Jazz-Rock

Reingehört (374): Schnellertollermeier

Schnellertollermeier – Rights (2017, Cuneiform Records)

Aus dem niederbayerisch-oberpfälzischen Grenzland kommt ein Volksmusik-/Kabarett-Trio, das sich nicht unlustig „Da Huawa, da Meier und I“ nennt, auf die musikalischen wie humoristischen Qualitäten der Lederhosen-Kameraden soll hier nicht weiter eingegangen werden, ein ähnlicher Schalk im Nacken saß offensichtlich vor gut zehn Jahren auch den drei jungen Schweizern Andi Schnellmann, Manuel Troller und David Meier bei der Namensgebung ihres Instrumental-Trios Schnellertollermeier, das soll’s dann aber auch schon gewesen sein mit den vermeintlichen Gemeinsamkeiten, musikalisch liegen da mehrere Galaxien zwischen den beiden Combos.
Schnellertollermeier versehen ihre Klangkunst mit Labels wie „Brutal Jazz“ und „Metal Jazz“, das ist im Fall des neuen, mittlerweile vierten Albums „Rights“ weitestgehend irreführend, die Verbindung zum Jazz lässt sich ausschließlich über den Ansatz des partiell Improvisatorischen, das Auflösen und Neu-Zusammensetzen von Strukturen und den freien Flow definieren, zum negativ besetzten Attribut „brutal“ darf einem beim Genuss des aktuellen Tonträgers vor allem ein euphorisiertes „brutal gut gemacht!“ entfahren, und die Referenz zum Metal mag von der Anlehnung an das Laute, Wuchtige, Brachiale kommen, vom Noise-Rock und intelligenten Hardcore, in den sich die vier ausgedehnten Kompositionen über den Umweg diffuser Math-Rock- und abstrakter Space-/Progressive-Ergüsse, über dekonstruierten Improvisations-Ambient und druckvollen Minimal-Postrock hineinsteigern und auflösen, losgetreten und auf die Reise geschickt von eingangs monotoner, organischer wie analoger Trance-Rhythmik, erzeugt im Wesentlichen durch nahezu meditatives Akkorde-Wiederholen und gedehnt-langsames Entfalten und Ausdehnen der heiligen Rockmusik-Dreifaltigkeit Gitarre/Bass/Schlagwerk, eingangs beschränkt auf das Ausformulieren weniger Ideen und klarer Strukturen, im weiteren Verlauf förmlich in bunte Klangfarben explodierend. Selbst im minutenlangen Repetitiven kommt keine Sekunde Gedanke an Mittelmaß oder gar Langeweile auf, zu druckvoll, energetisch und beseelt wird der instrumentale Organismus zum Vortrag gebracht.
Isolierte tonale wie atonale Bezugspunkte zu experimentellen Könnern von den japanischen Analog-/Minimal-Techno-Experten goat(JP) bis hin zu unkonventionellen Freiform-Gitarristen wie Gary Lucas, Fred Frith oder Eugene Chadbourne zucken wie kurze Schlaglichter durch das vergleichende Wiedererkennen und liefern doch nur ein völlig unzureichendes Gesamtbild des musikalischen Kosmos von Schnellertollermeier, zu eigenständig und kompromisslos ist die Kunst der drei Schweizer.
Crossover ohne Crossover, Metal ohne Metal, Jazz ohne Jazz – einige, wenige Bands erschaffen ihre ureigene musikalische Sprache, ihre eigene Nische und ihr eigenes Genre, Schnellertollermeier scheinen eine solche Formation zu sein.
„Rights“ ist Anfang Oktober beim Experimental-Indie-Label Cuneiform Records in Washington D.C. erschienen.
(***** ½)

Soul Family Tree (33): Farewell Charles Bradley & Walter Becker + More R&B

Black Friday mit Stefan Hasse vom Hamburger Freiraum-Blog, der heute wieder tief in die R&B-Kiste greift und Soul-Shouter Charles Bradley wie auch Jazz-Rocker und Steely-Dan-Mitbegründer Walter Becker gedenkt:

1950 trafen sich in Los Angeles zwei junge Musik-begeisterte Menschen. Es waren Mike Stoller und Jerry Leiber. Und es wurde eine lebenslange Freundschaft daraus. Ein Thema, das uns bei Steely Dan auch begegnen wird. Heute gibt es wieder fünf rare Rhythm’n‘ Blues-Schätze aus den 1940er bis 1960er Jahren, und es heißt Abschied nehmen von zwei herausragenden Musikern, „The Screaming Eagle Of Soul“, Charles Bradley und dem Gitarristen Walter Becker von Steely Dan.

Anfang der 1950er Jahren trafen sich, wie schon eingangs beschrieben, Mike Stoller und Jerry Leiber, die den R&B liebten und im Laufe ihrer Karriere Dutzende von großen Hits für andere Künstler schrieben. Allein für dieses Duo müsste man einen eigenen Artikel schreiben. 1952 komponierten sie den Song „Hound Dog“ für die stimmgewaltige Big Mama Thornton. Sie wurde als Willie Mae Thornton in Alabama geboren, bereits Ende der 1940er Jahre bezeichnete man sie als die neue Bessie Smith. Trotz ihres großen Talentes hatte sie auch viel Pech. 1952 nahm sie „Hound Dog“ auf. Obwohl der Song die R&B Charts anführte, sah sie nie viel Geld. Als Elvis Presley den Song später einspielte, wurde er ein weltweiter Hit. Big Mama Thornton nahm Anfang der 1960er Jahre den Song „Ball ’n‘ Chain“ auf, der zuerst nicht veröffentlicht wurde. Janis Joplin coverte ihn später und und landete damit einen großen Hit. In den 1960/70er Jahren nahm das Interesse am amerikanischen Blues ab, und so ging Big Mama Thornton zusammen mit anderen Blues Künstlern wie Muddy Waters, B. B. King und John Lee Hooker nach Europa, wo sie auf Blues-Festivals spielte. Mit nur 57 Jahren, nach zu vielen Exzessen, starb sie 1984 in Los Angeles.

Kommen wir zu einer weiteren und sehr hörenswerten Frau, Eunice Davis, die 1953 „Get Your Enjoys“ herausbrachte. Auch wenn ich nur wenig über die Sängerin weiß, so ist dieser Song zeitlos und zudem sehr cool. Eine fast vergessene R&B-Perle. Come on Eunice…

Was war der erste Rock ’n‘ Roll Song? Diese Frage lässt sich bis heute nicht eindeutig beantworten. Aber zumindest ist Wynonie Harris, den man auch Mr. Blues nannte, und sein „Good Rockin Tonight“ aus dem Jahr 1948 einer der ersten Songs, die den Rock ’n‘ Roll vorwegnahmen. Er hatte in den 1940/50er Jahren einige Hits. Doch sein Stern verblasste in den 1950er Jahren.

Ike Turner war ein musikalisches Genie und seiner Zeit weit voraus. Er spielte beispielswiese Funk und Rock ’n‘ Roll, als es diese Musikstile noch gar nicht gab. 1951 veröffentlichte er zusammen mit Jackie Brenston den Song „Route 88“. Das die Gitarren so verzerrt klangen, ist vermutlich einem durchnässten Verstärker zuzuschreiben. Dabei erlernte Turner erst in den frühen 1950er Jahren das Gitarrenspiel und kreierte sofort seinen eigenen Sound.

Zum Schluss kommt noch ein echter Klassiker. Elmore James, der Meister der Slidegitarre, mit dem Song „Dust My Broom“. James beeinflusste mit seinem Stil unzählige Bands. Die Rolling Stones gehören u.a. zu seinen Fans wie auch Jimi Hendrix oder Eric Clapton. „Dust My Broom“ ist neben „Sweet Home Chicago“ eine der am häufigsten gecoverten Blues-Nummern. Wer genau den Song geschrieben hatte, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Im Original wurde er 1936 von Robert Johnson veröffentlicht. 1951 nahm ihn Elmore James für Trumpet Records auf.

Charles Bradley hatte eine besondere Biografie. Obwohl er sein ganzes Leben singen und auftreten wollte, kam er erst im Alter von 62 Jahren zu seinem musikalischen Debüt bei Daptone Records. Bradley war pures Talmigold für den modernen Soul. Keiner sang so beseelt und voller Emotionen wie er. Sein Manager sagte einmal, dass Bradley am liebsten jeden Fan einzeln umarmt hätte, so dankbar war er für seine späte Karriere. Im letzten Jahr musste er wegen einer Krebserkrankung seine Auftritte absagen. Im Sommer diesen Jahres – so schien es – hatte er den Krebs besiegt, und er gab wieder Konzerte. Doch die Krankheit kam zurück und so starb Charles Bradley mit 68 Jahren viel zu früh.

„It took 62 years for somebody to find me, but I thank God. Some people never get found.“
(Charles Bradley)

Wenn man über seine viel zu kurze Karriere spricht, kommt man an einem Song nicht vorbei: Seine Version vom Black Sabbath-Klassiker „Changes“.

Auf seinem letzten Album sang er „God Bless America“ und sprach dazu: „Hello, this is Charles Bradley/ A brother that came from the hard licks of life/ That knows that America is my home/ America, you’ve been real, honest, hurt and sweet to me/ But I wouldn’t change it for the world.“ Was bei anderen Künstlern kitschig klingen würde, klang bei Bradley ehrlich. Vielleicht war er der dankbarste Künstler seiner Zeit.

Spricht man über Steely Dan, dann ist man schnell bei den unzähligen Hits und Songs des genialen Duos, die alles waren, nur keine Super-Gruppe und Hit-Lieferanten. Walter Becker und Donald Fagen verschmolzen Soul und Jazz mit Westcoast-Sound und kreierten damit eine einzigartige Musik, groovig, lässig und nie langweilig. Sie inspirierten viele andere Künstler, auch wenn sie es mit der Produktion von neuen Songs nie eilig hatten. Da musste man schon mal fünf Jahre warten auf acht neue Songs. Ihren großen Durchbruch hatten sie in den 1970er Jahren mit Alben wie „Aja“ und Hits wie „Rickie Don´t Loose That Number“ und vor allem „Do It Again“. Sie waren ein Leben lang befreundet und ergänzten sich wunderbar auch auf ihren Solo-Alben. Für den Soul Family Tree habe ich einen Song ausgesucht, der zeigt, wie wunderbar Becker und Fagen ihre Songs arrangierten. Walter Becker war „Deacon Blues“. Vom Album „The Royal Scam“ kommt nun „Don’t Take Me Alive“. Rest in Power.

In vier Wochen gibt es gibt es wieder raren R&B mit weiteren musikalischen Ausgrabungen und Schätzen.

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum.