John Lennon

Soul Family Tree (57): Inspiration & Intro

Im heutigen Black-Friday-Gastbeitrag zeigt der Hamburger Freiraum-Blogger Stefan Haase mit ausgewählten Songs, wo gut abgehangene Mainstream-Hanseln wie die ollen Beatles oder die Hardrock-Urknaller von Led Zeppelin seinerzeit ihre musikalischen Ideen vornehmlich bei afro-amerikanischen Musikern zusammengeklaut haben, quasi die fortgeführte Ausbeutung der Sklaven-Nachfahren durch den weißen Mann, mit anderen Mitteln  – Stefan formuliert das seinem Naturell entsprechend selbstredend etwas charmanter und thematisch differenzierter, here we go:

Heute dreht sich alles um Inspiration in der Musikgeschichte, und zum Ende um einen Podcast, der sich mit Intros von Songs beschäftigt.

Vor 50 Jahren erschien das Debut von Led Zeppelin. Auch die beiden Köpfe der Band, Robert Plant und Jimmy Page, ließen sich musikalisch inspirieren. Ihr Song „Rock And Roll“ ist hinlänglich bekannt, er wurde stark beeinflusst von Little Richard’s „Keep A Knockin'“, wie Plant in einem Interview verriet.

Led ZeppelinRock And Roll

Little RichardKeep A Knockin‘

Wir bleiben in England. John Lennon soll eine Jukebox besessen haben, so die Legende. Und irgendwann tauchte diese Jukebox wieder auf, wurde versteigert und anhand der Original-Singles erschien 2004 auch ein Album mit allen Songs. Es soll die Musik dokumentieren, die Lennon musikalisch inspirierte. Wie gesagt, belegt ist wenig. Doch heute weiß man, dank zahlreicher Interviews u.a. mit Paul McCartney, dass die beiden sich ebenfalls inspirieren ließen vom Sound der 1950er/1960er Jahre. Auf dem Album „John Lennon´s Jukebox“, erschienen bei Virgin, findet sich eine interessante Auswahl von Singles aus den Jahren 1956-1966. Hier trifft man wieder auf Little Richard, Wilson Pickett’s „In The Midnight Hour“ und auf Otis Redding, Bob Dylan und viele mehr. Ausführlicheres dazu gibt es bei Wikipedia zum Nachlesen, inklusive Tracklist.

Und hier einige Songs zum nachhören und rätseln, zu welchen Beatles-Songs sich John Lennon hat inspirieren lassen.

Chuck BerryNo Particular Place To Go

Little RichardSlippin‘ and Slidin‘ (Peepin‘ and Hidin‘)

Bobby ParkerWatch Your Step

Bobby Parker war ein Rhythm-and-Blues-Musiker. Sein Song „Watch Your Step“ aus dem Jahr 1961 war inspiriert von Dizzy Gillespie’s „Manteca“ und „What I´d Say“ von Ray Charles. Die Nummer war sein einziger Billboard-Hit. Parker trat oft zusammen mit Chuck Berry und Little Richard auf.

Vor fast 40 Jahren erschien das letzte reguläre Album der Band The Specials. Sie waren die erste Ska-Band in England und hatten enormen Erfolg. Auch wenn sie bis heute aktiv sind und Konzerte spielen, neues Songmaterial war bis vor kurzem Mangelware. Doch nun heißt es „Encore“, der Titel des neuen Albums. Und die erste Single daraus lässt sich gut hören. Erinnerungen an „Ghost Town“ werden wieder wach.

The SpecialsVote For Me

Missy Elliott wurde als erste Rapperin in die Songwriters Hall Of Fame aufgenommen. Das ist bemerkenswert, da bislang nur Jay-Z und Jermaine Dupri als Hip-Hop-Künstler aufgenommen wurden. Das ist Grund genug, auf den ersten Hit von Missy Elliott zurück zu blicken, der besonders bei regnerischen Wetter für gute Laune sorgt. Der Song erschien 1997 und basiert auf den bekannten Song „I Can´t Stand The Rain“.

Missy ElliottRain (Supa Dupy Fly)

Wer erkennt folgende Lyrics? „Chaka, Chaka, Chaka, Chaka Khan / Chaka Khan, Chaka Khan, Chaka Khan / Chaka Khan, let me rock you / Let me rock you, Chaka Khan …“ Prince schrieb für Chaka Khan ihren größten Hit mit „I Feel For You“. Sofort denkt man auch an Grandmaster Melle Mel, der dabei rappte. Nach vielen Jahren, in denen man von Chaka Khan nichts mehr hörte, kommt nun ein neues Album. Im letzten Jahr erschien bereits die erste Single „Like Sugar“, und nun hat sie ihr Video für „Happiness“ veröffentlicht. Und irgendwie ist die Zeit stehen geblieben. Satte Bassläufe und die alte Schule aus den 1980er Jahren lassen sich wieder hören.

Chaka Kahn Happiness

Und die letzte Inspiration kommt von McKinley Morganfield. Besser bekannt als Muddy Waters. Er inspirierte so viele andere Musiker und u.a. auch Led Zeppelin. Der geniale Willie Dixon schrieb den Song „You Need Love“, der Led Zeppelin für die Lyrics zu „Whole Lotta Love“ inspirierte.

Muddy WatersYou Need Love

Podcasts erfreuen sich seit geraumer Zeit großer Beliebtheit. Sound Opinions haben mit Great Starts einen wunderbaren Podcast ins Leben gerufen, in dem es um das Intro, die Anfänge in bekannten Songs geht. Und die Songauswahl ist richtig gut. Wer zum Beispiel mehr über Public Enemys Klassiker „The Power“ erfahren möchte, oder wie New Order den Beginn von „Blue Monday“ umgesetzt haben, sollte einschalten. Die beiden Moderatoren Greg und Jim schreiben dazu: „The first few bars of a song can make it or break it! Jim and Greg share tracks they think have great starts. They also share one song each that has an iconic ending“.

In der aktuellen Ausgabe geht es u.a. um The Temptations und ihren Klassiker „Papa Was A Rolling Stone“, um Public Enemy oder John Cale’s „Hallelujah“.

Bleibt inspiriert und bis zum nächsten Mal.

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum.

Soul Family Tree (28): Delbert McClinton

„Es gehen viele Wege hinein, aber nur einer heraus, und ich bin mir verdammt sicher, wovon ich spreche.“
(Delbert McClinton)

„White Man Can’t Sing The Blues“, ein Statement, das der texanische Musiker Delbert McClinton in seiner langen Karriere permanent ad absurdum führte. Der bei Roots-Rock-Fans hochverehrte Mann aus Forth Worth versteht es mit seinen Auftritten und Solo-Alben seit weit über 40 Jahren wie kaum ein zweiter, die Grenzen zwischen Blues, Soul und Country-Rock zu verwischen und mit diesem uramerikanischen Stilmix das geneigte Publikum, die Kritiker und das Grammy-Vergabe-Komitee zu überzeugen, nicht zuletzt auch musizierende KollegInnen wie Emmylou Harris, Etta James und die Blues Brothers, die seine Songs neu interpretierten.

McClinton war nie ein Mann des musikalischen Mainstreams, geschweige denn der große Publikumsmagnet, gleichwohl ist sein Name aus der US-amerikanischen Musikszene nicht wegzudenken. Seine frühe Liebe gehörte der Mundharmonika, Anfang der sechziger Jahre war er in der Hausband eines Clubs als Bluesharp-Spieler engagiert, in dem Rahmen durfte er Größen wie Howlin‘ Wolf, Jimmy Reed und Bobby ‚Blue‘ Bland begleiten.
1962 war er auf der No.1-Hit-Single „Hey! Baby“ des amerikanischen Songwriters Bruce Chanell zu hören, eine gemeinsame Tour führte die beiden jungen Männer aus Texas in dieser Zeit auch nach England, wo sie mit den damals noch unbekannten Beatles zusammenspielten. Delbert McClinton soll der Legende nach John Lennon das Harmonika-Spiel beigebracht haben, es könnte aber auch einer der anderen Pilzköpfe gewesen sein, McClinton sagt selbst: „Es war, ehe sie wichtig genug waren, um wissen zu müssen, wer wer war“. Der Harmonika-Part von „Hey! Baby“ inspirierte Lennon zum Beatles-Hit „Love Me Do“ und der Song selber den unsäglichen DJ Ötzi zu einer (selbstredend nicht minder unsäglichen) Neuinterpretation der Nummer im Jahr 2001.

Zurück in den Staaten, gründete McClinton die Band The Rondells (aka The Ron-Dels), der größere Erfolge verwehrt bleiben. 1972 zog es den Texaner nach Los Angeles, wo er mit dem Songwriter Glen Clark zwei Countryrock-Alben einspielte, 1974 kehrte er in die Heimat zurück, unterschrieb einen Deal mit ABC-Records und veröffentlichte ab dem Jahr in regelmäßigen Abständen seine Solo-Arbeiten. Obwohl Teil der Country-Rock-Bewegung, war McClintons musikalischer Ansatz viel zu sehr im Blues, R&B und Soul verhaftet, um dort eine zentrale Rolle zu spielen.

Zu seinen bekanntesten Aufnahmen dürfte die Soul-Nummer „Giving It Up For Your Love“ aus der Feder seines texanischen Landsmanns Jerry Lynn Williams zählen, die Single-Auskopplung aus dem Album „The Jealous Kid“ landete 1980 auf Platz 8 der Billboard Hot 100 Charts:

Ab Anfang der 2000er veröffentlichte Delbert McClinton seine Alben beim renommierten Americana-Label New West, neben Longplayer-Highlights wie „Nothing Personal“ oder „Cost Of Living“ auch seine im Rahmen eines Konzerts beim „Bergen Musicfest/Ole Blues“ im Jahr 2003 mitgeschnittene, exzellente „Live“-Doppel-CD, zu der Zeit wurden seine Platten zwischenzeitlich in unseren Breitengraden vom deutschen Roots-Rock-Indie-Label Blue Rose Records vertrieben und so der hiesigen Musikkonsumenten-Schar näher gebracht.

Delbert McClinton ist mir einmal live über den Weg gelaufen, 2010 in B. B. King’s Blues Club & Grill am New Yorker Times Square, einem Music-Club für Tribute-Shows, bekannte Altrocker und Blueser, die oft bessere Tage gesehen haben, ein gut laufender Nostalgie-Schuppen in prominenter Lage in Midtown Manhattan mit afroamerikanischem Service-Personal und weißen Gästen, mit dem für New Yorker Clubs dieser Größenordnung oft üblichen Konsumzwang, was für einen Oberbayern bei einem Minimum von zwei Bieren eine der leichtesten Übungen darstellte.
Eine leichte Übung war es offensichtlich auch für den damals 70-jährigen Delbert McClinton und seine gut eingespielte Band, das Musik-interessierte Publikum im ausverkauften Laden zwischen Steak-Verzehr und Cocktail-Süffeln mit seinem zupackenden Mix aus Blues, Soul und angefunktem Country-Rock innerhalb kürzester Zeit zum beschwingten Mitgrooven zu bewegen.
Konzertanter Höhepunkt an diesem Abend war die herzergreifende Blues-Ballade „You Were Never Mine“, im Original auf dem 1997er-Album „One Of The Fortunate Few“ zu finden:

2013 hat Delbert McClinton zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten Glen Clark das altersmilde Album „Blind, Crippled And Crazy“ beim Americana-Indie-Label New West Records veröffentlicht, aktuell ist Anfang diesen Jahres sein Longplayer „Prick Of The Litter“ mit seiner neuen Band Self-Made Men erschienen, still going strong mit 76 Lebensjahren auf dem Buckel…

Reingelesen (53): David Shields, Shane Salerno – Salinger: Ein Leben

salinger

„J.D. Salinger verbrachte zehn Jahre damit, den Fänger im Roggen zu schreiben – und bereute es danach für den Rest seines Lebens.“
(David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Vorwort)

„I predict with the utmost confidence that, after this, the world will not need another Salinger biography.“
(John Walsh, The Sunday Times)

David Shields, Shane Salerno – Salinger: Ein Leben (2015, Droemer)

Konzipiert im „Oral History“-Stil des Standardwerks über den US-Punk „Please Kill Me: Die unzensierte Geschichte des Punk“ von Legs McNeil und Gillian McCain und der deutschen und englischen Kopien „Verschwende deine Jugend“ und „Punk Rock: Die ganze Geschichte“ von Jürgen Teipel bzw. Membranes-Sänger John Robb haben die US-Autoren David Shields und Shane Salerno mit „Salinger: Ein Leben“ nach neunjähriger Recherche ein umfassendes und facettenreiches, faszinierendes und hinsichtlich diverser Aspekte auch verstörendes Portrait des amerikanischen Kult-Autors und großen Schweigers Jerome David Salinger entworfen. In aneinandergereihten Statements kommen Verwandte, Verleger, Journalisten, Schriftstellerkollegen wie Philip Roth, Don DeLillo oder Gore Vidal, ex-Frauen und -Geliebte, Prominenz wie der Schauspieler Edward Norton und jahrzehntelange Nachbarn aus Cornish/New Hampshire zur Person Salinger, seinem Leben und seinem Werk zu Wort, moderiert und kommentiert von Shields und Salerno.
Die Autoren weichen von der üblichen, stringenten Erzählung der Lebensvita ab und steigen zum Auftakt der Dokumentation am D-Day 1944 mit der Landung der allierten Truppen an der Küste der Normandie in das Geschehen des zweiten Weltkriegs ein, Salinger war einer der ersten amerikanischen Soldaten, die im Abschnitt Utah Beach mit dem 12th Infantry Regiment anlandeten, viele seiner Kameraden sterben im Kugelhagel der deutschen Verteidiger, die Traumatisierung des jungen Salinger nimmt im Grauen des Krieges seinen Lauf. In diesen Abschnitten geht die Biografie weit über die eigentliche Thematik hinaus, die Augenzeugenberichte der Kriegsveteranen sind beklemmende Dokumente und Geschichtsbuch-ergänzende Schilderungen zu den Geschehnissen an der Westfront aus erster Hand.

„Salinger erlebte einen ersten Kampfeinsatz, auf den er und im Grunde auch alle anderen Soldaten nicht vorbereitet waren. Der erste Tag an Land muss der reine Horror gewesen sein. (…) Feuer. Qualm. Geschrei. Kein wie auch immer geartetes Training hätte ihn darauf vorbereiten können. Diese Erfahrung war brutal, unerwartet und erschütternd. Sie brannte sich in seine Seele ein.“
(Edward G. Miller, in: David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 1, Dann ziehen wir eben von hier aus in den Krieg)

Geboren am Neujahrstag 1919, wächst Salinger in New York in einem wohlhabenden Haushalt auf, der Vater ist jüdischer Kaufmann, die Mutter Katholikin mit irischen Wurzeln, Salinger werden diese Religionen weitgehend fremd bleiben, nicht jedoch andere spirituelle Lehren. 1932 zieht die Familie in die noble Park Avenue. Nach der Schulzeit besucht er die Valley Forge Military Academy in Wayne/Pennsylvania, wo er erste Kurzgeschichten schreibt und 1936 graduiert. Es folgen abgebrochene Universitäts- und College-Besuche, dazwischen arbeitet er auf Drängen seines Vaters im Warenimport in einer Firma im österreichischen Wien, das er kurz vor dem deutschen Anschluss verlässt.

„Der Moment, in dem er der jungen Dame die Schlittschuhe zugebunden hat, war einer der schönsten seines Lebens. Dann erlebte er Schreckliches während des Krieges, und als der Krieg zu Ende war, erfuhr er, dass das junge Mädchen mit den Schlittschuhen in ein Konzentrationslager abtransportiert und getötet worden war.“
(Richard Stayton, in: David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 7, Opfer und Täter)

1940 veröffentlicht er seine erste Kurzgeschichte. Er verliebt sich in die 17-jährige Oona O’Neill, Tochter des Dramatikers und Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, die Angebetete beendet die Beziehung und heiratet 1943 den um 36 Jahre älteren Charlie Chaplin, ein weiteres Trauma für Salinger, der im Frühjahr 1942 zum Militärdienst eingezogen wird und in seiner Zeit im Krieg gegen Deutschland weitere seelische Erschütterungen bei der erwähnten Landung in der Normandie, im Rahmen der Ardennen-Offensive, der verlustreichen Schlacht im Hürtgenwald in der Nordeifel und bei der Befreiung des Konzentrationslagers Kaufering mit den dort vorgefundenen Leichenbergen erleben muss und daraus eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, die sein weiteres Leben maßgeblich prägen wird.

„Salinger hatte während des Zweiten Weltkriegs einen Nervenzusammenbruch. Zweifellos wurde sein Menschenbild durch den Krieg enorm beeinflusst. Warum zogen Menschen in den Krieg? Warum töteten sie einander? Wie konnte es etwas wie Dachau oder Auschwitz geben? Er hat die dunkle Seite der Menschheit gesehen.“
(Lawrence Grobel, in: David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 2, Leichter Aufruhr an der Park Avenue)

Während seines Militäreinsatzes trifft er dreimal den von ihm verehrten Ernest Hemingway, der als Kriegsberichterstatter an der Front eingesetzt ist. Hemingway attestiert Salinger „verdammt viel Talent“.
Nach der deutschen Niederlage arbeitet er im Rahmen der Entnazifizierung für das Counter Intelligence Corps (CIC) und heiratet im bayerischen Weißenburg die Deutsch-Französin Sylvia Welter. Die Ehe zerbricht kurz nach der Übersiedelung des Paars nach New York, Gerüchte über die Gestapo-Vergangenheit von Sylvia Welter stehen im Raum.
Während seiner Armeezeit schreibt Salinger einige Kurzgeschichten, die in diversen Magazinen veröffentlicht werden. Die beim Kulturmagazin The New Yorker eingereichten Arbeiten werden zu der Zeit sämtlich von den Redakteuren abgelehnt.
Anfang 1948 erfüllt sich für Salinger ein Herzenswunsch: der New Yorker veröffentlicht mit „A Perfect Day for Bananafish“ erstmals eine Kurzgeschichte des Autors, in der die fikitive Glass-Familie das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Im selben Jahr kauft der Hollywood-Produzent Samuel Goldwyn die Filmrechte zur Geschichte „Uncle Wiggily in Connecticut“, die darauf basierende Verfilmung unter dem Titel „My Foolish Heart“ wird von der Kritik verrissen und entspricht in keinster Weise Salingers Vorstellung einer Kino-Adaption, der erboste Autor wird Zeit seines Lebens nie mehr einer Verfilmung seiner Werke zustimmen, hinsichtlich der Filmrechte zum „Fänger im Roggen“-Welterfolg werden namhafte Regisseure und Produzenten wie Elia Kazan, Billy Wilder, Harvey Weinstein und Steven Spielberg jahrzehntelang vergebens anfragen.
Im Juli 1951 wird der Roman „Der Fänger im Roggen“ bei Little, Brown and Company veröffentlicht, der Autor hat ein Jahrzehnt am Roman gearbeitet, erste Kapitel und Entwürfe hatte er bereits bei der Landung in der Normandie als Talisman und Antrieb zum Überleben bei sich. Der Roman über den jugendlichen Protagonisten Holden Caulfield, der bereits in der Kurzgeschichte „Slight Rebellion off Madison“ auftaucht, gilt als erster Roman der amerikanischen Gegenkultur, er zählt zu den wichtigsten Publikationen des 20. Jahrhunderts und hat bis dato eine Auflage von 65 Millionen Exemplaren weltweit. Der Adoleszenz-Klassiker über jugendliche Ängste und das Aufbegehren gegen die Verlogenheit der Erwachsenenwelt ist gleichzeitig Höhe- und Wendepunkt im literarischen Schaffen Salingers.
Die Autoren der Biografie thematisieren das Verarbeiten der Traumatisierung Salingers im „Fänger“, den Einfluss seiner Gedanken, seiner Gefühle, seiner Wut, „den Mittelfinger, den er den Heuchlern dieser Welt entgegenstreckt.“ Einem Studenten gegenüber äußert Salinger, alle seine biografischen Details und traumatischen Erlebnisse fänden sich in seinem Werk wieder.
Selbst Größen wie William Faulkner und Samuel Beckett zeigen sich vom Roman beeindruckt, an etlichen amerikanischen Schulen wird er hingegen als Lektüre verboten.

1953 erscheint die Erzählungen-Sammlung „Nine Stories“, die größtenteils bereits im New Yorker erschienene Geschichten enthält. Im selben Jahr beginnt der Autor – bedingt durch den immensen Erfolg des „Fänger im Roggen“ – die Öffentlichkeit zu meiden, er verlässt seine Wohnung in Midtown Manhattan und zieht nach Cornish in die Einsamkeit der Wälder New Hampshires, wo er den Rest seines Lebens verbringen und auch dort immer mehr die unmittelbare Nachbarschaft von seinem Leben ausgrenzen wird.
Anfang der sechziger Jahre erscheinen die Werke „Franny and Zooey“ und „Raise High the Roof Beam, Carpenters and Seymour: An Introduction“ mit jeweils zwei Novellen über die Familie Glass. Im Sommer 1965 veröffentlicht der New Yorker die Geschichte „Hapworth 16, 1924“ über den sechsjährigen Seymour Glass, der sich in der Story völlig unglaubwürdig als alterskluger Religions-Philosoph geriert und als Erwachsener in der Kurzgeschichte „A Perfect Day for Bananafish“ Selbstmord begeht, es ist die letzte Publikation Salingers zu Lebzeiten. Für manche Kritiker ist „Hapworth“ gar der Beweis, dass Salinger letztendlich sein Talent verloren hat.
Im Juni 1980 erscheint sein finales Interview im Baton Rouge Advocate mit der Reporterin Betty Eppes, der Rest für die nächsten 30 Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 2010 ist – frei nach Shakespeare – Schweigen.

Die Biografie thematisiert ausführlich Salingers Fixierung auf junge Frauen, zu denen er häufig auch mittels Briefen Kontakt aufnimmt, dokumentiert unter anderem an den Beispielen der zum Teil noch minderjährigen Mädchen Jean Miller und Shirley Blaney. Die Beziehungen verlaufen häufig nach dem gleichen Muster, nach platonischer Schwärmerei folgt der Vollzug des sexuellen Akts, danach verliert der Schriftsteller schnell das Interesse an seinen Partnerinnen, so auch im Fall seiner zweiten Frau Claire Douglas, mit der er seine beiden Kinder Margaret und Matthew zeugt. Salinger wird als lausiger Familienvater und Ehemann portraitiert (Sohn Matthew widerspricht dieser Lesart), der sich ganztags in sein separates Arbeitsgebäude auf dem Grundstück in Cornish zurückzieht und nur in dringendsten Fällen von seinen Angehörigen gestört werden darf. Die Ehe mit Claire Douglas wird 1967 nach 12 Jahren geschieden, in denen sich die Frau zunehmend in der Abgeschiedenheit New Hampshires vernachlässigt fühlt, indische, spirituelle Yoga-/Vedanta-Lehren explizit auch über die Unreinheit der Frau, mit denen sich Salinger ausgiebig beschäftigt, spielen dabei eine wesentliche Rolle. Weiterhin ist von sonderbaren Ernährungsgewohnheiten, emotionalem Missbrauch und Depressionen aufgrund von Isolation die Rede. Der Romancier ist bei weitem mehr auf die fiktive Glass-Famlie aus seinen Stories und Novellen fixiert als auf seine eigene, reale. Seine Auseinandersetzung mit der indischen Vedanta-Philosophie, dem Zen-Buddhismus, Dianetics/Scientology, Christian Science und Makrobiotik nimmt erheblichen Einfluss auf sein eigenes und das Leben seiner Nächsten und wird in der Biografie ausgiebig interpretiert.

„Es wirkt, als ob er sich unter einer riesigen Decke verstecken würde: Von nun an wird er sich am Feuer dieser unsäglich idealisierten, selbstmordgefährdeten, genialen Ersatzfamilie erwärmen. Das wird zu seiner Mission: in der Familie Glass zu verschwinden.“
(David Shields, in: David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 13, Seine lange, dunkle Nacht)

1972 geht er im Alter von 53 Jahren eine neunmonatige Liaison mit der 18-jährigen Autorin Joyce Mainard ein, die Beziehung endet in der für Salinger üblichen Art. Jahre später publiziert Maynard ihre Memoiren „At Home in the World“ über ihre Affäre mit dem Autor, die bei Salinger selbst, Fans und zugewandten Kritikern des verstummten Schreibers auf heftige Ablehnung stoßen, wie auch die Erinnerungen „Dream Catcher“ von Tochter Margaret Salinger und die Biografie „In Search of J.D. Salinger“ des britischen Autors und Literaturkritikers Ian Hamilton, gegen das Werk des Engländers geht J. D. Salinger hinsichtlich der Zitate aus persönlichen Briefen gerichtlich vor.

„Ist der Fänger ein gefährliches Buch? In einem Interview, das wir mit dem Dramatiker John Guare führten, der das Stück Six Degrees of Separation verfasste, sagte er: „Wenn ein Mensch etwas, das ich geschreiben habe, als Rechtfertigung benutzen würde, um einen anderen zu töten, würde ich sagen: „Gott, die Leute sind verrückt“, aber wenn drei Menschen das täten, dann würde es mich wirklich sehr stark beunruhigen. Es ist nicht der eine; es sind die drei in einer Reihe.“
(David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 18, Attentäter)

Im Kapitel „Attentäter“ widmen sich die Autoren Shields und Salerno dem Phänomen der fehlgeleiteten „Fänger“-Interpretation im Rahmen der amerikanischen Kriminalgeschichte. Der Ich-Erzähler Holden Caulfield spricht im Roman wiederholt in seiner Wut von Heuchlern und Tötungen, die er seinen Peinigern angedeihen lassen möchte, der mental schwer angeschlagene Mark David Chapman projiziert dies auf den von ihm einst verehrten ex-Beatle John Lennon, der ehemalige Friedensaktivist mit seinen Luxus-Immobilien und seinem Millionen-schweren Vermögen ist für ihn der Inbegriff der Doppelzüngigkeit, im Dezember 1980 erschießt Chapman den Sänger vor dem Eingang zum New Yorker Dakota Building. Zur Rechtfertigung seiner Tat schreibt Chapman auf sein „Fänger im Roggen“-Exemplar This is my statement“ und unterschreibt mit „Holden Caulfield“.
Vor dem Dakota versammeln sich Tausende Trauernde, unter ihnen John Hinckley Jr. Knapp vier Monate nach dem Lennon-Mord schießt der 26-jährige Hinckley Jr. auf US-Präsident Reagan und verletzt ihn und drei weitere Begleiter des Präsidenten zum teil schwer. Hinckley ist fasziniert vom Film „Taxi Driver“ und fixiert auf die im Film als Prostituierte auftretende Jodie Foster. In seinen Unterlagen findet die Polizei einen Lennon-Kalender und eine Taschenbuchausgabe des „Fänger im Roggen“.
1989 ist der damals 19-jährige Robert Bardo fanatisch von der Schauspielerin Rebecca Schaeffer besessen, nach Briefkorrespondenz und gescheiterten Annäherungen vor einem Hollywood-Studio erschießt er die junge Frau vor ihrer Wohnung, neben der Waffe hat er ebenfalls ein Exemplar der Caulfield-Geschichte bei sich. Später schreibt Bardo dem Lennon-Mörder Chapman drei Briefe, die dieser als „schwer gestört“ bezeichnet.

„Dennoch trug Salinger sein Kriegstrauma bis in seine späten Jahre mit sich herum, bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Kugel, die 1949 in Seymours Kopf eindrang, setzte ihre Reise durch die amerikanische Geschichte fort, bis hin zu John Lennon, Ronald Reagan und darüber hinaus. Der Fänger ist so durchdrungen von diesem Kriegstrauma, dass Soziopathen es erkennen können, als trügen sie Röntgenbrillen. Das Chaos setzte sich fort. Die Attentate und versuchten Attentate sind kein Zufall; es sind erschreckend hellsichtige Lesarten des Fängers (…)“
(David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 21, Jerome David Salinger: Ein Fazit)

In den eingeschobenen „Gesprächen mit Salinger #1 – #12“ dominiert vor allem ein Thema: Die Verteidigung des Autors seiner Privatsphäre, vornehmlich gegen Fans, Journalisten und Foto-Reporter, offen gelegt durch die Rechtfertigungsansätze derer, die die Mauer zu seiner privaten Welt zu durchdringen versuchten.

Am 27. Januar 2010 stirbt Jerome David Salinger in seinem Haus in Cornish/New Hampshire im Alter von 91 Jahren eines natürlichen Todes. Seine Witwe und dritte Ehefrau Colleen O’Neill, eine wiederum um viele Jahre jüngere Krankenschwester, die er 1988 heiratete und von der die Welt lange nichts wusste, sowie sein Sohn Matthew wurden zu Treuhändern des J. D. Salinger Trust bestimmt.
Im Nachlass Salingers  – den der Trust verwaltet – befinden sich laut Shields und Salerno mehrere fertige Arbeiten, die bis 2020 veröffentlicht werden sollen, darunter fünf neue Geschichten über die Familie Glass, eine Novelle über seine erste Ehe, Ausführungen zur indischen Vedanta-Philosophie und Stories über das Leben Holden Caulfields. Wie schrieb Frank Schäfer im März 2015 hierzu so schön in der „ZEIT“: „Glauben sollte man das allerdings erst, wenn man eines dieser Bücher in den Händen hält“, zu oft wurden bereits Salinger-Publikationen kurz vor dem Veröffentlichungstermin gestoppt oder von den Nachkommen mittels gerichtlicher Schritte zu verhindern versucht.

Die vor allem spannende, flüssig zu lesende, Detail-reiche und auf über 800 Seiten alle wesentlichen Aspekte im Leben Salingers ausleuchtende Biografie von David Shields und Shane Salerno schließt mit einem ausführlichen Anhang-Teil, in dem die einzelnen Mitglieder der fiktiven Glass-Familie kurz portraitiert werden, der Chronologie der Salinger-Veröffentlichungen, einer Auflistung unveröffentlichter Kurzgeschichten und publizierter Briefe, den Kurzbiografien der im Buch Zitierten und einem ausführlichen Sekundärliteratur-Teil.

David Shields wurde 1956 in Los Angeles geboren und ist Autor zahlreicher Romane und Sachbücher. Sein bekanntestes Werk neben der Salinger-Biografie ist das Manifest „Reality Hunger“, in dem es im Wesentlichen um das Copyright und die Frage geht, wem das geschriebene Wort, die Musik und die Kultur an sich gehört.

Der Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Shane Salerno wurde 1972 in Memphis/Tennessee geboren. Für den Dokumentarfilm „Salinger“ aus dem Jahr 2013 schrieb er das Drehbuch und führte Regie. Derzeit arbeitet er am Skript für die Film-Adaption des Don-Winslow-Krimis „Tage der Toten“, bereits 2012 hat er das Drehbuch für die Oliver-Stone-Verfilmung des Winslow-Thrillers „Savages“ (dt. „Zeit des Zorns“) verfasst.