Jon Langford

Reingehört (364): Jon Langford, Lee Ranaldo, The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die

The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die – Always Foreign (2017, Epitaph)

Hilft alles nix: Die Band aus Connecticut mit dem Kilometer-langen Bandnamen war schon mal weitaus beeindruckender und vor allem intensiver unterwegs in Sachen Postrock und Emo-Core. „Always Foreign“ ist über weite Strecken im Würgegriff von dominierendem Psychedelic-Beatles-Pop-Geschwurbel und Konsens-Indie-Geplätscher, quasi doppelt-plus-ungut, erst gegen Ende, in den abschließenden Stücken „Fuzz Minor“ und vor allem im finalen „Infinite Steve“ mag partiell sowas wie die beglückende Vehemenz berauschender Postrock-Gitarren-Dramatik aufkommen, gepaart mit den auf vergangenen Werken und im konzertanten Vortrag typischen Anlehnungen an den betörenden Emo-Post-Hardcore von Shudder To Think, für einen 40-Minuten-Longplayer unterm Strich bei weitem zu wenig für eine Band, auf die man einst große Stücke hielt.
(***)

Lee Ranaldo – Electric Trim (2017, Mute)

Ex-Sonic-Youth-Gitarrenmeister Lee Ranaldo ist auf „Electric Trim“ weit entfernt von früheren Feedback- und Rückkopplungs-Exzessen, der New Yorker gibt sich auf der jüngsten Solo-Arbeit betont entspannt, Song-orientiert, an etlichen Schwachstellen des Werks geradezu aufreizend gefällig. Dank vereinzelter Perlen wie dem coolen und gleichsam treibenden Neo-Prärie-Rocker „Uncle Skeleton“ oder dem eingangs saumseligen, von Sharon Van Etten gesanglich begleiteten, im zweiten Teil euphorisch explodierenden „Last Looks“ sowie einigen gelungenen Softcore-Balladen und Psychedelic-Pop-eingefärbten Indie-Rockern bleibt die Langweiler-Gelbe-Karte für dieses Mal in der Brusttasche stecken und wir belassen es für die eingestreuten tonalen Schlaftabletten im Geiste akustischen McCartney-Geplätschers und das belanglose Jazz-Gitarren-Gefrickel bei einer dezenten Verwarnung.
Unterstützt von Sonic-Youth-Spezi Steve Shelley an den Drums und Ausnahme-Gitarrist Nels Cline, der das partielle, Füße-einschläfernde Geschrammel bereits bestens von seiner derzeit schwer im Sinkflug befindlichen Hauscombo Wilco kennt. Fürderhin nutzloses Wissen vom Beipackzettel für das Literatur-Volk: Brooklyn-Romancier Jonathan Lethem hat die Entstehung etlicher Stücke beim Texten begleitet.
(****)

Jon Langford – Four Lost Souls (2017, Bloodshot Records)

Working Class Socialist und Mekons-Mitbegründer Jon Langford zieht mit seinem jüngsten Solo-Album stilistisch wie kaum anders zu erwarten schwer in Richtung Waco Brothers, seiner seit über 20 Jahren aktiven Chicagoer Alternative-Country-Combo, die Aufnahmen für „Four Lost Souls“ entstanden im legendären Muscle Shoals Sound Studio in Sheffield/Alabama, unter maßgeblicher Hilfe vom ehemaligen Elvis-Bassisten Norbert Putnam und von „Muscle Shoals Rhythm Section“-Mitbegründer David Hood. Die Beteiligung dieser tief in der amerikanischen Musiktradition verhafteten alten Kämpen mag den Umstand begründen, dass der Tonträger zwar mit der von Langford wie seinen Combos gewohnten, griffigen Alternative-Dramatik in „Poor Valley Radio“ eröffnet, im weiteren Verlauf aber zusehends den gängigen, Massen-kompatiblen wie austauschbaren Country-, Rock’n’Roll- und – in der ausgeprägten Form vom ollen Jon und seinen Gesangs-Duett-Mädels bisher so nicht vernommen – Soul-Mustern Tribut zollt und in einer Handvoll belangloser Titel völlig darin versumpft. Das Langford-typische Feuer ist in weiten Teilen nur ein schwaches Glimmen, mit seinem in der Vergangenheit hochgeschätzten leidenschaftlichen Vortrag ist es dieses Mal nicht weit her, schade, man hätte einen Guten wie ihn gerne wieder und grundsätzlich immer mit dickem Lob überzuckert.
Das Plattencover hat der profilierte Kunstmaler Langford naheliegend selbst gestaltet, wenigstens dafür uneingeschränkt Daumen hoch.
(*** ½)

Reingehört (132)

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Waco Brothers – Going Down In History (2016, Bloodshot / Rough Trade)
Gut wie lange nicht mehr, vielleicht das beste Album der Brüder seit ‚Electric Waco Chair‘ (2000, Bloodshot) mit dem alles mitreißenden „Walking On Hells Roof Looking At The Flowers“, im Uptempo-Grundton dieses Krachers kommen die meisten der zehn neuen Stücke der Combo um Jon Langford, sein Country-Rock-Outfit öffnet die Flanken im Gegensatz zu früheren Honky-Tonk-Glanztaten weit mehr in Richtung strammer, gradliniger 70er-Jahre-Stones-Rock und auch die Nähe zum Indie-Punk-Folk der Langford-Hausband Mekons erscheint in manchen Titeln unverkennbarer denn je. Bereits mit dem Opener “DIYBYOB” (Do It Yourself Bring Your Own Beer ?????) wird dem geneigten Hörer gewahr: Da ist der Herrgott daheim, und da bleibt er auch für den Rest des gut abhottenden Tonträgers, auf dem auch der altgediente Waco-Bruder mit dem herrlichen Namen Dean Schlabowske wieder an Gesang und Gitarre zugange ist.
Feiner Zug zudem, dass der notorisch unterschätzte texanische Songwriter Jon Dee Graham mit der Waco-Interpretation seines „Orphan Song“ auch noch zu ein paar Tantiemen kommt…
(**** ½)

Jon Langford Live, Maxwell’s, Hoboken/New Jersey, 2013-07-09 @ nyctaper.com

Waco Brothers Live zuhauf @ archive.org

Freakwater – Scheherazade (2016, Bloodshot / Rough Trade)
Dem weit über 20 Jahre ihre Tonträger veröffentlichenden Thrill-Jockey-Label sind die Ladies und der Gentleman untreu geworden, ansonsten ist vieles beim Alten auf dem seit über einer Dekade ersten neuen Freakwater-Album, das Werk mutet an wie eine Werkschau früherer Glanztaten des Trios, die Eleventh-Dream-Day-Drummerin Janet Beveridge Bean, ihre Schwester im Geiste Catherine Irwin und der Bassist Dave Gay klingen nach wie vor wie die entfernte Verwandtschaft der Carter Family oder die unehelichen Kinder von Doc Watson, überwiegend in nachdenklichem, düsteren, in Moll gehaltenem Grundton wird der schwere Bluegrass des ‚Feels Like The Third Time‘-Meisterwerks (1993, Thrill Jockey) ebenso zu Gehör getragen wie die stilistische Öffnung/Erweiterung in Richtung Alternative Country, Folk, Gospel und Country Blues, wie sie auf folgenden, nicht minder exzellenten Tonträgern der Band vertreten war. Finstere Welten, thematisiert im beseelten Frauen-Duett-Gesang und prominent verstärkt von Gastmusikern wie James Elkington (Eleventh Dream Day, Tweedy) und dem Nick-Cave-Spezi Warren Ellis (Dirty Three, Bad Seeds, Grinderman).
(****)

Freakwater Live, Bell House, Brooklyn/New York, 2016-02-16 @ nyctaper.com

The Skiffle Players – Skifflin’ (2016, Spiritual Pajamas)
Der kalifornische Indie-Songwriter Cass McCombs hat sich mit Bandmitgliedern der Beachwood Sparks und dem vor allem dank seines Westcoast-Geniestreichs ‚Fade Away Diamond Time‘ (1995, Glitterhouse) hochgeschätzenten Gitarristen Neal Casal zusammengetan, letzteren kennt man im Übrigen auch durch seine jahrelange Mitarbeit bei Ryan Adams, McCombs hat mit Hilfe der namhaften Mitmusikanten-Sippe eine handwerklich perfekte 70er-Jahre-US-Musikhistorie zusammengebastelt, die Vieles an Reminiszenzen an filigranen Folk-Rock, psychedelische Einsprengsel, New-Orleans-Shuffle, Grateful-Dead-artigen Jam-Einlagen inklusive formvollendeter Jerry-Garcia-Gitarrenlicks, Neil Young im Verbund mit den drei Füße-Einschläferern CSN, Dylan-und-The-Band-Keller-Blues und Westcoast-Gedudel enthält, dafür aber null einheitliche Linie, gegen einen heterogenen Ansatz an sich wäre noch nichts einzuwenden, aber langweilen tut’s dann an der ein oder anderen Stelle auch noch gehörig, anhand der runtergebeteten Liste an Einflüssen wird offensichtlich, dass man das alles schon mal irgendwo – und mitunter weitaus beherzt-beseelter – gehört hat…
(*** – *** ½)