Jazz-Rock

Eine Kerze für Christian Burchard

„Embryo – real Krautrock based in Germany, connected worldwide.“
(John Peel)

„Embryo’s Reise“ geht weiter, für Christian Burchard leider seit gestern in anderen Sphären, der Bandgründer und Multiinstrumentalist der legendären, weltweit vernetzten Kraut-/Jazzrock-/Worldbeat-Institution Embryo ist am Mittwoch im Alter von 71 Jahren zu seinem letzten Trip aufgebrochen.
Burchard gründete die Münchner Fusion-Band im Jahr 1969, seitdem haben Embryo zahlreiche Tonträger veröffentlicht, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Jazz-Pianisten Mal Waldron, der Krautrock-Combo Amon Düül II, dem libanesischen Oud-Meister Rabih Abou-Khalil oder der experimentellen New Yorker No-Neck Blues Band.
Viele Embryo-Aufnahmen entstanden auf ausgedehnten Reisen etwa nach Indien oder in Nordafrika in Sessions mit ortsansässigen Musikern.
Christian Burchard arbeitete mit zahlreichen bekannten Münchner Musikern zusammen wie Titus Waldenfels, Ulrich Bassenge, dem Embryo-Mitbegründer Lothar Meid oder dem zwischenzeitlich in der bayerischen Landeshauptstadt ansässigen späteren Franz-Ferdinand-Gitarristen Nick McCarthy und engagierte unzählige internationale und örtliche Gastmusiker und Bands aus dem weiten Feld der experimentellen Musik für gemeinsame Konzerte, mit dem US-Jazz-Saxophonisten Charlie Mariano, der grandiosen Brooklyn-Psychedelic-Combo Rhyton oder der Münchner Express Brass Band seien hier nur einige wenige exemplarisch genannt.
Das Münchner Trikont-Label hat 2010 mit „Embryo 40“ eine umfangreiche Werkschau der einflussreichen Formation veröffentlicht, die seit dem Schlaganfall von Christian Burchard im Sommer 2016 von seiner Tochter Marja geleitet wird.

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Reingehört (374): Schnellertollermeier

Schnellertollermeier – Rights (2017, Cuneiform Records)

Aus dem niederbayerisch-oberpfälzischen Grenzland kommt ein Volksmusik-/Kabarett-Trio, das sich nicht unlustig „Da Huawa, da Meier und I“ nennt, auf die musikalischen wie humoristischen Qualitäten der Lederhosen-Kameraden soll hier nicht weiter eingegangen werden, ein ähnlicher Schalk im Nacken saß offensichtlich vor gut zehn Jahren auch den drei jungen Schweizern Andi Schnellmann, Manuel Troller und David Meier bei der Namensgebung ihres Instrumental-Trios Schnellertollermeier, das soll’s dann aber auch schon gewesen sein mit den vermeintlichen Gemeinsamkeiten, musikalisch liegen da mehrere Galaxien zwischen den beiden Combos.
Schnellertollermeier versehen ihre Klangkunst mit Labels wie „Brutal Jazz“ und „Metal Jazz“, das ist im Fall des neuen, mittlerweile vierten Albums „Rights“ weitestgehend irreführend, die Verbindung zum Jazz lässt sich ausschließlich über den Ansatz des partiell Improvisatorischen, das Auflösen und Neu-Zusammensetzen von Strukturen und den freien Flow definieren, zum negativ besetzten Attribut „brutal“ darf einem beim Genuss des aktuellen Tonträgers vor allem ein euphorisiertes „brutal gut gemacht!“ entfahren, und die Referenz zum Metal mag von der Anlehnung an das Laute, Wuchtige, Brachiale kommen, vom Noise-Rock und intelligenten Hardcore, in den sich die vier ausgedehnten Kompositionen über den Umweg diffuser Math-Rock- und abstrakter Space-/Progressive-Ergüsse, über dekonstruierten Improvisations-Ambient und druckvollen Minimal-Postrock hineinsteigern und auflösen, losgetreten und auf die Reise geschickt von eingangs monotoner, organischer wie analoger Trance-Rhythmik, erzeugt im Wesentlichen durch nahezu meditatives Akkorde-Wiederholen und gedehnt-langsames Entfalten und Ausdehnen der heiligen Rockmusik-Dreifaltigkeit Gitarre/Bass/Schlagwerk, eingangs beschränkt auf das Ausformulieren weniger Ideen und klarer Strukturen, im weiteren Verlauf förmlich in bunte Klangfarben explodierend. Selbst im minutenlangen Repetitiven kommt keine Sekunde Gedanke an Mittelmaß oder gar Langeweile auf, zu druckvoll, energetisch und beseelt wird der instrumentale Organismus zum Vortrag gebracht.
Isolierte tonale wie atonale Bezugspunkte zu experimentellen Könnern von den japanischen Analog-/Minimal-Techno-Experten goat(JP) bis hin zu unkonventionellen Freiform-Gitarristen wie Gary Lucas, Fred Frith oder Eugene Chadbourne zucken wie kurze Schlaglichter durch das vergleichende Wiedererkennen und liefern doch nur ein völlig unzureichendes Gesamtbild des musikalischen Kosmos von Schnellertollermeier, zu eigenständig und kompromisslos ist die Kunst der drei Schweizer.
Crossover ohne Crossover, Metal ohne Metal, Jazz ohne Jazz – einige, wenige Bands erschaffen ihre ureigene musikalische Sprache, ihre eigene Nische und ihr eigenes Genre, Schnellertollermeier scheinen eine solche Formation zu sein.
„Rights“ ist Anfang Oktober beim Experimental-Indie-Label Cuneiform Records in Washington D.C. erschienen.
(***** ½)