Jazz

Die virtuelle Reste-Schublade (2)

In der Arte-Mediathek letztens über diese brandaktuell am 20. Mai im Rahmen des mœrs festival 2018 aufgezeichnete konzertante Giganten-Kooperation gestolpert: Free-Jazz-Großmeister Peter Brötzmann trifft auf Eugene S. Robinson und den großartigen experimentellen Noise-Blues seiner Formation Oxbowdo yourself a favour und guckst Du hier.

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Reingehört (459): Gura

Gura – Caligura (2018, Consouling Sounds)

„Make A Jazz Noise Here“, um als Zitaten-Onkel mal wieder den guten alten Frank Vincent Zappa aus dem Hut zu zaubern: Höchst individueller Sludge-Doom/Hardcore als freie Experimental-Improvisationskunst, vom belgischen Trio Gura aus dem schönen Gent. Schweres Metal-Drone-Schwelen/Zusammenbrauen/Dräuen, finster mäandernde, sporadisch ins Atonale kippende Bass/Drum-Frontal-Attacken vom Rhythmus-Duo Leentje & David, die seit 2015 vom offenbar von schwerer Seelen-Pein, zusetzenden Dämonen oder anderweitigem Unbehagen geplagten „Sänger“ und Saxophonisten Ludo erratisch schreiend, mit vermeintlich unzusammenhängend ausgestoßenem Geplärr wie extremst Cool-/Free-jazzend auf dem Holzblasinstrument kunstvoll in Szene gesetzt werden. Black Flag trifft Gone trifft The Flying Luttenbachers trifft Sumac trifft Blurt trifft Albert Ayler (oder John Zorn oder Peter Brötzmann oder…), oder so ähnlich, oder vielleicht auch ganz anders. Diese Musik hat nichts Einschmeichelndes noch auf den ersten Eindruck Erbauliches, und selten Momente, die ohne Anstrengung, Konzentration und in den extremsten Ausprägungen gar ohne Schmerzen gehört werden können. Im Zweifel führt dieses Musizieren nichts Gutes im Schilde, im günstigsten Fall ist es der in Töne gegossene Ausdruck des täglichen Irrsinns des Erden-Daseins. Zum Allermindesten wird dieser Sound Hörgewohnheiten, Toleranz und Kunst-Empfinden erschüttern, und im Worst Case die Hirnwindungen weiter verknoten, da sich die (a)tonalen Strukturen kaum zur Gänze befriedigend zerlegen und entschlüsseln lassen, quasi eine aus den Lautsprechern lärmende, nicht zu lösende Denksportaufgabe im steten Fluss – eine klangliche Grenzerfahrung ohne Anfang und Ende, zu der die sechs zum Teil sehr langen Stücke zu einem einzigen, zusammengehörigen, komplexen Gewerk gebündelt werden und nur als solches ihre ganze Pracht entfalten.
Der Gulag für alle Mainstreamer, Melodien-Fanatiker und Indie-Pop-Verseuchten, und damit letztendlich doch eine ureigene, leuchtende Schönheit im Zentrum des in die Tiefe ziehenden Höllenschlunds offenbarend wie gehobenen Experimental-Ansprüchen genügend.
Die Jazz-Platte für den Sludge-Metal-Schwerenöter, das Heavy-Bollwerk für den wahren Jazz-Freidenker, Doom-It-Yourself-Underground, avantgardistisches „Freak Out!“-Abspacen, „Absolutely Free“, um im zappaesken Schlagwörter-Gebrauch zu bleiben.
(**** ½ – *****)

Reingehört (443): Anenon

„I wanted to make music that can live inside of anywhere one finds themselves: city or country. It’s a series of shifting moods and melodies that through the heart, mind, hands, throat, and tongue sing an outpouring of metaphysical, nuanced psychedelic passing truth.“
(Brian Allen Simon)

Anenon – Tongue (2018, Friends Of Friends)

Saxophon-Gebläse, unter anderem, die Ohren-schmeichelnde Variante. File under Ambient-Jazz, irgendwo in dem Schubladen.
Es muss nicht immer unzusammenhängendes, erratisches Krakeelen und Gelärme im Freigeist-Ansatz sein, oder Nerven-antestendes, ins Nirvana – also quasi zu nichts – führendes Endlos-vor-sich-hindudeln, wie es eben so oft erklingt beim Gejazze – jeder spielt, was er gerade lustig ist, da es sich um Improvisationsgemucke handelt, wird es schon irgendwie passen, selbst wenn der gestressten Nachbarschaft beim Tonleiter-rauf-und-runter-blasen im Übungsmodus irgendwann der Kragen platzt. Das es auch anders geht, hat unter anderem prominent bereits ein Schöngeist wie der norwegische Musiker Jan Garbarek unter Beweis gestellt, am eindrücklichsten wohl in seinen Kollaborationen mit dem klassischen Hilliard Ensemble ab Mitte der Neunziger beim Münchner ECM-Label. Crossover inklusive melodischem, extremst dem Wohlklang frönendem Sax-Spiel zelebriert auch der Kalifornier Brian Allen Simon unter seinem Pseudonym Anenon auf seinem Anfang Februar erschienenen Album „Tongue“, das eingängige, an den skandinavischen Jazz angelehnte Holzgebläse bindet der junge amerikanische Multiinstrumentalist, Tondichter, Produzent und Non-Projects-Labelgründer geschickt wie über die Maßen gelungen ein in sein Geflecht mit weiteren stilistischen Elementen aus dezenter Ambient-Electronica und eleganten, repetitiven Minimal-Music- und neoklassizistischen Kompositionen, die neben dem Blasinstrument vor allem von Orgel, Piano und Cembalo maßgeblich charakterisiert werden.
Fern der Heimat Los Angeles mit all seinen verstörenden Ausprägungen des Megacity-Molochs in einer italienischen Kleinstadt, zwischen Florenz und Livorno gelegen, im Dachboden-Studio einer Villa aus dem 16. Jahrhundert innerhalb weniger Wochen in einem Guss eingespielt, atmet das Werk neben exzellent umgesetzten experimentellen Trance-/Minimal-/Ambient-Ideen aus der Ecke Eno/Reich/Glass den erhabenen Geist der jahrhundertealten, europäisch geprägten Klassik wie das Wogen der sanften toskanischen Hügellandschaften, die unterschwellig den kompositorischen Ansatz des Musikers beflügelt haben mögen. Ein Abtauchen und Dahindriften im steten Klangfluss, ohne böses Erwachen, ansprechend, substanziell, Ambient in seiner berauschendsten Ausprägung, euphorisierend ob seiner klanglichen Schönheit, wie gleichsam melancholisch und nachdenklich im Grundtenor, im besten Sinne zeitlos.
Nach so viel entrücktem Gesäusel zurück zu den harten wie relevanten Fakten: Brunello di Montalcino, Chianti Classico wie auch andere Gallo-Nero-zertifizierte Tropfen süffeln sich zu diesem Sound in jedem Fall weitaus entspannter und vollmundiger als zu jedwedem Hardbop/Bebop/Irgendwas-Endlos-Gewichse. In diesem Sinne: sehr zum Wohle…
(*****)