Joe Boyd

Reingehört (407): Saz´iso

„We set out to record these virtuoso singers and musicians like a Blue Note jazz session or a Deutsche Grammophon string quartet. Saze is, after all, a classical form, its essential elements unaltered over the decades. With its ancient roots, the intensity of this world-class music has the power to entrance any listener.“
(Joe Boyd)

Saz´iso – At Least Wave Your Handkerchief At Me: The Joys And Sorrows Of Southern Albanian Song (2017, Glitterbeat / Glitterhouse)

Durch das Land der Skipetaren, hier rein musikalisch und garantiert ohne den ollen Karl May und sein putziges Orientzyklus-Personal: Saz´iso, eine Formation aus den Bergregionen des südlichen Albanien, präsentiert auf dem im vergangenen Herbst beim Glitterhouse-Ableger Glitterbeat erschienenen Album „At Least Wave Your Handkerchief At Me“ eine virtuose und erhabene Darbietung ihrer Volksmusik-Kunst, die neben jahrhundertealten Einflüssen aus den Tondichtungen des Balkan und der arabischen Welt geprägt ist vom Regional-typischen sogenannten Saze-Sound und einem mehrstimmigen, wechselseitigen, Chor-artigen Gesangsstil, der in der Fachwelt als „Iso-polyphon“ bezeichnet und seit 2008 in der UNESCO-Liste des immateriellen Weltkulturerbes geführt wird, mitunter erinnernd an die Sangeskünste des Bulgarian State Television Female Vocal Choir der „Le Mystère des Voix Bulgares“-Sammlungen, die sich in den Achtzigern durch Neuauflage des britischen Indie-Labels 4AD einem breiteren Hörerkreis erschlossen.
Die Saze-Songs erzählen in altertümlichen Weisen und Überlieferungen Geschichten über freudige Ereignisse wie großes Leid, Heldentaten im Partisanenkampf und sorgenvolles Lamentieren über – ein nach wie vor aktuelles Thema – das Verlassen der Familie und einhergehendes Ziehen in die Ferne auf der Suche nach Arbeit, die Inhalte werden durch die entsprechende melancholische oder euphorische musikalische Grundstimmung durch jeweils verschiedene Melodie-Linien, Balkan-Blues-Drones, Klezmer-artverwandte Gypsy-Jazz-Mutationen und einen ureigenen Flow der traditionellen Instrumentierung durch albanische Saze-Klarinette, Violine, Flöte, Laute und Handtrommel untermalt.
Für die Aufnahmen hat man bei den Technik-Experten nicht gekleckert: An den Aufnahmereglern saß Jerry Boys, der sich bereit beim Buena Vista Social Club und Mali-Blueser Ali Farka Touré seine Grammys verdiente. Und produziert hat das Album kein Geringerer als der eingangs zitierte Joe Boyd, dahingehend bereits seit vielen Jahren erfolgreich tätig für unter anderem Größen wie die frühen Pink Floyd, Soft Machine, Nick Drake, Fairport Convention und R.E.M., darüber hinaus Gründer von Hannibal Records und Autor der uneingeschränkt empfehlenswerten Memoiren „White Bicycles: Musik in den 60er Jahren“.
(**** ½ – *****)

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Reingelesen (23)

REINGELESEN Robert Gordon - Muddy Waters

„I really heard myself for the first time. I’d never heard my voice. I used to sing just how I felt, ‚cause that’s the way we always sang in Mississippi. But when Mr. Lomax played me the record I thought, man, this boy can sing the blues…“
(Muddy Waters)

„Diese Musik wurde vor einhundert Jahren Blues genannt. Aber die Musik handelt von einem Gefühl, und Gefühle fingen nicht erst vor einhundert Jahren an. Gefühle entstehen in Menschen, und aus diesem Grund ist der Blues universal, glaube ich. Weil er ein Teil von jedem ist. Muddy ist wie ein Arm, der sich tröstend um die Schulter legt. Weißt du, das brauchst du nämlich. Dort unten kann es sehr dunkel sein, Mann.“
(Keith Richards, Vorwort zu ‚Robert Gordon: Muddy Waters: Pate des Electric Blues‘)

„Der Bluessänger hat kein großes Interesse am Himmel und für die Erde nicht viel Hoffnung.“
(John Work III)

Robert Gordon – Muddy Waters: Pate des Electric Blues (2003, Hannibal)
Heuer hätte sich sein hundertster Geburtstag gejährt, eventuell war’s auch schon vor zwei Jahren soweit, da gehen die Meinungen und insbesondere die relevanten Dokumente etwas auseinander, anyway, bereits 2003 hat der amerikanische Musikjournalist Robert Gordon mit der vorliegenden Biografie Muddy Waters, dem Vater des Chicago Blues, ein würdiges Denkmal gesetzt.
Chronologisch thematisiert werden Herkunft, Kindheit und Ursprung des Künstlernamens, den sich der in Stovall/Mississippi in der Nähe von Clarksdale aufgewachsene McKinley Morganfield gab, jenem Clarksdale, in dem unter anderem John Lee Hooker, Son House und Sam Cooke geboren wurden, Bessie Smith nach einem Autounfall starb und vor dessen Toren der legendäre Bluesmusiker Robert Johnson angeblich dem Teufel seine Seele als Gegenleistung für sein begnadetes Gitarrenspiel verkaufte, womit wir mit Son House und Johnson bereits bei den prägenden musikalischen Einflüssen des jungen Muddy Waters angelangt sind.
Die frühen Library-Of-Congress-Aufnahmen, die der amerikanische Ethnologe Alan Lomax Anfang der vierziger Jahre mit Muddy Waters einspielte, werden kritisch gewürdigt, wobei die Tatsache nicht unerwähnt bleibt, dass der Weiße Lomax seinen schwarzen Begleiter John Work III wegen persönlicher Differenzen in späteren biografischen Schriften totschwieg, obwohl Work einer der ganz wenigen schwarzen Forscher war, der zu der Zeit Feldaufnahmen mit schwarzen Künstlern machte.
Der Umzug nach Chicago und das dortige Fußfassen ist selbstredend ein wichtiges Thema des Buchs, bildeten sie doch die Grundlage für Muddy Waters‘ Entwicklung seiner Musik vom ländlichen Folk-Blues hin zur urbanen, elektrisch verstärkten Variante dieser Musik.

„Muddy Waters war achtundreißig, und nun fingen die besten Jahre seiner Plattenkarriere an. Hier in Chicago, das zur zweiten Heimat der Deltabewohner geworden war und von wo neue belebende Impulse für den Geist der Harlem-Renaissance ausgingen, hier, wo die Feuer in den Fabriken Tag und Nacht brannten, begann Muddy seinen Beitrag bei der Formung der modernen Musik zu leisten.“
(Robert Gordon, Muddy Waters: Pate des Electric Blues, All-Stars, 1951-1952)

Persönliches aus dem Umfeld des Musikers bleibt nicht unerwähnt, Trinkgewohnheiten, Schürzenjägerei und daraus resultierende uneheliche Kinder, Drogenprobleme der Verwandtschaft, Muddy Waters hatte kein leichtes Leben und hat sich’s selber oft auch schwer gemacht, darf man den zahlreichen im Buch zitierten Quellen aus der unmittelbaren Verwandtschaft Glauben schenken.
Das Finanzielle blieb zeitlebens ein leidiges Thema und wird hier ausführlich dokumentiert, mit Urheberrechten und Tantiemen-Zahlungen nahm es das amerikanische Musikbusiness gerade auch im Bezug auf schwarze Musiker alles andere als genau, selbst Muddy Waters‘ jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Chess Records ging im Unfrieden in die Brüche, nachdem die Firmengründer Leonard und Phil Chess das Firmenheft aus der Hand gaben beziehungsweise das Zeitliche segneten.

Anfang der sechziger Jahren, als der Blues in den Staaten das Feld für den Rock ’n‘ Roll räumen musste, erfuhr er speziell in England bei Fans und Musikern die verdiente Anerkennung, Alexis Korner, Eric Burdon und später die Rolling Stones bereiteten das Feld für die Muddy-Waters-UK-Tourneen, die der spätere Labelchef und Musikproduzent Joe Boyd als damaliger Tourmanager hier wie in seinem eigenen, sehr lesenswerten Buch „White Bicycles: Musik in den 60er Jahren“ (2009, Heyne) wie folgt beschreibt: „…aus meiner Sicht war es während meiner gesamten Karriere im Musikgeschäft schwer, diesen ersten Auftrag zu überbieten. Man hat mich eigentlich nie wieder mit irgendetwas zusammengebracht, das diese Tour geschlagen hätte.“

Zurück ins Rampenlicht in den Staaten kam Muddy vor allem durch das Engagement junger Bluesrock-Musiker wie Michael Bloomfield oder Johnny Winter, die sich ihrer musikalischen Wurzeln besannen und sich um die Karriere des großen alten Manns des Chicago-Blues verdient machten. Überhaupt ist die Liste derer, die Muddy Waters auf seiner Reise mit dem Blues begleiteten, überwältigend: hier finden sich renommierte Namen der alten Garde wie sein langjähriger Pianist Otis Spann, die Bluesharp-Spieler Little Walter, James Cotton, Charlie Musselwhite, des weiteren Jimmy Rodgers, Willie Dixon, Sunnyland Slim, Junior Wells, Pinetop Perkins, Buddy Guy oder Charlie Patton ebenso wie die junge Adepten Rory Gallagher, Steve Winwood, Eric Clapton, Rick Gretch und Mitch Mitchell.
Der Einfluss seiner Musik auf die Entwicklung von Blues, Rhythm and Blues, Rock ’n‘ Roll, den Hard Rock der End-Sechziger und Siebziger Jahre, Folk, Jazz und Country kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

„Jimi Hendrix‘ Privatsekretär erzählte Pete Cosey später, dass Hendrix, bevor er auf die Bühne ging, zur Inspiration immer erst „Herbert Harper’s Free Press News“ laufen ließ. ‚Der erste Gitarrist, den ich bewusst wahrnahm, war Muddy Waters‘, sagte Hendrix. Ich hörte mir als kleiner Junge eine seiner alten Platten an und erschrak zu Tode, denn ich hörte all diese Klänge. ‚Mann, was ist das denn bloß alles?'“
(Robert Gordon, Muddy Waters: Pate des Electric Blues, Rollin‘ Stone: Der Stein kommt ins Rollen, 1967-1969)

In den letzten Jahren kam Muddy Waters vor allem durch die Zusammenarbeit mit Bluesrock-Albino Johnny Winter und den daraus resultierenden, kraftvollen und größtenteils völlig unbehandelten Alben (siehe unten) sowie durch seinen Auftritt im „Last Waltz“-Film-Projekt von Regisseur Martin Scorsese über den letzten Auftritt von The Band, den er neben Gasteinlagen von Größen wie Bob Dylan, Van Morrison oder Neil Young mit seiner Präsenz bereicherte, zu späten, verdienten Ehren.

„Kinky Friedman versicherte Muddy, dass ‚Juden den Blues lieben‘. Er trug ein weißes Smokingjackett aus Satin mit blauem Davidsstern und gestickten Kreuzigungsszenen darauf. Muddy lächelte einfach einem weiteren Irren zu, der Unsinn erzählte.“
(Robert Gordon, Muddy Waters: Pate des Electric Blues, Hart Auf Hart, 1976-1983, Anmerkungen, The Last Waltz)

Am 30. April 1983 ist Muddy Waters in Westmont/Illinois in der Nähe von Chicago im Alter von 70 (oder 68) Jahren an den Folgen seiner Lungenkrebserkrankung gestorben.
Der Mann, der zeitlebens nicht richtig lesen und schreiben konnte, der mit seinem Song „Rollin‘ Stone“ einer großen Band, einem wichtigen Musikmagazin und einer großartigen Bob-Dylan-Platte den Namen lieferte und der mit Fug und Recht kraft seines anhaltenden Einflusses auf Blues, Rock und Jazz als einer der nachhaltigsten und wichtigsten Musiker des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden kann, erhält durch das Buch von Robert Gordon die ihm gebührende Würdigung. Das Werk zeichnet sich aus durch gute Lesbarkeit, detailliertes Fachwissen, fundierte Quellen-Recherche und weiterführende, Themen-bezogene Anmerkungen im Nachgang zu jedem Kapitel.
Vorbildlich gestaltet sich auch der Anhang-Teil mit der Dokumentation der Reiseroute von Alan Lomax‘ und John Works Feldforschungen für die Library Of Congress 1941 bzw. 1942, einer ausführlichen Diskographie und dezidierter Besprechung wichtiger Aufnahmen Muddy Waters‘, ein Gesamtverzeichnis sämtlicher Chart-Platzierungen seiner Hits sowie einem ausführlichen Medienverzeichnis im Bibliographie-Teil.

„Duke Ellington schafft eine gebildet-urbane Stimmung. Das Werk von Harry Belafonte fängt den Ursprung des afrikanischen Einflusses auf die westliche Musik ein. Louis Armstrong steht für den Schmelztiegel Amerika. Doch Muddys Errungenschaft ist der Triumph des Bauern, der sein Land selbst bestellt. Seine Musik hat einer Kultur zu Anerkennung verholfen, die als Müll abgetan wurde. Seine Musik hat letztendlich allen wütenden Menschen, die einen Wandel fordern, zu einer Stimme verholfen. In diesem Dreck steckt eine Kraft.“
(Robert Gordon, Muddy Waters: Pate des Electric Blues, In diesem Dreck steckt eine Kraft)

Muddy Waters Hard Again

Muddy Waters – Tonträger – Eine Auswahl:

One More Mile (1997, Chess)
Mustergültige Doppel-CD-/Mehr-oder-weniger-Best-Of-Sammlung mit Aufnahmen des langjährigen Muddy-Waters-Hauslabels Chess, mit vielen repräsentativen Klassikern des Meisters unter Beteiligung seiner wichtigsten Mitmusiker aus den vierziger bis siebziger Jahren.

The Complete Plantation Recordings (1993, Chess)
Enthält die ersten Field-Recordings-/Country-Blues-Aufnahmen, die Alan Lomax auf seiner Suche nach dem legendären Robert Johnson 1941/42 mit dem jungen McKinley Morganfield für die Library Of Congress mitschnitt und auf Acetatplatten presste. Inklusive diverser Interviews.

At Newport 1960 (1960, 2001 remastered, Chess / MCA / Universal)
Exzellenter, kraftvoller Live-Mitschnitt des Auftritts beim Newport Jazz Festival vom 3. Juli 1960, unter anderem mit Otis Spann am Piano und James Cotton an der Bluesharp. Gilt als eines der ersten Blues-Live-Alben und enthält hervorragende Versionen von „Hoochie Coochie Man“, „Got My Mojo Working“ und die Big-Bill-Broonzy-Nummer „I Feel So Good“. Rang 348 der Rolling-Stone-Liste „The 500 Greatest Albums of all Time“. Hat die Stones, Hendrix, Led Zeppelin nachhaltig beeinflusst.

Electric Mud (1968, Cadet Records)
Dem Zeitgeist geschuldete, mit psychedelischen Elementen versetzte Blues-Rock-Neueinspielungen diverser Muddy-Waters-Klassiker, an denen sich die Geister scheiden. Die Platte ist besser als ihr Ruf und enthält mit „Let’s Spend The Night Together“ eine hörenswerte Interpretation des Stones-Klassikers.
1969 verpasste das Chess-Unterlabel Cadet diversen Howlin‘-Wolf-Preziosen mit ‚The Howlin‘ Wolf Album‘ die gleiche Behandlung, auf dem Cover dieses Outputs ist zu lesen: „This Is Howlin‘ Wolf’s new album. He doesn’t like it. He didn’t like his electric guitar at first either.“ Damit ist eigentlich alles gesagt.

Fathers And Sons (1969, Chess)
Spannende Live- und Studio-Aufnahmen, die Muddy Waters, Otis Spann und Sam Lay mit den damals jungen, aufstrebenden Blues-Rock-Pionieren Michael Bloomfield und Paul Butterfield, dem Booker T & the MG’s-Bassisten Donald „Duck“ Dunn und dem zeitweiligen Hendrix-Drummer Buddy Miles einspielten. Sehr auf die reine Lehre des Chicago Blues getrimmt und Vorspiel zur grandiosen Zusammenarbeit mit Johnny Winter.

Hard Again (1977, Blue Sky)
Von Johnny Winter aufgenommener und produzierter Electric-Blues-Klassiker, der neben einigen neuen Stücken auch Interpretationen alter Waters-Standards enthält, unter anderem die ultimative Version von „Mannish Boy“ in einer rohen, unbehandelten, hart zupackenden Studioversion. Neben der Tourband Muddy Waters‘ – unter anderem James Cotton, Bob Margolin, Willie ‚Big Eyes‘ Smith und dem hervorragenden Pianisten Pinetop Perkins – ist der Albino selbst an der Gitarre zugange. Eine der besten Muddy-Waters-Aufnahmen und somit völlig zurecht Grammy-Gewinner in der Kategorie „Best Ethnic or Traditional Folk Recording“.

I’m Ready (1978, Blue Sky)
Ebenfalls von Johnny Winter produziert und nahezu mit der selben Besetzung eingespielt wie ‚Hard Again‘ – gleiches Konzept und in ähnlich exzellenter Güte realisiert.

Muddy „Mississippi“ Waters – Live (1979, Blue Sky)
Das Livealbum zu den Winter-Platten, enthält neben einer netten Pinetop-Perkins-Boogie-Einlage im Wesentlichen das Material der beiden Vorgänger-Scheiben in vernünftigen konzertanten Versionen. Hat ebenfalls einen Grammy eingesackt.

Live At The Checkerboard Lounge, Chicago 1981 (2012, Eagle Vision)
Sammlung von Waters-Klassikern, live eingespielt in einem Blues-Club in der South Side in Chicago/Illinois, der zu jener Zeit von Buddy Guy geführt wurde, eben jener glänzt auch an der Gitarre, Junior Wells bläst die Bluesharp, als Gäste dürfen die rollenden Steine Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und der „sechste Stone“ Ian Stewart ihr großes Vorbild begleiten.

Robyn Hitchcock + Emma Swift @ Unter Deck, München, 2015-04-20

Los ging’s am Montag zum konzertanten Wochenauftakt mit der australischen Americana-Songwriterin Emma Swift, die zierliche Lady aus Sydney verzückte das gut gefüllte ‚Unter Deck‘ mit ihrem entschleunigten, wunderschönen Country-Folk, vorgetragen mit sparsamem Gitarrenspiel und umso opulenterer Sangesstimme. Spätestens ab dem dritten Stück hatte sie mich am Haken, Emma meinte, sie spiele traurige amerikanische Songs, hauptsächlich beeinflusst durch Gram Parsons, und dann gab sie dessen Klassiker „Hickory Wind“ in einer betörenden Fassung zum Besten, die direkt ins Herz ging und mich einen Meter über dem Boden schweben lies. Mit einem Zitat aus dem Byrds-Meisterwerk „Sweetheart Of The Rodeo“ (1968, Columbia), dem Urmeter des Country-Rock, kann man schlichtweg nichts falsch machen und es ist mir immer eine besondere Freude, wenn sich die Jugend an den viel zu früh von uns gegangenen Paten des Alternative Country erinnert.
Oder, um ein leicht abgewandeltes „Taxi-Driver“-Filmzitat zu bemühen: „Mit Gram hast Du bei mir sechs in der Trommel und eine im Lauf und damit liegst Du immer vorn!“ ;-)))
Im weiteren Verlauf des Abends glänzte Emma Swift mit hervorragenden Eigenkompositionen, von denen ich vor allem das grandiose „King Of America“ hervorheben möchte, und brachte ihr mit viel Applaus bedachtes Konzert mit der Coverversion des Stücks „Shivers“ ihres Landsmanns Rowland S. Howard (The Birthday Party, Crime & The City Solution, These Immortal Souls) zum Abschluss.
Wer Lucinda Williams, Emmylou Harris oder die Cowboy Junkies mag, liegt bei Emma Swift goldrichtig.
Im weiteren Verlauf des Abends durften wir die begnadete Sängerin nochmals als Duettpartnerin von Robyn Hitchcock begrüssen, guckst Du weiter unten.
(**** ½)

Emma Swift / Homepage

Im zweiten Teil des Abends galt es eine lebende Legende zu begrüssen, den Mann, ohne den die englischsprachige Independent-Musik in der Form in den letzten Jahrzehnten schlichtweg undenkbar gewesen wäre, zu viele Bands und Musiker hat er im Lauf der Zeit beeinflusst mit den Soft Boys, den Egyptians oder seinen zahlreichen Soloprojekten: Robyn Hitchcock, einer der ganz großen Charakterköpfe unter den englischen Songwritern, begeisterte mit seinem unnachahmlichen Mix aus Folk, Songwriter-Pop und Psychedelic das dankbare Publikum, brachte Klassiker wie die Nummer „N.Y. Doll“ über den 2004 verstorbenen Dolls-Bassisten Arthur Kane oder „Trams Of Old London“ zum Vortrag und bespaßte die Menge wiederholte Male mit seinem gebrochenen, kauzigen Deutsch, dass er im Dialog mit den Zuhörern zu verbessern suchte.
Im weiteren Verlauf durfte wie eingangs erwähnt Emma Swift erneut begleitend mitmusizieren, die Duettgesänge waren von erlesener Schönheit, liefen aber wiederholt Gefahr, allzu sehr ins Harmonisch-Saumseelige abzudriften.
Im Zugabenprogramm gratulierte Robyn Hitchcock Ringo Starr, zu was auch immer (kürzliche Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame?), und gab als Ständchen die Lennon-Nummer „Jealous Guy“ zum Besten, die sich hinsichtlich Stimmlage erstaunlich nahe am Original bewegte.
Mit erneuter Unterstützung von Emma Swift ließ der Kult-Brite den bewegenden Abend auf der Bühne ausklingen, um anschließend am Merch zusammen mit seiner charmanten Begleitung und den Münchner Konzertgängern das ein oder andere launige Schwätzchen zu halten. Die Emma konnte Herkunft bzw. Bedeutung meines Dad-Horse-T-Shirts klären und wird sich wohl im Nachgang zu diesem Gespräch eingehend mit Bremer Keller-Gospel beschäftigen – würde ja auch perfekt ins Repertoire passen… ;-)))
(**** ½)

Zum Abschuss des heutigen Gedöns eine Aufnahme, die ich jedem ans Herz legen möchte, der auch nur im Entferntesten ein Interesse an britischer Pop-Musik der sechziger Jahre hat: Neben dem musikalischen Vortrag Robin Hitchcocks liest der großartige Joe Boyd aus seiner phänomenalen Dokumentation „White Bicycles“ (2009, Heyne Verlag), einem der besten Bücher über Musik, die ich bis dato kenne:

Robyn Hitchcock / Homepage