Jazz

Spinifex @ Glockenbachwerkstatt, München, 2019-03-07

„Ambitious yet unpretentious, tight, catchy, but also fearlessly exploratory and experimental.“
(Dave Foxall, Jazz Journal UK)

Full Service in Sachen großartiger Crossover-Kompositionen am vergangenen Donnerstagabend in der Münchner Glockenbachwerkstatt, bei leider alles andere als großartigem Zuschauerzuspruch.
Der Name der Combo ist einer australischen Gras-Art entlehnt, als Avantgarde-Jazz wurde die stilistische Ausrichtung der Band Spinifex im Vorfeld beschrieben, damit würde man dem komplexen Wuchern an tonalen wie atonalen Gewächsen im Klangbild des Quintetts aus Amsterdam jedoch bei weitem nicht gerecht werden. Der freie Geist des Jazz ist vor allem mit dem Bespielen zweier Saxophone ein zweifellos unüberhörbares Element in den instrumentalen Entwürfen, daneben hat die niederländische Band soviel mehr zu bieten an musikalischen Finessen und hyperaktiven Wendungen, die ungebändigte Energie des Punkrock, hart angeschlagene Progressive-Trips, ein explosives Lärmen aus den Abgründen des Noise-Rock und die experimentelle, entfesselte Kraft des Jazzcore. Fusion im allerbesten Sinn.
Auf ihrer aktuellen Tournee präsentieren die Holländer das Material ihres jüngst erschienenen Longplayers „SOUFIFEX“, in dem sich die Formation inhaltlich wie musikalisch mit den rituellen Strömungen des islamischen Sufismus auseinandersetzt. Der Jazz der fünf im Zusammenspiel exzellent aufeinander eingestimmten Musiker zeugt damit von einer spirituellen Kraft, wie sie wohl ursprünglich in lange zurückliegenden Zeiten mit dem ersten Auftreten der Brass- und Marching-Bands im US-amerikanischen Süden mitschwang, bei Spinifex richtet sich der Blick dahingehend forschend Richtung Orient, hin zu persischen, kurdischen und pakistanischen Musiktraditionen, die seit Jahrhunderten von der islamischen Mystik der Derwische und vom Qawali-Gesang der Sufis aus dem Punjab beeinflusst werden.
Im Sound der versierten Crossover-Musiker steht neben erratischen, sporadisch ins Atonale driftenden Improvisations-Experimenten vor allem der Trance-Flow im konzertanten Fokus, in einer dichten Struktur mit scharfer Taktgebung – für solistische Exzesse und Alleingänge zur Selbstbeweihräucherung der eigenen instrumentalen Fertigkeiten taugt dieses Konzept dankenswerterweise kaum. Der Lead der Holzbläser, das experimentelle Ausfransen der Struktur und das zeitweilige Freejazz-Lärmen im Geiste Aylers von Bandleader Tobias Klein am Alt- und John Dikeman am Tenor-Saxophon fügte sich weitgehend in das voluminöse Band-Geflecht, eingebettet in ein Rahmen- und Takt-gebendes Konzept, in gebündelter Kraft im Team-Play das eigene Ego hintenanstellend.
Drummer Philipp Moser, der in weiterer Profession als Astro-Physiker, daneben auch als Trommler für die Prog-Metal-Band Cilice unterwegs ist, schaffte eine austarierte Balance zwischen losgelöstem Schwung und geerdeter Härte, vor allem im strammen Anschlag fügte sich der in Rotterdam beheimatete Portugiese Gonçalo Almeida mit seinem schweren und treibenden, zuweilen an heftige Hardcore-Geschütze erinnernden Bass-Spiel bereichernd in die unvermittelten Tempi-Wechsel. Gitarrist Jasper Stadhouders setzte Kontrapunkt zur klassischen Jazz-Orchestrierung, erweiterte und bestimmte mit griffigem, sattem Anschlag neben den Bläsersätzen den komplexen Entwurf, entlockte seiner Halbakustischen zuweilen ein erstaunlich lärmendes Gewerk, schwer Blues-lastige Riffs und einen harten Rhythmus-Anschlag zwischen Garagen-Trash und Noise-Avantgarde, ein nicht zu unterschätzender Garant für den hypnotischen Charakter des Spinifex-Sounds, der an dem Abend extrem gut ins Ohr ging, die Sinne und das Gemüt auf angenehmste Art anrührte.
Trance, Was-auch-immer-Core und Experiment mit traditionellen Mitteln, von einer exzellent eingespielten Formation, die sich partout nicht entscheiden mag, ob sie Jazz- oder Progressive-Rock-Band sein will, und damit alles richtig macht. Sitzen zwischen den Stühlen wird gerne geringschätzend als Ambivalenz angekreidet, hier ist der Schwebezustand in seiner Welt-umarmenden Virtuosität ein mehr als komfortables Verweilen in höheren Sphären.
Spinifex fluteten den Saal der „Glocke“ mit einem rauschenden, mitreißenden Klangfluss, der seinem Ansinnen, die spirituelle Entrücktheit des Sufismus mit den westlichen Formen der freien, intensiven Musik in Einklang zu bringen, absolut gerecht wurde. Die Band zog damit über weite Strecken Sog-artig in ihren Bann und hätte ein weitaus größeres Auditorium verdient als die gerade mal 20 Zugewandten, die sich an dem Abend im Bürgerhaus in zentralster Stadtlage einfanden.

Spinifex sind im Rahmen ihrer „SOUFIFEX“-Tournee im März zu folgenden Gelegenheiten zu bewundern, zögern Sie bei Gelegenheit bitte in keinem Fall:

09.03.Ottensheim – KOMA
10.03.Budapest – Aurora/Jazzaj
11.03.Prague – Punctum
12.03.Milano – Corte dei Miracoli
13.03.Torino – Isole Studio
14.03.Genève – Festival de l’AMR
15.03.Paris – Zorba
16.03.Saarbrücken – INI-Art / Passage Kino
22.03.Bremen – Güterbahnhof Tor 9
23.03.Zeulenroda – Schieszhaus
24.03.Würzburg – Immerhin
30.03.Den Haag – Rewire Festival

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Reingehört (518): Ralph Heidel // Homo Ludens

Ralph Heidel // Homo Ludens – Moments Of Resonance (2019, Kryptox Records)

Wunderkind mit Münchner Wurzeln, damit hier selbstredend immer eine lobende Erwähnung wert: Der mittlerweile in Hipsterhausen Berlin ansässige junge Komponist und Musiker Ralph Heidel mit klassisch-akademischer Ausbildung an der renommierten hiesigen Musikhochschule und geerbter, familiärer Jazz-Prädisposition in der Vita holt mit dem in Kürze zur Veröffentlichung anstehenden Tonträger „Moments Of Resonance“ nichts weniger als zum großen Innovations-Wurf aus, darunter tut es der 25-Jährige nicht. Die Unbekümmertheit der Jugend, Respekt. Und wenn dann auch noch dergestalt Substanz im vollmundigen Sturm und Drang steckt, bleibt für zweifelndes Knurren kaum mehr Atemluft.
Neben der klassischen Hochschulbildung und dem Einwirken der Jazz-Vorlieben im Umfeld der näheren Verwandtschaft ist die musikalische Früh-Prägung Heidels beeinflusst von den Arbeiten diverser Elektro-, Triphop- und Techno-Produzenten, entsprechend erweist er sich zusammen mit seinem siebenköpfigen Ensemble Homo Ludens with the best of both worlds aus organischen und artifiziellen Quellen als Mittler zwischen Mensch und Maschine, als trittsicherer Grenzgänger zwischen analogen und digitalen Sound-Entwürfen, die in einem extrem weiten Feld von synthetischer Trance-Electronica über Neoklassik/Minimal-Music-Herrlichkeiten bis hin zu dick aufgetragenen, nicht weit von opulentem Big-Band-Bombast entfernten Jazz-Improvisationen mutieren, in einem Gemenge an permanent wechselnden Seitensträngen, Querverweisen und Crossover-Abenteuern – vorwärts, rückwärts und vor allem in völlig unvorhersehbare Richtungen, für Spannung ist insofern mehr als ausreichend gesorgt.
Was im denkbar schlimmsten Fall zu einer kakophonen Beliebigkeits-Veranstaltung um der zahlreichen stilistischen Zitate willen verkümmert, gelingt bei Heidel und Co. zu einem inspirierten, mit komplexen Ideen nicht geizenden, höchst virtuosen Wohlklang-Flow, in dem moderne Synthie-Club-Sounds ihren Platz finden, Avantgardisten der freien Form wie Zorn, McLaughlin, selbst der Jazzrock-Zappa lunzt ab und an frech ums Eck. Daneben, davor, danach und eingeflochten Reminiszenzen an E-Musik-Tondichter des 19. und 20. Jahrhunderts von Debussy und Ravel bis hin zu Nyman, Adams und Glass, in einer eigenen Klangsprache, ohne in das plumpe Imitat zu verfallen.
„Moments Of Resonance“ ist eine emotionale Achterbahnfahrt an schwankenden Stimmungen zwischen melancholischer Nachdenklichkeit und schwungvollem Aufbruch hin zu euphorischem Überschwang, mit zahllosen Überraschungsmomenten, zu denen etwa wummernde Bässe und antreibendes Trommeln die getragene Klassik urplötzlich in scharfen Bigband-Sound überführen. Manche Phrasierung wurde in anderem Kontext als orchestraler Postrock verkauft, letztendlich ein stimmiges Ausloten der Extreme zwischen luftiger Easy-Listening-Psychedelic und gewichtigen Orchestral-Dramen.
Das von Klavier und Streichern getragene „Sublimation“ liefert den Abschluss als elegische und klar strukturierte Läuterung zum Sortieren und Klären der Gedanken, zur Puls-Beruhigung nach einer Explosion an unorthodoxen Ideen, unfassbaren Details und üppig wuchernden, rauschhaft tönenden Blüten.
„Moments Of Resonance“ erscheint am 5. April beim Berliner Label Kryptox Records, der neuen Experimental-Plattenfirma des Musikers und DJs Mathias Modica.
(*****)

Reingehört (514): Radare

Radare – Der Endless Dream (2019, Golden Antenna Records)

Arbeiten mit ruhiger Hand. Konzentriert, mit der gebotenen Sorgfalt. Auf die Details achten. Dem Klang Raum geben, in einem weiten Feld, zur Entfaltung seines unverkennbaren Charakters. Das Abstrakte, Undefinierbare, unterschwellig Bedrohliche in eine Form bringen. Was einem eben so durch den Kopf geht, an Assoziationen zur Arbeitsweise der Band Radare, beim Abhören ihres neuen Tonträgers. Ihr individueller Slowcore ließ die Leipzig/Wiesbaden-Connection im vergangenen Jahr beim belgischen dunk!Festival mit einem völlig Tempo-entschleunigten Auftritt aus der großen Masse der Postrock-Formationen herausragen, mit „Der Endless Dream“ wird sich das am Ende des Jahres im Gros der 2019er-Arbeiten an instrumentalem Progressive-, Experimental-, Post- und Krautrock vermutlich kaum anders verhalten.
Doom-Jazz stand schon mal zu lesen, als Etikett, andernorts, zur Kategorisierung des Radare-Sounds. Wäre hier viel zu kurz gegriffen, zumal das Gejazze kein allzu prägendes Element abliefert. Ab und an darf es ran, dezent, in Form kurzer, eingestreuter Klarinetten- und Saxophon-Klagen und schlafwandlerisch gestrichener Jazz-Besen über die Trommel-Bespannung. Was die Nummern vom Vorgänger-Album „Im Argen“ oft nur andeuteten, wird auf dem in Kürze erscheinenden aktuellen Werk mit einer nachdrücklichen Eindeutigkeit verdichtet und geschärft: Ein monochromer Neo-Desert-Blues in Zeitlupe, knochentrocken durch das Klangbild wehend wie die heiße Brise im Death Valley, mittels atmosphärischer, gespenstisch nachhallender Gitarren als musikalische Untermalung zum finalen Pistolenduell in der Wüste.
Die bedeutungsschwangere Stimmung zwischen düsterer Endgültigkeit und schwermütiger Hoffnung auf die Wiederkehr besserer Zeiten unterstreichen finster orgelnde Fender-Rhodes-Drones und eine in sich ruhende Rhythmus-Arbeit im Downtempo an der Grenze zu gedankenverlorenen, nachsinnenden Trance-Meditationen. Dabei lassen Radare die Hörerschaft nicht im ausweglosen Jammertal zurück, durch das unergründliche Schwarz im Grundton des gesamten Longplayers schimmert immer wieder ein warmes Grau und erdfarbene Inseln zur Rettung vor den Seelen-verschlingenden Tiefen im langsamen, aber stetigen und gründlichen Sog des geheimnisvollen Flusses.
Die dunkel funkelnde Schönheit von „Der Endless Dream“ erscheint als viertes Radare-Album am 29. März beim Indie-Label Golden Antenna Records.
(*****)

Die Band spielt live im März zu folgenden Gelegenheiten, dabei sein ist alles (unfortunately no Minga…):

29.03.Giessen – Prototyp
30.03.Wiesbaden – Schlachthof / Kesselhaus
31.03.Bonn – Bla