Jazz

Hochzeitskapelle @ Abgesägter Baum an der Isar, München, 2018-09-20

„When It Rains In Texas (It Snows On The Rhine)“ heißt ein Stück vom ersten Hochzeitskapellen-Album „The World Is Full Of Songs“, die München/Weilheim-Connection covert sich dort durch eine Instrumental-Version eines im Original von David Lowery besungenen FSK-Country-Schunklers – auch wenn die Tage kürzer und die Nächte kühler werden, stand am vergangenen Donnerstag-Spätnachmittag hinsichtlich Regen und Schnee nichts zu befürchten, und so bot bei herrlicher Altweibersommer-Witterung das weitläufige Isar-Ufer in zentralster Münchner Stadtlage einmal mehr den optimalen Rahmen für ein spontan anberaumtes Freiluft-Konzert der sich zusehends zum Erfolgsmodell auswachsenden Zusammenkunft fünf individueller und hochtalentierter Musikanten, die sich einst aus einer Laune heraus zur musikalischen Begleitung der Vermählung eines befreundeten Paares zusammenfanden, und zu feiern gibt es auch dieser Tage nicht zu knapp für die Hochzeitskapelle: Am Tag des Konzerts kam der „Wackersdorf“-Film von Oliver Haffner in die Kinos, zu dem die begnadete Instrumental-Combo den Soundtrack beisteuern durfte zur Geschichte über den Widerstand in den Achtzigern gegen die geplante Atom-Wiederaufbereitungsanlage in der Oberpfalz, ein trotz Jahrzehnte zurückliegender Ereignisse erschreckend aktueller Film vor dem Hintergrund der derzeitigen Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst und der anstehenden Landtagswahlen in Bayern mit einem Brech- und Juckreiz-befördernden FJS-Jünger als MP-Titelverteidiger der regierenden Cryptisch-Sakralen Union.
Damit nicht genug an erwähnenswerten Festivitäten, die es bekanntlich zu feiern gilt, wie sie fallen: am Tag nach dem Isar-Open-Air (also Hilfsausdruck: aktuell heute) steht auch noch die offizielle Veröffentlichung des neuen Hochzeitskapelle-Tonträgers „Wayfaring Suite“ als gemeinschaftliche Produktion mit dem japanischen Musiker und Komponisten Kama Aina über die Labels Gutfeeling Records und Alien Transistor an, Würdigung der konzertanten Plattentaufe seinerzeit → hier.
Mit derart gewichtigen Trümpfen in der Hinterhand ließ es sich selbstredend entsprechend Tiefen-entspannt musizieren, vornehmlich mit dem live bereits vielfach bewährten Material des grandiosen Debüt-Longplayers aus dem Jahr 2016 – wie der ein paar Meter vom Ort des Geschehens fließende Münchner Mississippi sein ewig wahres Isar-Märchen erzählt und das berühmte Flimmern entfaltet, genau so bezaubern die instrumentalen Perlen von Kegemaier/Götz/Haas/Acher/Acher zu jeder Tages-, Nacht- und Jahreszeit an jedem Ort dieser Welt mit ihrem unnachahmlichen, relaxten Crossover-Groove aus Polka, New-Orleans-Blues, Funeral- und Brass-Band-Sound, Gypsy-Swing, Bluegrass, Chanson-Pop und nicht zuletzt dem selbst so titulierten Rumpel-Jazz, Fremdwerk gleichermaßen wie Eigenkomponiertes, man kann immer wieder nur staunen und genießen, was diese Formation scheinbar ohne jegliche Anstrengung völlig unaufgeregt an herausragender Melodik, beschwingten Rhythmusfiguren und solistischen Finessen aus dem Ärmel schüttelt. Das Konzert der Hochzeitskapelle an der frischen Luft im Grün der Flusslandschaft war große Improvisationskunst, gelebte Inklusion, geplante wie ungeplante Einbindung von diversen Gastmusikern, unter anderem zwecks Vortrag alter japanischer Walzer, oder ganz einfach die schönste, reichhaltigste, bunteste und gehaltvollste Musik dieser Stadt und damit der zeitlose Klang, um einen Jahrhundert-Sommer würdig in einen hoffentlich goldenen Herbst zu geleiten.
„The World Is Full Of Songs“, wie wahr, man muss nur hinhören. Am vergangenen Donnerstag in den Isar-Auen, und sonst sowieso auch zu jeder Gelegenheit, wenn die Hochzeitskapelle aufspielt, etwa wieder am 1. Oktober, um 14.00 Uhr, im Herzkasperl-Zelt auf der Traditions-Wiesn des Münchner Oktoberfestes – wie schrieb letztens so ein Hamperer großmaulig auf einem dieser Soziale-Netzwerke-Foren: be there or be scheintot… ;-))

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Toc + Bosch @ Maj Musical Monday #88, Glockenbachwerkstatt, München, 2018-09-17

Trotz weiterhin tropischer Temperaturen meldet sich auch die Veranstaltungsreihe Maj Musial Monday aus der Sommerpause zurück, die von den Münchner Musikern Josip Pavlov und Chaspa Chaspo organisierte Do-It-Yourself-Serie für Indie-, Post-, Experimental-, Noise-Rock, Artverwandtes und Multimedia-Installationen präsentierte am vergangenen Montag im Saal der Glockenbachwerkstatt ein deutsch-französisches Doppelpack, das ein denkbar weites Feld an experimenteller Musik absteckte.

Den Auftakt des Abends bespielte ein junges Münchner Duo namens Bosch, über die Musiker ist kaum Informatives im Netz zu finden, die facebook-Seite der Formation lässt immerhin folgendes verlauten: „Bosch sind zwei Menschen, Gitarre, Synthesizer, Looper, Drummaschine, Bohrmaschine und eine Gießkanne“. Die Blech-Gießkanne wurde Sound-begleitend sporadisch mit Schlagwerk und einer Bohrmaschine (schwer vermutlich aus dem Hause Bosch) malträtiert und musste so für erratische Neubauten-für-Arme-Attacken herhalten, im Wesentlichen ergingen sich die beiden jungen Klangtüftler in einer Electronica-Spielart des Kraut-Rock, der für die klanglichen Schönheiten des Elektro-Pop und die Monotonie des Industrial jederzeit eine offene Flanke bot. Geloopte, überlagernd geschichtete Sequenzen, der stoische, Bass-lastige Anschlag des Drum-Computers im immergleichen Beat und prächtige Synthie-Melodien fügten sich zu einem abstrakten, angenehmen Klangbild, das seine willkommene Erweiterung in den begleitenden, gelegentlichen Shoegazer-Gesängen und Riffs des Gitarristen erfuhr, der Saiten-Anschlag bereichernd zwischen lärmendem Indie-Rock, Schuhglotzer-Verspieltheit und fließenden, griffigen Postrock-Phrasierungen. Eine zu weiten Teilen abstrakte Video-Installation im Großbild-Format verstärkte die Klang-Effekte des synthetischen Elektronik-Space, der sich quasi als Neu! in neu gerierte, gepaart mit einer Verneigung vor den Kraut/Synth-Pop-Pionieren von Kraftwerk, wobei die beiden jungen Münchner das Spannungslevel beim Ambient-verwandten Verloren-gehen in der gefühlten Endlos-Schleife etwas länger oben zu halten wussten als die berühmten Monotonie-Pioniere aus Düsseldorf mit ihren repetitiven Klangskulpturen.
Ohren-schmeichelnder, das Zappeln fördernder, gefälliger Elektro-Flow. Und irgendwann klappt das auch mit der Integration der Bohrmaschine ins Gesamt-Klangbild.

Weitaus fordernder für die Hörerschaft präsentierte sich die Improvisationskunst der drei französischen Klang-Forscher des Jazzcore-Projekts Toc aus der flandrischen Hauts-de-France-Hauptstadt Lille. „Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann“ hat der Klinsi einst grammatikalisch holprig zum Besten gegeben, gleiches gilt für die frei fließende und agierende Hardcore-Spielart des Avantgarde-Jazz von Fender-Rhodes-Keyboarder Jérémie Ternoy, Drummer Peter Orins und Gitarrist Ivann Cruz, die wohl vor allem darum als Jazz bezeichnet wird, weil sich nahe liegend nichts anderes als Entsprechung aufdrängt im eingangs völlig von Strukturen losgelösten Musizieren des Trios, dabei offenbarte der Vortrag im weiteren Verlauf so vieles mehr an stilistischen Finessen von intensiven Noise-Attacken über hypnotischen Kraut- und Psychedelic-Flow bis hin zu harten Progressive- und Post-Rock-Anwandlungen.
Die Formation startete, wie eine Freejazz-Formation gemäß bösen Zungen immer startet: Jeder spielt, was er lustig ist und was ihm spontan in den Sinn kommt, Hauptsache, es fügt sich nicht passend in den Vortrag der Mitmusiker. Parallelwelten-/Autisten-Lärm, sozusagen: Jeder lebt in seiner eigenen Welt, aber meine ist die Richtige. Aus der Kakophonie aus hypernervösem, stakkato-artigem High-Speed-Getrommel, erratischen, völlig unkonventionellen und unmelodischen Gitarrenriffs und organischem, Blues-lastigem Drone-Georgel schälte sich im Fluss eine erkennbare Struktur aus hartem, hochkomplexem, mitunter schwer Kraut-rockendem Canterbury-/Psychedelic-Prog-Jazz, der sich immer wieder in abstakte Drones verlor und improvisiert zu neuer Struktur mutierte, Tempi-wechselnd von intensivstem High-Speed-Gelichter in völliger Verdichtung der einzelnen instrumentalen Fertigkeiten bis hin zu Zeitlupen-artiger Entschleunigung und einhergehendem Frieden nach dem Klang-Gewitter.
Assoziationen drängten sich auf an einen Fender-Rhodes-Berserker vom Schlage eines James Leg, der mit dröhnendem, phasenweise durch den Verzerrer gejagten Tastenanschlag und mit Unterstützung einer freigeistigen Begleitband versucht, eine eigene, bisher nie dagewesene, endlose Version des Acid-/Cosmic-Improvisations-Klassikers „Dark Star“ der Grateful Dead zu kreieren und dabei unversehens in eine fremde, irrlichternd-explodierende Sound-Galaxie katapultiert wird, in dem der Geist des Avantgarde-Großmeisters Herman Poole Blount und sein Sun Ra Arkestra federführend das Zepter schwingen.
Konzerte der Formation Toc sind nicht alltägliche Intensivst-Klang-Konfrontationen, ernsthafte Auseinandersetzungen mit den Möglichkeiten von tonalen wie atonalen Ausdrucksformen und nicht zuletzt wohl auch aufgrund der frei fließenden Form und des einhergehenden, ausgeprägt experimentellen Improvisations-Charakters zu jedem Live-Termin absolut singuläre Events, der Titel „Will Never Play These Songs Again“ des im Februar erschienenen, sechsten Albums der Band dürfte nicht von ungefähr kommen. Bands wie Toc sind die Würze in jedem Konzert-Jahr, den Organisatoren der Reihe Maj Musical Monday sei einmal mehr Dank für die Präsentation derartiger handverlesener Perlen.

Die Ausgabe #89 des Maj Musical Monday ist für 15. Oktober in der Münchner Glockenbachwerkstatt terminiert, zu der Gelegenheit mit einem Auftritt des britischen Postrock/Neoklassik-Duos VLMV (pronounced „Alma“).

Reingehört (482): Møster!

Møster! – States Of Minds (2018, Hubro)

Experimenteller Instrumental-Klangrausch im Übermaß, garantiert ohne Kater, dicken Schädel oder andere Unpässlichkeiten: Der norwegische Jazz-Bläser Kjetil Møster hat mit einer Formation aus renommierten Landsmännern – unter anderem ist Motorpsycho-Gitarrist Hans Magnus Ryan mit von der Partie – ein Doppelalbum eingespielt, das vor kreativen Ideen nur so strotzt und auch nach dem x-ten Abhören und Eintauchen in diesen überbordenden Kosmos der Töne in seiner gesamten Virtuosität kaum zu fassen ist. Auf „States Of Mind“ geschieht in 80 Minuten mehr als bei vielen Bands und Solisten über die Jahre in ihrem kompletten Gesamtwerk.
Die fünfköpfige Zusammenkunft aus Jazzern und Rock-Musikanten zelebriert ihre exzeptionelle Klangkunst in einem weiten Feld von abstrakter Losgelöstheit von gängigen kompositorischen Strukturen über ungebändigte Improvisations-Flows bis hin zu konkreter Formgebung, mit allen denkbaren Freiheitsgraden dazwischen. Aus intensivem Ambient-Trip, irrlichternden, experimentellen Psychedelic-Drones und unkonventioneller Kraut- und Progressive-Electronica aus dem modularen Synthie schält sich ein Bläser-dominierter Groove, der sich zu einem eigenständigen Werk innerhalb eines Stückes einschwingt, Ansätze sowohl von Big-Band-Jazz, Blues, tanzbarem Soul wie auch Harmolodic-Funk aus der James-Blood-Ulmer-Ecke erkennen lässt, um sich im weiteren Verlauf in Jazzcore-Härte, lärmende Noise-Gitarren, erratische Tempi-Wechsel und strenge No Wave zu verflüchtigen. Und im nächsten Stück dekonstruiert das Quintett dann wieder alles komplett anders, zerlegt die zahllosen Spielarten der avantgardistischen Musik in ihre Einzelteile und setzt sie neu zusammen. Jede Nummer gleicht einer Spielwiese für hunderte von Ideen und inspirierte Umsetzung, dabei wirkt trotz furiosem Zusammenprall der Stile und Einstürmen auf die Hörerschaft nichts beliebig, jeder Ton scheint den stimmigen Platz zu finden und liefert so seinen Beitrag zu einem faszinierenden Gesamtkunstwerk. Jazz, der quasi als Industrial, Trance oder Hardcore mit anderen Mitteln funktioniert, eine gedeihliche Symbiose mit experimentellem Rock eingeht, und selbst für Strömungen der Klassik im Geiste der Neuen Musik offen ist.
Dem musikalischen Verständnis von Kjetil Møster und seinen Begleitern das Label Free- oder Avantgarde-Jazz aufzudrücken, würde den zehn Kompositionen mit einer Laufzeit zwischen einer und über zwanzig Minuten in keinster Weise gerecht werden, hier ist eine Combo am Werk, die sich in keinen gängigen Rahmen fügt und mit einer Handvoll stilistischer Beschreibungsversuche nicht fassen lässt. Das ausgewählte Soundbeispiel für diesen Beitrag mag stellvertretend für den Spirit des Albums stehen, als exemplarische Nummer für das gesamte Werk kann es nicht taugen, zu einzigartig ist jeder Titel ausgestaltet.
Möglicherweise ist das sogar der Jazz für Leute, die mit Jazz ansonsten wenig bis nichts anfangen können. Garantiert ohne Nervengift vom Schlage Miles Davis oder ähnlichen Ungenießbarkeiten. Trotz aller Fokussierung auf das Neue finden sich Reminiszenzen an Coltrane, Coleman, Ayler, transformiert und nur in homöopathischen Dosen, das taugt als raffinierte Würze natürlich immer. Wie eben auch punktuelle, als kurze Spots aufleuchtende Querverbindungen zu This Heat, Blurt, Thurston Moore, Black Flag, Can und vielen anderen Musikern, die im Zweifel nicht im Fokus des klassischen Jazz-Fans stehen. Insofern: wer Ohren hat, der höre hinein in diesen Quell der unerschöpflichen Unfassbarkeiten.
„States Of Minds“ ist vor einigen Tagen beim norwegische Label Hubro veröffentlicht worden, dem geschätzten Experimental- und Jazz-Spezialisten für ebensolche Ausnahme-Artefakte.
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Very special thanks an Henry vom radiohoerer-Blog.