Jazzcore

Korto + Le Singe Blanc @ Glockenbachwerkstatt, München, 2019-04-28

Am vergangenen Sonntagabend fegte ein schwerer Orkan an psychedelischen, progressiven und lärmenden Heftigkeiten durch den Saal der Münchner Glockenbachwerkstatt, und so ziemlich das gesamte in Frage kommende, betreffende Münchner Konzert-Volk hat es verschlafen, shame on you. Konzert-Organisator Chaspa Chaspo präsentierte ein französisches Doppel-Pack, das mit den jeweils höchst individuellen Ansätzen frisches Sturm-Gebläse der Windstärke 12 im Progressive Rock wehen ließ, die Psychedelic-Spielart mit Frischzellen-Kuren entschlackte und alleine schon damit einen weitaus größeren Zulauf verdient hätte als die paar Unerschrockenen und Neugierigen mit offenen Ohren, die sich zum Ausklang des Wochenendes in der „Glocke“ einfanden.

Den Auftakt bespielte das Power-Trio Korto aus dem Département Haute-Savoie, im Osten Frankreichs gelegen, an der Grenze zum Schweizer Kanton Genf. Die Band gibt selbst über ihren Stil Auskunft: „Korto is a diesel motor launched without mercy on the highway of supersonic kraut rock married to space punk and drugged by synthetic pop“ – bei Korto geht das psychedelische Gelichter und der Space-Rock tatsächlich eine mehr als gedeihliche Symbiose ein, mit nervös treibendem Post-Punk, mit alles andere als saumseliger Shoegazer-Melodik, und in den wiederholt ausgedehnten, erhebenden Instrumental-Passagen sollten sogar die beinharten Postrock-Puristen ihr Glück finden. Eine Stunde an Live-Präsentation verging kurzweilig wie im Flug, kaum im Flow, schien das Glück bereits wieder verrauscht, die Band nahm den Fuß selten vom Gas-Pedal, Drummer Léo Mo trieb vehement mit Afrobeats und heftiger Punk-Rhythmik, Marius Mermet ließ seine neo-psychedelischen, lärmenden Gitarren-Riffs atmosphärisch durch die Songs schneiden und Bassist Clément Baltassat als vor Energie berstender Basser wummerte wuchtig mit seinem Rickenbacker-Instrument wie einst der legendäre Lemmy Kilmister. Das, was bei Korto unter Kraut und Prog firmiert, bekommt in dem Kontext weit mehr Erdung durch die Spielarten des beherzt zugreifenden Indie- und Alternative-Rock als abgehobenes Fortdriften in kosmische Regionen, einen frischen Anstrich mit buntesten und faszinierenden Klang-Malereien, die zum berauschten Mit-Nicken und -Wippen animieren, weniger zur Trance-entrückten Meditation – die zukunftsorientierte Richtung eines ureigenen, exzellenten Progressive-Drives.

Korto sind in den kommenden Tagen zu folgenden ausgewählten Terminen zu sehen, zahlreiches Erscheinen ist dringend empfohlen, der Tiefschlaf des Münchner Publikums sollte ein regional begrenztes Phänomen bleiben:

06.05.Berlin – Schokoladen
07.05.Bamberg – Pizzini
09.05.Heilbronn – Emma 23
10.05.Heidelberg – Schmitthelm Gelände Projekt
11.05.Basel – Renée Bar

Die zweite Etappe der Tour de France/Tour de Force bespielten die Mannen von Le Singe Blanc, was das Dreiergespann aus Metz mit zwei E-Bässen und einem Schlagzeug auf der Bühne treibt, grenzt ans schier Unbeschreibliche. Muss man gesehen und gehört haben, um es zu glauben, und selbst dann ist es kaum völlig in all seinen Facetten zu erfassen. Man stelle sich eine minimalistische King-Crimson-Ausgabe vor, die mit den experimentellen Postpunk-Klangforschern von This Heat und den kanadischen Jazzcore-Punks von NoMeansNo eine High-Speed-Session als wilden Ritt aus Psycho-Jazzrock/Punk/NoWave-Gelärme spielen, dann hat man’s ungefähr an Vorstellung, aber tatsächlich nur ungefähr: Polyrhythmischer Mathcore-Irrwitz auf der Überholspur, mit den Lautsprecher-Reglern und dem Heizkessel-Druck auf maximale Voll-Auslastung gefahren. Drei völlig entfesselte, wilde Berserker in ihrer eigenen Welt, die sich den Gesang als absurdes Sprech- und Schrei-Theater im Stakkato teilen, Hip Hop goes Ionesco mit anderen Mitteln, mit permanent sich überschlagenden und ins Hysterische kippenden Vokals. Kaum nachvollziehbare, irrsinnig schnelle Breaks im Überschall-Tempo. Krachende, wummernde, siedende und berstende Bassläufe, die brachial lärmende Riffs, abrupt eingeworfene Soli und abgehackte, spontan wechselnde Rhythmen spielen. Im Zentrum ein Drummer, der diesen erratischen Overflow zusammenhält wie gleichzeitig mit frei wirbelndem Anschlagen befeuert und als Entertainer mit gut gelauntem, überdrehten Grimassen-Feixen den Clown im Auge des Hurrikans gibt. Le Singe Blanc nennen ihr durchgeknalltes Sound-Monster „Regressive Rock“, sie haben damit eine eigene Klangsprache gefunden zum Auswurf des tagtäglichen Gedanken-Wirrwarrs, zur lärmenden Interpretation des brodelnden, vorzeitlichen Chaos und des tonalen Urknall.
Le Singe Blanc lieferten in der vergangenen Sonntag-Nacht ausgesucht exzellenten, komplexen wie intelligenten Noise-Rock der Sonderklasse, und wer das versäumt hat (also im Isar-Dorf fast alle), die- oder derjenige darf sich im Nachgang bis zur krampfhaften Deformation verrenken und sodann herzhaft in den Allerwertesten beißen.
Once again tausend Dank an den unermüdlichen Chaspa, der uns in den vergangenen Monaten im GBW-Saal mit begnadeten Crossover-Kapellen wie Ni, Spinifex, !GeRald! oder eben Le Singe Blanc beglückte.

Ni @ Maj Musical Monday #94, Glockenbachwerkstatt, München, 2019-03-18

Zur 94. Ausgabe der monatlichen Experimental- und Postrock-Reihe Maj Musical Monday präsentierten die Veranstalter zum Wochenstart ein fraglos herausragendes konzertantes Highlight in der Münchner Glockenbachwerkstatt: Das französische Jazzcore-Quartett Ni aus Bourg-en-Bresse gab sich zur Promotion des jüngst erschienenen Albums „Pantophobie“ im Bürgerhaus an der Blumenstraße die Ehre, das Münchner Konzertvolk ließ sich in dem Fall nicht lumpen, zog mit gebührendem Andrang löblich nach und sorgte für den verdientermaßen vollen Saal.
Bereut dürfte den Besuch an diesem Abend niemand haben, der neue Tonträger sorgte bereits im Vorfeld für angetanes Aufhorchen und höchst positive Würdigungen, dieser aus der Konserve gewonnene Eindruck sollte sich beim Ortstermin über die Maßen bestätigen. In der Live-Präsentation trieben die vier jungen Franzosen ihre explizites Wechselspiel an tonalen wie atonalen Elementen auf die Spitze, was sich auf den aktuellen Studio-Aufnahmen an Intensität bereits mehr als nur andeutet, bekommt die Hörerschaft im Ni-Konzert in verschärfter, noch weitaus radikaler und kompromissloser Form hochpotenziert um die Ohren geblasen.
In den ersten Stücken eingangs mit experimentellen Sprach-Samplings als Ouvertüre, als die sprichwörtliche trügerische Ruhe vor dem Sturm, schwang sich das Quartett zu ungeahnten Höhen an lärmenden Experimental-Gebilden auf, in einer Hochdruck-Betankung des Saals mit dem scharf geschnittenen Stakkato und der vertrackten Polyrhythmik des Math-Rock im Verbund mit einer energisch und gezielt zupackenden Spielart des Hardcore-Punk, der an die eindringlichsten Momente des legendären kanadischen Trios NoMeansNo anknüpfte. Das konstruiert Komplexe, Verkopfte der weitschichtig mit dem Jazzrock verwandten Math-Spielart wurde mittels Spontaneität und ungebändigtem Spielwitz der Musiker hinweggefegt, das mit Wucht vorgetragene, ungezügelte Hochfrequenz-Trommeln und der intensiv treibende Bass von Nicolas Bernollin und Benoit Lecomte gereichen jeder renommierten Metal-Band zur Ehre, das Flinke, die herausragenden Fingerfertigkeiten und die unkonventionelle Saiten-Behandlung der beiden Gitarren-Hexer Anthony Béard und François Mignot wären alleine einen eigenen Diskurs wert.
Ni präsentierten sich bei allem Ungestüm im musikalischen Gewerk als exzellent aufeinander abgestimmte Einheit, die erratischen Breaks der Gitarren-Riffs, die überlagerten, gegenläufigen Kurz-Soli und ihre unvorhersehbaren Tempi-Wechsel, die Kunst-Pausen als plötzliche Momente der Stille vor den nächsten Noise-Exzessen und ihre abrupten Enden kamen knackig frisch und auf den Punkt exakt im Band-Verbund gespielt. Hier war eine technisch herausragend geübte, versierte wie in der Umsetzung der Ideen inspirierte Formation am extrovertierten Musizieren, die mit ihren instrumentalen Turbo-Wirbeln Bauchgefühl und Verstand der Hörerschaft gleichermaßen herausforderte wie bereicherte. Der Jazz im klassischen wie weitläufigen Ansatz ist in diesem Taifun vom ersten Beben an den Weg alles Irdischen gegangen, Ni erschaffen mit ihren im Experiment vorwärts gewandten Radikal-Kompositionen ein eigenes Universum an rigoros umgesetzten Crossover-Ideen.
Glückliche Gesichter bei Musikern und Publikum zum Ende hin, der hoch energetische Instrumental-Exzess wusste völlig zu überzeugen und ließ die gut 80 Minuten an ultra-heftiger Progressive-Eruption kurzweilig wie im Flug vergehen, die Band gewährte ob des frenetischen Jubelns aus dem Auditorium bereitwillig eine Handvoll an Zugaben – die finale Nummer setzte sich dem Vernehmen nach thematisch mit dem Defensiv-Verhalten im Fußball auseinander, der Vehemenz des Werks nach zu urteilen wohl nicht nur mit fairen Mitteln (deutet man die Erklärungsversuche zum Stück von Bassist und Band-Sprecher Lecomte richtig), hier ließ die Band tatsächlich ihre Qualitäten in Sachen Jazz-Rock aufleuchten und beeindruckte mit groovenden Bass-Läufen, freiem Getrommel und einer enthärteten Gangart im erratischen Anschlag der Gitarren. Würde der jeweilige Herzens-Verein beim Gekicke defensiv so exzellent organisiert und engagiert verteidigen, wie Ni mit ihrem enthusiastisch überbordenden Noise-Flow attackieren, es gäbe kaum mehr Tore zu vermelden im Liga-Betrieb.
Der Maj Musical Monday Numero 94 wird durch den Auftritt der entfesselten Franzosen als einer der allererinnerungswürdigsten Abende in die Geschichte der Serie eingehen, weit über das laufende Konzertjahr hinaus bedacht. Mit dieser Einschätzung läuft man kaum Gefahr, die Klappe großmaulig allzu weit aufzureißen. Punktum.

Maj Musical Monday #95 findet am 15. April an gewohnter Stelle im Konzertsaal der „Glocke“ statt, 20.30 Uhr, Blumenstraße 7, München. Unter dem Motto „MMM goes Riff Groove Rock“ wird die kroatische Grunge/Stoner-Band Sloanwall aus Zagreb auftreten.

Spinifex @ Glockenbachwerkstatt, München, 2019-03-07

„Ambitious yet unpretentious, tight, catchy, but also fearlessly exploratory and experimental.“
(Dave Foxall, Jazz Journal UK)

Full Service in Sachen großartiger Crossover-Kompositionen am vergangenen Donnerstagabend in der Münchner Glockenbachwerkstatt, bei leider alles andere als großartigem Zuschauerzuspruch.
Der Name der Combo ist einer australischen Gras-Art entlehnt, als Avantgarde-Jazz wurde die stilistische Ausrichtung der Band Spinifex im Vorfeld beschrieben, damit würde man dem komplexen Wuchern an tonalen wie atonalen Gewächsen im Klangbild des Quintetts aus Amsterdam jedoch bei weitem nicht gerecht werden. Der freie Geist des Jazz ist vor allem mit dem Bespielen zweier Saxophone ein zweifellos unüberhörbares Element in den instrumentalen Entwürfen, daneben hat die niederländische Band soviel mehr zu bieten an musikalischen Finessen und hyperaktiven Wendungen, die ungebändigte Energie des Punkrock, hart angeschlagene Progressive-Trips, ein explosives Lärmen aus den Abgründen des Noise-Rock und die experimentelle, entfesselte Kraft des Jazzcore. Fusion im allerbesten Sinn.
Auf ihrer aktuellen Tournee präsentieren die Holländer das Material ihres jüngst erschienenen Longplayers „SOUFIFEX“, in dem sich die Formation inhaltlich wie musikalisch mit den rituellen Strömungen des islamischen Sufismus auseinandersetzt. Der Jazz der fünf im Zusammenspiel exzellent aufeinander eingestimmten Musiker zeugt damit von einer spirituellen Kraft, wie sie wohl ursprünglich in lange zurückliegenden Zeiten mit dem ersten Auftreten der Brass- und Marching-Bands im US-amerikanischen Süden mitschwang, bei Spinifex richtet sich der Blick dahingehend forschend Richtung Orient, hin zu persischen, kurdischen und pakistanischen Musiktraditionen, die seit Jahrhunderten von der islamischen Mystik der Derwische und vom Qawali-Gesang der Sufis aus dem Punjab beeinflusst werden.
Im Sound der versierten Crossover-Musiker steht neben erratischen, sporadisch ins Atonale driftenden Improvisations-Experimenten vor allem der Trance-Flow im konzertanten Fokus, in einer dichten Struktur mit scharfer Taktgebung – für solistische Exzesse und Alleingänge zur Selbstbeweihräucherung der eigenen instrumentalen Fertigkeiten taugt dieses Konzept dankenswerterweise kaum. Der Lead der Holzbläser, das experimentelle Ausfransen der Struktur und das zeitweilige Freejazz-Lärmen im Geiste Aylers von Bandleader Tobias Klein am Alt- und John Dikeman am Tenor-Saxophon fügte sich weitgehend in das voluminöse Band-Geflecht, eingebettet in ein Rahmen- und Takt-gebendes Konzept, in gebündelter Kraft im Team-Play das eigene Ego hintenanstellend.
Drummer Philipp Moser, der in weiterer Profession als Astro-Physiker, daneben auch als Trommler für die Prog-Metal-Band Cilice unterwegs ist, schaffte eine austarierte Balance zwischen losgelöstem Schwung und geerdeter Härte, vor allem im strammen Anschlag fügte sich der in Rotterdam beheimatete Portugiese Gonçalo Almeida mit seinem schweren und treibenden, zuweilen an heftige Hardcore-Geschütze erinnernden Bass-Spiel bereichernd in die unvermittelten Tempi-Wechsel. Gitarrist Jasper Stadhouders setzte Kontrapunkt zur klassischen Jazz-Orchestrierung, erweiterte und bestimmte mit griffigem, sattem Anschlag neben den Bläsersätzen den komplexen Entwurf, entlockte seiner Halbakustischen zuweilen ein erstaunlich lärmendes Gewerk, schwer Blues-lastige Riffs und einen harten Rhythmus-Anschlag zwischen Garagen-Trash und Noise-Avantgarde, ein nicht zu unterschätzender Garant für den hypnotischen Charakter des Spinifex-Sounds, der an dem Abend extrem gut ins Ohr ging, die Sinne und das Gemüt auf angenehmste Art anrührte.
Trance, Was-auch-immer-Core und Experiment mit traditionellen Mitteln, von einer exzellent eingespielten Formation, die sich partout nicht entscheiden mag, ob sie Jazz- oder Progressive-Rock-Band sein will, und damit alles richtig macht. Sitzen zwischen den Stühlen wird gerne geringschätzend als Ambivalenz angekreidet, hier ist der Schwebezustand in seiner Welt-umarmenden Virtuosität ein mehr als komfortables Verweilen in höheren Sphären.
Spinifex fluteten den Saal der „Glocke“ mit einem rauschenden, mitreißenden Klangfluss, der seinem Ansinnen, die spirituelle Entrücktheit des Sufismus mit den westlichen Formen der freien, intensiven Musik in Einklang zu bringen, absolut gerecht wurde. Die Band zog damit über weite Strecken Sog-artig in ihren Bann und hätte ein weitaus größeres Auditorium verdient als die gerade mal 20 Zugewandten, die sich an dem Abend im Bürgerhaus in zentralster Stadtlage einfanden.

Spinifex sind im Rahmen ihrer „SOUFIFEX“-Tournee im März zu folgenden Gelegenheiten zu bewundern, zögern Sie bei Gelegenheit bitte in keinem Fall:

09.03.Ottensheim – KOMA
10.03.Budapest – Aurora/Jazzaj
11.03.Prague – Punctum
12.03.Milano – Corte dei Miracoli
13.03.Torino – Isole Studio
14.03.Genève – Festival de l’AMR
15.03.Paris – Zorba
16.03.Saarbrücken – INI-Art / Passage Kino
22.03.Bremen – Güterbahnhof Tor 9
23.03.Zeulenroda – Schieszhaus
24.03.Würzburg – Immerhin
30.03.Den Haag – Rewire Festival

Reingehört (516): Ni

„The quartet crushes their cigarettes very hard, dig a hole into the ground, and leave the listeners in ashes.“

Ni – Pantophobie (2019, Dur et Doux)

„I repeat myself when under stress“ singt Adrian Belew im King-Crimson-Klassiker „Indiscipline“, einer nervös-abgehackten Nummer der englischen Progressive-Rock-Institution aus den frühen Achtzigern, in der die erratische Rhythmik des Songs mit polymetrischen Drumbeats und Basslinien den Inhalt der Lyrics unterstreicht.
In ähnlich intensiver Gangart und Technik präsentiert sich das neue, dieser Tage erschienene Album der französischen Band Ni. Polyrhythmische Noise/Math-Rock- und Jazzcore-Gewitter, die Assoziationen zum energischen, komplexen Poltern der kanadischen Hardcore-Götter von NoMeansNo wecken, zu den ersten Würfen des Instrumental-Punk-Trios Gone von Black-Flag-Gitarrist Greg Ginn, entfernt zum Funk-beeinflussten Postpunk der frühen Arbeiten von Gang Of Four, vor allem zu ihrem epochalen „Entertainment!“-Debüt. Und doch treffen diese Vergleiche den Sound der experimentellen Formation aus Bourg-en-Bresse/Département Ain nur im Ungefähren, wie auch der einleitende Querverweis zur Robert-Fripp-Formation.
Das im Kontext der Rockmusik klassisch besetzte Quartett verschmäht weitgehend Soli wie jegliches Melodische im Tempi-wechselnden Instrumental-Zusammenspiel von Bass, Drums und Gitarren-Riff-Stakkato, pflegt dafür umso leidenschaftlicher das Variieren und Überlagern unterschiedlichster Rhythmen und schafft so eine höchst individuelle Spielart aus beinhartem, trockenem wie unvermittelt zuschlagendem Hardcore in einem weiten Feld von Prog- und Math-Freiheitsgraden, den kompromisslosen Ansatz dann und wann mit spontanem Gebrüll aus dem Sludge-Metal-Höllenschlund mit Nachdruck auf die Spitze treibend.
Der unkonventionelle Sound der Band ist von atemberaubender Nervosität wie Ideen-Vielfalt, die den Konsumenten kaum Schritt halten lassen und dem Tonträger damit selbst nach dem x-ten Abhören die  spannungsgeladene Energie erhalten.
Man darf wohl von einem Konzept-Album sprechen, alle Titel beschäftigen sich thematisch mit Phobien, mit der Abneigung gegen das Sprechen (nicht weiter verwunderlich bei annähernd rein instrumental umgesetzten Kompositionen), mit seltenen Ausprägungen wie der Angst vor Hühnern, vor dem Sonnenlicht, vor der eigenen Unvollkommenheit, neben etlichen anderen Formen von Zwangsstörungen. Musikalisch ist die Interpretation dieser neurologischen Furcht-Zustände in den aktuellen Arbeiten von Ni exzellent gelungen, wie diese sind sie letztendlich schwer in Worte zu fassen, eine existenzielle und im Extrem erschütternde, an Raserei grenzende Erfahrung, die zum tieferen Verständnis am eigenen Leib erlebt werden muss, via Konserve oder vorzugsweise in der konzertanten Konfrontation, siehe unten .
(***** – ***** ½)

Ni eilt der Ruf einer höchst beeindruckenden, radikal agierenden Live-Band voraus, am 18. März spielen sie im Rahmen der 94. Ausgabe der geschätzten Experimental-/Postrock-Reihe Maj Musical Monday in der Münchner Glockenbachwerkstatt, Blumenstraße 7, 20.00 Uhr.

Weitere Termine der Pantophobie-Promotiontour:

15.03.Louvain La Neuve – Ferme du Biéreau
16.03.Hofheim – Jazzkeller
17.03.Basel – Renee Bar
19.03.Prag – Bike Jesus
20.03.Jena – Kassablanca
21.03.Hamburg – MS Stubnitz
22.03.Bremen – Tor 9
23.03.Zeulenroda – Schieszhaus
24.03.Würzburg – Immerhin
28.03.Brüssel – Recyclart
29.03.Paris – Cirque Electrique
30.03.Tours – Festival Super Flux
12.04.Baden – Royal
13.04.Berlin – Hintertreffen Festival
14.04.Mainz – Haus Mainusch
20.04.Gerardmer – Geradm’Electric
06.06. – Gibloux – Farvagny
27.07.Burg Herzberg – Festival Burg Herzberg
14.09.Montpellier – Black Sheep

!GeRald! + Karaba @ Glockenbachwerkstatt, München, 2019-02-21

„Sigmund Freud would have loved it!“

Deutsch-Französischer Kulturaustausch im weiten Feld des Crossover am vergangenen Donnerstagabend in der Münchner Glockenbachwerkstatt, der Maj-Musical-Monday-Mitorganisator und Experimental-Musiker Chaspa Chaspo lud als Veranstalter zur illusteren Runde.

Den intensiven Abend brachte das Quartett !GeRald! in die Gänge, die junge Combo aus der west-französischen Gemeinde Niort beschreibt ihre Klangkunst auf der Band-eigenen Homepage mit „None / Any / Jazz / Experimental“, damit wird man nicht zwingend schlauer, und selbst das Abhören der wenigen verfügbaren youtube-Videos und Bandcamp-Streams liefert nur eine ungefähre Ahnung, zu welch gigantischen Sound-Orkanen diese Band im konzertanten Vortrag fähig ist. Eine Formation eben, die man live erleben muss – und damit reich beschenkt wird. Eingangs ein kurzes Intro, zu der Schlagzeuger Teddie den freien Fluss der Gitarren und die klassischen, zuweilen hochmelodischen E-Piano-Phrasierungen mit seinem Saxophon-Spiel durchdringt und damit an diesem Abend erst- wie gleichsam letztmalig eine eindeutiges Statement in Sachen Jazz abgibt, der großteilige Rest des !GeRald!-Konzerts explodierte im Anschluss förmlich in unzählige Richtungen an stilistischer Vielfalt. Der tonale Frontalangriff der Franzosen wurde Multimedia-begleitet durch einen großformatigen, rasant-nervösen Mix aus Film-Sequenzen, der sich bei Szenen aus alten Horror-Klassikern, Jarmusch-, Buñuel- und Lynch-Zitaten und zeitkritischen, verstörenden Sequenzen zu Themen-Komplexen wie Krieg oder industrielle Lebensmittel-Produktion bediente, damit den vehementen Charakter der Genre-übergreifenden Experimental-Noise-Symphonie komplementierte und um weitere Grade der Eindringlichkeit steigerte – ein kaum zu beschreibendes und mit allen Sinnen schwer fassbares, hyperaktives Bündeln an Ideen, die sich aus vehementem Hard- und Jazzcore, lärmendem Noise, aus avantgardistischen Progressive-Rock-Ansätzen von Zappa bis Zorn und dichten, komplexen wie zu Teilen gefälligen Post- und Math-Rock-Gebilden speisten, sich aus dem weiten Feld der Möglichkeiten des freien Jazzrock-Crossovers bedienten und selbst Elemente aus dem absurden Theater in den wenigen Vokal-Passagen mit einflochten, zu denen in stoisch-stumpfer Wiederholung Parolen wie „This is all necessary!!!“ im Chor gebrüllt wurden – ein propagandistisches, prägnant artikuliertes Unterstreichen, dass in diesem scharfen Gebräu jedem verwendeten Stilmittel seinen Platz zugesteht, ohne die Collage auch nur ansatzweise beliebig klingen zu lassen. !GeRald! beherrschen meisterhaft die große Kunst des Zusammentragens unterschiedlichster Einflüsse und des ureigenen Formens zu einer originären, surrealen Spielart. Diese Band kennt keinen Ruhezustand, am deutlichsten führt das der vor Ideen-Reichtum förmlich berstende, extrem erratisch wie extrem virtuos aufspielende Drummer vor Augen, dem seine Mitmusiker in Sachen versiertes Können, Inspiration, experimenteller Klangforscher-Drang, Improvisations- und Spielfreude in nichts nachstehen.
Die jungen Nachbarn aus dem Westen gingen in ihrem radikalen musikalischen Ansatz keinerlei Kompromisse ein, dem Publikum bleibt dabei kaum Gelegenheit zum Atemholen, geschweige den Muse zum Verarbeiten der gewonnenen Eindrücke, der !GeRald!-Sound entfaltet Sog und nachhallende Langzeitwirkung in den Hirnwindungen, ein großes Staunen im Nachgang über den Umstand, welch tonaler Naturgewalt man soeben als Zeuge beiwohnte. Der Klang-Exzess im ungebremsten Uptempo-Überfall ließ niemanden in der Hörerschaft unberührt, am Donnerstag-Abend in der Glocke ging der Daumen eindeutig nach oben, dem frenetischen Applaudieren des Auditoriums nach zu urteilen.
Raus aus der Komfortzone: Selten wurde der Irrsinn dieser Welt virtuoser, komplexer und Hörerfahrungen bereichernder zu einer überwältigenden Klangsprache verdichtet und damit auf den Punkt gebracht.

Wer’s verpasst hat (eindeutig zu viele): !GeRald! geben am kommenden Montag, 25. Februar, ein weiteres Konzert in München, auf der Alten Utting, dem mittlerweile weithin bekannten, zu Club und Gastronomie umfunktionierten Ausflugsdampfer auf der stillgelegten Eisenbahnbrücke an der Großmarkthalle, Lagerhausstraße 15, 20.00 Uhr, Eintritt auf Spendenbasis. Highly & extremely recommended! – oder wie die Band selbst so treffend feststellt: If you really want to find out, don’t read this, just come!

Nach dieser überfallartigen Progressive-Vollbedienung hatten die Musiker der ortsansässigen Formation Karaba im Nachgang beileibe keinen leichten Stand. Um es vorwegzunehmen: sie schlugen sich gleichwohl wacker und trugen das ihre zur Bereicherung des konzertanten Doppelpacks bei. Die mittlerweile fest in der Münchner Experimental-Szene verankerte Formation von Musikern aus dem Umfeld der Ethno/Jazz/Krautrock-Legende Embryo trieb ihre psychedelische Spielart des Jazzrock ohne Prolog und Overtüre mit umgehend befeuertem Tempo wie eh und je in höhere Sphären, ein beherztes Springen in den Improvisations-Fluss, dem Basser Maasl Maier mit virtuoser Fingerfertigkeit den Rahmen vorgab und mit beschwingtem Funk-Groove am Siedepunkt zum Brodeln brachte, im Taktgeben unterstützt von Drummer Jakob Thun, der entfesselt gemäß der Maxime „Immer nach vorn!“ mit gebührendem Enthusiasmus, technisch sauber, gleichwohl beseelt seine Sticks über das Instrumentarium tanzen ließ. Louis Bankvas war an der Gitarre einmal mehr eine verlässliche Größe mit flinken Fingern im Stakkato-artigen, harten und trockenen Anschlag der Rhythmik wie in filigranen Jazz-Rock-Soli. Andreas Kainz entschwebte dem Orgeln seines Keyboards dann und wann mit Trance-lichternden Einlagen am Synthie in Richtung Outer Space – Canterbury-Scene-Progressive, Jazzrock-Crossover und Siebziger-Jahre-Fusion wurden so punktuell um Reminiszenzen an den Krautrock vergangener Zeiten und Verneigungen vor dem großen Avantgarde-Jazzer Sun Ra bereichert.
Bei Karaba steht die freie Entfaltung der improvisierten Musik im Vordergrund, daran arbeiten die vier talentierten Instrumentalisten hochkonzentriert, auch wenn das Vortragen wie locker aus dem Ärmel geschüttelt erscheinen mag. Dass der wirkmächtige Karaba-Crossover nicht nur zu entrückter, Bewusstseins-erweiternder Meditation einlädt, sondern ganz einfach auch tanzbar ist, zeigte Embryo-Chefin/Erbin Marja Burchard als Gast zu später Stunde frohen Mutes, wenn auch beim Großteil der Besucherschar die alten Knochen ‚Round Midnight nicht folgen mochten und längst träge nach Erholung dürsteten…

Intensiver Jazzcore und Crossover wird in der Münchner Glockenbachwerkstatt demnächst wieder zu folgenden Gelegenheiten geboten: Am 7. März spielt die Amsterdamer Experimental-Band Spinifex, und am 18. März beschallt das Quartett Ni aus Lyon den Maj Musical Monday #94 mit ihrer „Aggressive Jazzcore Explosion“ und stellt bei der Gelegenheit ihr neues Album „Pantophobie“ vor.