsie, sein ehemaliger Schulfreund Ryan Rossetti ist der Einzige, der den Hype um den Widerling nicht lustig findet, hat er doch die Sport-Karriere wegen einer Verletzung an den Hacken hängen müssen, obwohl er der seiner Einschätzung nach wesentlich Talentiertere der beiden „Brooklyn Brothers“ gewesen wäre, gekrönt wird das Dilemma durch das gemeinsame Werben um die schöne Christina, die seit ihrer Schulzeit mit dem notorischen Fremdgeher Jake liiert ist, ehelichen will diese jedoch Ryan, der die permanente Abwesenheit des Sport-Profis hinsichtlich Knüpfung amouröser Bande zur Herzdame nutze, wie so oft bei Jason Starr folgen weitere Dramen auf dem Fuß und die beiden Hauptakteure finden sich unverschuldet zwischen den Fronten eines Drogengang-Scharmützels wieder, was für weitere Blessuren und unschöne Verwicklungen auf zwischenmenschlicher und juristischer Ebene sorgt.

„Saiquan glaubte nicht an Gott. Selbst im Knast hatte er sich nicht bekehren lassen. Dieser Jesus/Allah-Scheiß war was für Knackis, die sich dadurch irgendwie besser fühlen und nicht glauben wollten, dass ihr Leben tatsächlich so beschissen war. Wenn es Gott wirklich gäbe, dann hätte Er dafür gesorgt, dass die Kugel geradewegs Desmonds Herz oder Gehirn getroffen und seinem Leben ein rasches Ende gesetzt hätte.“
(Jason Starr, Brooklyn Brothers, II, Kapitel 7)

Ein typischer Starr-Krimi mit den vom Autor gewohnten, rasanten Dialogen, beklemmenden Milieu-Studien und der erdrückend-beängstigenden Schilderung fatal-unausweichlicher Situationen, die den unterschwelligen Horror im Alltag der unteren amerikanischen Gesellschaftsschichten widerspiegeln.
Die Pageturner-Qualität garantierende flotte Schreibe des New Yorker Autors, gepaart mit einer Geschichte, die hinsichtlich Komplexität überschaubar bleibt, und einem Plot, der nicht das ganz große Feuerwerk abbrennt, ergeben solide Kriminalliteratur-Kost, die durchaus zu gefallen weiß.

Jason Starr wurde 1966 in Brooklyn geboren, wo er auch aufwuchs. Neben zahlreichen Kriminal-Romanen veröffentlichte er zusammen mit dem irischen Hard-Boiled-Autor Ken Bruen zwischen 2006 und 2008 die „Max & Angela“-Krimitrilogie. Für den amerikanischen Comic-Verlag Marvel war er als Story-Schreiber tätig. Nach eigener Aussage ist er Experte für American Football, Baseball, Pferderennen und Glücksspiel.

Reingelesen (19)

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„Was für ’n Scheiß quatschst Du da? Heißt das, die Leiche von deinem Onkel ist in dem Haus?“
„Das hab ich doch grad gesagt.“
„Großer Gott“, sagte Mickey.
„Großer Gott“, äffte Filippo ihn nach. „Warum hältst Du nicht das Maul, bevor ich dir eine reinhaue? Das ist mein Onkel, nicht deiner. Ich fass es nicht, dass ich ihn erschossen hab. Dafür komm ich in die Hölle.“
(Jason Starr, Dumm gelaufen, Kapitel 9)

Jason Starr – Dumm gelaufen (2012, Diogenes)

Was Münchens arroganter Krimi-Wicht Friedrich Ani gerne für Giesing leisten würde – ausgerechnet er, der metallic-rote FCBäää-Nachläufer ! – spannende Lokalkrimis mit Straßenführer-Qualitäten schreiben, und es halt um’s Verrecken nicht hinkriegt, weil er einfach ein gnadenloser Langweiler ist, das gelingt dem 1966 in Brooklyn geborenen amerikanischen Krimi-Schreiber Jason Starr für sein Heimat-Borough und das auf der anderen Seite des East River gelegene Manhattan ein um’s andere Mal spielend. Starrs Beobachtungen der Straßen New Yorks sind derart exakt und lebendig beschrieben, dass der Ortskundige ihm bekannte Straßenecken, Gebäude, Plätze oder Geschäfte sofort wiedererkennt, die bitterbösen Geschichten strotzen vor Spannung, Esprit und schwarzem Humor, seine von mir auch sehr geschätzten Kriminalromane „Hard Feelings“ (2003, Diogenes) und „Die letzte Wette“ (2001, Diogenes) sind hierfür beste Beispiele.

„Ich habe keine andere Wahl“, sagte Charlie. „Ich hab zwei Brüder, und meine Mutter verdient ’n Scheißdreck, sie nimmt in ’ner Arztpraxis das Telefon ab, und mit Harrys Geld kann ich mir den Arsch abwischen. Darum bessere ich mein Einkommen ein wenig auf – was soll daran falsch sein? Glaubt du etwa, Harry und sein superreicher Bruder in Miami brauchen das Geld? Die haben doch Geld wie Heu. Manchmal hör ich Harry mit seinem Börsenmakler telefonieren, über die vielen Aktien, die er kauft – tausend Aktien hiervon, tausend davon -, dem quillt doch die Knete aus dem Arschloch. Was macht das schon für ’n Unterschied, ob ich ein paar Scheinchen für mich abzwacke oder nicht?“
(Jason Starr, Dumm gelaufen, Kapitel 14)

Seine kriminalistischen Sozialstudien erzählt Starr rasant, ohne Schnörkel, „ohne ein Gramm Fett“, wie der Nürnberger „Plärrer“ ganz richtig konstatierte, mit geschliffenen Dialogen und auf den Punkt gebracht.
Im vorliegenden Fall schickt er den angehenden College-Studenten Mickey, der sich sein Studium durch einen lausigen Fischladen-Job finanziert, durch eine persönliche Pechsträhnen-Abwärtsspirale, in der sein dementer Dad, geplatzte Sportwetten, Bowling-Kumpel-Idioten, dubiose Mafiosi und eine aussichtslose Liebe zur jüdischen Upperclass-Schönheit Rhonda bereits genügend Punkte wären, um dem gutmütigen Kameraden den Tag zu verhageln, zu allem Überfluss wird er in den Mord an einem seiner Jugendfreunde involviert und damit ist die Nummer dann tatsächlich „dumm gelaufen“. Ob’s noch ein Happy End für den Mickster gibt oder ob der Mordfall der letzte Sargnagel in der verfahrenen Chose ist, lest Ihr am besten selbst in diesem absolut zu empfehlenden Krimi.

Neben Solo-Rock ’n‘ Roll (normal für einen Schreiberling ;-)) veröffentlichte Jason Starr zusammen mit dem irischen Kult-Autor Ken Bruen die ebenfalls sehr unterhaltsame „Max & Angela“-Trilogie („Flop“, „Crack“, „Attica“, 2008 – 2010, alle bei Rotbuch).
Ken Bruen dürfte dem geneigten Krimi-Leser vor allem durch seine exzellente Serie um den in Galway beheimateten Ex-Cop Jack Taylor ein Begriff sein. Die Reihe erscheint bei Atrium bzw. im Deutschen Taschenbuch-Verlag dtv.

„Hey, wer gefällt dir heute Abend?“, fragte Artie.
„Wer mir gefällt?“, sagte Mickey.
„Jets oder Dolphins?“
„Mir gefällt niemand“, sagte Mickey.
„Kluger Mann“, sagte Artie. „Kluger Mann.“
(Jason Starr, Dumm gelaufen, Kapitel 16)