Joe R. Lansdale

Die virtuelle Reste-Schublade (1)

Kennt man wahrscheins aus dem heimischen Haushalt: Die Schublade, in der alles landet, was andernorts nirgends hinsichtlich Größe oder thematischer Zuordnung reinpasst oder keinen sinnvolleren, geordneten Aufbewahrungsort finden mag. Hier also in Zukunft sporadisch als neue Rubrik die virtuelle Schublade für „Irgendwas mit Medien“, Kulturgut-Fundstücke, Bücher, Musik, besonders schöne oder besonders hässliche Artefakte, et cetera pp – für den Rest vom Schützenfest eben, für den eine ausführliche Besprechung sich zeitlich nicht ausgeht, der thematisch keinen eigenen Beitrag hergibt oder was auch immer, jedenfalls zum Wegschmeißen/Unerwähnt-bleiben einfach eine Spur zu schade ist.

Im Bayerischen heißt „Die Schublade“ im übrigen „Der Schubladen“, männlicher/weiblicher Artikel, Ihr wisst schon. Aber Outside-Bavarians, obacht, die richtige Artikelverwendung gibt noch lange keine/n unserer schönen Landessprache Mächtige/n, wie der große Kabarettist, Hiesigen-Versteher und Namensvetter Gerhard Polt in seiner Auftakt-Nummer „Der Konservator“ der 2006er-Bühnennummern-Sammlung „Eine menschliche Sau“ (Kein & Aber Records) anschaulich erläutert, das nämliche Thema explizit ab circa Minute acht: guckst Du → youtube-Link

Stay at home, read a book – Daumen-hoch-Literatur:

John Steinbeck – Die Reise mit Charley. Auf der Suche nach Amerika (2007, dtv)

Der amerikanische Autor und spätere Literaturnobelpreis-Träger John Steinbeck beschleicht Anfang der 1960er das ungute Gefühl, dass ihm Verständnis und Gespür für sein eigenes Land abhanden kommen, begibt sich mit Luxus-Wohnmobil und Pudel-Hundsviech Charly auf eine Rundfahrt quer durch das Land von US-amerikanischer Ost- zur West-Küste und wieder zurück und findet Menschen mit politischen Einstellungen, liberalen wie reaktionären Ansichten, ausgeprägten Rassismus speziell in den Südstaaten und andere Eigenheiten des vielschichtigen sozialen Geflechts der Vereinigten Staaten, die sich von den aktuellen nach wie vor nicht groß zu unterscheiden scheinen, insofern: zeitlose Lektüre. Exzellente Reisebeschreibung wie kritische Auseinandersetzung mit der amerikanischen Gesellschaft: Steinbecks Schilderungen der Dialoge seiner Begegnungen, seine Reflexionen zur US-Geschichte, seine besorgten Anmerkungen zu Politik und gesellschaftlichen Tendenzen, die Beschreibung landschaftlicher Eigenheiten und Anmerkungen zur zeitgenössischen wie klassischen Literatur lesen sich auch weit über fünfzig Jahre nach Erstveröffentlichung im Jahr 1962 noch spannend wie erhellend. Damals bekam man den Nobelpreis eben noch nicht für eine Handvoll passable Protest-Liedlein und ein paar hingekrächtzte Sinatra-Interpretationen nachgeschmissen, da war noch herausragendes schriftstellerisches Handwerk und vom Genius durchwehte Fabulierkunst gefragt.

Joe R. Lansdale – Das Dickicht (2016, Heyne Verlag / Heyne Hardcore)

How the West was won: Texas-Trash-Schwergewicht Joe R. Lansdale mit einem Hardcore-Western zu Zeiten der amerikanischen Pocken-Epidemie kurz nach Anbruch des 20. Jahrhunderts. Der junge Jack Parker verliert seine Eltern an die Seuche und den Großvater als Erziehungsberechtigten in einer tödlichen Auseinandersetzung mit einer Handvoll hartgesottener Galgenvögel, die zur Krönung  auch noch seine Schwester verschleppen. Der vom Schicksal geschüttelte Jugendliche heuert zur Befreiung der nächsten Verwandtschaft Eustace Cox, einen farbiger Kopfgeldjäger mit einem Haustier-Eber und den Cox-Freund Shorty an, einen philosophierenden wie hart zupackenden Liliputaner; die Blut-getränkte, von roher Gewalt begleitete Suche führt die seltsame Truppe in Bordelle, zweifelhafte Kaschemmen, zu unwilligen Gesetzeshütern und eben ins Dickicht, dort, wo die Räuber hausen, zum finalen Showdown. Hauptprotagonist Jack durchläuft in kürzester Zeit die Entwicklung zum Mann, ungeschönt, in absurdesten Situationen schräg-niveauvoll mit satirischem Gespür gewohnt unterhaltsam von Lansdale geschildert. Und allgemein gültige Lebensweisheiten haut sowieso keiner unvermittelter und unzweideutiger raus als der gute Joe.

Joe R. Lansdale – Kahlschlag (2013, Suhrkamp)

Der Spätwestern zur #MeToo-Debatte vom Krimi/Horror/Southern-Gothic-Trash-Großmeister. Ost-Texas, Dreißiger Jahre: Constable Pete hurt sich lustig durch die Bordelle, vergewaltigt und prügelt daheim hingegen übellaunigst die eigene Angetraute Sunset, die die Faxen irgendwann dicke hat und folgerichtig dem Ungustl-Gatten den finalen Sonnenuntergang mittels Kugel aus der Dienstwaffe beschert. Schwiegermuttern schlägt sich auf ihre Seite, schmeißt den eigenen Alten raus und sorgt dafür, dass Frau Sunset mit Notwehr davonkommt und darüberhinaus auch noch den Gesetzeshüter-Job des hingeschiedenen Ehemanns erbt. Die junge Frau darf sich im Fortgang der flott und unterhaltsam geschriebenen Pulp Fiction mit etlichen Morden, Polizei-Korruption, krummen Immobilien-Geschäften, vagabundierenden Schwerenötern und schizophrenen Folterknechten in einer von Rassismus, Dummheit, Eifersucht und vor allem von eruptiver Gewalt dominierten Männerwelt rumschlagen. Es liegt auf der Hand: der Roman hätte auch viele Dekaden später in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts spielen können.

Go to concerts, to the pub, to the match, to church, have a fuck, whatever, mach was Du willst, aber lass bitte die Finger von diesen Druckerzeugnissen:

„Wo warst Du heut Nacht, Jack Kerouac, ich habe dich gesucht,
würd gern wissen, wie es damals wirklich war,
Siebenundvierzig, Achtundvierzig, Neunundvierzig,
in Amerikaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!“
(Sportfreunde Stiller, Unterwegs)

Anthony McCarten – Jack (2018, Diogenes)

Eine hanebüchene, urfad erzählte Geschichte über Beat-Literatur-Papst Jack Kerouac als sich totsaufendes Wrack in seinen letzten Zügen, der in seinem Alkohol-durchtränkten Elend von einer Studenten-Göre heimgesucht wird, die vordergründig seine Biografie schreiben will und ihn im eigentlichen Ansinnen als seine uneheliche Tochter mit seiner Vaterschaft konfrontiert.
Die Story ist das eine, maximalst erschwerend kommt hinzu: der Schreibstil ist das pure Grauen, farblos, ohne eigenen Charakter, austauschbar, das kriegt jeder halbwegs talentierte Oberstufen-Leistungskurs-Deutsch-Gymnasiast aus dem Stegreif um Längen besser hin, zu allem Überdruss garniert Autor McCarten die Chose mit Dialogen, die an Plattheit und nichtssagendem Geschwätz kaum mehr zu unterbieten sind – gegen dieses klatschhafte, erbärmlich unausgegorene Machwerk ist selbst die „Bunte“ gehobene Literatur. Gut, dass der alte Jack das nicht mehr erleben musste. Und das in einem Verlag, der Dürrenmatt, Andersch, Highsmith, Irving, Chandler zu seinen jahrzehntelangen Zugpferden zählt – o tempora, o mores

Sportfreunde Stiller – „Unterwegs“ → youtube-Link

10.000 Maniacs – „Hey Jack Kerouac“ → youtube-Link

Philip Kerr – Die Berlin-Trilogie (2007, Rowohlt Taschenbuch Verlag)

Der im vergangenen März mit 62 Jahren früh verstorbene schottische Autor Philip Kerr hat sich ein gebührendes Renommee in der Spannungsliteratur-Szene erschrieben, unter anderem mit unkonventionellen Krimis wie der SciFi-Utopie „Das Wittgensteinprogramm“ über zukünftige Fahndungs-Methoden und philosophierende Sereienmörder, oder „Der Tag X“, einem Verschwörungs-theoretischen Thriller über den Mordanschlag auf US-Präsident Kennedy. Mit der Serie über den im Berlin der Dreißiger Jahre ermittelnden Privat-Detektiv Bernie Gunther mag hingegen keine rechte Freude aufkommen. Den machthabenden Nazis ist man in jenen Jahren wohl kaum mit schnoddrig-zynischem Sarkasmus und Lonesome-Wolf-Gebaren a la Chandler/Hammett beigekommen, wie auch der geübten Krimi-Leserschaft nicht mit permanent bemühten, bildhaften Vergleichen in einem Erzählstil, der literarisch kaum höheren Ansprüchen genügt, mit Plots, Wendungen, konstruierten Zusammenhängen und Spannungsbögen, die in vielen anderen, oft weitaus inspirierter geschriebenen Sex-and-Crime-Schmonzetten auch zu finden sind. Dass die braune Brut ein widerliches Verbrecher-Pack war, dürfte bereits vorher bekannt gewesen sein, dafür muss man sich nicht durch tausende von Seiten einer auf elf Teile ausgewachsenen, mittelprächtigen Historien-Krimi-Reihe plagen.

Dean Koontz – Der Geblendete (2003, Heyne Verlag)

Der eigentliche Horror in diesem ellenlangen Schriftstück ist nicht die Geschichte vom Psychopathen, der an seiner schieren Mordlust zusehends mehr Gefallen findet, und seinem Widerpart, dem blinden Jungen mit den paranormalen Fähigkeiten, der wahre Horror sind der Zuckerguss-artige Kitsch und die Ami-Klischees, die aus fast jeder der langatmigen 880 Seiten triefen. Was den Horror-King betrifft, darf der gute alte Stephen nach wie vor sein Schwert in Highlander-Manier protzig gen Himmel recken und ein beherztes „Es kann nur einen geben!“ unwidersprochen in die Runde schmettern…

„Bei Euch läuft doch heut der Film wo der Charles Bronson alle Gammler derschiaßt???!!!!??“

Zweimal herausragende Solo-Auftritte, letztens im Kino: Einmal Marie Bäumer im Schwarz-Weiß-Streifen „3 Tage in Quiberon“ der deutsch-französisch-iranischen Regisseurin Emily Atef, als bis zur Schmerzgrenze (und darüber hinaus) Seelen-strippende Romy Schneider, in diversen Interview-Sitzungen und Suff-Exzessen mit einem Stern-Reporter während eines Kur-Aufenthalts an der bretonischen Küste. Achtung Zigaretten-Abstinenzler: Man bekommt allein vom Zuschauen mindestens schwersten Raucherhusten, wenn nicht weitaus Schlimmeres. Daneben in weiteren Hauptrollen, auch sehr glänzend: Birgit Minichmayr, Charly Hübner und Robert Gwisdek.

Filmtrailer „3 Tage in Quiberon“ → youtube-Link

Und der großartige Steve Buscemi als Nikita Chruschtschow in der Polit-Satire „The Death Of Stalin“ von Armando Iannucci, ein sehenswertes, das Lachen des Öfteren im Hals verklemmendes Ränke-Spiel des sowjetischen Politbüros nach Ableben von Uncle Joe, in dem der ausgebuffte Niki den NKWD-Schlächter Beria, die Herrschaften Molotow, Malenkow und das ganze andere Gesindel mustergültig ausmanövriert, permanent mit einem zur Schau getragenen, unnachahmlichen Buscemi-eigenen Mimik-Mix aus Besorgnis, Angewidert-sein und notorischem Sodbrennen. Der Film ist in den ex-Sowjet-Republiken Russland, Weißrussland, Kasachstan und Kirgisistan verboten – wie es halt so läuft bei „lupenreinen Demokraten“ und Konsorten im Post-Stalinismus.

Filmtrailer „The Death Of Stalin“ → youtube-Link

Zu guter Letzt: Zurück zur Werbung!

Molly Gene One Whoaman Band – „Amazing Grace“ → youtube-Link

We Stood Like Kings – „Live Session“ → youtube-Link

Reingelesen (25)

Joe R. Lansdale Gluthitze Suhrkamp Verlag

„Lansdale in Bestform: Texas ganz unten.“
(Die Zeit 02/2012, Krimizeit-Bestenliste Januar 2012)

„Irgendwelche Überhöhungen, symbolisch, metaphorisch, allegorisch, sind wahrlich nicht Lansdales Ding. Davor und vor schicken Exegesen schützt glücklicherweise der hohe Trash-Faktor.“
(Thomas Wörtche, KrimiMag, CULTurMAG)

„Für mich ist die Menschheit wie ein hungriger, schmarotzender Köter ohne Zuhause, der permanent über den Highway trottet, immer hin und her. Früher oder später erwischt ihn ein Auto.“
(Joe R. Lansdale, Gluthitze, Alle Spieler auf Position, Kapitel 35)

Joe R. Lansdale – Gluthitze (2013, Suhrkamp)
Lansdale schickt in diesem Kriminalroman mit dem gescheiterten Journalisten und Irak-Veteranen Cason Statler einen Hauptprotagonisten ins Rennen, der in seiner ganzen alkoholisierten Niedergeschlagenheit die personifizierte Kaputtheit eines verkommenen Kleinstadt-Amerika repräsentiert, unter dessen Oberfläche, wie so oft bei diesem Autor, ein widerwärtiges Konglomerat aus Rassismus, sexueller Obsession und kranker Gewalt lauert.
Statler heuert in seiner Heimatstadt Camp Rapture als Lokalredakteur an und öffnet durch Recherchen an einem alten Vermissten-Fall ein Höllentor. Erpressung und pathologische Gewaltphantasien sind die maßgeblichen Zutaten dieser Geschichte, von denen auch der Bruder Statlers sowie seine neue Liebe aus der Zeitungsredaktion nicht verschont bleiben.
Mit Hilfe seines völlig neben der Spur laufenden Irak-Kameraden Booger entwirrt der Journalist das Rätsel auf eigene Faust, nachdem sich die lokalen Polizeibehörden als völlig unfähig erweisen.

Der Irakkrieg findet Ausfluss in der vollumfänglichen Verrohung des Kriegskameraden, Lansdale brilliert hier – wie so oft – mit seiner ureigenen Mischung aus Trash, Noir, Horror, Gesellschaftskritik und des bei ihm nie zu kurz kommenden, mitunter an Geisteskrankheit grenzenden Irrsinns, der sich in geschilderten Folterpraktiken Boogers sowie der verstörenden Veranschaulichung diverser Morde des gejagten Bonnie-und-Clyde-Pärchens Caroline und Snitch seinen Weg bahnt.
Die Figur des Psychopathen Boogers ist wunderbar gezeichnet, der Leser darf teilhaben an Rachephantasien und Folterpraktiken, getreu der Maxime nach Bush und Rumsfeld: „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient“, die Moral ist in dem Fall nicht nur hinten runtergefallen, sie kommt in der Nummer schlichtweg erst gar nicht vor. Wenn der Wissensträger vor kaum zu ertragendem  Schmerz laut schreit, beginnt der Spaß.

„Bevor ich nach Camp Rapture kam, habe ich ein paar Tage bei ihm auf dem Schießstand verbracht und danach in seiner Bar. Und obwohl wir uns gut verstehen, ist es immer ein wenig riskant, wenn wir uns zusammentun. Eine gewisse Veränderung des Lichts, ein Furz, der in seine Richtung weht, und es kann sein, das er schneller vom rechten Pfad abkommt als ein Baptistenpfarrer in Las Vegas mit einer Packung gerippter Kondome und dem Kirchenvermögen in der Tasche.“
(Joe R. Lansdale, Gluthitze, Vorspiel, Kapitel 15)

Der mit absolut reichhaltig Ironie und Sprachwitz gespickte Krimi ist selbstredend nichts für literarische Feinschmecker, allein der Inhalt dürfte passionierten Schöngeist-Lyrik-Konsumenten den Tag verhageln, Leser, die eine Mixtur aus, sagen wir, Stephen King, Bukowski und Jim Thompson schätzen, sind mit diesem brillanten Crossover aus Trash und Splatter-Horror bestens bedient.
Das literarische Pendant zur ‚Muddy-Roots‚-Underground-Country-Musik von musikalisch-thematisch schwergewichtigen Erweckungspredigern vom Schlage eines Joe Buck Yourself oder den Reverends Deadeye, Beat-Man und Dad Horse Ottn.

Der Roman ist erstmals in deutscher Übersetzung im Jahr 2010 im Berliner Golkonda Verlag unter dem Titel Gauklersommer erschienen.

Der Texaner Joe R. Lansdale veröffentlicht seit Mitte der achtziger Jahre Romane und Kurzgeschichten. Neben der Kriminalliteratur ist er auch in den Genres Western und Horrorliteratur zugange. Vor kurzem ist im Heyne-Verlag in der Reihe ‚Heyne Hardcore‘ seine geniale Horror-Trash-Trilogie ‚Drive-In‘, eine Art ‚From Dusk Till Dawn‘ im Pulp-Fiction-Autokino, wiederaufgelegt worden.

„Hast Du auch einen richtigen Namen?“ fragte ich weiter.
„Gregore.“
„Was ist denn das für ein Scheißname?“ sagte Booger. „So heißen doch die Gehilfen von irgendwelchen buckligen Glöcknern, oder?“
„Das ist halt mein Name.“
„Tja, der ist echt das Letzte“, sagte Booger.
Und das von einem Mann, der den Namen Booger angenommen hatte. Ich wusste wirklich nicht, was ich davon halten sollte.
(Joe R. Lansdale, Gluthitze, Wettlauf mit der Zeit, Kapitel 40)

Reingelesen (20)

REINGELESEN_juni_Lansdale

„Das Leben ist wie ein Teller Chili in einem unbekannten Café.
Manchmal ist es lecker und scharf.
Ab und zu schmeckt es wie Scheiße.“
(Jim Bob Luke)

Joe R. Lansdale – Schlechtes Chili (2012, DuMont Buchverlag)
Teil 4 der Hap-Collins-&-Leonard-Pine-Krimi-Serie, in dem die beiden freischaffenden Underdog-Überlebenskünstler in einen Fall von Schwulen-Snuff-Vergewaltiger-Porno-Schweinkram verwickelt werden, beim Stochern im trüben Sumpf aus Korruption, Lügen und verklemmter Verlogenheit lacht sich das schräge Duo wie üblich eine Menge potenter Feinde wie den psychopatischen Ex-Catcher „Mountain Man“, eine Biker-Gang, die Cops des State Of Texas und den Billig-Chilli-Baron „King“ Arthur an, Konfliktauflösung via diverser Amokläufe und Blutbäder inklusive.

„Mir tut der Bengel nicht leid“, sagte Leonard. „Ich hätte ihm wirklich in seinen hässlichen Arsch getreten. Ich hoffe, dass seine Mama ihn zum Arzt gebracht hat, um ihn einschläfern zu lassen, wie ’ne kranke Katze.“
„Das ist nicht sehr nett“, sagte ich.
„Nein“, sagte Leonard. „Nein, das ist es nicht.“
(Joe R. Lansdale, Schlechtes Chili, Kapitel 2)

Wie bei Joe R. Lansdale üblich, kommt der Sprachwitz, das Abgründig-Bizarre und das politisch Unkorrekte in drastischer Deutlichkeit nicht zu kurz, die Henry Chinaskis dieser Welt dürften an dem Werk ihre helle Freude haben.

Die von Krimis erwartete Spannung fand ich in dem Zusammenhang vernachlässigbar, Autor Lansdale sah das wohl genauso, die restlichen Zutaten des Chilli reichen völlig aus für erstklassiges Entertainment der – zugegeben – etwas derberen Art. Aber ein scharf gewürzter, blähungsfördernder Tex-Mex-Eintopf ist auch nicht unbedingt für jeden Feinschmecker geeignet…

„Sie waren Freunde von Leonard. Er hatte sie kennengelernt, nachdem er ihnen den Arsch versohlt hatte. Sie hatten Raul in einem Supermarkt ziemlich zugesetzt, und Leonard, der wesentlich kleiner war, hörte davon, spürte sie auf und wischte mit ihnen den Boden auf. Dass sie von ihm so in die Mangel genommen worden sind, hatte nichts mit Zähigkeit zu tun. Sie waren zäh. Aber Leonard war zäher. Besser trainiert. Und cleverer. Aber natürlich war das Foto eines menschlichen Gehirns cleverer als sie, mochte Gott ihnen gnädig sein.“
(Joe R. Lansdale, Schlechtes Chili, Kapitel 23)

Eine brachiale Hardcore-Groteske aus den Niederungen der amerikanischen Gesellschaft, originell und unterhaltsam wie bisher alles, was ich vom Texaner Joe R. Lansdale konsumiert habe und ein Lese-Empfehlung für alle Fans von Richard Brautigan, Charles Bukowski, William Kotzwinkle, DBC Pierre und Tristan Egolf. Machste nix falsch mit.

„Leonard schaute durch die Fenster auf die Pool-Spieler. Er sagte nichts, aber seine Miene verriet mir genug. Leonard hielt die meisten dieser Leute für faule Scheißer und wertlos, und ich nehme an, er hatte bis zu einem gewissen Grad recht. Viele von ihnen waren genau das. Schlicht und ergreifend. Aber ich hatte festgestellt, dass das Leben nicht so funktionierte. Es war nicht schwarz oder weiß. Gut oder böse. Meistens war es eine Mischung. Das machte es so hart. Man konnte nicht mehr verallgemeinern, sobald man ein wenig darüber nachdachte. Es gab auf beiden Seiten der Medaille Arschlöcher, aber es gab auch gute Leute, die einfach Pech hatten. Man brauchte nur zwei Lohntüten zu verpassen und eine größere Panne mit dem Wagen zu haben, und schon gehörte man nicht mehr zur unteren Mittelschicht, sondern wohnte in einer Pappschachtel unter der Brücke, aß aus Müllcontainern und schob einen Einkaufswagen vor sich her.“
(Joe R. Lansdale, Schlechtes Chili, Kapitel 16)