John Seidler

Heinz Flohe – Der mit dem Ball tanzte

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„Er ist so unglaublich gut gewesen, hat Dinge gemacht, die keiner von uns konnte, auch die ganz großen Spieler Deutschlands nicht.“
(Günter Netzer)

„Heinz Flohe würde heute die 100-Millionen-Grenze oder generell jede Transfer-Rekordsumme sprengen.“
(Jupp Kapellmann)

„Einer der besten Techniker der Welt.“
(Franz Beckenbauer)

Am 1. Dezember 1979 beim Bundesligaspiel des TSV 1860 München gegen den MSV Duisburg standen vorab die beiden Löwen-Neuzugänge Horst Wohlers und Harry Ellbracht im Mittelpunkt des Interesses, nach dem Spiel interessierte sich für die beiden Kicker kein Mensch mehr, zu sehr waren die meisten Beteiligten geschockt von einem der brutalsten Fouls der Bundesligageschichte – an diesem unseeligen Tag beendete der seitdem von allen Löwen-Fans älteren Semesters abgrund tief gehasste Knochentreter Paul Steiner jäh die Karriere von 1860-Regisseur Heinz Flohe, durch einen gezielten Tritt auf dessen Standbein brach er ihm das Schien- und Wadenbein, von der verabscheuungswürdigen Tat erholte sich einer der begnadetsten deutschen Fußballspieler ever nie mehr. Ich kenne mehrere Löwenfans, die an diesem Tag im Münchner Olympiastadion zugegen waren und bezeugen, dass das Brechen der Knochen bis auf die obersten Tribünen-Ränge zu hören war…

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Begonnen hat Flohes Karriere im rheinischen Euskirchen, hier gab er bereits den Regisseur auf dem Bolzplatz und auch neben dem grünen Rasen zeigte er künstlerische Fähigkeiten als Zeichner – zwei Talente, die er fortan als Fußballer formvollendet zur Perfektion bringen sollte. Der Weg des von Günther Netzer als „Brasilianer“ bezeichneten Ausnahmekickers führte ins nahe Köln zum FC, bei den „Geißböcken“ bildete Flohe zusammen mit Wolfgang Overath bis 1977 mit das kreativste und technisch versierteste Mittelfeld-Duo im deutschen Fußball, 1968 und 1977 holten die Kölner unter maßgeblicher Beteiligung Flohes den DFB-Pokal und im Jahr 1978, in „Flockes“ wohl stärkstem Jahr gar das Pokal- und Meister-Double.
Für die Nationalmannschaft ist Flohe 39 mal aufgelaufen und hat dabei 8 Tore erzielt, die WM 1974 im eigenen Land verlief für ihn glücklos, die Dresdner Knollennase Schön wusste seine überragenden technischen Fertigkeiten nicht zu schätzen, ausgerechnet bei der Niederlage gegen die DDR wurde er von Beginn an auf für ihn ungewohnter Position eingesetzt und musste im Nachgang als Sündenbock für das verlorene innerdeutsche Prestige-Duell herhalten. Bei der EM 1976 lief es für Flohe besser, zusammen mit seinem Kölner Team-Kollegen Dieter Müller rettete er gegen Jugoslawien den Finaleinzug (der in den Prager Nachthimmel gejagte Elfer vom Steuerhinterzieher, ihr wisst schon ;-)), ganz groß aufgetrumpft hat er bei der WM 1978 in Argentinien bis zu seiner Verletzung gegen Italien, aufgrund der er dann im Nachgang seine Turnierteilnahme abbrechen musste – danach kam Cordoba und wer weiß, ob mit „Flocke“ auf deutscher Seite der unnachahmliche österreichische Sport-Reporter Edi Finger zu seinen herrlichen Jubel-Arien angesetzt hätte, aber sei’s drum, der Spaß mit’m Finger war die Niederlage wert…;-))
Heinz Flohe wurde nach seinem bei der Weltmeisterschaft zugezogenen Muskelfaserriss nie mehr ganz der Alte, und so führte das vermeidbare Ausscheiden im Europapokal-Halbfinale gegen Nottingham und ein 0:6-Debakel in der Bundesliga beim HSV inklusive Platzverweis Flohes zum Zerwürfnis mit der Trainerlegende Weisweiler und dem 1. FC Köln, für den Flohe in 329 Bundesligaspielen 77 Tore erzielte und so manchen großartigen Sieg der „Geißböcke“ maßgeblich durch sein herausragendes Dribbling, seine feine Technik und sein Spielverständnis mitgestaltete.
Zum Leidwesen der Kölner Fans wechselte Heinz Flohe zum TSV 1860 nach München, welcher die Gunst der Stunde nutzte, für den Wechsel machte sich zudem Flohes ehemaliger Kölner Teamkollege Jupp Kapellmann stark, der damals nach fünfjährigem Gastspiel beim FC Bayern auch bei den Löwen gelandet war.
„Flocke“ bestritt für die Sechziger 14 Spiele und erzielte 4 Tore – bis zu eben jenem schicksalhaften 1. Dezember 1979, möge Paul Steiner dafür einst qualvoll bis ans Ende aller Tage in der Hölle schmoren (Grausamkeit des Schicksals am Rande: der Knochenbrecher trieb von 1981 bis 1991 beim 1. FC Köln sein Unwesen)…
Die Münchner Löwen konnten in dieser Saison die Klasse halten, stiegen aber im folgenden Jahr wieder einmal in die 2. Bundesliga ab und auch hier mag man sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn die Mannschaft von 1860 in diesen schweren Zeiten von einem erfahrenen Weltklasse-Kicker wie Heinz Flohe geführt worden wäre.

Warum erzähle ich das eigentlich alles? Ganz einfach: der Kölner Regisseur Frank Steffan, der Heinz Flohe persönlich kannte, hat zusammen mit John Seidler einen tollen, stimmungsvollen, unterhaltsamen und höchst informativen Dokumentarfilm über das Leben eines der größten deutschen Ausnahmekicker produziert und bringt damit einen Mann zurück ins Bewusstsein, den heute außerhalb Kölns beziehungsweise der Fanszene der Münchner „Löwen“ kaum noch jemand kennt. Alte Kölner Weggefährten kommen in dem sehenswerten Film zu Wort, unter anderem Hannes Löhr, Wolfgang Overath, Jupp Kapellmann, Dieter Müller und Harald Konopka, sie alle geben ehrlich und bewegt Zeugnis von den Wundertaten des Heinz Flohe, ebenso wie die ganz großen Sachverständigen des deutschen Fußballs, Kaiser Beckenbauer himself, der auch hier mit Eloquenz nur so strotzende Günther Netzer sowie Meistertrainer „Osram“ Heynckes, von den Jungstars darf Prinz Poldi als „Kölscher Jong“ ran und selbst der von mir seltenst geschätzte Johannes B. Kerner punktet mächtig durch sein Outing als Flohe-Fan der ersten Stunde.

Eine besondere Freude beschleicht den Fußballfreund beim Genießen der zahlreichen Spielszenen im Film, eine Abfolge an tollen Toren, Dribblings und Pässen Flohes wird dokumentiert, die auch heute noch mit der Zunge schnalzen lassen und die vor allem auch aktuelle Meister ihres Fachs wie ein Lionel Messi oder ein Zlatan Ibrahimović nicht gekonnter hinkriegen würden. Besonderes Entzücken riefen bei mir selbstredend Szenen hervor, in denen Heinz Flohe den auch schon in den siebziger Jahren großen FC Bayern wiederholte Male fast im Alleingang demütigte.

Im Mai 2010 wurde Heinz Flohe nach einem Schlaganfall in ein künstliches Koma versetzt, aus dem er nicht mehr erwachte. Am 15. Juni 2013 ist er im Alter von 65 Jahren gestorben. Er wurde auf dem städtischen Friedhof seines Geburtsorts Euskirchen beigesetzt.

Ich halte das Schicksal Heinz Flohes durchaus vergleichbar mit den Lebensdramen begnadeter Kicker wie Reinhard „Stan“ Libuda, George Best, Jimmy Johnstone oder dem herausragenden Brasilianer Garrincha und wünsche der Dokumentation von Frank Steffan viele Zuschauer, um so die Erinnerung an einen großartigen Fußballer aufrecht zu erhalten.

Beim Berliner Fußballfilmfestival „11mm“ im Jahr 2015 erreichte die Produktion den zweiten Platz beim Publikumspreis und wurde somit bester deutscher Film in dieser Kategorie.

Sprecher des Films ist der ehemalige „Schroeder-Roadshow“-Sänger Gerd Köster, der Heinz Flohe völlig richtig mit Jimi Hendrix verglich, beides auf ihre Art Genies vor dem Herrn…

Edition Steffan / Homepage

Ich bedanke mich herzlich bei Frank Steffan für das vor kurzem geführte Telefonat und die Zusendung des DVD-Rezensionsexemplars.

1860-Journal (August 1979)-712455